Johannes Hieber, seit 1910 von Hieber, (* 25. Juni 1862 in Waldhausen im Remstal; † 7. November 1951 in Uhingen) war ein liberaler Politiker (NLP, ab 1918 DDP) und von 1920 bis 1924 Staatspräsident (Regierungschef) des Volksstaats Württemberg. Außerdem war er 1898–1910 und 1921–1924 Mitglied des Reichstages, 1900–1932 Abgeordneter im württembergischen Landtag und von 1919 bis 1924 Kultminister von Württemberg.
Leben
Johannes Hieber studierte von 1880 bis 1885 Philosophie und Evangelische Theologie im Evangelischen Stift in Tübingen und promovierte 1885 an der Universität Tübingen zum Dr. phil. Er wurde 1880 Mitglied der Verbindung Normannia zu Tübingen (1934–1935 Burschenschaft Normannia Tübingen in der DB).
Nach dem Vikariat an wechselnden Orten, dem zweiten theologischen Examen (1888) und einer Studienreise nach Norddeutschland wirkte er von 1890 bis 1892 als evangelischer Pfarrer in Tuttlingen. 1892 wurde er Gymnasialprofessor für Religionsunterricht, Hebräisch und philosophische Propädeutik am Karls-Gymnasium in Stuttgart. 1910 wurde er Direktor des Königlich Württembergischen Evangelischen Oberschulamts.
Politik
Johannes Hieber gehörte ab 1895 der Deutschen Partei an, der württembergischen Entsprechung der Nationalliberalen Partei auf Reichsebene. Von 1898 bis 1910 war er Mitglied im Reichstag in Berlin. Mit seinem Reichstagsmandat vertrat er den Wahlkreis Württemberg 2 (Cannstatt, Ludwigsburg, Marbach, Waiblingen). Wegen seiner Ernennung zum Regierungsdirektor musste er 1910 sein Mandat niederlegen. Von 1900 bis 1910 und erneut von 1912 bis 1932 saß er auch als Abgeordneter im Württembergischen Landtag in Stuttgart, ab 1904 war er dort Fraktionsvorsitzender der Deutschen Partei. Hieber war eher dem linken Spektrum der Nationalliberalen zuzurechnen. Als Mitglied des Reichstags pflegte er eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem badischen Abgeordneten Ernst Bassermann, dem Fraktionsvorsitzenden der Nationalliberalen.
Hieber war Monarchist und davon überzeugt, dass der Krieg 1914 dem Deutschen Reich von seinen Feinden aufgezwungen worden sei. Deshalb unterstützte er die deutschen Kriegsanstrengungen bis zur Niederlage im Herbst 1918 vorbehaltslos. In der letzten vom württembergischen König Wilhelm II. eingesetzten Regierung unter dem linksliberalen Ministerpräsidenten Theodor Liesching wurde Hieber am 7. November 1918 Kultminister (d. h. Minister für Schulwesen und Kirchenangelegenheiten), blieb aber nur zwei Tage bis zum Ende der Monarchie durch die Novemberrevolution im Amt.
Wohl aus tiefer Enttäuschung über das zerstörte Vertrauen zur Obersten Heeresleitung und zu Kaiser Wilhelm II. verließ er die Nationalliberalen und schloss sich nicht deren monarchistischer Nachfolgepartei DVP, sondern der linksliberalen, republikanischen DDP an, deren württembergischer Landesverband in der Tradition der Demokratischen Volkspartei stand. Von 1919 bis 1922 gehörte er dem Reichs-Hauptvorstand der DDP an. Nach Ausrufung der Republik (bzw. des „Volksstaats“ Württemberg) war Hieber in der im Januar 1919 gewählten Verfassunggebenden Landesversammlung Vorsitzender und Berichterstatter des Verfassungsausschusses. Von November 1919 bis Juni 1920 war er erneut Kultminister im Kabinett des sozialdemokratischen ersten Staatspräsidenten Wilhelm Blos.
Die DDP kam bei der Landtagswahl im Mai 1920 mit 14,7 % der Stimmen und 15 von 101 Sitzen nur noch auf den vierten Platz. Dennoch wählte der Landtag Hieber im Juni desselben Jahres als Nachfolger des Sozialdemokraten Blos zum zweiten Staatspräsidenten des Volksstaats Württemberg. Er stand einer Regierung aus Mitgliedern der katholischen Zentrumspartei (der stärksten Kraft im Landtag) und seiner Demokratischen Partei vor. Toleriert wurde sie von der SPD, die von November 1921 bis Juni 1923 auch mit einem Minister in der Regierung vertreten war. Zusätzlich zum Präsidentenamt leitete Hieber weiterhin das Kultministerium.
