Juan Carlos Zabala (* 11. Oktober 1911 in Rosario; † 24. Januar 1983 in Buenos Aires) war ein argentinischer Langstreckenläufer und Olympiasieger im Marathon von 1932.
Leben
Kindheit und Herkunft
Luis Vinker, einer der Biografen von Zabala, räumt ein, dass es in Bezug auf dessen Herkunft viele Fragezeichen gibt. Selbst sein Geburtsdatum sei nicht genau bekannt, und das Datum 21. September 1911 nur das, das am meisten akzeptiert sei. Auch der Geburtsort Rosario sei nie wirklich geklärt worden. Zabalas Mutter soll Ana Maria Boyer gewesen sein, sein Vater wahlweise ein „französischer Seemann“ oder „ein Adliger“. In einer anderen Version heißt die Mutter Elena Boyer und ihr Sohn stammt aus deren Beziehung mit einem Basken aus Durango (Spanien), der auf einer Reise durch Argentinien gewesen war. Julio M. Cantero erwähnt sie als María Elena Boyer und als Französin.
Als Waisenkind kam Zabala im Alter von neun Jahren in die Colonia Hogar Ricardo Gutiérrez in Marcos Paz, nach Julio M. Cantero jedoch bereits mit sechs Jahren. Die Colonia Hogar Ricardo Gutiérrez sei eine Einrichtung für minderjährige Jungen im Großraum Buenos Aires gewesen, eine 1904 als erste ihrer Art gegründete Besserungsanstalt des Landes, „in der damals Kinder landeten, die als ‚arm‘, ‚Waisen‘, ‚verlassen‘, ‚kriminell‘ und ‚bösartig und/oder‘ ‚Landstreicher‘ galten“. 1939 entstand unter der Regie von Carlos Borcosque der argentinische Schwarzweißfilm Y mañana serán hombres… (…Und morgen werden sie Männer sein). In dem Film wird die Einführung eines modernen Erziehungskonzepts in der Mitte der 1920er Jahre in Verruf geratenen Besserungsanstalt in Marcos Paz nachvollzogen. Nach Cantero wurde Borcosque durch die Geschichte von Zabala zu diesem Film inspiriert.
Der Sportler
Er betrieb zunächst Fußball, Basketball und Schwimmsport, bevor er 1927 seinen späteren Trainer Alexander Stirling traf. Auf Vereinsebene trat er für Sportivo Barracas an.
Ende Oktober 1931 siegte er beim Košice-Marathon, und zehn Tage später stellte er einen Weltrekord über 30 km (1:42:30,4 h) auf.
Sein sportlicher Höhepunkt waren die Olympischen Spiele 1932 in Los Angeles. Zabala lief fast über die komplette Distanz in der führenden Gruppe. Als nur noch 4 km zu laufen waren, riss er sich aus der Gruppe los und kam 20 Sekunden vor dem Briten Sam Ferris ins Ziel.
Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin erreichte den sechsten Platz im 10.000-Meter-Lauf, konnte seinen Marathontitel aber nicht verteidigen. Er übernahm die Führung nach dem Start, wurde aber bei Kilometer 30 von den späteren Gold- und Silbermedaillengewinnern Son Kitei und Ernie Harper überholt und gab kurz danach auf.
Der Fall Zabala
Else Cornelia Buck (1912–1985) stammte aus Vejle, hat aber, bedingt durch den Beruf ihres Vaters, viele Jahre ihrer Kindheit und Jugend in Argentinien verbracht. Dort lernte sie noch während ihrer Schulzeit Zabala kennen. Im Februar 1936, als Zabala an einem Leichtathletikwettbewerb in Kopenhagen teilnahm, wurde die Beziehung zwischen den beiden enger und führte bald zur Verlobung zwischen der bereits als Schauspielerin bekannten Buck und dem Sportstar Zabala. Am 30. März 1937 fand die standesamtliche Trauung des Paares in Berlin statt.
