Ich und Kaminski ist der Titel eines 2003 publizierten Romans von Daniel Kehlmann. Thema des Romans, mit dem Kehlmann der internationale Durchbruch gelang, ist der Versuch des eitlen und überheblichen Ich-Erzählers, des Kunsthistorikers und selbsternannten Kunstkritikers Sebastian Zöllner, zur Förderung seiner bisher wenig erfolgreichen Karriere eine Biographie des alten blinden Malers Kaminski zu schreiben. Um sich das Leben und Sterben Kaminskis zunutze zu machen, nähert er sich dem sagenumwobenen, aber von der Kunstszene vergessenen Maler persönlich.
Das seltsame Spannungsverhältnis zwischen dem Biografen und seinem undurchsichtigen Objekt und deren gegenseitige Manipulationen bilden den Rahmen für eine Satire auf den Kunstbetrieb mit seinen Eitelkeiten und für die Darstellung der peinlichen Diskrepanz zwischen Zöllners Selbstüberschätzung und der Realität.
Inhalt
Sebastian Zöllner, der ehrgeizige, selbsternannte Kunstkritiker, hofft, mit der Biographie des alten, blinden Malers Manuel Kaminski Karriere zu machen und zu Ruhm und Geld zu gelangen. Kaminski, einst von Matisse und Picasso gefördert und durch eine Pop-Art-Ausstellung und die reißerische Bildunterschrift „Painted by a blind man“ weltberühmt geworden, ist mittlerweile in Vergessenheit geraten und lebt zurückgezogen in den Alpen. Da mit seinem baldigen Ableben zu rechnen ist, plant Zöllner, sich die nach Kaminskis Tod vermutlich noch einmal aufflammende Aufmerksamkeit für den ehemals berühmten Maler zunutze zu machen: „Mein Buch durfte nicht vor seinem Tod und nicht zu lange danach herauskommen, für kurze Zeit würde er im Mittelpunkt des Interesses stehen. Man würde mich ins Fernsehen einladen, ich würde über ihn sprechen, und am unteren Bildrand würde in weißen Buchstaben mein Name und Kaminskis Biograph eingeblendet sein. Das würde mir einen Posten bei einem der großen Kunstmagazine einbringen.“
Nachdem er mit ehemaligen Weggefährten, Freunden und Feinden des Malers gesprochen hat, macht er sich schließlich, und damit beginnt der Roman, auf den Weg zu Kaminskis Domizil in die Alpen, wo er sich penetrant in das Leben des alten Mannes drängt (Kp. 1–6). Er durchwühlt dessen Büro und Atelier nach Material und besticht sogar die Köchin, das Haus zu verlassen, um mit dem alten, scheinbar wehrlosen Mann alleine sprechen und ihm Geheimnisse über sein Leben entlocken zu können (Kp. 5–6).
Als Zöllner Kaminski damit konfrontiert, dass seine totgeglaubte Jugendliebe Therese Lessing noch am Leben sei und er, Zöllner, ihre Adresse kenne, will Kaminski auf der Stelle zu ihr gebracht werden. Während dieser spontanen abenteuerlichen Irrfahrt (Kp. 7–13) muss Zöllner erkennen, dass ihn der scheinbar hilflose starrsinnige Alte – ob nun tatsächlich blind oder nicht – durchschaut hat und ihn gezielt ausnutzt. Trotzdem hält er an seinem Plan fest und gibt sein letztes Geld aus, um die Wünsche Kamininskis zu erfüllen. Zöllner verstrickt sich immer mehr in seine unrealistisches Projekt und entpuppt sich mehr und mehr als Tor und gescheiterte, tragische Figur. Er erhält keine für seine Biografie brauchbaren spektakulären Informationen, seine Freundin Elke trennt sich von ihm und wirft ihn aus ihrer Wohnung (Kp. 11). Er hat kein Geld mehr und seinem Traum vom großen Durchbruch versetzt schließlich Kaminskis Tochter Miriam den endgültigen Todesstoß, als sie ihm offenbart, dass mit dem Verfassen des Standardwerks über ihren Vater längst ein anderer, nämlich der erfolgreiche Biografien-Schreiber Hans Bahring, beauftragt worden sei (Kp. 12).
Der lebensmüde, über den Kunstbetrieb (Kp. 10) schon lange desillusionierte Kaminski will vom Erzähler ans Meer gebracht werden. Dort angekommen (Kp. 13), übergibt Zöllner sein Diktaphon, die Tonbandaufnahmen und Seite für Seite aus seinem Notizbuch den Wellen. Kaminski hat sich inzwischen am Strand hingesetzt und bleibt dort zurück, während sich Zöllner, ohne Zukunftsperspektiven, aber von seiner falschen Selbsteinschätzung befreit, nach einem letzten Dialog mit dem alten Maler von ihm, dem Meer und der aufkommenden Flut entfernt: „›Was werden sie jetzt tun?‹ fragte er. ›Ich weiß es nicht.‹ ›Gut!› Plötzlich musste ich lachen. Ich berührte ihn an der Schulter, er hob den Kopf, für einen Moment legte seine Hand auf die meine. ›Viel Glück, Sebastian.‹ ›Ihnen auch.‹“
Rezeption
Kehlmanns fünfter Roman wurde von Rezensenten als Revitalisierung des Künstlerromans und beißende Satire auf den Kulturbetrieb voll Raffinement und Witz bezeichnet.
