Indigene kleine Völker des russischen Nordens

Die zahlenmäßig kleinen indigenen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens (russisch Коренные, малочисленные народы Севера, Сибири и Дальнего Востока) sind eine Kategorie indigener Völker in der Russischen Föderation, die laut Artikel 69 der russischen Verfassung besonderen Schutz genießen.

Über die Zugehörigkeit einzelner ethnischer Gruppen zu dieser Kategorie bestimmt das sogenannte Einheitliche Register indigener kleiner Völker Russlands (Transliteration Jedinyj peretschen’ korennych malotschislennych narodow Rossii/Единый перечень коренных малочисленных народов России) vom 24. März 2000.

In diese Kategorie fallen 44 indigene Völker mit jeweils weniger als 50.000 Angehörigen von den Samen der Halbinsel Kola im Westen bis zu den Tschuktschen und Yupik (Eskimo) im äußersten Fernen Osten. Größere Ethnien unter ihnen sind die Nenzen und Chanten Westsibiriens sowie die zwischen Westsibirien und Nordchina siedelnden Ewenken. Eines der kleinsten indigenen Völker Sibiriens sind die Enzen mit weniger als 200 Angehörigen. In der Ethnologie wird bisweilen eine Zusammenfassung zu den beiden Kulturarealen „Sibirien“ (Rentierhirten von Lappland bis etwa zur Kolyma) und „Paläo-Sibirien“ (vormalige Wildbeuter des fernen Nordostens) vorgenommen.

Die Gesamtzahl der Angehörigen dieser Völker beträgt etwa 262.000.

Weitere Völker im asiatischen Teil Russlands, die sowohl über mehr Angehörige als auch über eigene Teilrepubliken innerhalb der Russischen Föderation verfügen, werden häufig ebenfalls als indigen bezeichnet, wobei dieser Status innerhalb Russlands umstritten ist. Zu ihnen gehören Tuwiner, Jakuten, Chakassen und Burjaten.

Sprachen

Einige der Sprachen der indigenen Völker des russischen Nordens gehören der uralischen Sprachfamilie an, und zwar ein Teil davon dem samojedischen Zweig und ein Teil dem finno-ugrischen, von dem die Chanten und die Mansen sprachlich die nächsten Verwandten der Ungarn sind.

Eine weitere Gruppe gehört der Familie der Turksprachen an, so etwa die Schoren, Teleuten, Kumandiner und Altaier.

Die Sprachen der Ewenen und Ewenken gehören zur tunguso-mandschurischen Sprachfamilie.

Die Sprachen der Tschuktschen, Itelmenen, Korjaken und einiger anderer Völker sind isolierte Sprachen, d. h. für sie hat kein Nachweis einer Verwandtschaft mit anderen lebenden Sprachen erbracht werden können. Sie werden als paläoasiatische Sprachen zusammengefasst.

Rechtliche und politische Stellung

Ein Interesse des Staats an den kleinen Volksgruppen und ihrer Kultur zeigte sich namentlich in den frühen Jahren der Sowjetunion; 1926/27 unternahmen die sowjetischen Behörden den Versuch, einen Überblick über die Bewohner und Kulturen des Nordens von Sibirien zu gewinnen. Schon bald darauf standen jedoch Maßnahmen zum Machterhalt des Sowjetsystems im Vordergrund.

Die heutigen Verhältnisse stellen sich wie folgt dar:

Artikel 69 der Verfassung der Russischen Föderation sagt:

„Die Rußländische Föderation garantiert die Rechte der kleinen Urvölker in Übereinstimmung mit den allgemein anerkannten Prinzipien und Normen des Völkerrechts und den völkerrechtliche Verträgen der Rußländischen Föderation.“

Das russische Gesetz „Über die Garantien der Rechte der kleinen indigenen Völker der russischen Föderation“ vom 30. April 1999 definiert die Völker des Nordens als

„Völker, die in den traditionellen Siedlungsgebieten ihrer Vorfahren auf traditionelle Weise leben, ihrer traditionellen Wirtschaftsweise nachgehen, innerhalb der Russischen Föderation nicht mehr als 50.000 Angehörige aufweisen und sich selbst als eigenständige Gemeinschaften verstehen.“

Damit sind vier verschiedene Aspekte berührt:

