Kernenergie in Frankreich

Frankreich hat seit Jahrzehnten den höchsten prozentualen Anteil an mit Kernenergie erzeugtem Strom weltweit. 2019 stammten ca. 72 % des in Frankreich produzierten Stroms aus Atomkraftwerken (2016: 403 TWh (brutto) von 556 TWh, 2019: 377,4 TWh von 520,5 TWh). Am gesamten Energiemix, also an der im Land verbrauchten Primärenergie für alle Sektoren, d. h. Verkehr, Wärme und Strom, hatte Kernenergie einen Anteil von 37 %. Die Stand Januar 2026 insgesamt 57 in Frankreich betriebenen Kernreaktoren haben eine installierte elektrische Gesamtleistung von ca. 63 GW. Alle Kernkraftwerke werden vom staatlichen Stromkonzern EDF betrieben. Der Großteil der aktiven Reaktoren ging von 1979 bis 1994 in Betrieb, 2000 und 2002 folgten noch Standorte mit je zwei Blöcken. 14 alte Reaktoren waren Stand März 2020 endgültig abgeschaltet, darunter Fessenheim am Rhein. Ein EPR-Reaktor ist seit 2024 im Kernkraftwerk Flamanville als Block 3 in Betrieb, wobei die geplanten Baukosten und Bauzeiten massiv überschritten wurden (siehe hier).

Durch den hohen Anteil an Kernenergie weist Frankreich eine vergleichsweise niedrige CO2-Intensität der Stromerzeugung auf. Mit etwa 85 Gramm CO2 pro Kilowattstunde liegt der französische Strommix deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt von rund 438 g CO2/kWh. Seit 1980 war Frankreich – mit Ausnahme des Jahres 2022 – durchgehend Nettoexporteur von Strom und ist der größte Stromexporteur Europas.

Im Mai 2022 waren insgesamt 30 von 56 Reaktoren zu Wartungszwecken abgeschaltet, im September 32. Bei zwölf dieser Reaktoren war Korrosion an Schweißnähten aufgetreten. Nach Reparaturen wurden bis Anfang 2024 alle Reaktoren wieder ans Netz gebracht.

Bis etwa zum Ausbruch der Wirtschaftskrise ab 2007 plante Staatspräsident Nicolas Sarkozy den Neubau eines weiteren EPR. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 und der Wahl von François Hollande wurde der Plan nicht weiter verfolgt. Emmanuel Macron kündigte im Februar 2022 eine „Renaissance der Kernenergie“ an, mit dem Bau sechs neuer, verbesserter EPR bis 2050, der Prüfung von acht weiteren Standorten, zudem einer Laufzeitverlängerung bestehender Kraftwerke auf 50 Jahre. Laut der französischen Atomaufsicht Autorité de sûreté nucléaire (ASN) sind Reparaturen an den 32 ältesten Reaktoren Bedingung für eine Laufzeitverlängerung. Die Laufzeit dieser Reaktoren wurde im Jahr 2021 auf 50 Jahre verlängert, die Laufzeitverlängerung von 20 Reaktoren der 1300-MW-Baureihe folgte im Jahr 2025.

Geschichte

Belleville
Blayais
Brennilis
Bugey
Cattenom
Chinon
Chooz
Civaux
Cruas
Dampierre
Fessenheim
Flamanville
Golfech
Gravelines
Marcoule/Phénix
Nogent
Paluel
Penly
Saint-Alban
Saint-Laurent
Superphénix
Tricastin
Kernkraftwerke in Frankreich

 Aktive Kraftwerke

 Stillgelegte Kraftwerke

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Frankreich viele Talsperren unter anderem zur Stromerzeugung errichtet (Liste hier); die Wasserkraft hatte Anfang der 1960er Jahre etwa 70 % Anteil an der erzeugten Strommenge. Infolge des mit Wirtschaftswachstum und Strukturwandel steigenden Strombedarfs wurden in den 1960ern insbesondere Ölkraftwerke zur Deckung des volatiler werdenden Strombedarfs zugebaut.

