Joseph von Stichaner – vollständig Franz Joseph Wigand Edler von Stichaner – (* 22. Oktober 1769 in Tirschenreuth; † 6. April 1856 in München) war ein bayerischer Verwaltungsbeamter und Historiker. An unterschiedlichen Orten im Königreich Bayern wirkte er als Generalcommissär beziehungsweise Regierungspräsident. Er war Gründer des Historischen Vereins der Pfalz, Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Kommandeur und Großkreuzinhaber des Verdienstordens der Bayerischen Krone sowie Großoffizier der französischen Ehrenlegion.
Leben
Herkunft und Ausbildung
Joseph von Stichaner war der einzige Sohn von Franz Joseph August Stichaner (1726–1802), Amtsrichter des Klosters Wiesau sowie Oberhauptmann des Stiftes Waldsassen, und dessen Ehefrau Franziska Pauer aus Falkenberg (Oberpfalz). Die väterliche Familie stammte ursprünglich aus Böhmen. Vater Stichaner wurde als „kurfürstlich bairischer Wirklicher Hofrath“, am 17. Dezember 1788, von Kurfürst Karl Theodor, als „Edler von Stichaner“ in den erblichen Adelsstand erhoben.
Der Junge besuchte die Lateinschule in Amberg, dann bis 1785 das heutige Wilhelmsgymnasium München und absolvierte danach am angeschlossenen Lyzeum das zweijährige Grundstudium (= Philosophie). Anschließend studierte Stichaner Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Göttingen, wo er viele Freundschaften mit später bekannten Persönlichkeiten schloss, u. a. auch mit dem englischen Prinzen Adolph Friedrich, Herzog von Cambridge. 1788 begann er seine praktische Tätigkeit am Reichskammergericht zu Wetzlar, 1789/90 komplettierte er die Studien in bayerischem Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Ingolstadt. Die juristische Staatsprüfung vor dem kurfürstlichen Hofrat in München bestand Joseph von Stichaner mit Auszeichnung und er wurde dabei als ein „bestens fundirt, gelehrt und treffliches subjectum“ bezeichnet.
Bayerischer Staatsbeamter
Mit seiner rechtlichen Abhandlung „Ueber das Entscheidungsrecht des Pfalzgrafen bei Rhein bei einer streitigen deutschen Königswahl“ – der bayerische Kurfürst war zugleich Pfalzgraf bei Rhein – empfahl er sich für eine Anstellung im bayerischen Verwaltungsdienst. Am 10. Mai 1791 erhielt er im verhältnismäßig jungen Alter von 21 Jahren eine Anstellung als Akzessist bei der Oberlandesregierung in München. 1795 übertrug man ihm die Regulierung der Grenze gegen Tirol, wodurch er gute Kenntnisse über die bayerische Alpenregion entwickelte. 1796 besetzten die Franzosen unter General Moreau München und Stichaner wurde Mitglied der Kriegsdeputation. 1798 organisierte er als „Polizei-Obercommissär“ unter dem Grafen Rumford die Polizei der Landeshauptstadt München.
Der ab 1799 amtierende neue Kurfürst Max IV. Joseph – ab 1806 König Max I. Joseph – schenkte Stichaner besonders großes Vertrauen. Unter dessen 1. Minister, Maximilian von Montgelas, übernahm er wichtige Positionen im Rahmen der Verwaltungsreformen, die den modernen bayerischen Staat schufen. Am 27. Februar 1799 avancierte Stichaner zum Referendar im Geheimen Justizdepartement. Als 1800 die Franzosen erneut in Bayern einfielen und der Kurfürst nach Bamberg floh, wurde Stichaner Mitglied der Hofkommission zur Verwaltung des Landes. 1805 musste er die Verpflegung der französischen Truppen in Bayern regeln, ab 1806 verwandte man ihn im neu errichteten Innenministerium, wobei unter seiner direkten Mitwirkung die grundlegenden Organisationsgesetze des jungen bayrischen Staates geschaffen wurden, die etwa ein halbes Jahrhundert in Geltung blieben.
Generalcommissär (1808–1817)
Mit 38 Jahren berief ihn der König 1808 zum „Generalcommissär“ des neu gebildeten Unterdonaukreises. Dort hatte Stichaner 1809 eine Auseinandersetzung mit Napoleon, da er gegen das Verhalten der Franzosen eintrat, die während des Fünften Koalitionskriegs in Bayern wie eine Besatzungsmacht agierten. Er musste sich dafür in einer persönlichen Audienz vor dem Kaiser verantworten und fiel bei diesem in Ungnade. König Max versetzte ihn daraufhin mit der gleichen Amtsstellung zunächst in den Regenkreis sowie anschließend nach Augsburg.
