Charles Henri Sanson

Chevalier Charles-Henri Sanson de Longval (* 15. Februar 1739 in Paris; † 4. Juli 1806 ebenda) war ein französischer Henker, seit 1778 offizieller Henker von Paris und wurde als der Scharfrichter der Französischen Revolution bekannt.

Herkunft

Charles Henri Sanson entstammte einer Henkersfamilie, die, ursprünglich aus Schottland stammend, sich in Abbeville in der Picardie niedergelassen hatte und dort wichtige Ämter bekleidete. Schon sein Urgroßvater, sein Großvater und sein Vater waren nacheinander Henker in Paris.

Charles-Louis Sanson

Charles-Louis Sanson (1635–1707), ein Nachfahre des Kartografen Nicolas Sanson, war 1662 Leutnant im Regiment des Marquis von La Boissière. 1675 heiratete er Marguerite Jouënne († 1681), die Tochter des Henkers von Rouen, Pierre Jouënne. Er musste seine Militärlaufbahn beenden und ging 1687 als Witwer nach Paris. Am 24. September 1688 trat er als Nachfolger von Nicolas Levasseur das Scharfrichteramt in Paris und Versailles an. 1699 ehelichte er Jeanne-Renée Dubut.

Charles Sanson

Der Sohn aus erster Ehe, Charles Sanson (* 1681, † 25. September 1726), übernahm das Amt von 1707 bis 1726. Im Jahr 1707 heiratete er Anne-Marthe Dubutt.

Charles-Jean-Baptiste Sanson

Charles Sansons Nachfolger war sein Sohn Charles-Jean-Baptiste Sanson (1719–1778). Dieser war erst 7 Jahre alt, als sein Vater starb. Wegen seiner Minderjährigkeit vertraten ihn seine Mutter und deren zweiter Ehemann, François Prudhomme, als „Regent“ (frz. régent, offizieller Titel eines Interimshenkers) bis 1739. Um die Hinrichtungen durch seine Person, die mit dem Amt direkt verbunden war, zu legitimieren, musste Charles-Jean-Baptiste Sanson jedoch seit früher Kindheit bei den Hinrichtungen als Beobachter zugegen sein. Zudem lernte er auf diese Weise sein blutiges Handwerk.

Charles Henri Sanson wurde als ältester Sohn von Charles-Jean-Baptiste Sanson und dessen erster Ehefrau Madeleine geb. Tronson geboren.

Leben

Schulzeit und Studium

Charles-Henri Sanson wurde bis 1753 in der Klosterschule von Rouen erzogen. Zum Bedauern des Schulleiters musste er im Alter von 14 Jahren die Schule verlassen, um ihren guten Ruf nicht zu gefährden. Der Grund war die Indiskretion des Vaters eines anderen Schülers, der bei einem Besuch von Charles-Henris Vater in diesem den Henker erkannt hatte. Charles-Henri erhielt fortan Privatunterricht. Dann ging er an die Universität Leiden, um Arzt zu werden. Er hegte eine besondere Abneigung gegen das erbliche Gewerbe seiner Familie.

Henker als Beruf

Einer schweren Lähmung seines Vaters und dem Durchsetzungsvermögen Anne-Marthe Sansons, seiner Großmutter väterlicherseits, ist es zuzuschreiben, dass Charles-Henri sein Medizinstudium abbrach und den verhassten Beruf des Henkers zur Existenzsicherung seiner Familie 1754 antrat. Als Henker (bourreau) wurde er als „Monsieur de Paris“ („Der Herr aus Paris“, im Sinne von „ein gewisser Herr aus Paris“) bekannt.

1757 assistierte Charles-Henri Sanson seinem Onkel Nicolas-Charles-Gabriel Sanson (1721–1795, Henker von Reims) bei der extrem grausamen Verstümmelung und Hinrichtung des Königsattentäters Robert François Damiens. Sein Onkel quittierte danach den Dienst als Henker. 1778 bekam Charles-Henri schließlich offiziell den blutroten Mantel, das Zeichen des Henkermeisters, von seinem Vater.

Charles-Henri Sanson war ein eifriger Befürworter der Guillotine, als diese noch ein Vorschlag des Arztes Joseph-Ignace Guillotin war. Das Ziel war eine einfachere, aber vor allem eine humanere Art der Hinrichtung. Sanson argumentierte unter anderem damit, dass der Henker nach mehreren abgeschlagenen Köpfen rasch ermüde. Zudem nütze sich das Richtschwert ab, so dass er als Henker immer neue Schwerter kaufen müsse und hohe Kosten zu tragen habe. Am 25. April 1792 setzte Sanson die Guillotine erstmals ein, als er den Banditen Pelletier auf der Place de Grève hinrichtete.

Am 21. Januar 1793 richtete er König Ludwig XVI. mit der Guillotine hin. Die Enthauptung der Königin Marie Antoinette am 16. Oktober 1793 wird je nach Quelle ihm oder seinem Sohn Henri zugeschrieben. Im Jahr 1794 starben auf der Guillotine eine Reihe prominenter Revolutionäre wie Georges Danton, Camille Desmoulins, Maximilien de Robespierre oder Antoine de Saint-Just.