Die Kernenergie lieferte Anfang der 1960er Jahre nur einen geringen Beitrag zur Stromproduktion. Es wurden, auf Erfahrungen aus dem französischen Atomwaffenprogramm aufbauend, zwischen 1959 und 1972 neun gasgekühlte und graphitmoderierte Reaktoren (UNGG-Reaktoren) in Betrieb genommen; diese konnten mit Natururan betrieben werden. 1967 wurden ein Druckwasserreaktor und ein gasgekühlter Schwerwasserreaktor zur Erprobung der Technologien in Betrieb genommen. 1973 trug die Kernenergie 8 % zur Stromproduktion in Frankreich bei.

Messmer-Plan

Pierre Messmer (1916–2007) war vom 5. Juli 1972 bis zum 27. Mai 1974 französischer Premierminister (unter Staatspräsident Georges Pompidou). Der „Messmer-Plan“ (Stromproduktion aus Uran zur Verringerung der Abhängigkeit von Energieimporten) wurde schon vor der ersten Ölpreiskrise beschlossen. Der massive Zubau neuer Kernkraftwerke war also nicht (wie vielfach angenommen) eine Reaktion auf die Ölpreiskrise. Es gab nach de Gaulles Rücktritt (1969) ein Atom-Kommissariat mit etwa 3.000 Mitarbeitern. Diese waren unterbeschäftigt, nachdem die Force de Frappe mit Kernwaffen ausgerüstet worden war. 1971 ging der Leiter des Atom-Kommissariats in den Ruhestand; André Giraud (1925–1997) wurde sein Nachfolger. Giraud ergriff einige energische Maßnahmen und veröffentlichte im März 1971 einen Plan:

  • In den Jahren von 1971 bis 1975 sollten nun vier oder fünf (statt bis dahin geplant zwei) neue Atomkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 8000 Megawatt (MW) gebaut werden;
  • Als erste Neubauten wurden Fessenheim I am Rhein bei Freiburg im Breisgau und Bugey II an der Rhone bei Lyon vorgesehen.

Die Baubeginne zeigen das Tempo des Ausbaus: Bugey II 1. November 1972, Bugey III 1. September 1973, Bugey IV 1. Juni 1974, Bugey V 1. Juli 1974. Giraud näherte Staat und Atomindustrie einander stark an (Näheres im Personenartikel; siehe auch Wirtschaft Frankreichs und gelenkte Volkswirtschaft). Der Bau dauerte deutlich länger als erwartet (Fertigstellung zwischen Mai 1978 und Juli 1979). 1980 gingen sieben französische Atomkraftwerke in Betrieb, 1981 acht, 1982 zwei, 1983 vier, 1984 sechs, 1985 vier und 1986 sechs.

Georges Pompidou (Staatspräsident Juni 1969–1974) trieb wie seine Vorgänger die Modernisierung Frankreichs voran. Frankreich war bis in die 1960er Jahre ein agrarisch geprägtes Land. Mit zunehmender Industrialisierung während des Wirtschaftsbooms der Nachkriegsjahre (Trente glorieuses) entfielen viele Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und entstanden viele in der Industrie. Der Energieverbrauch Frankreichs stieg deutlich an.

Die EdF wählte als Technologie den Druckwasserreaktor aus, u. a. auch wegen der vorhandenen Urananreicherungskapazitäten aus dem Atomwaffenprogramm. Die nationale Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde Autorité de sûreté nucléaire (in Deutschland: auf föderaler Ebene, siehe Atomaufsichtsbehörde) begünstigte die Verwendung standardisierter Reaktordesigns in ganz Frankreich (CP0, CP1, CP2); dies war eine Grundlage für einen schnellen und relativ preisgünstigen Ausbau der Kernkraftwerks-Kapazitäten in den 1970er und 1980er Jahren. In Deutschland wurden dagegen relativ viele verschiedene Typen gebaut; nur von der Baulinie 69 (1969) gab es vier fast baugleiche Kernreaktoren. 1979 wurden 20 % des Stroms in Kernkraftwerken erzeugt, 1983 waren es 49 % und 1990 etwa 75 %. Parallel zum Ausbau der Kernenergie wurden in den 1980er Jahren fossile Kraftwerke stillgelegt.