  1. Das Siedlungsgebiet
  2. die Lebensweise
  3. die Gruppengröße und
  4. das Selbstverständnis

Besonders problematisch ist nach Donahoe/Halemba der Umstand, dass die russische Gesetzesnorm die indigenen Völker auf eine ausschließlich „traditionelle“ Lebensweise festlegt, ohne diesen Begriff in irgendeiner Weise zu bestimmen. Theoretisch wäre es demnach möglich, dass eine Person, indem sie einen urbanen Lebensstil annimmt, ihre Zugehörigkeit zu den indigenen Völkern des Nordens verliert. Ebenso könnte eine Auswanderung aus dem traditionellen Lebensraum dieselbe Konsequenz zeitigen. Klar im Widerspruch zur innerhalb der Vereinten Nationen anerkannten Definition des Begriffs ‚Indigene Völker‘ steht die zahlenmäßige Obergrenze von 50.000, die zwar Ergebnis historischer Entwicklungen ist, aber größere Ethnien, wie etwa Tuwiner, Burjaten und Jakuten willkürlich von der Anerkennung als „indigene Völker“ ausschließt.

Während die russische Verfassung die speziellen Rechte und Privilegien indigener Völker nicht näher ausführt, ergibt sich aus den existierenden Bundesgesetzen eine Reihe von Privilegien für traditionell wirtschaftende indigene Gemeinschaften:

  • Befreiung von der Grundsteuer;
  • Recht auf Gründung von obschtschiny’ also indigener familien- oder stammesbasierter Gemeinschaftsunternehmen;
  • Privilegierter Zugang zu natürlichen Ressourcen (Wald, Wildtiere, Fischvorkommen);
  • Möglichkeit der Entschädigung für die Förderung von Bodenschätzen in ihren Gebieten;
  • Möglichkeit, einen Zivilen Ersatzdienst anstelle von Militärdienst zu leisten;
  • Möglichkeit der früheren Alterspension.

Diese Privilegien sind jedoch durch eine Vielzahl neuerer Gesetzesinitiativen bedroht. Besonders im Konflikt mit indigenen Rechten steht der von Finanzminister German Gref betriebene wirtschaftsliberale Kurs. Die Revisionen der Boden- (semel’ny kodex/земельный кодекс), Forst- (lesnoi kodex / лесной кодекс) und Gewässerkodizes (Wodny kodex / водный кодекс) sehen langfristige Verpachtungen natürlicher Ressourcen und Ländereien an private Investoren vor und drohen indigene Kollektivwirtschaftsbetriebe in eine Lage zu bringen, in der sie dazu gezwungen sind, für die Nutzung ihrer traditionellen Lebensgrundlagen Marktpreise an den Staat zu bezahlen.

Der politische Einfluss der Indigenen in Russland hält sich in engen Grenzen. Während noch im letzten Obersten Sowjet der Sowjetunion sowie in den ersten Staatsdumas der Russischen Föderation mehrere Vertreter der Nordvölker zu finden waren, so ist seit der Parlamentswahl von 2004 weder im Föderationsrat noch in der Staatsduma ein Angehöriger dieser Ethnien zu finden.

Das Regime von Wladimir Putin unterstützt indigene Völker auf einer symbolischen Ebene, etwa durch die Einführung eines offiziellen Tages der indigenen Minderheiten. Nach Angaben der International Work Group for Indigenous Affairs hat die Regierung Putin zugleich jedoch indigene Rechte geschwächt, indem sie die offizielle Anerkennung bestimmter indigener Territorien aufhob, indigene Organisationen verbot und Aktivisten ins Exil trieb.

RAIPON

Eine wichtige politische Vertretung der indigenen Völker Sibiriens ist die Assoziation der indigenen kleinen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens (RAIPON) mit Sitz in Moskau. Nominell sind alle Angehörigen der indigenen Völker des Nordens Mitglied dieser Organisation. Spätestens seit 2013 mit Grigori Ledkow ein Abgeordneter der Regierungspartei Einiges Russland als Präsident eingesetzt wurde, kann RAIPON Staatshörigkeit vorgeworfen werden. Folglich wurde die Organisation als GONGO (von englisch Government organized NGO) beschrieben.

