Der Busboykott von Montgomery (englisch Montgomery Bus Boycott) war eine Protestaktion der Bürgerrechtsbewegung in der US-amerikanischen Stadt Montgomery gegen die Rassentrennung in Bussen. Er dauerte 381 Tage, vom 5. Dezember 1955 bis zum 20. Dezember 1956.
Auslöser für den Boykott war die Verhaftung der schwarzen Bürgerrechtlerin Rosa Parks, nachdem sie sich geweigert hatte, für einen weißen Passagier ihren Sitzplatz zu räumen. Die führenden Bürgerrechtler Montgomerys, darunter E. D. Nixon und Jo Ann Robinson, riefen ihre Mitbürger daraufhin zu einem Busboykott auf, um gegen die erniedrigende Behandlung von Afroamerikanern in Bussen zu protestieren. Zur weiteren Organisation des Boykotts, an dem sich fast alle schwarzen Einwohner der Stadt beteiligten, gründeten sie die Montgomery Improvement Association (MIA). Zum Vorsitzenden der MIA wurde der junge Pastor Martin Luther King gewählt. Die Demonstranten gestalteten ihren Protest nach dem Vorbild Mahatma Gandhis gewaltlos.
Als klar wurde, dass die Stadt an einer Einigung mit den Bürgerrechtlern nicht interessiert war, gingen diese den Rechtsweg und reichten Klage gegen die Stadt ein. Der Rechtsstreit endete damit, dass der Oberste Gerichtshof im Fall Browder v. Gayle die Rassentrennung in Bussen für verfassungswidrig erklärte.
Nicht zuletzt wegen der staatlichen Verfolgung, die die Bürgerrechtler erdulden mussten, erregte der Busboykott internationale Aufmerksamkeit. Er gilt als die Geburtsstunde der modernen Bürgerrechtsbewegung in den USA.
Hintergrund
Montgomery vor dem Busboykott
Montgomery wurde 1819 gegründet. Die Stadt wurde bald zu einem Machtzentrum der weißen Plantagenbesitzer, die durch die Ausbeutung ihrer schwarzen Sklaven eine immense gesellschaftliche Machtposition erlangt hatten, und 1847 die Hauptstadt des Bundesstaats Alabama. 1860 erklärten diese Sklavenhalter die Sezession der Südstaaten und gründeten auf ihrem Gebiet die Konföderierten Staaten von Amerika, um einer möglichen Abschaffung der Sklaverei durch die Bundesregierung zuvorzukommen. Als erste provisorische Hauptstadt diente ihnen Montgomery, was ihr eine Symbolkraft als „Wiege der Konföderation“ (englisch Cradle of the Confederation) verlieh. Die Bundesregierung konnte sich im darauffolgenden Bürgerkrieg gegen die Südstaatler durchsetzen und die Sklaverei mit dem 13. Zusatzartikel zur Verfassung abschaffen. Eine Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen wurde allerdings nicht erreicht: Die Südstaaten richteten mit den sogenannten Jim-Crow-Gesetzen eine Rassentrennung ein, durch die die Afroamerikaner systematisch unterdrückt wurden. Maßnahmen wie poll taxes und literacy tests sowie inoffizielle Einschüchterung durch Terrororganisationen wie dem Ku-Klux-Klan verwehrten der afroamerikanischen Bevölkerung zusätzlich die Teilhabe an der Demokratie. Der Anteil von Schwarzen an der Stadtbevölkerung war auf Grund von Faktoren wie der Great Migration bis 1955 auf etwa 40 % gesunken.
Auch ökonomisch gesehen entwickelte sich die Hautfarbe zu einem bestimmenden Faktor: 1950 betrug in Montgomery das Einkommen eines Afroamerikaners im Durchschnitt $970, das eines Weißen $1730, also fast 80 % mehr. Da Afroamerikanern der Zugang zu vielen Berufsgruppen systematisch verweigert wurde, mussten viele schlecht bezahlte und sozial niedrig gestellte Positionen wie als Hauspersonal akzeptieren – Berufe, die in den Augen vieler Weißer für „Neger“ (englisch Negroes) geeignet waren. Selbst besser gebildete Afroamerikaner mit einem High-School-Abschluss konnten oft keine guten Stellungen finden und sahen sich gezwungen, Berufe auszuüben, für die sie überqualifiziert waren. Die kleine schwarze Mittelschicht Montgomerys, die vor allem aus dem Bildungsbürgertum stammte, war im Vergleich zur weißen Mittelschicht verschwindend klein: Von den 191 Ärzten Montgomerys waren nur vier, von den 191 Juristen nur zwei und von den 63 Apothekern nur ein einziger schwarz. Die meisten schwarzen Mittelschichtler waren entweder Lehrer, Priester oder Dozenten und Professoren des Alabama State College. Differenzen zwischen diesen beiden Gruppen, der schwarzen Unter- und Mittelschicht, repräsentierten ein Problemfaktor beim Bilden einer geeinten Opposition gegen die Rassentrennung.
Wie im Rest der Südstaaten waren die Afroamerikaner Montgomerys der täglichen Unterdrückung durch die Jim-Crow-Gesetze ausgesetzt. Besonders gravierend waren die Erniedrigungen in den Bussen der Stadt, die oft von schwarzen Frauen und Mädchen auf dem Weg zu ihrer Arbeit oder Schule genutzt wurden. Schwarze Passagiere mussten vorne ein Ticket kaufen, aussteigen und hinten wieder einsteigen. Mitunter fuhren die Busfahrer los, ohne die schwarzen Passagiere wieder einsteigen zu lassen. Oft mussten Afroamerikaner im Bus stehen, obwohl für Weiße reservierte Sitze noch frei waren. Selbst wenn sie in ihrem eigenen Abteil blieben, wurden sie gegebenenfalls vom Buspersonal dazu aufgefordert, ihre Sitzplätze für weiße Passagiere aufzugeben. Häufig wurden die Passagiere dabei als „Bitch“, „Nigger“ oder mit ähnlichen Pejorativen beleidigt. Meinungsverschiedenheiten oder Auseinandersetzungen mit dem Buspersonal konnte selbst für Kinder zu Verhaftungen führen; einige Passagiere wurden sogar geschlagen oder in einem Fall 1952 von Polizisten ermordet. Staatliche Institutionen für Schwarze wie Schulen und Krankenhäuser waren fast immer heruntergekommen, überfüllt und unterfinanziert. Zudem wurden Afroamerikaner oft zu Opfern von Polizeigewalt, darunter Vergewaltigungen und Morde. Auch sonst galt die Strafverfolgung in Montgomery als Afroamerikanern gegenüber voreingenommen: So wurde 1952 der Siebzehnjährige Jeremiah Reeves, dem eine Vergewaltigung vorgeworfen wurde, trotz unklarer Beweislage nach einem nur kurzen Prozess zum Tode verurteilt, eine selbst für damalige Verhältnisse unverhältnismäßig hohe Strafe. Im Sommer 1955 folgte mit dem Lynchmord am 14-jährigen Afroamerikaner Emmett Till im nahe gelegenen Money und dem Freispruch der Täter ein weiteres Beispiel für die Brutalität der White Supremacy. Versuche, organisiert gegen dieses System vorzugehen, wurden durch ökonomische Sanktionen wie dem Ausschluss aus dem Berufsleben hart bestraft. Selbst schrittweise Verbesserungen des Systems wie die Einstellung der ersten vier schwarzen Polizisten 1954 führte in der weißen Bevölkerung Montgomerys zu extremer Unzufriedenheit. Die Polizeibehörde entschuldigte sich: Es handle sich nur um „Nigger, die den Job eines Niggers erledigen“ (englisch just niggers doing a nigger’s job).