Ära Mitterrand und Abflauen des Booms

Unter François Mitterrand (Präsident 1981–1995) kam es zu einer Verlangsamung des Zubaus von Kernkraftwerken (siehe Liste der Nuklearanlagen in Frankreich). Es zeigte sich, dass der Messmer-Plan (ähnlich wie viele deutsche Prognosen in den 1970er Jahren) den Strombedarf massiv überschätzt hatte. Es entstand eine Überkapazität an Kernkraftwerken. 1988 waren die Reaktoren der EDF im Mittel nur zu 61 % ausgelastet; dies erschwerte die Rückzahlung der für ihren Bau aufgenommenen Kredite. Zur Erschließung zusätzlicher Absatzmöglichkeiten wurden daher Verbindungen zu den Elektrizitätsnetzen der Nachbarstaaten ausgebaut (siehe Europäisches Verbundsystem).

Reaktion auf Fukushima

Im Gegensatz zu Deutschland und weiteren Ländern, insbesondere Japan, änderte nach den Kernschmelzen in Fukushima im Jahr 2011 Frankreich unter Präsident Nicolas Sarkozy seine Atompolitik nicht. Die nach Fukushima vom französischen Institut für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit (IRSN) durchgeführten Stresstests ergaben, dass alle 58 aktiven Kernreaktoren aus Gründen der Betriebssicherheit nachgerüstet werden müss(t)en, da sie nicht ausreichend gegen Naturkatastrophen ausgelegt sind. Erforderlich wurden zusätzliche Einbauten von überschwemmungssicheren Dieselgeneratoren, Nachrüstungen von erdbebensicheren Rohren, zudem mussten die Kühlwasservorräte für die Notkühlung vergrößert werden. Daneben wurden bei den Kernkraftwerken Tricastin, Gravellines und Saint Alban bisher übersehene oder ignorierte Sicherheitsmängel entdeckt, beispielsweise die Nähe zu Chemiefabriken und Betrieben für explosive Stoffe.

Im September 2011 kündigten die Spitzenkandidaten der (damals) oppositionellen sozialistischen Partei (PS) an, langfristig aus der Kernenergienutzung aussteigen zu wollen.

Im Juni 2011 hatten sich bei einer repräsentativen Umfrage des Institut français d’opinion publique 62 % der Franzosen für einen Ausstieg aus der Kernenergie binnen 25 bis 30 Jahren ausgesprochen; weitere 15 % wollten schneller aussteigen.

François Hollande wurde in der Stichwahl am 6. Mai 2012 gegen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy zum Präsidenten Frankreichs gewählt. 2014 kündigte Hollande an, den Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung von etwa 75 % auf 50 % bis 2025 zu senken. Dieses Ziel wurde im Gesetz zur Energiewende für grünes Wachstum von 2015 verankert, das zugleich den Ausbau erneuerbarer Energien fördern sollte.

Ausfälle 2021/2022

Im Oktober 2021 wurden bei der zehnjährigen Inspektion in Block 1 des Kernkraftwerk Civaux Mängel in der Nähe von Schweißnähten an Rohrkrümmern des Sicherheitseinspritzsystems festgestellt. Beide Reaktoren dort sind vom Typ N4, der jüngsten AKW-Generation. Kontrollen am Block 2 fanden ähnliche Mängel. Die beiden Reaktoren mit einer Nettoleistung von je 1495 MW wurden im November 2021 außer Betrieb genommen.