1811 entwarf Stichaner innerhalb weniger Monate ein neues Polizeistrafgesetzbuch für das Königreich; 1813 wurde er als „Generalcommissär“ des Illerkreises berufen. 1814 beauftragte ihn der König, die administrative Abwicklung der Rückgabe Vorarlbergs an Österreich zu vollziehen. Die gleiche Aufgabe wurde ihm bei der Übernahme von Würzburg und Aschaffenburg in den bayerischen Staatsverband übertragen. Daneben erstellte er einen Entwurf für das Verfahren in Polizeistrafsachen als zweiter Teil zu seinem früheren Gesetzentwurf.
Regierungspräsident in der Rheinpfalz (1817–1832)
Am 19. März 1817 wurde Joseph von Stichaner auf die Stelle des Regierungspräsidenten des Rheinkreises. Er bekleidete das Amt eines Staatsrates mit dem Titel „Excellenz“ und löste Franz Xaver von Zwackh ab. Der neu erworbene Rheinkreis, der politisch seinerzeit zu Bayern gehörte, als Enklave jedoch ohne geographische Verbindung zum restlichen Staatsgebiet war, hatte vor der französischen Besatzung aus etwa 50 unterschiedlichen Herrschaften bestanden. Während der Franzosenzeit gehörte das Gebiet vier unterschiedlichen Departements an. Zwischen den größeren Städten bestanden kaum richtige Straßen. Das Schulwesen war wenig organisiert. Nahezu alles musste neu geschaffen und verordnet werden.
Unter seiner Führung wurde 1817 die viele Jahrzehnte lang bestehende Einteilung der Pfalz in die vier Bezirksdirektionen Frankenthal, Landau, Kaiserslautern und Zweibrücken sowie zwölf Landkommissariate eingeführt. Stichaner bildete mit Genehmigung des Monarchen auch einen gewählten Landrat aus der Bürgerschaft und erließ ein entsprechendes Gesetz darüber. Er reformierte das Forstwesen, schuf eine seinerzeit vorbildliche medizinische Versorgung und eine amtliche Baukommission zur Förderung der Infrastruktur. Die französischen Münzen wurden eingezogen und gegen bayerische ersetzt beziehungsweise umgetauscht. Das Schulwesen wurden grundlegend reformiert. Stichaners Maßnahmen wie die bessere Bezahlung der Lehrer, eine Regelung des Prüfungswesens und die Bildung von Bezirksschulinspektionen wurden später unter dem von ihm in die Pfalz gewechselten Georg von Jäger weiterentwickelt.
Viele Kirchen und Schulhäuser, die fast verfallen waren, ließ Stichaner wiederherstellen oder neu aufbauen. Der Speyerer Dom, der bis einschließlich 1820 als Stroh- und Heumagazin diente, wurde unter der Regie von Stichaner in Stand gesetzt. Er tilgte fast die ganze Kriegsschuld in Höhe von 7 Millionen Gulden, die sich während der französischen Herrschaft angehäuft hatte. Er ließ neue Straßen anlegen und gegen die Überschwemmungen mächtige Dämme errichten sowie zur Förderung der Schifffahrt 13 Rheindurchstiche vornehmen. In Frankenthal entstand die „Kreis-Armen- und Irrenanstalt“ und in Kaiserslautern das Centralgefängnis.
Die Grenze zwischen Bayern und Frankreich wurde unter Stichaners Ägide in den Jahren 1825 und 1826 angepasst. Für diese Maßnahme ernannte ihn König Karl X. von Frankreich zum Großoffizier der französischen Ehrenlegion.
Regierungspräsident im Rezatkreis
Als 1830 die französische Juli-Revolution sich in Form von Unruhen oder Aufständen über weite Teile Europas ausweitete, befürchtete man auch in der an Frankreich angrenzenden Pfalz heftige Unruhen. Deshalb glaubte man in München, den eher milden Stichaner durch einen „schärferen“ Mann ersetzen zu müssen. Joseph von Stichaner erhielt am 10. Februar 1832 seine Versetzung als Regierungspräsident ins fränkische Ansbach. Die Kreishauptstadt Speyer verlieh ihrem scheidenden Präsidenten am 17. Februar 1832 die Ehrenbürgerwürde, organisierte einen großen Fackelzug für ihn und gab ihm mit vielen Wagen das Ehrengeleit bis nach Mannheim über die pfälzische Grenze hinaus.