Die Bürgerrechtsbewegung in Montgomery
Die Afroamerikaner setzten sich der Unterdrückung dennoch zur Wehr. Schon in den 1900ern boykottierten Schwarze aus Protest gegen die Rassentrennung die lokale Straßenbahn, was jedoch bald in Vergessenheit geriet. In den 1930ern kam es zu Streiks der Baumwollpflücker und Protestmärschen für die Scottsboro Boys. Dabei handelte es sich um eine Gruppe schwarzer Jugendlicher, die trotz unklarer Beweislage für die Vergewaltigung zweier weißer Mädchen verurteilt wurden. Mit verschiedenen Graswurzelorganisationen bildeten Afroamerikaner aus Unter- und Mittelschicht eine organisierte Opposition zur Rassentrennung, die im Jahrzehnt vor dem Busboykott stetig konfrontativer wurde. Motiviert wurden die Aktivisten oft durch persönliche Erfahrungen mit der Ungerechtigkeit der Rassentrennung. Eine der bedeutendsten Bürgerrechtsorganisationen Montgomerys war der Women’s Political Council, die sich primär aus schwarzen Frauen aus der Mittelschicht zusammensetzte. Gegründet wurde dieser Rat 1949 von Mary Fair Burks, der Leiterin des Fachbereichs Englisch am Alabama State College; später wurde der Vorsitz von der Englischprofessorin Jo Ann Robinson übernommen. Der vom Bestatter Rufus Lewis gegründete Citizen’s Club repräsentierte ebenfalls die Interessen schwarzer Mittelschichtler. Als informeller Anführer der afroamerikanischen Arbeiterschaft galt der Schlafwagenschaffner und Gewerkschaftler E. D. Nixon. Neben diesen lokalen Gruppierungen war auch die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), die wohl wichtigste Bürgerrechtsorganisation der USA, in Montgomery aktiv. Zu den Mitgliedern des Ortszweiges gehörten unter Anderen E. D. Nixon und die Näherin Rosa Parks, die der NAACP in Montgomery als Sekretärin gedient hatte und den NAACP-Jugendklub der Stadt mitorganisiert hatte. Auch einige wenige weiße Linke wie das Ehepaar Clifford und Virginia Durr, die Bibliothekarin Juliette Hampton Morgan oder der Geistliche Robert Graetz, der Pastor einer afroamerikanischen Gemeinde war, sprachen sich gegen die Rassentrennung aus. Gemeinsam setzten sich die Bürgerrechtler Montgomerys mit einer Vielzahl von Themen auseinander. Dazu gehörten unter anderem die beschränkte politische Partizipation von Afroamerikanern, die weit verbreitete Polizeigewalt, die erniedrigende Rassentrennung in Bussen und die Sexualisierte Gewalt gegen schwarze Frauen.
Allgemein bewegten sich die Vereinigten Staaten in den 1950er Jahren, veranlasst vom Horror des Holocausts und der Notwendigkeit, im Kalten Krieg die Gunst der neuen Staaten Afrikas und Asiens zu gewinnen, gesellschaftlich in Richtung des Antirassismus. Die offenkundige Unmoral der Rassentrennung stand zudem der Selbststilisierung der Vereinigten Staaten als „Anführer der freien Welt“ im Weg. Das Erstarken der Bürgerrechtsbewegung wurde auch durch die Rückkehr schwarzer Veteranen des Zweiten Weltkriegs bedingt, die im Gegenzug für ihren Kriegsdienst von ihrer Regierung Gleichberechtigung erwarteten. Beispielhaft für diese Entwicklung war das Vorgehen des Obersten Gerichtshofs, das, meist veranlasst durch Klagen der NAACP, Stück für Stück das System der Rassentrennung aushebelte. Der Höhepunkt dieser Rechtskampagne war die Grundsatzentscheidung im Fall Brown v. Board of Education (1954), dass Rassentrennung an Schulen verfassungswidrig sei. Unter Federführung von Chief Justice Earl Warren schaffte der Oberste Gerichtshof mit Brown die davor geltende separate but equal-Doktrin und damit implizit die rechtliche Basis für die Rassentrennung ab. Dies gilt als ein Meilenstein für die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung und ermutigte Aktivisten wie diejenigen in Montgomery in ihrem Kampf gegen das Jim-Crow-System. Den Bürgerrechtlern Montgomerys diente auch der Busboykott von Baton Rouge als Vorbild, der 1953 vom Geistlichen T. J. Jemison organisiert wurde und nach nur einer Woche die Stadtverwaltung zu einer Reform der Rassentrennung auf Buslinien gezwungen hatte. Das schnelle Einlenken der Stadt und die Tatsache, dass die Rassentrennung bestehen blieb, hatten – jedenfalls im Vergleich zum Busboykott von Montgomery – wenig Interesse in der Presse generiert.
Eine ebenso wichtige Rolle im Kampf gegen die Rassentrennung spielten die Afroamerikanischen Kirchen Montgomerys. Viele schwarze baptistische und methodistische Pastoren sahen es nämlich als ihre Pflicht, ihre Gemeinden aus der Unterdrückung zu führen. Inspiriert wurden sie hierbei von schwarzen Theologen wie Howard Thurman, Benjamin Mays und William Holmes Borders, die ihrerseits von Walter Rauschenbuschs Social Gospel beeinflusst worden waren. Darüber hinaus waren schwarze Pastoren in einer besonders guten Position, gegen die Rassentrennung vorzugehen: Sie hatten Zugriff auf die Organisationsstrukturen ihrer Kirchen, eine besondere Autorität gegenüber ihren Mitbürgern und Erfahrungen damit, Reden vor großen Menschenmengen zu halten. Zudem waren sie nicht auf weiße Arbeitgeber oder Kunden angewiesen, so dass sie vor möglichen wirtschaftlichen Racheaktionen geschützt waren. In Montgomery unterstützten Geistliche wie Solomon S. Seay, Vernon Johns, Ralph Abernathy und Martin Luther King die Bürgerrechtsbewegung.
Martin Luther King war ein Neuankömmling in Montgomery. Erst 1954 übernahm er die Führung der Dexter Avenue Baptist Church von Vernon Johns. Als Sohn und Enkel zweier Geistlicher tief im schwarzen Baptismus verankert, hatte er während seines Theologiestudiums die Werte der Gewaltfreiheit und der Social Gospel für sich entdeckte. Er wurde außerdem ein Bewunderer Howard Thurmans, Reinhold Niebuhrs und Mahatma Gandhis. Unter dem Eindruck dieser Ideenlandschaft entwickelte King eine grundlegend politische Vorstellung der Rolle des Pastors, der in seinen Augen nicht nur die spirituellen, sondern auch die gesellschaftlichen Problemen seiner Gemeinde angehen musste. Als Student zählte er „eine Welt ohne Krieg, eine bessere Verteilung des Wohlstands und eine Brüderlichkeit, die über Rasse und Farbe hinwegsieht“ (englisch a warless world, a better distribution of wealth, and a brotherhood that transcends race or color) zu den Grundpfeilern der Botschaft, die er seiner Gemeinde vermitteln wollte.
Der Busboykott
Der Auslöser
Ein konkretes Vorgehen der Bürgerrechtler Montgomerys gegen die Rassentrennung in Öffentlichen Verkehrsmitteln begann bereits im März 1955, als die 15-jährige Schülerin Claudette Colvin sich weigerte, ihren Sitzplatz für einen weißen Passagier aufzugeben und daraufhin von der Polizei verhaftet wurde. Spätere Berichte anderer Bürgerrechtler betonen den Mut Colvins, die alleine vor mehreren weißen Polizisten auf ihr Recht bestand, ihren Sitzplatz frei auszuwählen. Die Teenagerin wurde später für Körperverletzung (assault and battery) zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Verhaftung empörte die schwarze Gemeinschaft Montgomery und führte zu mehreren Treffen schwarzer Bürgerrechtler mit Stadtbeamten. Die Delegation der Afroamerikaner wurde von Jo Ann Robinson angeführt, zu ihr gehörten außerdem E. D. Nixon, Rufus Lewis, Mary Fair Burks, Rosa Parks, und Martin Luther King. Sie forderten zunächst nur eine geringfügige Reform der in Bussen geltenden Rassentrennung; das Busunternehmen zeigte sich jedoch unnachgiebig. Die Situation in Montgomery war angespannt. Im Laufe des Jahres kochte der jahrelang gehegte Groll der schwarzen Bevölkerung gegen ihre Unterdrückung langsam auf. Die Anführer der Bürgerrechtsbewegung in Montgomery entschieden sich jedoch zunächst gegen eine größere Protestaktion. Colvin eignete sich wegen ihrer Armut, besonders dunklen Hautfarbe und außerehelichen Schwangerschaft nicht als ein Symbol, um das sich die schwarzen Bürger Montgomerys scharen könnten. Im Oktober wurde eine weitere Afroamerikanerin, Mary Louise Smith, dafür verhaftet, ihren Sitzplatz einer weißen Passagierin nicht aufgegeben zu haben. Im Gegensatz zu Colvin erregte ihr Fall jedoch zunächst nur wenig Aufmerksamkeit; außerdem eignete sie sich wegen ihrer Armut und ihres alkoholkranken Vaters ebenso wenig wie Colvin zur Symbolfigur.
Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, fiel erst am Ende des Jahres. Am Abend des 1. Dezember 1955 wurde Rosa Parks auf dem Weg von ihrer Arbeit vom Busfahrer James F. Blake aufgefordert, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Passagier aufzugeben. Die Aktivistin weigerte sich, dem Befehl des Busfahrers nachzukommen. In späteren Interviews später sagte sie aus, dass sie die tägliche Erniedrigung nicht mehr ausgehalten habe und auf ihre Rechte als menschliches Wesen und Bürgerin bestehen musste (englisch [W]hen I had been pushed as far as I could stand to be pushed [...] I had decided that I would have to know once and for all what rights I had as a human being and a citizen.). Der Busfahrer rief daraufhin die Polizei, die Parks verhaftete. E. D. Nixon bezahlte Parks Kaution und überzeugte sie gegen die Proteste ihres Ehemanns, mit ihrem Fall gegen die Verfassungsmäßigkeit der Rassentrennung im Öffentlichen Personennahverkehr zu klagen. Als angesehene, gesellschaftlich aktive Bürgerin mit gutem Leumund war sie laut Nixon die ideale Vertreterin der Afroamerikaner Montgomerys. Nachdem sie am 5. Dezember im Recorder’s Court zu einem Bußgeld von 10 Dollars und der Übernahme der Verfahrenskosten verurteilt worden war, reichte ihr Anwalt Fred Gray daher Berufung ein.
Der Beginn des Boykotts
Begleitet wurde ihr Prozess von einem eintägigen Busboykott, der von den Mitgliedern des WPC organisiert und von den anderen Bürgerrechtlern der Stadt unterstützt wurde. Die Aufforderung zum Boykott wurde über zehntausende Flugblätter verbreitet, die Jo Ann Robinson in der Nacht von Parks’ Verhaftung im Alabama State College druckte. Sie machte ihren Lesern klar, dass sie oder ihre Familien die nächsten Opfer der Rassentrennung sein könnten. Weitere Mittel waren Mundpropaganda, Zeitungen und die Sonntagspredigten der schwarzen Priester. Ziel des Boykotts war es, die breitere Öffentlichkeit auf Parks’ Verhaftung aufmerksam zu machen und den Zusammenhalt der schwarzen Gemeinschaft Montgomerys zu zeigen. Diese stand ungeachtet ihrer sozialen Stellung geschlossen hinter dem Boykott. Zehntausende Afroamerikaner hörten auf, Bus zu fahren. An Stelle der Busse bildeten die Afroamerikaner Montgomerys für ihren Weg zur Arbeit oder zur Schule Fahrgemeinschaften, gingen zu Fuß oder benutzten ein Taxi. Viele schwarze Taxifahrer erließen ihnen hierfür anfangs sogar die Kosten; später mussten sie wegen einer Verfügung der Stadtverwaltung einen Mindestpreis verlangen. Die Reaktion auf Parks’ Verhaftung erklärt der Historiker Troy Jackson mit ihrer Wirkung als Identifikationsfigur für sowohl Mittel- als auch Arbeiterschicht: Sie repräsentierte die achtbare Bürgerin, die trotz ihrer Leistungen von rassistischen Autoritätspersonen willkürlich verhaftet wurde, und zugleich die müde Arbeiterin, die nach einem langen Arbeitstag ohne Grund erniedrigt wurde. Darüber hinaus nahmen viele den Boykott als eine Chance wahr, eine bessere, humanere Behandlung zu erringen.
Die Folgen des Boykotts waren nicht nur darauf beschränkt, dass Druck auf das Busunternehmen ausgeübt wurde. Auch weiße Geschäftsinhaber sahen sich auf Grund des Boykotts in Bedrängnis. Die schwarze Kundschaft trat den Weg bis in die Innenstadt nämlich nicht mehr so oft an und wich stattdessen auf Geschäfte in ihren eigenen Stadtvierteln aus, die meist anderen Schwarzen gehörten. Dadurch entstanden wiederum neue Arbeitsplätze; die wirtschaftliche Lage des schwarzen Montgomery verbesserte sich. Der Busboykott bewirkte außerdem einen verstärkten Zusammenhalt zwischen schwarzer Mittel- und Arbeiterschicht. Sie verstanden sich nunmehr als Genossen in einem gemeinsamen Kampf und traten in Fahrgemeinschaften und bei Massenzusammenkünften vermehrt in persönlichen Kontakt miteinander. J. E. Pierce, Professor für Wirtschaftswissenschaften am Alabama State College und einer der Boykotteure, verglich die Zustände in Montgomery mit einer Klassenlosen Gesellschaft: Ungeachtet der sozialen Schicht habe die geteilte Hautfarbe unter den Afroamerikanern der Stadt ein starkes Solidaritätsgefühl begründet.
Die Montgomery Improvement Association
Am selben Tag gründeten die Anführer des Busboykotts in der Mount Zion AME Zion Church (einer African Methodist Episcopal Zion Church) die Montgomery Improvement Association (MIA), um den weiteren Verlauf des Boykotts zu organisieren. Sie hatten sich nämlich entschlossen, ihn fortzuführen, um die Stadt zu einer Reform der Rassentrennung in Bussen zu zwingen. Die Hauptaufgabe der MIA sollte es sein, ein ausgeklügeltes Fahrgemeinschaften-System mit eigenen, bezahlten Fahrern und Haltestellen auf die Beine zu stellen. Später richtete die MIA sogar eigene Werkstätten ein. Zum Vorsitzenden wurde auf den Vorschlag von Rufus Lewis hin einstimmig Martin Luther King gewählt, da dieser als ausgesprochen redegewandt galt und als Neuankömmling in Montgomery als Kompromisskandidat zwischen den verschiedenen Bürgerrechtsorganisationen dienen konnte. Die Forderungen der MIA waren anfangs noch auf einfache Reformen begrenzt. Die Rassentrennung in Bussen sollte nicht ganz abgeschafft, sondern ertragbar gemacht werden. Konkret forderten sie ein „first come, first served“-System, wie es bereits in Städten wie Mobile bestand. Schwarze Passagiere sollten den Bus von hinten, weiße den Bus von vorne auffüllen, und kein Passagier sollte mehr dazu aufgefordert werden, seinen Platz aufzugeben. Außerdem verlangten sie die Einstellung schwarzer Busfahrer. Jo Ann Robinson erklärte dazu während eines Interviews, dass die Bürgerrechtler ihre Forderungen im Rahmen des in Alabama geltenden Rechtes halten mussten.
Finanziert wurde die MIA und damit der Boykott zunächst von den Spenden der Boykotteure, die bei wöchentlichen Treffen, in Kirchen und in Vereinen eingesammelt wurden. Weitere Einkommensquellen waren Georgia Gilmore und ihr „Club from Nowhere“, die bei den Massenzusammenkünften der MIA Essen verkauften, und später Vortragsreisen Kings sowie Spenden von Außenstehenden. Unterstützt wurde die MIA auch jenseits von Montgomery durch Bürgerrechtsorganisationen, Gewerkschaften und Einzelpersonen. King, dessen Vater Martin Luther King Sr. bereits ein angesehener und einflussreicher Geistlicher war, konnte mit relativer Leichtigkeit Kontakte zu den Anführern der Bürgerrechtsbewegung schaffen. Unter anderem wurde die Gruppe „In Friendship“ gegründet, die Spendengelder für die MIA sammelte. Hingegen verweigerte die NAACP den Boykotteuren zunächst ihre Unterstützung; ihre Forderungen waren der Organisationen nicht radikal genug. Erst später, als die MIA die Abschaffung der Rassentrennung im Öffentlichen Personennahverkehr forderte, führte die NAACP ihr vermehrt Ressourcen zu. Dennoch sollte es auch nach dem Ende des Boykotts immer wieder zu Spannungen zwischen King und Roy Wilkins, dem Vorsitzenden der NAACP, kommen.
Die Führung des Boykotts war basisdemokratischer Natur. Der Historiker Stewart Burns beschreibt drei Führungsebenen, die miteinander überlappten und interagierten: Die Priester der afroamerikanischen Kirchen, z. B. King und Abernathy, die die Bevölkerung Montgomerys für den Protest mobilmachten; die Anführer der Bürgerrechtsorganisationen, z. B. Robinson und Nixon, die die Bevölkerung organisierten; und tausende Aktivisten, die Freunde und Familie von der Teilhabe am Boykott überzeugten. Viele Grundsatzentscheidungen wurden bei Massenzusammenkünften getroffen, bei denen alle Teilnehmer frei an Debatten und Abstimmungen teilnehmen durften. Verbunden wurden diese Zusammenkünfte oft mit Gebeten, dem Singen von Hymnen und Call-and-Response-Einlagen, die den Zusammenhalt zwischen den Aktivisten stärkten. Troy Jackson betont besonders den Einsatz der einfachen Bürger Montgomerys. Deren standhafte Haltung fand ihren Ausdruck in einem Sinnspruch der „Mutter Pollard“, einer älteren schwarzen Frau aus Montgomery: „Meine Füße sind müde, doch meine Seele ist gut ausgeruht.“ (englisch My feets is tired, but my soul is rested). King wiederholte diesen Satz auch nach dem Busboykott immer wieder, um das Durchhaltevermögen von Bürgerrechtlern zur Schau zu stellen.