Am 15. Dezember 2021 teilte EDF der nuklearen Sicherheitsbehörde ASN mit, dass sich nach ersten metallurgischen Untersuchungen gezeigt habe, dass die Risse wohl auf Grund von Spannungskorrosion entstanden. Die betroffenen Teile sollten ausgetauscht werden, was zu einer unvorhergesehenen Verlängerung der AKW-Stillstandszeiten führte. Weil die baugleichen Reaktoren im Kernkraftwerk Chooz (Ardennen) mit zwei Blöcken (je 1.560 MW Bruttoleistung) die gleiche Technologie verwenden, wurden auch diese vorsorglich und unplanmäßig außer Betrieb genommen. Chooz 2 wurde am 16. Dezember 2021 vom Netz genommen, Chooz 1 am 18. Dezember 2021. Später wurden fünf weitere Reaktoren der 1300 MW-Reihe und drei 900 MW-Reaktoren außer Betrieb genommen, um sie auf Korrosionsprobleme zu untersuchen bzw. die Probleme zu beheben.

Ende Juli 2022 waren nur 26 von 56 französischen in Dienst befindlichen Kernreaktoren in Betrieb, sodass Frankreich verstärkt von Gaskraftwerken, Windkraftanlagen und Stromimporten abhängig wurde. Infolge der Stillstände verzehnfachten sich die Börsenstrompreise in Frankreich gegenüber dem langjährigen Mittel auf ca. 500 Euro/MWh. Ursachen für die vielen außer Betrieb genommenen Kernreaktoren waren neben den Korrosionsschäden ein wartungsintensiver alter Kraftwerkspark und die COVID-Maßnahmen, wegen der viele Wartungen verschoben wurden (die nachgeholt werden mussten). Frankreich kündigte eine vollständige Verstaatlichung von EdF an. Der Energiekonzern, der alle französischen Kernkraftwerke betreibt, hatte zuvor in den ersten sechs Monaten des Jahres 2022 mehr als fünf Mrd. Euro Verlust erwirtschaftet. Im August 2022 waren von einer installierten Leistung von mehr als 60 GW nur ca. 31 GW in Betrieb.

Um die reduzierte Produktion zu kompensieren, war Frankreich auf Stromzukäufe aus dem Ausland angewiesen. Durch die große Nachfrage Frankreichs, die auch in anderen Strommärkten die Strombezugspreise stark steigen ließ, erhöhten sich ebenfalls die Strompreise in Staaten wie z. B. Deutschland. Gleichzeitig kam es in Frankreich durch die Einführung des Strompreisdeckels zu einem deutlichen Anstieg der Staatsverschuldung.

Infolge der Dürre und Hitze in Europa 2022 verschärfte sich die Situation: Kernkraftwerke benötigen Kühlwasser aus Gewässern, das je nach Art der Kühlung nach der Nutzung ggfs. zurückgeleitet wird. Um Umweltauflagen zu erfüllen, dürfen Wassertemperatur und Durchfluss bei der Rückführung bestimmte Grenzen nicht überschreiten. Dadurch wird es ggfs. notwendig, die Leistung einiger Kernkraftwerke vorübergehend zu reduzieren, was auch im Sommer 2022 geschah. Zur Sicherstellung der Netzstabilität erlaubte die französische Nuklearregulierungsbehörde ASN für fünf Kernkraftwerke eine bis Mitte September befristete Anhebung dieser Grenzwerte (Golfech am Ufer der Garonne, Blayais an der Gironde und Saint-Alban, Bugey und Tricastin an der Rhône). Die diesbezüglichen Regularien entstanden als Reaktion auf die Hitzewellen von 2003, 2005 und 2006. Bis 2022 wurden sie nur einmal im August 2018 bei einem einzelnen Kernkraftwerk angewendet. Durch diese Maßnahme konnte der hitze- und trockenheitsbedingte Anteil an den Produktionsausfällen mit 501 GWh im Jahr 2022 – auch im Verhältnis zu den Vorjahren – gering gehalten werden. Aufgrund der Dürre kam es zusätzlich zu Einbußen bei der Stromerzeugung aus Wasserkraft in Höhe von 12 Twh.