Er regierte mit einer schwachen Mehrheit in besonders turbulenten und schwierigen Zeiten (Nachkriegszeit, Folgen des Versailler Vertrags, Reparationen, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Kritik an der Weimarer Demokratie und an der Demokratie überhaupt, Putsch und politische Morde, Inflation). Die Regierung Hieber scheiterte im Frühjahr 1924, weil der württembergische Landtag die Vorlage einer umfassenden Verwaltungsreform nicht billigte. Lediglich die Abschaffung der vier den Oberämtern übergeordneten Kreise gelang, nicht jedoch die geplante drastische Reduzierung der Anzahl der Oberämter selbst. Hiebers Nachfolger als provisorischer Staatspräsident wurde am 8. April 1924 der parteilose Beamte Edmund Rau, welcher zuvor das Ministerium für Arbeit und Ernährung geleitet hatte und nur bis zur Wahl eines Nachfolgers nach den Landtagswahlen am 4. Mai 1924 amtieren sollte. Bei dieser musste die DDP weitere Verluste hinnehmen.
Eine bleibende Spur in der politischen Geschichte Württembergs hat Johannes von Hieber zumindest dadurch hinterlassen, dass er 1922 die Villa Reitzenstein auf der Höhe Stuttgarts von Helene Freifrau von Reitzenstein für den Staat kaufte; die Villa Reitzenstein ist heute Sitz des Staatsministeriums und des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg.
Nach seiner Präsidentschaft blieb Hieber bis 1932 Abgeordneter im württembergischen Landtag, dessen Alterspräsident er nach der Wahl 1928 war. Mit 70 Jahren zog er sich aus der Politik zurück.
Familie
Hieber war der einzige Sohn des Ehepaars Margarethe Hieber geb. Kellenbenz (1823–1888) und Johannes Hieber (1802–1886), welcher Bauer und evangelischer Pfarrgemeinderat in Waldhausen war. Hieber heiratete 1890 Mathilde Auguste Schmid (1871–1946), mit der er drei Söhne und drei Töchter hatte. Zwei seiner Söhne fielen im Ersten Weltkrieg an der Westfront, der dritte Sohn, Walter Hieber (1895–1976), lehrte anorganische Chemie an der TH München.
Johannes von Hieber wurde auf dem Waldfriedhof in Stuttgart-Degerloch beigesetzt.
Ehrungen
- 1910 Verleihung des Komturkreuzes des Ordens der Württembergischen Krone, womit der persönliche Adelstitel (Nobilitierung) verbunden war
- 1912 Ehrenbürger der Stadt Welzheim
- 1922 Ehrendoktor der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim
- 1922 Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Waldhausen
- 1924 Ehrensenator der Universität Tübingen
- 1927 Ehrendoktor der juristischen Fakultät der Universität Tübingen
- Die Grund- und Hauptschule in Uhingen wurde nach ihm benannt.
Literatur
- Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 2: F–H. Winter, Heidelberg 1999, ISBN 3-8253-0809-X, S. 328–329.
- Kurt Gayer, Heinz Krämer: Die Villa Reitzenstein und ihre Herren. Die Geschichte des baden-württembergischen Regierungssitzes. DRW-Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-87181-257-9.
- Eduard Gerok: Johannes Hieber. Theologe, Kultusminister und Staatspräsident 1862 – 1952. In: Robert Uhland (Hrsg.): Lebensbilder aus Schwaben und Franken. Band 13, 1977
- Eckhard Hansen, Florian Tennstedt (Hrsg.) u. a.: Biographisches Lexikon zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1871 bis 1945. Band 1: Sozialpolitiker im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918. Kassel University Press, Kassel 2010, ISBN 978-3-86219-038-6, S. 73 f29. (Online, PDF; 2,2 MB).
- Joseph Müller: Ein großer Remstäler: Staatspräsident Johannes Hieber. In: einhorn. Illustrierte Zeitschrift zur Pflege des Heimatgedankens und zur Förderung des Fremdenverkehrs in Stadt und Kreis Schwäbisch Gmünd. Nr. 21, Februar 1957, S. 38f.
- Frank Raberg: Biographisches Handbuch der württembergischen Landtagsabgeordneten 1815–1933. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Kohlhammer, Stuttgart 2001, ISBN 3-17-016604-2, S. 354.
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