Corps Silingia Breslau zu Köln

Das Corps Silingia Breslau zu Köln ist eine pflichtschlagende Studentenverbindung am Hochschulort Köln. Es ist Mitglied im Weinheimer Senioren-Convent (WSC) und bildet gemeinsam mit dem Corps Franco-Guestphalia den Senioren-Convent zu Köln und Bonn. Silingia ist das älteste Corps am Hochschulort Köln.

Die Angehörigen des Corps werden Silingen genannt. Silingia steht – wie alle Corps – zum Toleranzprinzip und zur Weltoffenheit und vereint Akademiker verschiedener Kölner Universitäten sowie nationaler und internationaler Hochschulen. Dabei zählt Silingia Mitglieder, die aus vielen unterschiedlichen Regionen der Welt stammen oder dort leben, zu seinen Corpsbrüdern (u. a., Australien, Bulgarien, Chile, Frankreich, Großbritannien, Indien, Italien, Lettland, Mexiko, Niederlande, Österreich, Polen, Schweiz, Singapur, Spanien, Syrien, Taiwan, Türkei, VAE, Vereinigte Staaten von Amerika).

Couleur und Wappen

Das Corpsburschenband hat die Farben blau-gold-weiß mit schwarzer Perkussion, das Fuchsenband die Farben blau-gold mit schwarzer Perkussion. Es wird eine blaue Studentenmütze im Format einer Schülermütze getragen. Die Farben des Corps finden sich in den Landesfarben von Schlesien (Nieder- weiß-gelb und Oberschlesien gold-blau) wieder.

Das Wappen enthält die Wappenschilde der Städte Breslau, Berlin und Köln, die für das Corps von geschichtlicher Bedeutung waren und sind, sowie gekreuzte Korbschläger auf blau-gold-weiß mit dem Gründungsdatum und einem Herzschild mit dem Zirkel des Corps. Das Wappen wird eingerahmt durch Federbüsche in den Farben blau-gold-weiß.

Geschichte

Gründung und Anfänge in Schlesien

Die Ursprünge des Corps Silingia Breslau zu Köln liegen in Schlesien. Am 13. Juni 1877 konstituierte sich in der schlesischen Hauptstadt die Reformburschenschaft Silingia Breslau, deren Name sich von dem ehemals in diesem Gebiet ansässigen, oft als recht wehrhaft beschriebenen Vandalenstamm der Silingen ableitete.

Aus verschiedenen Gründen war die Reformburschenschaft bald gezwungen, ihre Selbständigkeit aufzugeben und sich einem starken „Partner“ anzuschließen. Diesen fand sie 1899 in der Landsmannschaft Silingia Breslau. Ursprung dieser Verbindung war der „Oppelner Abend“, den Studenten der Universität Breslau am 18. Juni 1888 in der südlich von Breslau gelegenen Kleinstadt Oppeln gegründet hatten. Zunächst nur ein loser Stammtisch Gleichgesinnter gab er sich später die feste verbindungsstudentische Form einer Landsmannschaft, der der Kern der ehemaligen Reformburschenschaft beitrat.

Auch die freie Landsmannschaft konnte ihre Autonomie und Unabhängigkeit nicht dauerhaft aufrechterhalten und trat 1912 nach einem Jahr Renoncenzeit als Corps dem Rudolstädter Senioren-Convent (RSC) bei. Der hatte seine Wurzeln an den tierärztlichen Hochschulen, expandierte aber – gegen den Widerspruch der dort bereits etablierten Senioren-Convente des Kösener Senioren-Convents-Verbands und des Weinheimer Senioren-Convents – zunehmend an andere Hochschulen. Im RSC stand Silingia seit 1922 mit Holsatia Berlin (heute: Franco-Guestphalia Köln) und Guestphalia Erlangen im roten Kartell (Gründung: 1920), welches allerdings nur kurz bestand und sich bereits 1930 wieder auflöste. Bei der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig am 18. Oktober 1913, chargierte Silingia als präsidierendes Corps des Breslauer RSC bei den Festlichkeiten vor zahlreichen geladenen Gästen (u. a., Kaiser Wilhelm II., deutsche Bundesfürsten).

Das Corps erfuhr eine Blütezeit und erwarb sich einen nennenswerten Ruf.