Zabala hielt sich in den 1930er Jahren oft in Deutschland auf und sein Bekanntheitsgrad legt es nahe, dass er 1936 während der Olympischen Spiele auch Kontakt zu Nazi-Größen hatte. Ihm wurden Kontakte zu Heinrich Himmler und Adolf Hitler vorgeworfen, was aber seine Biografen zu relativieren versuchen.
«Es muy probable que distintos jefes nazis – aunque no de ese grado – estuvieran en las carreras de Zabala por cuestiones protocolares, como ya lo vimos. Pero no más que eso.»
„Es ist sehr wahrscheinlich, dass verschiedene Nazi-Führer – wenn auch nicht von diesem Rang – aus protokollarischen Gründen bei Zabalas Rennen anwesend waren, wie wir bereits gesehen haben. Aber mehr auch nicht.“
Zabala bestritt 1980 in einem Zeitungsinterview, ein Unterstützer des Nazi-Regimes gewesen zu sein, gab aber zu, Himmler sehr gut gekannt und sich auch mit Hitler getroffen zu haben. Zugleich machte er geltend, dass ihm 1937 die Einreise nach Deutschland verboten worden sei, weil er mehreren jüdischen Familien die Ausreise nach Dänemark ermöglicht habe.
Ob Zabala tatsächlich, wie von ihm behauptet, Fluchthilfe für deutsche Juden geleistet hat, wurde nie geprüft, aber das vorübergehende Einreiseverbot gab es tatsächlich; es spielte sich nur vor einem anderen Hintergrund ab.
Die dänische Regierung hatte 1937 auf Druck aus der Zivilgesellschaft zugestimmt, Kinder aus Spanien aufzunehmen, um sie vor den Folgen des Spanischen Bürgerkriegs zu schützen.
Als die 122 Kinder und ihre Betreuerinnen und Betreuer Ende September in Dänemark eintrafen und an ihren Bestimmungsort Ordrup gebracht wurden, fanden sie dort bereits das Ehepaar Zabala vor, das faktisch die Leitung der Kinderkolonie ausübte. Wie es dazu kam, ist ungeklärt. Sie hätten sich freiwillig für diese Aufgabe gemeldet, „obwohl sie weder über institutionelle Unterstützung noch über eine pädagogische Ausbildung verfügten“. Córdoba Wolf vermutet, dass die lokalen Verbindungen des Paares dafür ausschlaggebend waren und das Vertrauens, das ihm von Teilen des Komitees für den Aufenthalt spanischer Kinder in Dänemark (Komiteen for spanske Børns Ophold i Danmark) entgegengebracht wurde.
Bei den spanischen Betreuern stieß die vorgefundene Situation auf Unverständnis, zumal die Funktion des Ehepaares Zabala auch nicht mit der spanisch-republikanischen Regierung abgesprochen war. Hinzu kam insbesondere das Juan Carlos Zabala angelastetes Fehlverhalten, der in den Erinnerungen ehemaliger Schülerinnen und Schüler als ein harter und grausamener Menschen beschrieben wurde, der die Kinder oft und ohne Grund geschlagen und bestraft habe.
Da die Nachrichten aus Ordrup in Spanien Besorgnis erregten, beschloss die republikanische Regierung, den gerade erst im französischen Exil angekommenen Pädagogen Jesús Revaque Garea nach Dänemark zu entsenden, um die Situation dort zu klären. Über das, was er in Ordrup vorfand, heißt es bei Córdoba Wolf:
«En sus cartas, conservadas parcialmente, denuncia no solo la actitud autoritaria del argentino, sino la existencia de una red de influencias fascistas locales —incluido un cura, un carpintero y un periodista— que intentaban desprestigiar a los niños españoles y favorecer su repatriación a la zona sublevada.
Según los testimonios recabados por Revaque y los profesores españoles, Zabala negado a irse de la colonia, habría llegado a organizar un viaje de fútbol infantil entre los chicos españoles y los danases. Sin embargo, se conoció que el presunto propósito de dicho viaje era él de trasladar a varios menores a Alemania, desde donde serían entregados al régimen franquista como símbolo propagandístico y de legitmación para la naciente dictadura.»