Auch als Regierungspräsident im Rezatkreis blieb ihm der König unvermindert gewogen. An seinem Sitz in Ansbach verkehrte er viel mit dem berühmten Gerichtspräsidenten Anselm von Feuerbach, empfing in seinem Haus den rätselhaften Kaspar Hauser und ließ ihm nach seiner angeblichen Ermordung im Dezember 1833 einen Gedenkstein setzen. Am 7. Dezember 1835 eröffnete er als Vertreter des Königs die erste deutsche Eisenbahnverbindung zwischen Nürnberg und Fürth. Diese Szene hat der Historienmaler Heinrich Heim 1906 als Monumentalgemälde für das Deutsche Museum München gestaltet.
Alterstätigkeit
Schon fast siebzigjährig, berief ihn König Ludwig I. am 31. März 1838 als persönlichen Berater und Staatsrat im ordentlichen Dienst an seine Seite. Am 8. Dezember 1846, im Alter von 77 Jahren, ging er in Ruhestand und wurde unter die „Staatsräte im außerordentlichen Dienste“ eingereiht. Die ihm noch verbleibenden Lebensjahre widmete er sich wissenschaftlichen Arbeiten. Mit 85 Jahren zog er sich völlig aus dem öffentlichen Leben zurück. Im März 1856 erkrankte er ernstlich und verstarb am 6. April 1856 in München.
Familienverhältnisse
Stichaner war seit 14. Mai 1798 verheiratet mit Maria Bauer Freiin von Heppenstein († 1840 in München), Tochter des Oberlandesregierungsrathes Freiherrn Bauer von Heppenstein und seiner Gattin Franziska geb. Freiin von Weinbach, mit der er 42 Jahre in glücklicher Ehe lebte. Aus dieser Ehe stammten drei Töchter und zwei Söhne, wovon einer mit elf Jahren verstarb. Die 1815 geborene jüngste Tochter Caroline („Lina“) heiratete in erster Ehe Friedrich von Gienanth, Sohn des Ludwig von Gienanth, Gießereibesitzer zu Eisenberg (Pfalz). Vor allem sie, aber auch ihre beiden älteren Schwestern Maria, früh verwitwete von Wiebeking und die 1810 geborene Franziska („Fanni“) unterhielten 1832/33 freundschaftliche Kontakte zu dem vorgenannten Kaspar Hauser. Der Sohn Joseph August (1799–1861) war bayerischer Regierungsrat in Speyer. Dessen Sohn Joseph Philipp erreichte 1886 als Bezirkspräsident in Straßburg eine ähnliche Stellung wie der Großvater.
Auszeichnungen
Stichaner erhielt das Ritterkreuz des Verdienstordens der Bayrischen Krone, 1810 das Kommandeurkreuz und 1825 das Großkreuz dieses höchsten Zivilverdienstordens. König Ludwig I. verlieh ihm 1844 eigenhändig das Ehrenkreuz des Ludwigsordens für 50-jährige treue Staatsdienste. Wie bereits erwähnt war er auch Großoffizier der französischen Ehrenlegion.
Historiker
Zeitlebens interessierte sich Joseph von Stichaner für die Geschichtsforschung und die Erhaltung historischer Relikte. Die vielen römischen Altertümer in Bayern erregten sein besonderes Interesse. Über dieses Thema publizierte er 1808 zwei Hefte mit lithographischen Abbildungen, worauf ihn die königliche Akademie der Wissenschaften in München zu ihrem Ehrenmitglied ernannte. Auch in Augsburg fand er diesbezüglich später ein reiches Betätigungsfeld. Als Pfälzischer Regierungspräsident initiierte er ab 1. Januar 1818 ein „Kreis-Intelligenzblatt“, in welchem er im Laufe der Jahre mehr als 50 Artikel über aufgefundene Altertümer (besonders aus der Römerzeit), über Römerstraßen, Grabhügel, Verschanzungen, teilweise sogar mit eigenhändigen Zeichnungen versehen, zum Abdruck brachte.