Nach dem Ersten Weltkrieg, an dem alle Aktiven teilnahmen, fanden sich die Überlebenden wieder zusammen und bemühten sich, die Folgezeit des großen Krieges zu überstehen. So waren zum Beispiel viele der Breslauer Studenten in den Reihen der Freikorps der Nachkriegsjahre beteiligt. Besonders schwer war für die Verbindungen die Inflationszeit, da sich viele Korporationen ohne eine finanzielle Opfer bringende Altherrenschaft nicht durch Idealismus und Optimismus alleine halten konnten.

Diese Umstände trugen dazu bei, dass insbesondere in dieser Zeit viele Verbindungen aufhörten zu existieren. Die Silingia konnte sich dieses Schicksals erwehren, verschmolz jedoch 1930 mit dem am 22. Oktober 1892 gegründeten Corps Lugia Breslau (mit den Farben zinnoberrot-weiß-hellblau; hervorgegangen aus dem „Kreuzburg-Großstrelitzer Studenten-Abend“). Das Corps Lugia renoncierte nach Übernahme der Aktiven der Landsmannschaft Ostfalia Breslau 1921 im RSC und unterhielt freundschaftliche Beziehung zum Corps Teutonia Berlin, welches maßgeblich bei der Rekonstitution Lugias nach kurzer Suspension geholfen hatte.

Beitritt zum Weinheimer Senioren-Convent durch Verschmelzung mit Montania Breslau

Dieser Verschmelzung folgte bereits am 4. November 1933 der Zusammenschluss mit dem Corps Montania Breslau im Weinheimer Senioren-Convent (WSC) zum Corps Montania-Silingia Breslau und damit die Aufnahme in den WSC. Am 17. Juni 1934 nahm Montania-Silingia den Namen Corps Silingia Breslau an. Das Wappen mit Zirkel der Montania befindet sich noch heute am Wappentor der Wachenburg. Es ist das äußerste Wappen unten rechts.

Montania war am 2. Februar 1900 an der Technischen Hochschule Charlottenburg als „Akademischer Verein Eisenhütte“ gegründet und im Wintersemester 1911/12 nach Breslau verlegt worden. Am 19. Juli 1925 erklärte sie sich zum freien Corps mit gold-silber-schwarzen Farben (heraldisch sind zwei nebeneinander liegende Metallfarben äußerst selten), schwarzer Mütze und der Devise „Glückauf allewege!“. 1926 beschloss der Weinheimer Senioren-Convent „zur Stärkung des Deutschtums“ an der Technischen Hochschule Breslau neben den bereits bestehenden Frisia und Neo-Franconia die Errichtung eines dritten Corps. Ein noch auf der Weinheimtagung eingesetzter Ausschuss nahm Verhandlungen mit Montania auf, die am 1. Juli 1926 als renoncierendes Corps in den SC der Technischen Hochschule aufgenommen und am 6. November 1926 Vollmitglied des WSC wurde. Als Unterstützung wurden je zwei Mitglieder der Corps Franconia Karlsruhe und Borussia Danzig sowie ein Stuttgarter Stauffe bei Montania aktiv.

Zweiter Weltkrieg, Verlust der Heimat und Nachkriegszeit

Unter dem Druck des nationalsozialistischen Regimes löste sich der Weinheimer Senioren-Convent 1935 auf. Durch die „Kameradschaft Siling“ wurde versucht, die Tradition der Silingia während des Krieges weiterzuführen. Die Kameradschaft Siling war die einzige Kameradschaft in Deutschland, die den Namen der Korporation weiterführte, aus der die Altherrenschaft hervorgegangen war. Die Corps Frisia und Neo-Franconia traten später dieser Kameradschaft bei, jedoch stellten die alten Silingen etwas über fünfzig Prozent der damals etwa zweihundert Personen zählenden Altherrenschaft. Das Breslauer Corpshaus wurde bei der Erstürmung Breslaus durch die Rote Armee vollkommen zerstört.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs fanden sich die Silingen etwa ab Mitte 1948 wieder zusammen. Damaliger Dreh- und Angelpunkt war Frankfurt am Main. Doch war die Silingia nach wie vor stark geschwächt und nunmehr heimatlos, ohne Verankerung in Form von Haus, Grundbesitz und Hochschule. In dieser Situation kam es zu einer kurzfristigen Verschmelzung mit dem Corps Normannia-Marburg, die jedoch aufgrund unvorhergesehener Probleme alsbald wieder in beiderseitigem Einverständnis gelöst wurde.

