Giovanni da Cermenate (gestorben wohl 1344) war ein spätmittelalterlicher Geschichtsschreiber und Vertreter des frühen Renaissance-Humanismus.
Über sein Leben ist nicht viel bekannt. Seine Familie scheint aus der Region um Como zu stammen, bevor er selbst in Mailand wirkte. Das genaue Geburtsjahr und Todesjahr ist unbekannt, wenngleich um 1280 bzw. 1344 angenommen werden kann. In Mailand war Giovanni jedenfalls zum Zeitpunkt des Italienzugs des römisch-deutschen Königs Heinrich VII. als Notar tätig. Giovanni war Zeitzeuge für mehrere Ereignisse des Romzugs, so war er unter anderem beim Mailänder Aufstand Anfang 1311 anwesend und stand anschließend auf der Seite des kaiserfreundlichen Matteo I. Visconti. Er fungierte 1313 als ein Mailänder Syndicus (Vertreter der Stadt) und ist dann 1335, 1336 und 1340 als Ratsmitglied Mailands belegt. Er scheint deshalb über mehrere Vorgänge gut unterrichtet gewesen zu sein, was den Schilderungen seines Geschichtswerks zugutekam.
Giovannis lateinisches Geschichtswerk entstand vermutlich in Etappen, wobei der erste Teil um 1317 vollendet wurde. Es ist nur fragmentarisch erhalten geblieben und bricht mitten im Text ab; erhalten sind 68 Kapitel, die sich vor allem mit der Zeitgeschichte befassen. Dem zeitgeschichtlichen Teil geht eine knappe Schilderung in den ersten fünf Kapiteln voraus, die von der durch Sagen verzerrten Frühzeit Italiens bis in die Spätantike reicht. Im sechsten Kapitel erfolgte ein ideengeschichtlich bemerkenswerter Exkurs, der zur Legitimation des Weltkaisertums diente. Giovanni war demnach offensichtlich mit den gängigen Argumentationsmustern der diesbezüglichen politischen Theorien vertraut, die sich ähnlich etwa bei Engelbert von Admont und Dante Alighieri finden. In der Forschung wurde sogar die These vertreten, dass Dantes Überlegungen, die dieser in seinem Werk De Monarchia niedergelegt hatte, auch Giovanni beeinflusst haben könnten. Ab Kapitel 8 schilderte Giovanni dann die Ereignisse von 1308 bis zum Tod Kaiser Heinrichs VII. im August 1313 (Kapitel 64). Die Darstellung sollte aber noch weiter reichen, wohl bis ins Jahr 1322, doch bricht die erhaltene Darstellung 1314 ab.
Generell betrachtet Giovanni mit besonderem Interesse die sich durch den Italienzug Heinrichs ergebenen Umwälzungen in Mailand und Oberitalien. Die Tendenz des Werkes ist eindeutig pro-kaiserlich. Giovanni ist Heinrich VII. wohlgesinnt: Er begrüßte nachdrücklich den Italienzug des Luxemburgers, dessen Charakter er lobt, und bekannte sich außerdem nachdrücklich zur kaiserlichen Universalmonarchie, die Heinrich bestrebt war wiederzubeleben. Giovanni verhehlt seinen ghibellinischen Standpunkt denn auch nicht. Andererseits verrät Giovannis Werk eine selbstbewusste bürgerliche Haltung, zumal das Werk, neben der Schilderung der bewegenden Ereignisse des Romzugs, der Herrschaftslegitimation der ghibellinischen Familie Visconti in Mailand dienen sollte.