Die Rolle Kings als offizieller Anführer der MIA beschreibt Burns als ebenso facettenreich. Besonders seine Reden überzeugten die Bürgerrechtler Montgomerys; Rufus Lewis meinte in einem späteren Interview, dass er wie kein anderer Menschen inspirieren konnte (englisch no person could inspire the people like him). King betonte immer wieder, dass die Afroamerikaner Montgomerys durch ihren Boykott Geschichte schrieben und ihre Pflicht gegenüber Gott erfüllten, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Damit sei der Boykott ein Teil der weltweiten antikolonialen Bewegung, um die nicht-weiße Mehrheit der Weltbevölkerung vom Imperialismus zu befreien. Darüber hinaus hatte der Boykott King zufolge auch eine psychologische Wirkung: Statt wie zuvor Selbstmitleid und Selbstherabwürdigung zu praktizieren, trage die schwarze Bevölkerung Montgomerys sich neuerdings mit Würde und Selbstachtung. Zugleich schuf er Burns zufolge durch seine bodenständige, humorvolle Art eine persönliche Bindung zwischen den Demonstranten und sich selbst, die – entlang den Linien der Ich-Du-Beziehung des jüdischen Philosophen Martin Buber, die King als ein Vorbild ansah – ein Dialog auf Augenhöhe ermöglicht habe. Die MIA führte er mit der Autorität eines Pastors und setzte meist darauf, einen Konsens unter den Führungspersönlichkeiten des Boykotts herzustellen. King wurde maßgeblich von seiner eigenen Religiosität und einer Berufung durch Gott motiviert. Von besonderer Bedeutung für ihn war ein Erlebnis im Januar 1956, das er in den folgenden Jahren immer wieder in Reden und Predigten erwähnte: Dabei habe ihm eine göttliche Stimme befohlen, weiter für seine Prinzipien einzustehen, und ihm versprochen, ihm beizustehen.
Am Abend des 5. Dezembers hielt King in der Holt Street Baptist Church vor tausenden Zuhörern seine erste Rede als Vorsitzender der MIA. Zu Beginn seiner Rede erklärte King, dass es das Ziel der Demonstranten sei, diejenigen Rechte zu erlangen, die ihnen als Bürger der Vereinigten Staaten eigentlich längst zustünden. Er denunzierte die Rassentrennung auf den Buslinien Montgomerys, die nicht einmal rechtlich sanktioniert worden sei. Dabei ging er auch auf die Person Rosa Parks ein, der als „eine der vornehmsten Bürgerinnen Montgomerys“ (englisch one of the finest citizens of Montgomery) in besonderem Maße ein Unrecht widerfahren sei. Nun könnten die Afroamerikaner Montgomerys ihre tägliche Unterdrückung nicht mehr ertragen (englisch [T]here comes a time when people get tired of being trampled over by the iron feet of oppression.) und müssten ihre Gleichbehandlung einfordern. Hier hob King hervor, dass diese Forderung nach Gleichbehandlung sich auch in den Urteilen des Obersten Gerichtshof, der Verfassung der Vereinigten Staaten und dem Wort Gottes wiederfänden. Er rief seine Zuhörer dazu auf, den Mut zu finden, ihre Rechte zu verteidigen (englisch the moral courage to stand up for their rights), und ihre christliche Nächstenliebe als eine Waffe einsetzen, um die Stadtverwaltung zu gerechtem Handeln zu zwingen. Auf Gewalt würden die Bürgerrechtler im Gegensatz zu rassistischen Organisationen wie dem Ku-Klux-Klan nicht zurückgreifen; es werde kein Kreuz verbrannt und kein Weißer ermordet werden. Stattdessen würden sie die Demokratie in die Tat umsetzen (englisch [D]emocracy transformed from thin paper to thick action is the greatest form of government on earth.).
Das Prinzip der Gewaltlosigkeit
Eines der wichtigsten Prinzipien des Protests war die Gewaltlosigkeit, an die die Bürgerrechtler auch nach Angriffen durch weiße Rassisten festhielten. Die Stadtverwaltung sollte durch friedlichen Zivilen Ungehorsam zum Einlenken gebracht werden, nicht durch einen gewaltsamen Aufstand. Als Vorbild diente den Bürgerrechtlern der indische Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi und seine Philosophie der Satyagraha. Beraten wurden sie hierbei von den pazifistischen Aktivisten Bayard Rustin und Glenn Smiley, die Anfang 1956 zur Unterstützung des Boykotts nach Montgomery reisten und laut Stewart Burns auf zwei Traditionen des pazifistischen Protests in den Vereinigten Staaten aufbauten: Zum einen auf der schwarzen Arbeiterbewegung der Großen Depression, deren informeller Anführer A. Philip Randolph war, zum anderen auf der pazifistischen Fellowship of Reconciliation (FOR) auf, dessen US-amerikanischer Zweig unter der Leitung Abraham J. Muste stand.
Rustin, ein ehemaliger Mitarbeiter Randolphs, Mitglied von FOR und zu dem Zeitpunkt Geschäftsführer bei War Resisters’ International, war nach Gesprächen mit Randolph, Muste und der Schriftstellerin Lillian Smith nach Montgomery gekommen. Zuvor hatte King beim National Council of Churches eine Anfrage auf Experten für gewaltlose Proteste gestellt. In Montgomery unterrichtete Rustin die Aktivisten in den Taktiken des Zivilen Ungehorsams. Er sah den Busboykott als eine Chance, eine gewaltlose, antirassistische Revolution in den Südstaaten in Gang zu setzen, und begleitete King über die nächsten Jahre als enger Freund und Berater. Auf Grund seiner Homosexualität und seiner ehemaligen Mitgliedschaft in verschiedenen kommunistischen Organisationen wie der Young Communist League konnte Rustin jedoch im Schatten der McCarthy-Ära nicht wie King und andere Bürgerrechtler in der Öffentlichkeit agieren. Aus diesem Grund verließ er nach einigen Wochen auf Absprache mit Randolph Montgomery und begann, den Boykott von außen zu unterstützen. Smiley, ein weißer Geistlicher, Bürgerrechtler und Mitarbeiter FORs, war eher darauf bedacht, die lokalen Probleme Montgomerys zu lösen und einen Ausgleich zwischen Weißen und Schwarzen zu schaffen. Beide Aktivisten zeigten sich vom Boykott beeindruckt; Smiley sprach sogar davon, dass King der „schwarze Gandhi“ werden könne (englisch King can be a Negro Gandhi[.]). Troy Jackson schätzt den direkten Einfluss der beiden Aktivisten auf den Busboykott als sehr gering ein. Ihre Bedeutung habe darin gelegen, Kings Verständnis der Philosophie der Gewaltlosigkeit nachhaltig zu prägen.
Obwohl er die Idee der Gewaltlosigkeit schon vorher kannte, wurde King erst im Verlauf des Busboykotts nach mehreren langen Gesprächen mit Rustin und Smiley zu einem überzeugten Anhänger der Gewaltlosigkeit. In dieser Zeit entwickelte er dieses Konzept im Rahmen des afroamerikanischen Christentums und der Social Gospel weiter. Grundlegend für Kings Denken über die Gewaltlosigkeit war der altgriechische Begriff Agape. So bezeichnete er die demütige Liebe, die ein Mensch seinem Gegenüber zeigen müsse – selbst wenn dieses Gegenüber ihm feindlich gesinnt sei oder ihn mit Gewalt angreife. King forderte vom gewaltlosen Aktivisten, diese Gewalt auf sich zu nehmen und sich nicht zu rächen. Das unverdiente Leiden des Aktivisten habe nämlich eine erlösende Wirkung, indem es dem Gewalttätigen aufzeige, dass sein Handeln fehlgeleitet sei (englisch unearned suffering is redemptive). King sprach hierbei auch von einer „erlösenden, schaffenden Art der Liebe“ (englisch a redemptive, a creative sort of love). Im Rahmen dieser Philosophie stellte King den Busboykott nicht als eine Auseinandersetzung zwischen Schwarzen und Weißen dar, sondern als eine Auseinandersetzung zwischen dem Guten und dem Bösen. Wenn die Bürgerrechtler Erfolg hätten und die Rassentrennung abgeschafft werde, bedeute dies nicht einen Sieg für die Schwarzen und eine Niederlage für die Weißen, sondern einen Sieg für das Gute und damit für ganz Montgomery. King versuchte daher in Montgomery immer wieder, Verständnis zwischen Schwarzen und Weißen zu schaffen und einen Dialog zu initiieren, damit die Weißen verstünden, warum die Schwarzen die bestehende Ordnung verändern wollen.
