Georg Thomas Mandl (auch Georg T. Mandl) (* 8. August 1923 in Prag, Tschechoslowakei; † 4. Februar 1997 in Netstal, Schweiz) war ein bibliophiler und in der europäischen Papierwirtschaft tätiger Unternehmer. Er engagierte sich bei der International Association of Paper Historians und übereignete seine Sammlung von Handschriften, alten Drucken und signierten Büchern der gemeinnützigen G. T. Mandl-Stiftung, deren Bibliothek in Netstal unter Denkmalschutz gestellt ist.
Leben
Der Grossvater Sigmund Mandl aus Troppau erwarb 1920 in der Gemeinde Merkelsgrün von Ernst Naundorff eine Pappenfabrik, die braune Lederpappen produzierte, für seine beiden Söhne Gottfried und Wilhelm. Gottfried Mandl heiratete die 1901 in Prag geborene Hana Ascher. Die Eltern von Georg T. Mandl und dessen 1926 geborener Schwester Anita Mandl wurden Gesellschafter der Firma, modernisierten den Betrieb und produzierten zusätzlich Graupappen auf Altpapierbasis. Noch 1936 war der Betrieb als Ernst Naundorff Nachf., Holzstoff- und Pappenfabrik in Merkelsgrün (Merklin u Karlovych Varu) verzeichnet, als Inhaber wurden «Dr. Gottfried Mandel, Hanna Mandel [!]» angegeben, und die Geschäftsstelle befand sich in Prag.
Da Gottfried Mandl nur Deutsch sprach und dies als ein Manko empfand, schickte er seinen Sohn im Interesse des Spracherwerbs auf tschechische, deutsche, französische und englische Schulen. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war dieser in England und trat, als er 18 Jahre alt war, den alliierten Streitkräften bei. 1944 nahm er an der Alliierten Invasion in der Normandie teil. In der Zwischenzeit war die elterliche Firma im November 1938 unter kommissarische Leitung und dann durch Zwangsveräusserung an ein Ehepaar aus Grossschönau gekommen, die das Unternehmen unter der Firma H. & M. Kreibich Kommanditgesellschaft bis Mai 1945 betrieben.
Nun übernahm der 22-jährige Sohn die Geschäftsführung, denn der Vater war am 11. März 1942 in Prag gestorben und die Mutter im März 1944 in Auschwitz ermordet worden. «Wegen seines militärischen Einsatzes auf alliierter Seite entging er – er galt als Halbdeutschstämmiger – der Vertreibung der Sudetendeutschen, musste aber die deutsche Belegschaft durch tschechische Siedler ersetzen.» Im Februar 1948 wurde das Unternehmen ohne jegliche Entschädigung verstaatlicht und ging in den Besitz der Zapadočeské Papírny (Westböhmische Papierfabriken) in Pilsen über.
Der Unternehmer
Unter grossen Schwierigkeiten kehrte Mandl im Februar 1949 nach England zurück und nahm eine Anstellung bei der Buckinghamshire Paper & Box Company in West Drayton als Kalkulationsangestellter in der Verkaufsabteilung an. Nachdem er sich kurzzeitig mit dem Import von Strickhemden aus Hongkong befasst hatte, litt der Handel mit Ghana und Nigeria unter der Vertreibung von aus dem Vereinigten Königreich stammenden Gesellschaften.
Mandl kehrte in die Papierwirtschaft zurück. Unter anderem befasste sich mit dem Vertrieb von Buntpapieren aus Belgien und arbeitete als Vertreter einer niederländischen Kartonfabrik. 1956 entstand die Gesellschaft G. T. Mandl & Co., die sich mit dem Handel schwedischer Erzeugnisse nach dem Vereinigten Königreich sowie nach Belgien, Deutschland, Dänemark und Österreich befasste. 1962 erwarb er Anteile an der Fourstones Paper Mill. Dort produziertes Filterpapier sollte in Österreich und Dänemark zu Kaffeefiltern verarbeitet werden. An seinem 50. Geburtstag konnte eine Fabrik in der dänischen Kleinstadt Otterup eröffnet werden.
1974 kam eine Übereinkunft mit der Schweizer Papierfabrik Netstal zustande, die für die Fertigung von Filterpapieren und anderen Spezialpapieren umgebaut wurde. Auch im belgischen Zaventem konnten Anteile an einem wichtigen Verarbeiter gewonnen werden. Die Dynamik des Unternehmens kam darin zum Ausdruck, dass es 1974 Beschäftigte hatte, diese Zahl aber infolge von Konsolidierung und Optimierung des Ressourceneinsatzes bis 1985 unter 250 sank.