„In seinen teilweise erhaltenen Briefen prangert er nicht nur die autoritäre Haltung des Argentiniers an, sondern auch die Existenz eines Netzwerks lokaler faschistischer Einflussnehmer – darunter ein Priester, ein Zimmermann und ein Journalist –, die versuchten, die spanischen Kinder zu diskreditieren und ihre Rückführung in das Aufstandsgebiet zu begünstigen.
Nach den von Revaque und den spanischen Lehrern gesammelten Zeugenaussagen soll Zabala, der sich geweigert hatte, die Kolonie zu verlassen, sogar ein Fußballspiel zwischen den spanischen und den dänischen Kindern organisiert haben. Es wurde jedoch bekannt, dass der mutmaßliche Zweck dieser Reise darin bestand, mehrere Minderjährige nach Deutschland zu bringen, wo sie dem Franco-Regime als Propagandasymbol und Legitimation für die aufkommende Diktatur übergeben werden sollten.“
Die Zabalas mussten sich aus der Kinderkolonie zurückziehen, Revaque Garea übernahm deren Leitung und es gab ein juristisches Nachspiel. Die dänische Regierung warf ihm vor, „Unruhen unter den baskischen Kindern ausgelöst“, „gegen die Bestimmungen zum sozialen Wohlergehen“ verstoßen und „die Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung in den Kinder- und Waisenhäusern [..] untergraben“ zu haben. Damit hätte Zabala eine Freiheitsstrafe von drei Monaten gedroht. Laut ihren Biografen musste sich das Ehepaar Zabala zwar vor einem Kopenhagener Gericht verantworten, doch „alles verlief im Sande, da Zabala im Dezember, als seine Aufenthaltsgenehmigung ablief, beschloss, nach Argentinien zurückzukehren“. Bei Córdoba Wolf heißt es dagegen, das Gericht habe die Anschuldigungen offiziell zurückgewiesen, aber der Druck republikanischer Lehrer und des Dänischen Komitees habe zu Zabalas endgültiger Ausweisung geführt. Der Ablauf seines Visums sei von Zabala nur als Schutzbehauptung angeführt worden, und er sei bemüht gewesen, sich als Opfer einer politischen Verschwörung zu präsentieren.
Der Weg der Zabalas nach Argentinien sollte über Deutschland führen. Doch von dort erhielten sie zunächst tatsächlich keine Einreiseerlaubnis, „angeblich weil die Deutschen befürchteten, sie seien Kommunisten“. Kurz vor Jahresende 1937 erhielt das Ehepaar Zabala dann doch für sich und Elses Mutter die Einreiseerlaubnis – Hitler selbst habe die Genehmigung dafür erteilt, wie Zabala in dem schon erwähnten Interview für die Zeitung La Nación ausführte. Am 1. Januar 1938 verließen die Zabalas per Schiff Hamburg und kamen am 26. Januar 1938 in Buenos Aires an. Am 14. August 1942 wurde die Ehe zwischen Juan Carlos und Else Zabala in Mexiko geschieden. In den 1950er Jahren startete Else Zabala unter dem Namen Elsa Zabala „eine lange Karriere als Charakterdarstellerin in Spanien“.
In Argentinien blieb Juan Carlos Zabala immer der Marathon-Held von 1932, der Ñandú Criollo (kreolische Nandu), dem lebenslang Ehrungen zuteilwurden – und über seinen Tod hinaus. Ende 1999 wurde er in einer Umfrage des argentinischen Leichtathletikverbandes zum besten männlichen Sportler des Jahrhunderts gewählt, und ein Jahrzehnt später wurde das Sportzentrum von Tigre nach ihm benannt. Dem Wunsch der Stadt Velje, dass „die ganze Angelegenheit um das Ehepaar Zabala [..] eines Tages gründlich untersucht werden“ sollte, wurde allerdings bislang noch nicht Rechnung getragen.
Literatur
- Rubén Aguilera, Eduardo Biscayart, Luis Vinker: ZABALA, EL CAMPEÓN EXCEPCIONAL, ediciones al arco, 2022.
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