Die Reaktion der Stadt
Die ausschließlich mit weißen Mitarbeitern besetzte Stadtverwaltung und das Busunternehmen Montgomerys weigerten sich stur, selbst den Minimalforderungen der MIA nachzukommen. Sie fürchteten eine Kettenreaktion, an deren Ende die Abschaffung der Rassentrennung und damit der Kollaps ihrer Gesellschaftsordnung stand. Weit verbreitet war die Annahme, dass nur wenige Aufmüpfige wie King und Kommunisten für den Protest verantwortlich seien. Statt auf Verhandlungen setzte die Stadt daher auf ein hartes Durchgreifen gegen den Protest, eine „get-tough-policy“. Im Rahmen dessen traten der Bürgermeister W. A. Gayle, der Polizeipräsident Clyde Sellers und alle Mitglieder der City Commission dem White Citizens Council (WCC) bei, einer rassistischen Organisation. Tausende Weiße, meist Arbeiter, folgten ihnen. Sie richteten die Staatsgewalt gezielt auf die MIA und dessen Fahrgemeinschaften-System, das durch ständige Verkehrskontrollen und Strafzettel behindert wurde. Dem Herausgeber des Montgomery Advertisers Grover Hall, Jr. zufolge wurde die Polizei so zum verlängerten Arm des WCC. Darüber hinaus versuchte die Stadtverwaltung, den Boykott durch die Falschmeldung eines angeblichen Kompromisses mit den Demonstranten zu beenden. Dieses kommunalpolitische Vorgehen erfuhr auch Unterstützung von außen: In mehreren, von rassistischen und gewaltverherrlichenden Parolen gespickten Reden äußerte der Senator James Eastland seine Unterstützung für den WCC Montgomerys. Vom Verhalten der Stadtverwaltung bestärkt, initiierten weiße Rassisten bald gewaltsame Angriffe auf die friedlichen Demonstranten. Sie sandten den Anführern des Protests wiederholt Morddrohungen und zündeten in der Nacht des 30. Januar 1956 eine Bombe in Kings Haus, die jedoch niemanden verletzte. Ein Krawall aufgebrachter Schwarzer konnte nur durch das persönliche Eingreifen Kings verhindert werden, der sie dazu aufforderte, gemäß der Bibel Feindesliebe auszuüben. In den folgenden Monaten wurden auch in den Häusern von E. D. Nixon und Robert Graetz Bomben gelegt, die ebenfalls niemanden verletzten. Die Einschüchterungsversuche blieben ohne Erfolg.
Die Stadt ging auch rechtlich gegen die Bürgerrechtler vor. Zunächst versuchte sie erfolglos, Fred Gray aus der Anwaltschaft auszuschließen. Wenig später weitete sie ihren Angriff aus: Am 21. Februar 1956 erhob eine von Bezirksrichter Eugene Carter berufene Grand Jury Anklage gegen eine Vielzahl an Anführern des Boykotts. Ihnen wurde auf Basis eines Gesetzes aus den 1920ern, das sich ursprünglich gegen die Arbeiterbewegung richtete, eine „Verschwörung, rechtmäßige Geschäfte zu unterbinden“ vorgeworfen. Auf den Vorschlag Bayard Rustins hin ließen die meisten Angeklagten sich nicht erst verhaften, sondern gingen eigenständig zum Gefängnis von Montgomery und zahlten ihre Kaution. Für viele repräsentierte die staatliche Verfolgung ein Ehrenabzeichen, mit dem sie ihre Opferbereitschaft und ihren Mut zur Schau stellen konnten. King wurde zusätzlich zur Übernahme der Gerichtskosten zu einer Geldstrafe von $500 oder zu Zwangsarbeit verurteilt. Die weiteren Klagen wurden fallengelassen. Das rechtliche Vorgehen der Stadtverwaltung lenkte die Aufmerksamkeit der Presse auf die Geschehnisse in Montgomery. Der Prozess gegen King wurde von Journalisten aus aller Welt beobachtet und fand Erwähnung auf der Titelseite der New York Times. Die MIA konnte so die Aufmerksamkeit der breiteren Öffentlichkeit auf zwei Umstände lenken: Zum einen das ungerechte Verhalten des Rechtssystems gegenüber Afroamerikanern und zum anderen den Willen der Afroamerikaner, gegen die Rassentrennung anzukämpfen. Die Boykotteure gingen aus den Prozessen mit gestärkter Moral und neuen Unterstützern und Spendern aus dem ganzen Land hervor. Mit den Verhaftungen hatte die Stadt also nur eine Stärkung des Boykotts erreicht; das genaue Gegenteil ihrer Absichten. Grover Hall, Jr. meinte daher, dass es sich hier um „das Dümmste“ handelte, „das je in Montgomery unternommen wurde“ (englisch the dumbest act that has ever been done in Montgomery). Dennoch legte die Regierung der Bürgerrechtsbewegung weiter Steine in den Weg: Im Juni 1956 setzte der Bundesstaat Alabama für seine angebliche Beteiligung am Busboykott ein Verbot der NAACP durch, der erst zwei Jahre später vom Obersten Gerichtshof im Fall NAACP v. Alabama aufgehoben wurde. Gegen Ende des Jahres erklärte die Stadt das von der MIA aufgebaute Fahrgemeinschaften-System für ein illegales Geschäft, woraufhin die Bürgerrechtler in den letzten Wochen des Protests auf verschiedene Alternativen ausweichen mussten.
Browder v. Gayle
Der MIA wurde bald klar, dass die weiße Stadtverwaltung ihren Forderungen nicht nachkommen würde. Statt weiter auf Verhandlungen zu setzen, beschloss die MIA am 30. Januar 1956 mit der Unterstützung der NAACP den Rechtsweg zu gehen und vor einem Bundesgericht die Verfassungsmäßigkeit der Rassentrennung in Bussen zu bestreiten. Ihr Ziel war es also nicht mehr, die Rassentrennung erträglicher zu machen, sondern sie ganz abzuschaffen; eine Maßnahme zu ergreifen, die die Vertreter der Rassentrennung als „das soziale Äquivalent atomarer Kriegsführung“ (englisch the social equivalent of atomic warfare) wahrnahmen, wie der Historiker Taylor Branch es später beschrieb. Die Sturheit der Stadt hatte die MIA also radikalisiert. Fred Gray reichte die Klage am 2. Februar 1956 ein. Der Busboykott sollte dennoch fortgesetzt werden, trotz der Ermüdung und Frustration mancher Organisatoren. King äußerte die Befürchtung, dass die Afroamerikaner Montgomerys ihre Führung sonst ächten würde. Die vier Klägerinnen im Fall Browder v. Gayle waren Claudette Colvin und Mary Louise Smith sowie Aurelia Browder und Susie McDonald. Parks gehörte nicht dazu, da ihr Fall schon in den Landesgerichten Alabamas behandelt wurde. Jeanetta Reese, die zunächst Mitklägerin war, zog sich auf Druck der Behörden und mehreren Morddrohungen nach nur kurzer Zeit wieder zurück.