Der Romzug und die erste Kaiserkrönung seit 1220 hat bei nicht wenigen gelehrten Zeitgenossen in Reichsitalien Eindruck hinterlassen, so dass mehrere Geschichtswerke entstanden sind, die dies schildern. Dazu gehören die Historia Augusta des Albertino Mussato (die Giovanni nicht gekannt zu haben scheint) und die Historia des Ferreto de’ Ferreti (wo Heinrich zumindest eine zentrale Rolle spielt). Sowohl Mussato als auch Ferreto de’ Ferreti waren Vertreter des Frühhumanismus, ebenso wie Giovanni. Tatsächlich ist Giovanni da Cermenate der einzige norditalienische Frühhumanist in der Generation Mussatos außerhalb des Veneto. Giovannis Werk war, wie von einem frühhumanistisch gebildeten Verfasser zu erwarten, von antiken lateinischen Klassikern beeinflusst, die es auch ermöglichten, auf die glanzvolle Vergangenheit zu rekurrieren. Als literarische Vorbilder sind vor allem der von Giovanni da Cermenate sehr geschätzte Titus Livius und Sallust zu nennen.
Ausgaben
- Historia Iohannis de Cermenate Notarius Mediolanensis, Historia de situ Ambrosianae Urbis et cultoribus ipsius et circumstantium locorum ab initio et per tempora successive et gestis imp. Henrici VII. Hrsg. von Luigi Alberto Ferrai. Rom 1889 (ND 1966; Digitalisat; Digitalisat bei BEIC).
Literatur
- Maria Elisabeth Franke: Kaiser Heinrich VII. im Spiegel der Historiographie. Eine faktenkritische und quellenkundliche Untersuchung ausgewählter Geschichtsschreiber der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts (= Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte. Band 9). Böhlau, Köln u. a. 1992, ISBN 3-412-10392-6, S. 77 ff.
- Gigliola Soldi Rondinini: Cermenate, Giovanni da. In: Dizionario Biografico degli Italiani 23 (1979), Sp. 768–771.
- Ronald G. Witt: In the Footsteps of the Ancients. The Origins of Humanism from Lovato to Bruni. Brill, Leiden u. a. 2001.
Anmerkungen
- Vgl. dazu vor allem Gigliola Soldi Rondinini: Cermenate, Giovanni da. In: Dizionario Biografico degli Italiani 23 (1979), Sp. 768 ff. So ist auch Mailand als angeblicher Geburtsort unsicher.
- Vgl. auch Vorwort in Historia Iohannis de Cermenate Notarius Mediolanensis, Historia de situ Ambrosianae Urbis et cultoribus ipsius et circumstantium locorum ab initio et per tempora successive et gestis imp. Henrici VII. Hrsg. von Luigi Alberto Ferrai. Rom 1889, S. XVIII [18] ff.
- Giovanni da Cermenate, Historia 45.
- Vgl. dazu das Vorwort in Historia Iohannis de Cermenate Notarius Mediolanensis, Historia de situ Ambrosianae Urbis et cultoribus ipsius et circumstantium locorum ab initio et per tempora successive et gestis imp. Henrici VII. Hrsg. von Luigi Alberto Ferrai. Rom 1889, S. XIV [14]. Allerdings setzt dies voraus, dass kein anderer Giovanni da Cermenate in den 1330er Jahren wirkte.
- Zum Entstehungszeitpunkt vgl. Maria Elisabeth Franke: Kaiser Heinrich VII. im Spiegel der Historiographie. Köln u. a. 1992, S. 77, Anmerkung 6.
- Vgl. Maria Elisabeth Franke: Kaiser Heinrich VII. im Spiegel der Historiographie. Köln u. a. 1992, S. 81.
- Positiv zu Charakter und Romzug: Giovanni da Cermenate, Historia 9 f.
- Vgl. Ronald G. Witt: In the Footsteps of the Ancients. The Origins of Humanism from Lovato to Bruni. Leiden u. a. 2001, S. 168.
- Vgl. dazu auch Ronald G. Witt: In the Footsteps of the Ancients. The Origins of Humanism from Lovato to Bruni. Leiden u. a. 2001, S. 169.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Giovanni da Cermenate |
| KURZBESCHREIBUNG | spätmittelalterlicher Geschichtsschreiber |
| GEBURTSDATUM | um 1280 |
| STERBEDATUM | unsicher: 1344 |
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