Charles-Henri Sanson führte insgesamt fast 2500 Enthauptungen durch. An seinen Hinrichtungen waren bis zu sechs Helfer beteiligt. Sansons Sohn Henri, der ihn de facto seit 1793 vertreten hatte, löste den von Krankheit Gezeichneten 1795 endgültig ab.

Privates

Am 10. Januar 1765 heiratete Sanson seine zweite Ehefrau, die sechs Jahre ältere Marie-Anne Jugier. Sie hatten zusammen zwei Söhne, Henri (1767–1840), der sein offizieller Nachfolger wurde, und Gabriel (1769–1792), der ebenfalls bei Hinrichtungen tätig war.

In seiner freien Zeit spielte er gern Violine sowie Cello. Er musizierte unter anderem mit seinem deutschen Freund Tobias Schmidt, der als Konstrukteur der ersten Guillotine bekannt wurde.

Charles-Henri Sanson starb am 4. Juli 1806. Er liegt auf dem Cimetière de Montmartre begraben. In dem Familiengrab liegen auch sein Sohn Henri, dessen Frau Marie-Louise geb. Damidot, der Enkel Henri-Clément Sanson und dessen Frau Virginie-Emilie geb. Lefébure.

Nachfolger

Henri Sanson

Der Sohn Henri Sanson (1767–1840) war Revolutionssoldat (Sergent, dann Kapitän der Nationalgarde von Paris, später der Artillerie und Polizei der Tribunale) und Henker. Sein Amt als Henker hatte er von 1793 bis zu seinem Tod insgesamt 47 Jahre lang inne. Er guillotinierte unter anderem den Chefankläger Antoine Quentin Fouquier-Tinville (1795).

Sein jüngerer Bruder Gabriel (1769–1792), seit 1790 Assistent seines Vaters Charles-Henri und seines Bruders Henri, war beim Zeigen eines abgeschlagenen Hauptes durch Sturz vom Gerüst zu Tode gekommen.

Henri-Clément Sanson

Henri-Clément (auch Henry-Clément) Sanson (1799–1889) war der sechste und letzte Henker in der Familie. Er übte das Amt seit 1830 als Assistent und offiziell von 1840 bis 1847 aus. Er vollzog 18 Hinrichtungen (darunter die von Pierre-François Lacenaire und Victor Avril 1836) und musste 1847 wegen seiner krankhaften Spielsucht seine Guillotine verpfänden. Als dies bekannt wurde, kam er in Haft und musste den Behörden alles darlegen. Der französische Justizminister sah sich gezwungen, die Schulden seines Henkers zu bezahlen. Am 18. März 1847 wurde Henri-Clément Sanson seiner Amtspflichten entbunden. Damit endete die 159 Jahre lange Amtszeit der Familie Sanson als Henker von Paris. Eine letzte Hinrichtung auf der ausgelösten Guillotine hatte er noch auszuführen, bis Charles-André Férey als sein Nachfolger im Amt des Henkers bestellt wurde, der nach zwei Jahren von Jean-François Heidenreich abgelöst wurde.

Henri-Clément veröffentlichte 1862/63 eine von ihm verfasste Geschichte der Henkersfamilie Sanson seit 1688. Angeblich verwendete er dafür vor allem die Aufzeichnungen seines Großvaters Charles-Henri aus der Zeit der Revolution. Dessen angebliche Tagebücher sind jedoch nicht erhalten. Tatsächlich geht das Werk auf angebliche Memoiren von Charles-Henri Sanson zurück, die 1829 (23 Jahre nach seinem Tod) publiziert wurden. Diese sind im Wesentlichen fiktional, wie auch die Familienchronik von 1862/63.

Literatur

  • Robert Christophe: Les Sanson. Bourreaux de père en fils pendant deux siècles. Arthème Fayard, Paris 1960.
  • Guy Lenôtre: Die Guillotine und die Scharfrichter zur Zeit der französischen Revolution. Kadmos, Berlin 1996, ISBN 3-931659-03-8.
  • Hans-Eberhard Lex: Der Henker von Paris. Charles-Henri Sanson, die Guillotine, die Opfer. Rasch und Röhring, Hamburg 1989, ISBN 3-89136-242-0.
  • Chris E. Paschold, Albert Gier (Hrsg.): Der Scharfrichter. Das Tagebuch des Charles Henri Sanson aus der Zeit des Schreckens 1793–1794. Insel-Verlag, Frankfurt/M. 1989, ISBN 3-458-16048-5.
  • H. Sanson (= Henri-Clément Sanson): Sept générations d’exécuteurs. 1688–1847. Mémoires des Sanson. Ed. Dupray de La Mahérie, Paris 1862–1863. Sechs Bände.
    • Tagebücher der Henker von Paris. Übersetzer: Eduard Trautner. Erster Band und zweiter Band im Projekt Gutenberg.
    • Henri Sanson: Tagebücher der Henker von Paris. 1685–1847. Erster und zweiter Band in einer Ausgabe, hrsg. v. Eberhard Wesemann und Knut-Hannes Wettig. Nikol, Hamburg 2004, ISBN 3-933203-93-7.

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