Der geschlossene Handelsstaat

Der geschlossene Handelsstaat ist eine philosophische Schrift über ein utopisch-etatistisches Gesellschafts-, Wirtschafts- und Staatsmodell von Johann Gottlieb Fichte. Das Werk der politischen Philosophie und politischen Ökonomie zählt zu Staatstheorien des Deutschen Idealismus und wurde im Jahr 1800 publiziert.

Konzept

Nach Fichte ist ein „geschlossener Handelsstaat“ ein Nationalstaat, dessen in Ständen organisierte Subjekte der Planwirtschaft der Regierung unterworfen sind. Anstelle des Markts sollen Staatsbeamte die Produktion und Verteilung der Güter nach dem Prinzip des Egalitarismus und je nach berechnetem Grundbedürfnis im Rahmen eines allumfassenden Sozialstaats verwalten. Sie haben auch die Preissetzungsfunktion in einem Fiatgeld inne. Die Geldschöpfung liegt allein in der Macht des Staates. Allein in der staatlichen Währung ist zu handeln und sind auch alle Abgaben an den Staat zu leisten. Die Subjekte unterliegen einer ihren Fähigkeiten entsprechenden Arbeitspflicht und dürfen generell keinen Außenhandel, Geld- oder Reiseverkehr mit dem Ausland betreiben. Dies darf in erforderlichem Umfang nur der Staat, der als weitgehend autarkes System der Zentralverwaltungswirtschaft in einer Volkswirtschaft mit hermetisch verschlossenen Außengrenzen zu verstehen ist. Den Binnenhandel kontrolliert ebenfalls der Staat. In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung dient das Scheffel Korn als gleichbleibender Wertmaßstab aller Arten der Produktion (Arbeitsquantum). Das Eigentum ist auf das Recht der Subjekte beschränkt, die durch den Staat zugewiesenen Sachen bestimmungsgemäß zu nutzen. Der wirtschaftliche Wettbewerb, den Fichte mit einem Krieg verglich, und der privatnützige Profit, den Fichte als Raub am gesellschaftlichen Gesamtvermögen ansah, sollen somit ausgeschaltet und durch zentralisierte staatliche Verwaltung ersetzt sein. Um den Idealstaat zu verwirklichen, sollen die individuellen Freiheiten drastisch beschnitten, die privatnützigen Tätigkeiten außerhalb einer zugestandenen Muße weitgehend verboten und das Leben der Menschen Staatszielen streng untergeordnet sein.

Fichte adressierte seine Schrift an den preußischen Finanzminister Carl August von Struensee, dem er sie auch widmete und zur politischen Umsetzung empfahl. Die Schrift wurde in einer Zeit der Entbindung von Lehrverpflichtungen abgeschlossen, als Fichte im sogenannten Atheismusstreit dazu veranlasst worden war, von seiner Philosophie-Professur an der Universität Jena zurückzutreten. Sie entstand unter dem Eindruck des Jakobinismus und knüpfte an Gedanken aus seinem Jenaer Werk Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre (1796) an.

Ideengeschichte

In merkantilistischen Denktraditionen des deutschen Kameralismus, zeitgenössischen liberalen, klassisch nationalökonomischen Erklärungen der Wirtschaft diametral entgegenstehend, etwa der Freihandelslehre von Adam Smith (Der Wohlstand der Nationen, 1776), kam Fichte auf der Grundlage der antikapitalistischen Denkfigur, dass der Frühkapitalismus seiner Zeit ein „Krieg zwischen Käufern und Verkäufern“ sei, zum Schluss, dass die „Anarchie des Handels“ rigoroser Eingriffe des „Vernunftstaates“ als Träger des „sittlichen Handelns“ bedürfe, um eine zivilisatorische Ordnung und ein ökonomisches Gleichgewicht herzustellen. Aus seiner Sicht war die als Nation verstandene Bevölkerung vor schädlichen, insbesondere von außen kommenden Einflüssen durch eine das Leben der Subjekte obrigkeitsstaatlich reglementierende und harmonisierende Gesellschaftskonzeption des Kollektivismus, Protektionismus und Isolationismus zu schützen. Hinsichtlich der äußeren Einflüsse, vor denen er die Bevölkerung durch eine neue Staatsräson abschirmen wollte, bezog sich Fichte wohl auf Entwicklungen, wie sie sich im Zuge einer Veränderung der Güter- und Kapitalströme durch Industrielle Revolution, Kolonialismus, Sklavenhandel und beginnendem Finanzmarkt-Kapitalismus zutrugen (Handel mit Wechseln und Aktien, Emission von inflationärem Fiatgeld wie Banknoten der Banque Générale unter John Law und Philipp von Orléans oder wie Assignate und Territorialmandate während der Französischen Revolution).

Fichtes Annahme, freier Handel und Markt seien schädliche Anarchie, entstammt der klassischen Staatstheorie der Antike. Die Idee, den Naturzustand menschlicher Interaktion (einschließlich der Marktwirtschaft) als unzulänglich und regelungsbedürftig aufzufassen, fand in der Theorie Thomas Hobbes’ als Menschen- und Weltbild des „Kriegs aller gegen alle“ eine neuzeitliche Fortsetzung und führte zur klassischen Staats- und Vertragstheorie des 17. und 18. Jahrhunderts.