Entschieden wurde der Fall von einem Sondergericht aus den drei Bundesrichtern Seybourn Lynne, Richard T. Rives und Frank Minis Johnson. Am 5. Juni 1956 gaben sie mit einer Gegenstimme dem MIA Recht. Johnson und Rives erklärten sowohl die Stadtverordnung von Montgomery als auch das Landesgesetz von Alabama zur Rassentrennung auf Bussen für verfassungswidrig. Mit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs im Fall Brown v. Board of Education sei Plessy v. Ferguson und damit die separate but equal-Doktrin in Gänze aufgehoben worden. Demnach habe auch die Rassentrennung in Bussen seine rechtliche Grundlage verloren. Die Equal Protection Clause des 14. Verfassungszusatzes erfordere die Gleichbehandlung aller Bürger ungeachtet ihrer Hautfarbe. Dem entgegen stand das Minderheitenvotum (englisch minority opinion) Lynnes. Ohne ein explizites Urteil durch den Obersten Gerichtshof habe Plessy seine Gültigkeit noch nicht verloren. Zwar deuteten die Entscheidungen des Obersten Gerichtshofes in letzter Zeit darauf hin, dass die Rassentrennung in vom Staat betriebenen Einrichtungen verfassungswidrig sei; daraus aber zu schlussfolgern, dass sie auch in Öffentlichen Versorgungsunternehmen verfassungswidrig sei, sei falsch. Der Jurist Randall Kennedy kritisierte Lynnes Argumentation: Zum einen habe der Oberste Gerichtshof 1955 bereits mehrfach angedeutet, dass Brown sich auf alle Bereiche des öffentlichen Lebens beziehe; zum Anderen beziehe das Landesgesetz von Alabama sich nicht nur auf Öffentliche Versorgungsunternehmen, sondern auch auf vom Staat betriebene Busse. Nachdem die Stadt Montgomery Berufung eingelegt hatte, bestätigte der Oberste Gerichtshof am 13. November 1956 einstimmig das Urteil von Johnson und Rives. Die Boykotteure hatten ihr Ziel erreicht; die Rassentrennung auf Öffentlichen Verkehrsmitteln wurde für verfassungswidrig erklärt. Nach 381 Tagen endete der Busboykott am 20. Dezember 1956, als die Stadt Montgomery sich erzwungenermaßen der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs beugen musste. Am folgenden Tag fuhren Martin Luther King, Ralph Abernathy und Glenn Smiley demonstrativ mit dem Bus, auf Plätzen, die zuvor Weißen reserviert waren.
Wirkung und Rezeption
Reaktionen von Zeitgenossen und Folgen
Besonders schwarze Intellektuelle nahmen den Busboykott als einen Triumph der Bürgerrechtsbewegung oder sogar als den „Geburt einer neuen Ära“ wahr, wie King urteilte. Man hielt ihn für einen antikolonialen Kampf, als einen Teil der internationalen Bewegung der People of Color gegen die White Supremacy, also gegen die Unterdrückung durch die Weißen. Der jamaikanische marxistische Historiker C. L. R. James sprach von einem zutiefst revolutionären Ereignis und verglich den Boykott mit der ghanaischen Unabhängigkeitsbewegung und dem Ungarischen Volksaufstand, die etwa zeitgleich mit dem Boykott ihre Höhepunkte fanden.W. E. B. Du Bois verglich King mit Gandhi und äußerte seine Freude darüber, dass die schwarzen Bürger Montgomerys sich ungeachtet ihres Alters und ihrer sozialen Stellung massenweise am Protest beteiligt hatten. Er bemängelte jedoch auch, dass der Protest keine direkten ökonomischen Folgen hatte. Im linken Magazin Liberation erschien eine Reihe an Salutes to Montgomery, die von Eleanor Roosevelt, Roy Wilkins, Ralph Bunche, A. Philip Randolph, Harry Emerson Fosdick, John Haynes Holmes, und ZK Matthews verfasst wurden. Roosevelt beschrieb den Boykott dabei als „einen der bemerkenswertesten Erfolge von Menschen, die [ohne Blutvergießen] für ihre Rechte kämpfen[.]“ (englisch one of the most remarkable achievments of people fighting for their rights [...] without bloodshed[.]); Fosdick erklärte, dass Montgomery zu einem der „wichtigsten Orte der Welt“ geworden war (englisch one of the most significant places of the world).
Die Geschehnisse in Montgomery wurden zu einem Sprungbrett für die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung, deren Hochphase sie einleitete. Der Busboykott diente als Vorbild für einen erfolgreichen, gemeinschaftlichen Protest gegen die Rassentrennung. Noch vor seinem Ende fand mit dem Busboykott von Tallahassee unter der Führung Charles Kenzie Steeles ein ähnlicher Protest statt. Auch organisatorisch war der Busboykott in vielerlei Hinsicht die Geburtsstunde der Bürgerrechtsbewegung. Den Gunst der Stunde nutzend gründete King auf den Rat Rustins hin im Januar 1957 die Southern Christian Leadership Conference (SCLC), die eine der treibenden Kräfte der Bürgerrechtsbewegung wurde und die MIA bald in den Schatten stellte. Der Busboykott führte auch Anführer der Bürgerrechtsbewegung zusammen, allen voran King mit seinem späteren Chefberater Rustin. Zudem knüpften die Aktivisten von Montgomery Kontakte zu liberalen, progressiven und pazifistischen Politikern, Journalisten, Priestern und Gewerkschaftlern, die ihren Einfluss für die Bürgerrechtsbewegung geltend machen konnten. Der Busboykott von Montgomery markierte auch einen Wandel in der Strategie der Bürgerrechtsbewegung: Während sie zuvor unter der Leitung der NAACP auf Gerichtsprozesse wie Brown v. Board of Education gesetzt hatte, rückten danach konfrontative, gewaltlose Massenproteste wie die Birmingham Campaign, der Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit und die Selma-nach-Montgomery-Märsche in den Fokus. Die so in Gang gesetzte Bürgerrechtsbewegung erzielte in den folgenden Jahren durch Gesetze wie dem Civil Rights Act of 1964 und dem Voting Rights Act of 1965 große Fortschritte in der Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen in Amerika.
Mit dem Montgomery-Busboykott begann nicht nur die Hochphase der Bürgerrechtsbewegung, sondern auch die öffentliche Karriere Martin Luther Kings. Seine Rolle als Führungsperson des Busboykotts, nicht zuletzt sein Auftritt vor Gericht verliehen ihm Symbolkraft als Anführer und Gesicht der Bewegung. In den 12 Jahren vom Busboykott bis hin zu seiner Ermordung machte er sich auf der ganzen Welt einen Namen als Verfechter der Rechte der afroamerikanischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten. Sein Zeitungsporträt in den New York Times beschrieb ihn als einen talentierten Redner mit guten Kenntnissen in der Philosophie Kants und Hegels, der fest vom Guten im Menschen und der gandhischen Gewaltlosigkeit überzeugt sei. Das Jet-Magazin nannte ihn den „modernen Moses von Alabama“ (englisch Alabama’s Modern Moses). 1957 erschien sein Gesicht auf der Titelseite des Time Magazine und er erhielt die Spingarn Medal. Auch international erntete er Anerkennung, besonders von Führungspersönlichkeiten der antikolonialen Bewegung wie dem Premierminister Indiens Jawaharlal Nehru und dem Premierminister Ghanas Kwame Nkrumah, die Treffen mit ihm arrangierten. 1964 wurde er mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
In Montgomery selbst hielten sich die Veränderungen in Folge des Boykotts allerdings in Grenzen. Direkt nach der Aufhebung der Rassentrennung kam es von Seiten der Rassisten zu einer Welle der Gewalt: Eine schwarze Frau wurde auf offener Straße attackiert, Schüsse fielen auf Busse und schwarze Kirchen, weitere Bomben wurden gelegt, Ku-Klux-Klan-Mitglieder zogen nachts durch schwarze Nachbarschaften und zündeten u. a. vor dem Haus des Richters Frank Minis Johnson ein Kreuz an. Diese Angriffe dienten vor allem der Einschüchterung schwarzer und weißer Aktivisten. Juliette Morgan, eine weiße Unterstützerin des Boykottes, wurde von den ständigen Hassnachrichten gegen ihre Person sogar in den Selbstmord getrieben. Eine Gruppe von Ku-Klux-Klan-Mitgliedern, die von der Polizei für diese Verbrechen verhaftet wurde und von denen einige sich schuldig bekannten, wurde von einer komplett weißen Jury frei gesprochen. Darüber hinaus verloren viele Schwarze in Folge des Boykotts ihre Arbeit und wurden immer öfter verbal oder sogar physisch attackiert. So war Rosa Parks eine Zeit lang auf Spenden angewiesen, die Virginia Durr für sie gesammelt hatte, und musste Montgomery schließlich auf der Suche nach Arbeit verlassen. Später wurden Robinson, Burks und 15 weitere mit dem Busboykott assoziierte Professoren vom Alabama State College entlassen. Das System der Rassentrennung und der systematischen Unterdrückung der Afroamerikaner blieb trotz des Teilerfolgs der Bürgerrechtler bestehen; Schwarze wurden weiterhin von Wahlen ausgeschlossen, sie wurden weiterhin von staatlichen Institutionen schlechter versorgt, sie wurden weiterhin für Vergehen gegen die Rassentrennung verhaftet. Der schwarzen Gemeinschaft Montgomerys gelang es nach dem Boykott außerdem nicht, für bleibende wirtschaftliche Besserung zu sorgen. Selbst auf Bussen endete die Rassentrennung nur nach und nach: Viele Weiße weigerten sich nach wie vor, im Öffentlichen Nahverkehr neben Schwarzen zu sitzen, während viele Schwarze aus Gewohnheit oder Angst weiterhin hinten blieben. In anderen Städten blieb die Rassentrennung in Bussen teils mehrere Jahre nach Gayle bestehen. Diese Umstände führten wiederum zu Streitigkeiten innerhalb der MIA. Frustriert mit dem Ausgang des Boykotts verließ Nixon die Organisation. Troy Jackson schließt aus diesen Gründen, dass der Boykott eher ein Sieg für King und die nationale Bürgerrechtsbewegung als für die Aktivisten Montgomerys war. Die MIA setzt ihre Arbeit für die Bürgerrechtsbewegung bis heute fort. 1967 bis 2008 wurde die Organisation von Johnnie Carr geleitet.