Politische Repression

Auf Antrag des Justizministeriums hat das Verfassungsgericht der Russischen Föderation am 7. Juni 2024 eine „Antirussländische separatistische Bewegung“ als „extremistisch“ eingestuft. Ende Juli hat das Ministerium eine Liste von 55 Organisationen veröffentlicht, die Mitglieder dieser „Bewegung“ seien und daher nun offiziell als „extremistisch“ geführt werden. Auf den Plätzen 1 und 2 dieser Liste stehen mit Aborigen Forum und dem Komitee der indigenen Völker Organisationen der indigenen kleinen Völker Nordens, in deren Agendas es weder um Separatismus noch Extremismus geht, sondern um den Erhalt der Lebensgrundlagen und der Kultur dieser Völker, darunter Fisch- und Jagdrechte and Anpassung an den Klimawandel.

Auf Grundlage dieser Liste wird unter anderem die selkupische Klima- und Menschenrechtsaktivistin Darja Jegerewa strafrechtlich verfolgt. Die Ko-Vorsitzende des Internationalen Forums indigener Völker zum Klimawandel (IIPFCC), einer offiziellen Interessengruppe im Rahmen der Klimarahmenkonvention zur Repräsentation der indigenen Völker im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen. ist seit dem 17. Dezember 2025 ist Jegerewa in Haft in Russland.

Neben einigen anderen Staaten kritisiert der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte besonders Russland für Repressalien gegen indigene Menschenrechtsaktivisten.

Liste der kleinen indigenen Völker

Indigene kleine Völker des Nordens nach dem Einheitlichen Register der indigenen kleinen Völker Russlands von 2002
Name Historischer Name Siedlungsgebiet (* = Ethnie siedelt nur in einzelnen Rajonen) Russische Bezeichnung Umschrift Eigenbezeichnung (nach [3]) Bevölkerung (nach der Volkszählung von 2002) Bevölkerung (nach der Volkszählung von 2010) Bevölkerung (nach der Volkszählung von 2021)
Aleuten Region Kamtschatka* алеуты aleuty Aleut, Unagan 540 482 397
Aljutoren Region Kamtschatka* алюторцы aljutorzy Alutal’u 96
Chanten Ostjaken Autonomer Kreis der Chanten und Mansen/Jugra, Autonomer Kreis der Jamal-Nenzen, Oblast Tjumen*, Oblast Tomsk, Republik Komi ханты chanty Chanty, Chande, Kantek 28678 30943 31467
Dolganen Region Krasnojarsk*, Sacha долгане dolgane Dolgan, Tyakixi 7621 7885 8157
Ewenen Lamuten Sacha, Region Chabarowsk, Oblast Magadan, Autonomer Kreis der Tschuktschen, Region Kamtschatka* эвены eweny Ewen 19071 22383 19913
Ewenken Tungusen Sacha, Region Krasnojarsk*, Region Chabarowsk, Oblast Amur, Oblast Sachalin, Burjatien, Oblast Irkutsk, Region Transbaikalien, Oblast Tomsk, Oblast Tjumen эвенки ewenki Ewenk 35527 37843 39226
Enzen Region Krasnojarsk* энцы enzy 237 227 201
Eskimo Eskimo Autonomer Kreis der Tschuktschen, Region Kamtschatka* эскимосы eskimossy Yupik 1750 1738 1657
Itelmenen Kamtschadalen Region Kamtschatka*, Oblast Magadan ительмены itelmeny Itel’men’, Ienm’m’i 3180 3193 2596
Jukagiren Sacha, Oblast Magadan юкагиры jukagiry Odul, Wadul 1509 1603 1802
Kamtschadalen Region Kamtschatka*, камчадалы kamtschadaly 2293 1927 1547
Kereken Autonomer Kreis der Tschuktschen кереки kereki 8 4 23
Keten Jenissei-Ostjaken Region Krasnojarsk кеты kety Ket 1494 1219 1088
Korjaken Region Kamtschatka*, Autonomer Kreis der Tschuktschen, Oblast Magadan коряки korjaki Verschiedene, u. a. Tschawtschyw, Tschaw’tschu (Rentierzüchter); нымылгын Nymylgyn (Bewohner); Nymylg - aremku (Nomade) 8743 7953 7389
Kumandiner Region Altai, Republik Altai кумандинцы kumandinzy 3114 2892 2408
Mansen Wogulen Autonomer Kreis der Chanten und Mansen/Jugra, Oblast Tjumen*, Oblast Swerdlowsk, Republik Komi манси mansi Mansi 11432 12269 12228
Nanai Golden Region Chabarowsk, Region Primorje нанайцы nanajzy Nanaj, Nani 12160 12003 11623
Negidalen Region Chabarowsk негидальцы negidalzy 567 513 481
Nenzen Samojeden Autonomer Kreis der Jamal-Nenzen, Autonomer Kreis der Nenzen, Oblast Archangelsk*, Region Chabarowsk*, Autonomer Kreis der Chanten und Mansen/Jugra, Republik Komi ненцы nenzy 41302 44640 49646
Nganasanen Tawgi-Samojeden Region Krasnojarsk* нганасаны nganassany nja-nganasa (mask.), nja-ny (fem.), nja-tansa (Volk) 834 862 687
Niwchen Giljaken Region Chabarowsk, Oblast Sachalin нивхи niwchi Niwch 5162 4652 3842
Oroken (Ulten) Oblast Sachalin ороки oroki Ul’ta 346 295 268
Orotschen Region Chabarowsk орочи orotschi 686 596 527
Samen Lappen Oblast Murmansk (sowie außerhalb von Russland) саами saami saami (саами) 1991 1771 1530
Schoren Oblast Kemerowo, Chakassien, Republik Altai шорцы schorzy schor 13975 12888 10507
Selkupen Autonomer Kreis der Jamal-Nenzen, Oblast Tjumen*, Oblast Tomsk, Region Krasnojarsk селькупы selkupy 4249 3649 3458
Sojoten Burjatien сойоты sojoty 2769 3608 4368
Tasen Region Primorje тазы tasy 276 274 235
Telengiten Republik Altai теленгиты telengity 2399 3712 2730
Teleuten Oblast Kemerowo телеуты teleuty 2650 2643 2217
Todscha-Tuwiner Tuwa тувинцы-тоджинцы tuwinzy-todschinzy tozhu (тожу) 4442 1858 7278
Tofalaren Karagassen Oblast Irkutsk тофалары tofalary Tofa 837 762 719
Tschelkanen Republik Altai чельканцы tschelkanzy 855 1181 1290
Tschuktschen Autonomer Kreis der Tschuktschen, Region Kamtschatka* чукчи tschuktschi Lyg’oravetl’an 15767 15908 16200
Tschulymer Oblast Tomsk, Region Krasnojarsk чулымцы tschulymzy Ijus Kižiler/pestyn Kižiler 656 355 382
Tschuwanen Autonomer Kreis der Tschuktschen, Oblast Magadan чуванцы tschuwanzy 1087 1002 900
Tubalaren Republik Altai тубалары tubalary 1565 1965 3620
Udehe Region Primorje, Region Chabarowsk удэгейцы udegejzy Udee, Uddee, Udehe 1657 1496 1325
Ultschen Region Chabarowsk ульчи ultschi 2913 2765 2472
Wepsen Republik Karelien, Oblast Leningrad вепсы wepsy Weps’, Wepsja, Ljudinkad, Tjagalažet 8240 5936 4534