Fichtes daran anknüpfende kritische Sichtweise auf eine freie Wirtschaft wurde im 19. Jahrhundert ein Standardtopos der marxistisch inspirierten Kapitalismuskritik. Karl Marx und Friedrich Engels sprachen von „Anarchie der Produktion“. Der Sozialist Ferdinand Lassalle entwickelte im Rückgriff auf Fichtes Ideen eines geschlossenen Handelsstaats Vorstellungen einer staatlichen Sozialpolitik für Arbeiter. Der deutsche Nationalökonom Karl Rodbertus, der als Begründer des Staatssozialismus gilt, sowie Vertreter der Historischen Schule der Nationalökonomie, polemisch oft als „Kathedersozialisten“ bezeichnete Nationalökonomen, die sich 1873 im Verein für Socialpolitik organisierten und beherrschenden Einfluss auf die Volkswirtschaftslehre in Deutschland nahmen, griffen den etatistischen Ansatz Fichtes im 19. und 20. Jahrhundert auf, indem sie sich für Staatsinterventionismus aussprachen. Der deutsche Staatsrechtslehrer Lorenz von Stein sah in Fichtes Werk einen „Reflex der französischen socialistischen Ideen“. Nach dem österreichischen Sozialphilosophen Max Adler war Fichte wegen seiner frühsozialistischen Staatstheorie „der erste deutsche Sozialist der Neuzeit“. Fichtes Handelsstaat bezeichnete der deutsche Soziologe und Nationalökonom Ferdinand Tönnies als „das erste sozialistische Gedankensystem, das die deutsche Literatur hervorbrachte“. In der Schrift Deutscher Sozialismus (1934) erklärte der deutsche Soziologe und Nationalökonom Werner Sombart Fichte aufgrund seiner Staatstheorie als frühen Vertreter eines „nationalen Sozialismus“. Auch politische Philosophen in der DDR sahen in ihm einen Ursprung des deutschen Staatssozialismus.

Die in Fichtes Modell vorgetragene Idee der Abschottung einer Volkswirtschaft von „schädlichen“ internationalen Märkten fand in Friedrich List und Arthur Moeller van den Bruck einflussreiche Verfechter. List bereitete so einen theoretischen Boden für neomerkantilistische Schutzzölle des 19. Jahrhunderts, insbesondere die Bismarck’sche Schutzzollpolitik, Moeller van den Bruck für Propaganda und Wirtschaft im Nationalsozialismus. Der Nationalsozialist Ferdinand Friedrich Zimmermann berief sich zur Erklärung der NS-Wirtschaftspolitik ausdrücklich auf den geschlossenen Handelsstaat und bezeichnete Fichte als „ersten Künder einer nationalsozialistischen Gedankenwelt“. Noch Ende der 1990er Jahre verwies der „Nationalmarxist“ Reinhold Oberlercher auf Fichtes Konzept als volkswirtschaftliches Vorbild und Gegenmodell zu Globalisierung und Freihandel.

Zeitgenössischen Widerspruch erahnte Fichte bereits, als er den geschlossenen Handelsstaat schrieb. So erwartete er, dass das liberale Unternehmertum wegen der Beschränkung der wirtschaftlichen Freiheit und Freizügigkeit an seinem Konzept Anstoß nehmen würde. Die tatsächliche Kritik, die Fichte durch Zeitgenossen sodann erfuhr, sah durch Fichtes Konzept allerdings nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die politischen Freiheiten als bedroht an. So verglich August Wilhelm Rehberg den geschlossenen Handelsstaat mit einem „großen Zuchthaus“. Christian Gottfried Körner hielt Fichtes Werk gar für „politische Ketzerei“ und brachte die von Fichte vorgeschlagenen Einschränkungen mit dem Schreckenssystem Robbespierres in Verbindung.

Im 20. Jahrhundert verwarf der deutsche Kulturpsychologe Wilhelm Wundt Fichtes Konzept angesichts der Gegebenheiten der Weltwirtschaft, meinte aber, dass der Erste Weltkrieg, der mit militärischen und wirtschaftlichen Mitteln geführt werde, die Notwendigkeit eines geschlossenen Handelsstaats gezeigt habe (Kriegswirtschaft).

Schrift

  • Der geschlossene Handelsstaat. Ein philosophischer Entwurf als Anhang zur Rechtslehre und Probe einer künftig zu liefernden Politik. J. B. Cotta’sche Buchhandlung, Tübingen 1800 (Digitalisat).

Literatur

  • Johann Braun: Freiheit, Gleichheit, Eigentum. Grundfragen des Rechts im Lichte der Philosophie J. G. Fichtes. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1991, ISBN 3-16-145825-7, S. 33 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Thomas Sören Hoffmann: Fichtes Geschlossener Handelsstaat. Beiträge zur Erschließung eines Anti-Klassikers. (= Begriff und Konkretion. Beiträge zur Gegenwart der klassischen deutschen Philosophie. Band 7). Duncker & Humblot, Berlin 2018, ISBN 978-3-428-15363-3.
  • Hans Hirsch: Fichtes Planwirtschaftsmodell als Dokument der Geistesgeschichte und als bleibender Denkanstoß. In: Praktische und angewandte Philosophie II: Beiträge zum vierten Kongress der Internationalen Johann-Gottlieb-Fichte-Gesellschaft in Berlin vom 03.–08. Oktober 2000. Brill, Leiden 2021, ISBN 978-9-0044-5651-8, S. 165–177.

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