Anlässlich seines 70. Geburtstags wurde 1993 betont, dass es ihm gelungen sei, zwei vertikal integrierte Papiermühlen und fünf Verarbeitungsbetriebe aufzubauen. Seine Firmengruppe wurde als europäischer Marktleader bei Spittalbetteinlagen und zweitgrösster Hersteller von Kaffeefiltern bezeichnet.
Schliesslich wurde nach der Trennung von Tschechien und der Slowakei am 16. März 1995 ein Vertrag in Pilsen unterzeichnet und die Papierfabrik in Merklin an den alten Eigentümer zurückerstattet. In die Mandl-Gruppe integriert, sollte sie vor allem Kaffeefilter für den tschechischen Staat herstellen. Mandl resümierte: «So ist die Papiermühle Merkelsgrün nach 48 Jahren (oder 52 Jahren, wenn man die Zeit der Enteignung durch die Nationalsozialisten dazurechnet) zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückgekehrt und darf einer helleren Zukunft entgegensehen.»
Der Papierhistoriker
Die unternehmerischen Aktivitäten in England brachten ihn mit traditionsreichen Papiermühlen bzw. Papierfabriken in Verbindung. Deshalb war er an der Quellenzusammenstellung zur Geschichte der einzelnen Werke interessiert und kooperierte mit den dafür kompetenten Fachleuten. Ausgangspunkt war die Geschichte der Fourstone Paper Mill, die in Warden am South Tyne gelegen ist. Sie war die älteste Papiermühle in Northumberland, 1763 hiess sie Warden Paper Mill, in den späten 1860ern wurde sie South Tyne Paper Mill genannt, seit 1907 firmierte sie unter Fourstone Paper Mill. Das 200-jährige Jubiläum gab Mandl am 19. April 1963 Gelegenheit für eine Rede in der Stationers’ Hall in London, die auf die Höhen und Tiefen der Unternehmensgeschichte einging. Jahre später beauftragte Mandl den Buchhistoriker Peter Isaac (1921–2002) mit der exakten Ermittlung aller einschlägigen historischen Unterlagen. Durch die Fertigungsgeschichte der Fourstone Paper Mill kam Mandl in Kontakt mit der Gewinnung von Zellstoff aus Espartogras. Das daraus gefertigte Papier wurde auch Alfapapier genannt und zeichnete sich durch seine Weichheit aus. Mit Interesse dokumentierte Mandl die inzwischen obsolet gewordenen Fertigungsschritte in Wort und Bild.
Das Zusammengehen mit der Firma Thomas & Green, deren Soho Mill und dann auch mit H. Allnutt & Son vertiefte das Interesse an englischer Papiergeschichte. So unterstützte er die Witwe von Alfred Henry Shorter bei der Herausgabe von dessen nachgelassener Untersuchung zur Geschichte und Geografie der britischen Papiererzeugung. Mit Interesse verfolgte Georg Thomas Mandl die Aktivitäten und die Publikationen der British Association of Paper Historians (BAPH).
Als er sich in Netstal engagierte, befasste er sich mit Schweizer Papiergeschichte und veröffentlichte eine Abhandlung zu den Papiermühlen im Kanton Glarus. Er engagierte sich für die Basler Papiermühle, für die Schweizer Papierhistoriker, war 1995 Gastgeber für die Tagung des Deutschen Arbeitskreises für Papiergeschichte und übernahm wichtige Aufgaben für die IPH, für die er von 1986 bis zu seinem Tod als Vizepräsident amtierte. Zudem hielt er engen Kontakt zu Dard Hunter II, der in den USA ausführlich das Leben seines Vaters Dard Hunter dokumentierte.
Der Sammler
Im Juni 1996 wurde Georg Thomas Mandl von Sheila Markham für den Bookdealer interviewt. Im Alter von 11 Jahren hatte er 1934 das Sammeln begonnen. Angeregt durch seinen Geigenlehrer, bat er berühmte Musiker – Dirigenten, Komponisten und Solisten – bei Auftritten bei den Tschechischen Philharmonikern um Autogramme.