Die von den Kritikern diagnostizierte Verwendung von trivialen Motiven wird unterschiedlich bewertet: Spies kritisiert die Typisierungen. V. a. die, wie Frankensteins Monster, aus disparaten Einzelteilen zusammengesetzte Figur Kaminski sei Collagenkitsch. Dagegen nutzt nach Nentwichs Interpretation der Autor diese Schundroman-Bausteine für eine beißende Satire auf den Kulturbetrieb und so sei Kehlmanns komischstes und abenteuerlichstes Buch entstanden. In ähnlicher Einschätzung lobt Krumbholz den frappierenden Witz des furiosen Romans, der mit beträchtlichem Raffinement, einem hieb- und stichfesten Plot und filmreifen" Dialogen, die Mechanismen des Kunstmarktes karikiere. Kerridge verweist in seiner Buchbesprechung auf den englischen Schriftsteller Gissing, der das Geschäft mit der Biografie als eine Farce bezeichnet hat. Diese Ansicht vertrete auch Kehlmann in seiner prickelnden und amüsanten Komödie in dem Sinn, dass die Biografie-Industrie eine absurde Quelle der Unterhaltung sei.
Während Seibt die etwas altmeisterlich anmutende Erzählweise, die geschliffene Sprache und den perfekten Bau würdigt, erklärt Langner die Stilelemente Kehlmanns als Anknüpfung an literarische Avantgarde-Bewegungen wie Oulipo bzw. die Potentielle Literatur oder den Lettrismus, die das Sprachspiel zum Kompositionsprinzip erhoben haben. Dieser Hypertext über Mythen und Diskurse der Kunst und ihrer Akteure werde von den Protagonisten ausgetragen und sei spannend wie ein guter Kriminalroman erzählt. Kehlmann vermittele souverän die Poetizität des Stoffes, d. h., seine Eignung, im „Sichtbaren das Nicht-Sichtbare zu vermitteln“.
2006 wurde der Roman (zusammen mit Die Vermessung der Welt) mit dem Kleistpreis ausgezeichnet.
Adaptionen
Lesung
- Sprecher: Ulrich Noethen. Argon Verlag (5 Stdn.)
Hörspiel
- Vom Westdeutschen Rundfunk in Köln wurde das Buch unter der Regie von Thomas Leutzbach als Hörspiel produziert und 2004 gesendet. Zu den Mitwirkenden zählen Anian Zollner als Sebastian Zöllner und Rudolf Wessely als Kaminski. Hörspiel-CD: CD-Edition: Deutsche Grammophon 2004. Universal Classics und Jazz, Berlin 2004, ISBN 3-8291-1452-4
Film
- Die Romanverfilmung Ich und Kaminski unter der Regie von Wolfgang Becker mit Daniel Brühl in der Rolle des Ich-Erzählers und Jesper Christensen als Kaminski startete am 17. September 2015 in den deutschen Kinos.
Trivia
In Kehlmanns zehn Jahre später erschienenem Roman „F“ tritt die Figur „Sebastian Zöllner“ in einer kurzen Passage erneut auf. Offenbar ist Zöllner gealtert, immer noch so eitel wie früher und Kunstkritiker geblieben. Er sei „noch nicht mal fünfzig. Zu jung für die Rente. Zu alt, um noch umzusatteln“.
Ausgaben
- Ich und Kaminski. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-518-41395-3 (Erstausgabe, Hardcover).
- Ich und Kaminski. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-45653-9 (= Suhrkamp-Taschenbuch 3653).
Literatur
- Franziska Diller: Einheit in der Differenz. Die innere Struktur des Erzähler-Ichs (= Schriftenreihe Poetica. Nr. 132). Band 132. Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2015, ISBN 978-3-8300-8264-4, S. 261–280; passim. (Zugl.: Bamberg, Univ., Diss., 2014; veränderte Neuausgabe 2015 unter derselben ISBN).
- Renáta Péter-Szabó: Sprachliche Asymmetrien von Diskursmetaphern der Dunkelheit im Literarischen Kontext. Eine Kontrastive Studie Anhand Daniel Kehlmanns „Ich und Kaminski“ und seiner ungarischen Übersetzung (= Deutsch als Fremd- und Fachsprache. Nr. 3). Nr. 3. De Gruyter, Boston, Berlin 2023, ISBN 978-3-11-077291-3 (Dissertation, Universität Erfurt, 2020).
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