Historische Bewertung
Der Montgomery-Busboykott gilt heute als ein Wendepunkt der amerikanischen Geschichte und Wiege der modernen Bürgerrechtsbewegung, in der sich ihre Mittel des gewaltlosen Massenprotests und ihre religiöse Rhetorik entwickelten. Mit ihm begannen Burns zufolge die 1960er als eine Ära des Protests. Heute gilt der Busboykott von Montgomery als ein Symbol des Freiheitskampfes der schwarzen Bevölkerung der Vereinigten Staaten.
Der Busboykott von Montgomery zeichnet sich vor allem durch kollektiven Zivilen Ungehorsam aus. Bedingt wurde er Stewart Burns zufolge dadurch, dass Afroamerikanern das Wahlrecht verwehrt wurde und sie damit ihre politischen Ziele durch Protestaktionen verfolgen mussten. Diese Protestaktionen seien als kommunitaristischer Massenprotest gestaltet worden, da der für die Gleichberechtigung der Afroamerikaner erforderliche strukturelle Wandel nur durch kollektives Handeln zu erreichen gewesen sei. Den Erfolg dieser Strategie kann auf den Zusammenhalt der schwarzen Gemeinschaft und ihren Enthusiasmus für den Protest zurückgeführt werden. Ein weiterer Faktor, der zum Erfolg des Boykotts beitrug, war laut Adam Fairclough das Vorgehen der Stadt. Ihre „get-tough“-Politik stärkte den Zusammenhalt und den Stolz der schwarzen Gemeinschaft, verschaffte dem Boykott die Aufmerksamkeit der Presse und radikalisierte die Bürgerrechtler so sehr, dass sie vor Gericht zogen und so das gesamte System der Rassentrennung auf Bussen zu Fall brachten. Zu betonen ist auch, dass es sich nicht um einen spontanen Protest handelte: Ohne die in den 1940ern und 1950ern gegründeten Bürgerrechtsorganisationen wäre der Boykott undenkbar gewesen.
Stewart Burns beschreibt die Anführer dieser Graswurzel-Bewegung als normale Bürger wie Jo Ann Robinson und E. D. Nixon, die im Zuge des Boykotts über sich hinauswuchsen und ihre Mitbürger durch ihre eigene Zivilcourage zur Teilnahme am Protest motivierten. Währenddessen hätten einfache Aktivisten ohne Führungspositionen durch ihren Einfallsreichtum und Fleiß einen ebenso wichtigen Beitrag zum Erfolg des Boykotts geleistet und wiederum ihre Anführer motiviert. Claudette Colvin erklärte daher: „Wir selbst sind unsere Anführer.“ (englisch Our leaders is just we ourself). Insofern war der Busboykott von Montgomery, wie der Jurist Randall Kennedy hervorhebt, „ein auffallend demokratisches Phänomen“ (englisch a strikingly democratic phenomenon). Aus diesem Grund ist die Forschung darauf bedacht, Kings Rolle im Protest nicht zu übertreiben. Er selbst wiederholte in mehreren Predigten, dass der Busboykott auch ohne ihn vonstattengegangen wäre. Seit Beginn der 1990er richtet die Forschung ihren Fokus auch auf Aktivistinnen, die von früheren Studien der Bürgerrechtsbewegung oft ignoriert wurden. Als „Macht hinter dem Thron“, wie das WPC-Mitglied Erna Dungee Allen es nannte, übernahmen sie einen großen Teil der eigentlichen Organisationsarbeit. Jo Ann Robinson meinte dazu, dass viele Männer zu viel Angst vor wirtschaftlicher Sanktionen hatten, um als Bürgerrechtler besonders hervorzutreten. Als Alleinversorger ihrer Familien konnten sie es nicht riskieren, wegen ihres Aktivismus ihren Arbeitsplatz zu verlieren.
Randall Kennedy betont, dass der Boykott alleine die Rassentrennung in Bussen nicht beendet hätte. Erst Browder v. Gayle habe die Behörden zum Handeln gezwungen. Diese Klage sei im Kontext der Jim-Crow-Ära eine radikale Maßnahme und für die MIA die ultima ratio gewesen, da sie das System der Rassentrennung direkt in Frage stellte. Dass der Busboykott nur rechtliche und keine ökonomischen Schranken aufhob, heiße nicht, dass er gescheitert sei. Mit dem Boykott und der Bürgerrechtsbewegung im Allgemeinen erkämpften die Afroamerikaner sich laut Randall Kennedy über ihre Rechte hinaus den Respekt, der ihnen zuvor verweigert wurde. Das Stereotyp des servilen, untertänigen Schwarzen wurde von ihnen aktiv zerstört – auch mittels der Gerichte. In ihnen konnten schwarze Anwälte wie Fred Gray nämlich immer wieder in aller Öffentlichkeit zeigen, dass sie ihren weißen Kollegen überlegen waren. Zudem hätten die von ihnen erreichten Rechtsreformen einen „edlen moralischen Standard“ (englisch noble moral standard) geschaffen, der der amerikanischen Gesellschaft als Richtschnur im Kampf um die Freiheit diene, selbst wenn er nicht immer beachtet wurde oder werde.Thurgood Marshall, einer der führenden afroamerikanischen Juristen dieser Zeit, kommentierte, dass die Boykotteure auch einfach auf den Entscheid des Obersten Gerichtshofs hätten warten können. Christopher Coleman, Laurence D. Nee und Leonard S. Rubinowitz stellen hingegen die Synergie von Protest und Gerichtsentscheid in den Vordergrund: Der Gerichtsentscheid hätte die Bürgerrechtler in ihrer Überzeugung und Tatkraft gestärkt und bestätigt, dass das Recht auf ihrer Seite sei. Der Boykott habe wiederum die Stadt Montgomery gezwungen, den Gerichtsentscheid in die Tat umzusetzen und die Konditionen für schwarze Busfahrer zu verbessern.
Für Martin Luther King ist der Busboykott ein elementarer Lebensabschnitt. Hier sammelte er zum ersten Mal Erfahrung in der Führung einer friedlichen Protestbewegung und entwickelte die Taktik und Rhetorik, die er auch später als der inoffizielle Anführer der Bürgerrechtsbewegung einsetzen würde. Troy Jackson meint, dass King erst im Schmelztiegel einer echten Krise seine Stimme fand. Von den erfahrenen Bürgerrechtsaktivisten Montgomerys habe er gelernt, einen Protest zu organisieren. Ihre Opferbereitschaft habe ihn dazu gebracht, sein Leben der Bürgerrechtsbewegung zu widmen. Demnach hätten einfache Bürger wie E. D. Nixon und Jo Ann Robinson einen größeren Einfluss auf King gehabt als jemand wie Mahatma Gandhi. Außerdem war der Montgomery-Busboykott der einzige Protest, bei dem King ein Teil der Graswurzeln und kein Unterstützer von außen war. Im Gegenzug bot King den Bürgern Montgomerys Jackson zufolge ein Symbol, um das sie sich scharen konnten, sowie einen Vermittler zwischen den einzelnen Fraktionen der Bürgerrechtsbewegung. Stewart Burns zufolge war Kings wichtigster Beitrag zum Busboykott seine Philosophie der Gewaltlosigkeit, die er in Montgomery ausarbeitete und die sich hier als ein voller Erfolg erwies. Burns beschreibt die von King entwickelte Kreuzung gandhischer Prinzipien mit der Social Gospel als eine grundlegend afroamerikanische Tradition, so wie es die Blues und der Jazz seien. Kings Version der Gewaltlosigkeit unterschied sich auch in ihrer Praxis von derjenigen Gandhis: Während dieser in seinem Kampf gegen das Empire allein auf den friedlichen Protest setzte, waren die Aktionen der Bürgerrechtsbewegung begleitet von einem juristischen Vorgehen gegen die Rassentrennung. Jackson widerspricht Burns’ These teilweise: Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit seien so feste Bestandteile des schwarzen Christentums gewesen, dass sich die Aktivisten Montgomerys auch ohne Kings Zutun diesen Prinzipien verpflichtet hätten. Randall Kennedy hält Kings Fähigkeit, „eine moralisch ansprechende Vision des Protests“ (englisch a morally attractive vision of the protest) zu artikulieren und ihn in einem größeren Rahmen des Kampfes für das Wohl aller Menschen zu platzieren, für seinen wichtigsten Beitrag zum Protest.