Ehrungen
- 1981 Paper Industry Gold Medal
- 1992/23 Wahl zum Zunftmeister der «Stationer’s Company» in London
Veröffentlichungen
- Die Geschichte der Papiermühlen im Kanton Glarus. Herausgegeben durch die Schweizer Papierhistoriker Neujahr 1978.
- Dreihundert Jahre Papierfabrik Netstal. Mit einem Vorwort von Georg Thürer. Netstal 1979
- (Als Hrsg.) Three hundred years in paper. Butler & Tanner, Frome and London 1985.
- G. T. Mandl Holdings Ltd. In: Three hundred years in paper. Butler & Tanner, Frome and London 1985, S. 26–31.
- Aus der Geschichte der Holzschleiferei und Pappenfabrik in Merkelsgrün bei Karlsbad. In: SPH Kontakte, Nr. 41, Januar 1985, S. 710–712.
- Johann Jakob Scheuchzers Beziehungen zum Glarnerland. In: Jahrbuch des Historischen Vereins des Kantons Glarus. 70, 1985, S. 17–33. (Digitalisat Letzter Abruf am 1. Januar 2026).
- Fifty years in the paper trade. In: International Association of Paper Historians: IPH-Information 22 (1988), Nr. 2, S. 61–65.
Literatur
- Sheila Markham: The Interviews, Georg Mandl. Juni 1996 (online, abgerufen am 3. Januar 2026).
- Peter F. Tschudin: Georg Thomas Mandl zum Gedenken. In: International Paper History. 7, 1997, Nr. 1, S. 1.
- Sandra L’Abate, Gisela Mandl: Katalog der Büchersammlung von Georg Thomas Mandl. Im Auftrag der G. T. Mandl-Stiftung. G. T. Mandl-Stiftung, Netstal 2021 (Inhaltsverzeichnis).
Einzelbelege
- G. T. Mandl-Stiftung (online, abgerufen am 1. Januar 2025).
- Eidgenössisches Departement des Innern EDI (Hrsg.): Verzeichnis der Denkmäler, Ensembles und archäologischen Stätten von nationaler Bedeutung. 2. überarbeitete Fassung 2021, S. 122.
- Georg Thomas Mandl: G. T. Mandl Holdings Ltd. 1985, S. 26.
- Richard A. Hawkins: The Dudley Refugee Committee and the Kindertransport, 1938–1945. In: Jewish Historical Studies: A Journal of English-Speaking Jewry. 51, 2020, 1, S. 183—201, hier S. 101 ([1], abgerufen am 2. Januar 2025).
- «Birkner», Adressbuch der Papierindustrie Europas. Berlin 1936, S. II 171.
- Sheila Markham: The Interviews, Georg Mandl. Juni 1996.
- Three hundred years in paper. 1985, S. 349.
- Yad Vashem, Gedenkblatt Hana Ascher (Digitalisat).
- Peter F. Tschudin: Georg Thomas Mandl zum Gedenken. 1997, S. 1.
- Three hundred years in paper. 1985, S. 350.
- G. T. Mandl Holdings Ltd., 1985, S. 31.
- George T. Mandl zum Siebzigsten. In: International Paper History 3 (1993), Heft 2, S. 30.
- Georg Thomas Mandl: Erlebte Papiergeschichte des 20. Jahrhunderts. In: International Paper History 5 (1995), Nr. 3, S. 45—46, hier S. 46.
- Durham University Archives: Peter Isaac Collection (Archives Hub Letzter Zugriff am 2. Januar 2026)
- Peter C. G. Isaac: Fourstone Paper Mill. The documents speak. In: Three hundred years in paper. 1985, S. 53–74.
- Alfred Henry Shorter: Paper making in the British Isles an historical and geographical study. David & Charles. Newton Abbot 1971.
- Georg Thomas Mandl: Dard Hunter – Ansprache bei der Vernissage, 27. März 1987, von der Hunter-Ausstellung in der Basler Papiermühle. In: IPH-Information. 21, 1987, Nr. 1, S. 31–38.
- George T. Mandl zum Siebzigsten. In: International Paper History 3 (1993), Heft 2, S. 30.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Mandl, Georg Thomas |
| ALTERNATIVNAMEN | Mandl, Georg T. |
| KURZBESCHREIBUNG | Bibliophiler, Papierhistoriker und Unternehmer der internationalen Papierwirtschaft |
| GEBURTSDATUM | 8. August 1923 |
| GEBURTSORT | Prag |
| STERBEDATUM | 4. Februar 1997 |
| STERBEORT | Netstal |
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