Er ließ 1826, nördlich des Speyerer Domes, durch den Weinbrenner-Schüler und Regierungsbaubeamten Johann Philipp Mattlener, die immer noch existierende „Antikenhalle“ erbauen, um darin repräsentativ die vielen Bodenfunde aufzubewahren. Schon nach kurzer Zeit reichte der Platz aber nicht mehr aus und Stichaner strebte die Gründung eines staatlichen Museums an, die sich jedoch noch bis 1907 verzögerte. 1827 gründete er den „Historischen Verein der Pfalz“, dessen erster Vorsitzender er war. Mit Stichaners Versetzung nach Ansbach schlief der Verein zwar zunächst ein, man belebte ihn jedoch mehrmals neu, zuletzt 1869, und er existiert noch immer.
Die Universität Erlangen verlieh ihm die Ehrendoktorwürde beider Rechte. Die Bayerische Akademie der Wissenschaften ernannte ihn 1838 zu ihrem ordentlichen Mitglied und wählte ihn 1842 zum Sekretär der historischen Klasse, an deren Sitzungen er regelmäßig teilnahm und in deren Publikationen er mehrere Abhandlungen veröffentlichte. Außerdem war er Ehrenmitglied der historischen Vereine zu Speyer, Würzburg, Augsburg, Bayreuth, Wiesbaden, Hannover, Sinsheim, des Albrecht-Dürer-Vereins zu Nürnberg, und Mitglied der königlichen Gesellschaft für nordische Altertümer in Kopenhagen. Der Historische Verein von Oberbayern berief Stichaner 1838 in den Vorstand, 1840 zum zweiten und 1847 zum ersten Vorsitzenden, was er bis in sein Todesjahr blieb. Er stand in näherer Verbindung mit dem Schweizer Historiker Heinrich Zschokke, der sich mit ihm über die Herausgabe seiner „Bayrischen Geschichte“ eingehend beriet und auf sein Urteil großes Gewicht legte. Stichaner stand mit weiteren bedeutenden und historisch interessierten Personen in Kontakt, zum Beispiel verband ihn eine enge Freundschaft mit dem Domkapitular und späteren Kardinal Johannes von Geissel in Speyer.
Rezeption
1829 unternahm das neue Königspaar Ludwig I. und Therese eine Rundreise durch die Pfalz und sprach Stichaner ihre Anerkennung über seinen Anteil am Aufschwung der Region aus.
Während man in der Pfalz vorher, in Verballhornung seines unpopulären Vorgängers Zwack die Bayern als „Zwackel“ oder „Zwockel“ verspottete, wurde nun der Name Stichaner zum Synonym für eine gute Administration. Es wird berichtet, dass sich Stichaner durch viele Ortsbesuche in den Gemeinden der Pfalz einen guten Draht zur Bevölkerung und den lokalen Amtsträgern erarbeitete. Noch Jahre nach Stichaners Ablösung hieß es in der Pfalz von einem fähigen, freundlichen Beamten, dass er ein „Stichaner“ sei.
In Speyer und in Aichach existiert jeweils eine nach Joseph von Stichaner benannte Straße, in seinem Geburtsort Tirschenreuth eine Stichanerstraße und ein Stichanerplatz.
Literatur
- Viktor Carl: Lexikon Pfälzer Persönlichkeiten. Hennig Verlag, Edenkoben 2004, ISBN 3-9804668-5-X
- Winfried Müller: Stichaner, Franz Joseph Wigand von. In: Karl Bosl (Hrsg.): Bosls bayerische Biographie. Pustet, Regensburg 1983, ISBN 3-7917-0792-2, S. 755 (Digitalisat).
- Graf Friedrich Hektor von Hundt: Joseph v. Stichaner, königlich bayerischer Staatsrath. München 1856, nach Mittheilungen der Hinterbliebenen; Sonderabdruck aus dem 18. Jahresbericht des historischen Vereins von und für Oberbaiern.
- J. J. H. Schmitt: Stichaner, Franz Joseph Wigand Edler von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 54, Duncker & Humblot, Leipzig 1908, S. 505–513.
- Theodor von Faber: Capodistraias. Heinrich Remigius Sauerländer, Aarau 1842 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
wikipedia, wiki, enzyklopädie, buch, bibliothek, artikel, lesen, kostenlos herunterladen, Informationen über Joseph von Stichaner, Was ist Joseph von Stichaner? Was bedeutet Joseph von Stichaner?