Gedenken
Heute ist der Gedenken an den Busboykott ein fester Bestandteil der amerikanischen Erinnerungskultur an die Bürgerrechtsbewegung. In vielerlei Hinsicht wurde sie zu einer Legende stilisiert. Besonders die Geschichte Parks’ ist im Laufe der Zeit zu einem Teil der amerikanischen Mythologie geworden; sie gilt als die einfache, müde Bürgerin, die durch ihre Zivilcourage eine Revolution auslöste. Sie wird oft als die „Mutter der Bürgerrechtsbewegung“ bezeichnet und ist neben Martin Luther King und Malcolm X die wohl bekannteste Bürgerrechtlerin ihrer Zeit. Nach ihrem Tod – ihre Leiche wurde in der Rotunde des Kapitols aufbewahrt – schrieben Nachrufe ihr zu, alleine den Lauf der Geschichte geändert oder das System der Rassentrennung zu Fall gebracht zu haben. Dem Kommunikationswissenschaftler Kirt H. Wilson zufolge wurde sie zu einer Art Madonna stilisiert; zu einer Heiligen, die selbstlos im Dienste des menschlichen Fortschritts handelte. Durch dieses Narrativ gerieten solche Figuren wie Irene Morgan, Claudette Colvin und Mary Louise Smith, die ähnliches wie Parks geleistet hatten, in Vergessenheit. Ignoriert wird auch, dass Parks eine intelligente und klassenbewusste Aktivistin war, die gezielt gegen das System der Rassentrennung protestierte. Zurückzuführen ist diese Entwicklung auf die Rhetorik der Bürgerrechtsbewegung, die Parks als eine einfache, respektable Bürgerin darstellte und sie so zu einer Symbolfigur machte. Als Teil des Schulunterrichts wird der Busboykott von Montgomery oft eingesetzt, um die Schüler zum Nachdenken über Menschenrechte und Rassismus anzuregen.
Der Psychologe Barry Schwartz verwendet Parks’ Stellung im amerikanischen Geschichtsbewusstsein als ein Beispiel für oneness, also die gesellschaftliche Anerkennung eines einzelnen Individuums und das Kollektive Vergessen anderer, die ähnliches leisteten. Während sie immer wieder in der Öffentlichkeit geehrt wurde, sind Informationen über andere Boykotteure nur noch in Geschichtsbüchern zu finden. In diesem Aspekt sei sie mit King vergleichbar, der andere Anführer des Boykotts wie E. D. Nixon und Ralph Abernathy in den Schatten gestellt habe. Der Zweck dieses Vergessens sei es, historische Ereignisse greifbar zu machen: Das menschliche Gehirn könne die Leistungen aller Bürgerrechtler nicht begreifen, weshalb es sich auf die Handlungen eines einzelnen Individuums fokussieren müsse.
Die Protagonisten des Busboykotts wurden für ihren Einsatz für die Menschenrechte vielfach geehrt. Unter Anderen erhielten Martin Luther King, Bayard Rustin, Fred Gray und Rosa Parks die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung in den Vereinigten Staaten. King und Parks erhielten zudem die Congressional Gold Medal; King, wie oben schon erwähnt, den Friedensnobelpreis. Eine Vielzahl an Gebäuden und Straßen sind nach ihnen benannt, so die Rosa-Parks-Grundschule in Berlin; dutzende Statuen und Denkmäler sind ihnen gewidmet, darunter eine Statue Rosa Parks’ in der National Statuary Hall und eine Büste Martin Luther Kings in der Rotunde des Kapitols. Des Weiteren wird in den gesamten Vereinigten Staaten am dritten Montag im Januar der Martin Luther King Day gefeiert; in bestimmten Bundesstaaten und Städten am 1. Dezember oder dem ersten Montag nach dem 4. Februar auch der Rosa Parks Day. Mit dem Rosa Parks Act wurde es den Bürgerrechtlern von Montgomery ermöglicht, ihre Verhaftungsunterlagen zu löschen.
In Montgomery erinnern viele Gebäude an den Busboykott. Das Rosa Parks Museum und The Legacy Museum setzen sich mit den Ereignissen auseinander; der Bus, in dem Rosa Parks den Busboykott auslöste, steht heute im Henry-Ford-Museum in Dearborn. In der Maxwell-Gunter Air Force Base findet sich eine Statue Rosa Parks, die eine Zeit lang dort gearbeitet hatte. Die Dexter Avenue Baptist Church ist als National Historic Landmark designiert; die Mount Zion AME Zion Church und die Wohnung Rosa Parks’ werden im National Register of Historic Places aufgeführt.
Künstlerische Verarbeitung
Der Busboykott von Montgomery wurde mehrfach künstlerisch verarbeitet. Schon 1957 widmete ihm der Jazz-Musiker Clark Terry das Lied Serenade to a Bus Seat.
Der Busboykott wird auch in mehreren Graphic Novels und Bilderbüchern dargestellt, darunter in Pies from Nowhere: How Georgia Gilmore Sustained the Montgomery Bus Boycott (2018) von Dee Romito und Rosa Parks and the Montgomery Bus Boycott (2006) von Connie Colwell Miller. 1957 veröffentlichte der Fellowship of Reconciliation das Comicbuch Martin Luther King and the Montgomery Story.
Der Busboykott von Montgomery wurde mehrfach filmisch verarbeitet, so von den Dramen Der lange Weg (1990), Boykott (2001) und The Rosa Parks Story (2002) und der 3. Folge der 11. Staffel der Science-Fiction-Fernsehserie Doctor Who, Rosa (2018). Der Dokumentar-Kurzfilm A Time for Justice aus dem Jahr 1994, der bei der Darstellung der Bürgerrechtsbewegung auch den Busboykott von Montgomery thematisiert, erhielt einen Oscar. Weitere Dokumentationen, die sich mit dem Busboykott von Montgomery beschäftigen, sind der Kurzdokumentarfilm Mighty Times: The Legacy of Rosa Parks (2002) und die erste Folge der Dokumentarfilmserie Eyes on the Prize (1987).
Literatur
- Primärquellen
- Martin Luther King: Stride Toward Freedom. The Montgomery Story. Neuausgabe, Beacon Press 2010, ISBN 978-0-8070-0069-4. (Erstauflage 1957)
- Jo Ann Gibson Robinson: The Montgomery Bus Boycott and the Women Who Started It: The Memoir of Jo Ann Gibson Robinson. University of Tennessee Press, Knoxville 1987.
- David Garrow (Hrsg.): The Walking City: The Montgomery Bus Boycott, 1955-1956. Carlson, New York 1989
- Fred D. Gray, Willy S. Leventhal, Frank Sikora, J. Mills Thornton (Hrsg.): The Children Coming On: A Retrospective of the Montgomery Bus Boycott and the Oral Histories of Boycott Participants. Black Belt Press, Montgomery 1998.
- Robert S. Graetz: A White Preacher's Memoir: The Montgomery Bus Boycott. Black Belt Press, Montgomery 1998.
- Stewart Burns (Hrsg.): Daybreak of Freedom: The Montgomery Bus Boycott University of North Carolina Press, Chapel Hill 1997
- Historische Darstellungen
- David Garrow: Bearing the Cross. Martin Luther King, Jr., and the Southern Christian Leadership Conference. Morrow, New York 1986
- Taylor Branch: Parting the Waters: America in the King Years, 1954–1963. Simon & Schuster, New York 1988
- J. Mills Thornton: Dividing Lines: Municipal Politics and the Struggle for Civil Rights in Montgomery, Birmingham, and Selma University of Alabama Press, Tuscaloosa 2002
- Donnie Williams, Wayne Greenhaw: The Thunder of Angels: The Montgomery Bus Boycott and the People Who Broke the Back of Jim Crow. Lawrence Hill Books, Chicago 2006
- Troy Jackson: Becoming King: Martin Luther King Jr. and the Making of a National Leader University Press of Kentucky, Lexington 2008
- Jonathan Eig: King: The Life of Martin Luther King. Simon & Schuster, London 2023
- Enzyklopädische Einträge
- Bertis English: Montgomery Bus Boycott In: Paul Finkelman (Hrsg.): Encyclopedia of African American History 1896 to the Present, Oxford University Press, 2009
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