Völker, die nicht im Register eingetragen sind

  • Ischoren (Ingermanland)
  • Komi-Ischemzen
  • Woten

Organisationen

Russland

  • Assoziation der indigenen kleinen Völker des Nordens (RAIPON)
  • Netzwerk der indigenen Völker in Russland L’auravetl’an
  • Stiftung für die Entwicklung der indigenen kleinen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens „Batani“

International

Literatur

  • Yuri Slezkine: Arctic Mirrors. Russia and the Small Peoples of the North. Ithaca, London (Cornell University Press) 1994. ISBN 0-8014-2976-5.
  • James Forsyth: A History of the Peoples of Siberia. Russia’s North Asian Colony 1581–1990. Cambridge (University Press) 1992. ISBN 0-521-40311-1.
  • Erich Kasten (Hrsg.): People and the Land. Pathways to Reform in Post-Soviet Siberia. Dietrich Reimer, Berlin 2002. ISBN 3-496-02743-6. Online-Ausgabe: http://www.siberian-studies.org/publications/peopleland.html.
  • Rohr, Johannes: Anpassung und Selbstbehauptung. Die indigenen Völker in Russlands Norden. In: Osteuropa 2-3 2011 (61. Jahrgang), S. 387–416.
  • Rohr, Johannes: Kolonisiert. Die indigenen Völker in Russland. In: Osteuropa 1-3 2024, S. 213–233.

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