Am 1. Januar 1954 verschmolz Silingia mit dem Altherrenschaftsverband des Corps Baltia Berlin, das gleichfalls auf eine lange Tradition zurückblickte.

Baltia wurde am 17. Februar 1877 als „Verein Grauer Klosteraner“ an der Universität zu Berlin von Eduard August Paul Kerckhoff, einem promovierten Altphilologen und späteren Lehrer am Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster, und weiteren Absolventen gegründet. Das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster war die herausragendste Eliteschule Berlins und ist heute das älteste Gymnasium der Stadt. Baltia hatte wie Silingia die Farben blau-gold-weiß allerdings mit goldener Perkussion. Der Wahlspruch Baltias lautete „Froh im Frieden, stark im Streit!“. 1913 wurde Baltia nach einjähriger Renoncierung Vollmitglied im RSC und unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu den Corps Frisia Breslau und Rheno-Guestphalia Leipzig. Eine kurzzeitige Fusion mit dem Corps Teutonia Berlin, die kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erfolgte, wurde nach Kriegsende wieder gelöst (1933 bis 1952). Die Verschmelzung hatte sich aufgrund der erfolgten Suspension der Verbände in den 1930er Jahren nie richtig entfaltet.

Unter Berücksichtigung der bedeutenden Geschichte der Baltia wurde deren Stiftungstag von Silingia übernommen, so dass heute noch sowohl am 17. Februar als auch am 13. Juni gefeiert wird.

Rekonstitution in Köln

Gleichfalls im Jahr 1954 rekonstituierte Silingia an der Universität zu Köln. Personelle Unterstützung erhielt sie von den Corps Franco-Guestphalia, Rheno-Nicaria Mannheim, Hermunduria Leipzig zu Mannheim-Heidelberg und Berolina Berlin. Bis 1956 bezog Silingia eine eigene Etage in der historisch bedeutsamen Funkenburg (Ulrepforte am Sachsenring) und mietete bis 1958 eine Etagenwohnung auf den Kölner Ringen (Hohenstauffenring). Kurze Zeit später wurde eine repräsentative Jugendstilvilla in Nähe von Universität/Uniklinik in der Lindenburger Allee 36 erworben, nach corpsstudentischen Bedürfnissen zu einem Corpshaus und Studentenwohnheim umgebaut und auf den Namen „Silinghaus“ getauft. Das Corpshaus wurde 1986 in die Liste der Baudenkmäler im Kölner Stadtteil Lindenthal aufgenommen und verfügt über den größten privat genutzten Garten im gesamten Stadtteil Lindenthal.

Das Corps heute

Das Corps besteht derzeit aus rund 130 Alten Herren und 20 Aktiven/Inaktiven der verschiedensten Kölner Hochschulen und Fakultäten. Das Corps Silingia Breslau zu Köln ist heute die einzige studentische Verbindung der früheren Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität, die an der Universität zu Köln, die 1951 die Patenschaft für die Breslauer Universität übernahm, aktiv ist.

Seit der ersten Verleihung der Friedrich-von-Klinggräff-Medaille 1987 wurden bisher zwei Silingen mit dieser Auszeichnung geehrt (1996 und 2021).

Verhältnisse

Freundschaftsverhältnisse bestehen mit folgenden Corps:

  • Corps Hermunduria Leipzig zu Mannheim-Heidelberg (2009)
  • Corps Saxo-Thuringia München (2011)

Bekannte Silingen

Juristen

  • Karl Lorenz (1868–1931), Jurist, Senatspräsident beim Reichsgericht
  • Herbert Spruth (1900–1972), Jurist, Genealoge und Pommernforscher
  • Otto Ulmer (1890–1946), Jurist, Landrat in Marienwerder

Künstler, Schriftsteller und Journalisten

  • Karl Drescher (1864–1928), Professor für Germanistik, Leiter der Kommission zur Herausgabe der Werke Martin Luthers
  • Walther Kohlhase (1908–1993), Maler, Meister des Holzstichs
  • Lutz Mackensen (1901–1992), Sprachforscher und Lexikograph
  • Franz Strzelczyk (1880–1955), Philologe, Lyriker, Schriftsteller und Lehrer
  • Viktor Warsitz (1906–1987), Schauspieler, Theaterregisseur und Bühnenautor
  • Bruno Wehnert (1875–1959), Pädagoge, Religions- und Sprachwissenschaftler
  • Hans Zehrer (1899–1966), Journalist, ehemaliger Chefredakteur der Zeitung Die Welt, Weggefährte von Axel Springer

Mediziner und Veterinäre

  • Albert Bundle (1862–1949), Veterinär, geistige Leitfigur des Rudolstädter Senioren-Convents
  • Reinhard Froehner (1868–1955), Tierarzt, Veterinärhistoriker
  • Lothar Gürich (1872–nach 1940), Mediziner, Forscher auf dem Gebiet der Herdlehre
  • Kurt Henseleit (1907–1973), Mediziner, Biochemiker, Ko-Entdecker des ersten Stoffwechselkreislaufs der Biochemie (Harnstoffzyklus)
  • Ernst Holstein (1901–1985), Mediziner, Professor der Humboldt-Universität Berlin
  • Gerd Jungkunz (* 1946), Mediziner, Professor der Julius-Maximilians-Universität Würzburg
  • Max Weidner (1859–1933), Alternativmediziner und Geheimer Medizinalrat

Naturwissenschaftlicher und Ingenieure

  • Otto Emicke (1891–1970), Metallurg, Professor an der Bergakademie Freiberg
  • Abraham Esau (1884–1955), Rundfunkpionier, Erfinder des UKW-Senders, Rektor der Universität Jena, Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin, Stiftungskommissar der Carl-Zeiss-Stiftung, Mitglied der Leopoldina, nominiert für den Physik-Nobelpreis (1935)
  • Wilhelm Esser (1878–1932), Metallurg, Vorstand in der Eisen- und Stahlindustrie
  • Paul Faber (1880–1951), Metallurg, Manager in der Eisen- und Stahlindustrie
  • Arthur Grützner (1891–1961), Senatspräsident beim Deutschen Patentamt, Autor diverser Gmelin Patentsammlungen
  • Ernst Larson (1885–1941), Vorstand in der Eisen- und Stahlindustrie, schwedischer Politiker
  • Gerhard Müller (1899–1987), Ingenieur, Chemiker und Erfinder des Simon-Müller-Ofens
  • Wilhelm Oertel (1891–1942), Metallurg, Dozent an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen
  • Edmund Pakulla (1892–1975), Manager in der Eisen- und Stahlindustrie
  • Kurt Priemel (1880–1959), Naturwissenschaftler, Direktor des Frankfurter Zoos
  • Johann Puppe (1882–1941), Walzwerktechniker, Dozent der Technischen Hochschule Breslau
  • Martin Reimann (1902–1978), Vorstand in der Eisen- und Stahlindustrie, 1. Präsident der European Coil Coating Association (ECCA)
  • Otto Schleimer (1876–1957), Unternehmer, Vorstand in der Eisen- und Stahlindustrie
  • Robert Wokittel (1893–1970), Geologe, Mineraloge und Professor an der Universidad Nacional de Colombia

Politiker und Staatsbeamte

  • Klaus Hänsch (* 1938), Politiker (SPD), ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments
  • Friedrich Hassbach (1938–2023), Politiker (CDU), Verbandsdirektor in der Deutschen Bauindustrie
  • Wolfgang Hassenpflug (1860–1932), königlicher Gewerberat
  • Willi Sander (1907–1995), Politiker (SPD), Genossenschaftler

Theologen

  • Gottfried Nay (1878–1959), Theologe, Mitglied der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften

Siehe auch

  • Liste der Weinheimer Corps
  • Liste der Studentenverbindungen in Köln

Literatur

  • Michael Doeberl, Otto Scheel, Wilhelm Schlink, Hans Sperl, Eduard Spranger, Hans Bitter und Paul Frank (Hrsg.): Das akademische Deutschland. Band 2: Die deutschen Hochschulen und ihre akademischen Bürger. Berlin 1931, S. 622, 692.
  • Heinz Gelhoit: Das Korporationswesen in Breslau 1811–1938. WJK-Verlag 2009. S. 144 ff., Google Books
  • Paulgerhard Gladen: Die Kösener und Weinheimer Corps: Ihre Darstellung in Einzelchroniken. 1. Auflage. WJK-Verlag, Hilden 2007, ISBN 978-3-933892-24-9, S. 281–282.
  • Georg Bednarski von Liß: Gekappte Wurzeln. S. 155 ff.
  • Ebbo Demant: Hans Zehrer als politischer Publizist. S. 11.

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