Anfang Oktober kündigte Frankreich an, einen sog. „Strom-Wetterbericht“ im Fernsehen einführen zu wollen, durch den die Bürger mit grünen, gelben und roten Symbolen über die aktuelle Situation im Stromsystem informiert würden. Während bei grün ausreichend Strom zur Verfügung steht, signalisiert gelb eine angespannte Lage, während bei rot Stromausfälle drohen. Ziel war es, die Bürger mit dem Strom-Wetterbericht zur Senkung ihres Verbrauchs aufzurufen bzw. sie zu animieren, verschiebbare Lasten wie Wäschewaschen in günstigere Zeitfenster zu verlagern, um auf diese Weise Stromausfälle zu vermeiden. Ebenfalls wurde ein stillgelegtes Kohlekraftwerk wieder reaktiviert. Zudem erklärte der Netzbetreiber RTE, die strombasierte Warmwassererzeugung von ca. 4,3 Millionen Haushalten werde in den Mittagsstunden ausgesetzt, um das Stromnetz zu stabilisieren. Zu dem Zeitpunkt waren weiterhin 28 der 56 Kernkraftwerke nicht betriebsfähig.

Erstmals seit Inbetriebnahme des französischen Kernkraftwerksparks war Frankreich im Jahr 2022 Nettoimporteur von Elektrizität. Die Handelsbilanz im Stromsektor verschlechterte sich gegenüber dem Vorjahr um mehr als 10 Milliarden Euro (rund 0,4 % des Bruttoinlandsprodukts). Die verfügbare Leistung sank 2022 im Jahresdurchschnitt um nahezu 10 GW, was einer Produktionsminderung von rund 82 TWh entsprach. EDF schrieb mit einem Jahresverlust von 17,9 Milliarden Euro den höchsten Verlust in der bisherigen Firmengeschichte. Zudem stiegen die Schulden des Konzerns auf 64,5 Milliarden Euro.

Bis Januar 2023 erholte sich die Erzeugungskapazität aus Kernkraft auf Werte über 44 GW, nachdem bei einigen Kraftwerken die planmäßigen Inspektionen bzw. die Reparaturarbeiten abgeschlossen waren. Frankreich erlangte im Laufe des Jahres seine Position als Europas größter Stromexporteur zurück und überholte damit Schweden und Norwegen.

Angekündigte Renaissance unter Macron

Im November 2019 wurde mit dem verabschiedeten Klima- und Energiegesetz das Ziel, den Anteil der Kernenergie am Strommix auf 50 % zu senken, auf 2035 verschoben. 2021 stellte die Regierung unter Präsident Emmanuel Macron mit dem Investitionsprogramm France 2030 einen Plan unter anderem zur Förderung von emissionsarmen Wasserstoff und der Entwicklung kleiner modularer Reaktoren (SMR) vor.

Im Februar 2022 kündigte Macron den Bau von bis zu 14 neuen Atomreaktoren zusätzlich zu dem damals noch im Bau befindlichen EPR am Standort Flamanville an. Bis 2050 sollten sechs EPR-Reaktoren der zweiten Generation gebaut und der Bau weiterer acht Meiler geprüft werden. Bei einem Baubeginn im Jahr 2028 solle der erste neue Reaktor im Jahr 2035 ans Netz gehen. Die Laufzeit bestehender Atomkraftwerke solle verlängert werden, solange keine Sicherheitsbedenken bestünden. Zur Überbrückung bis zur Fertigstellung neuer Reaktoren sollten 50 Offshore-Windparks errichtet werden. Im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine und den in Folge abnehmenden Gaslieferungen folgte die französische Politik dem Vorgehen Macrons. Die Renaissance der Atomkraft stieß in der französischen Bevölkerung auf Zustimmung. Im Rahmen der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2022 kündigte Macron an, bis 2050 die Photovoltaik-Kapazität auf 100 GW und die von Offshore-Windkraftanlagen auf 40 GW ausbauen zu wollen.

Im März 2023 wurde ein Gesetz „zum beschleunigten Verfahren beim Bau von Atomanlagen“ verabschiedet. Frankreich plant nun neben dem Bau von kleinen modularen Reaktoren auch sechs neue EPR2 Reaktoren, mit dem Ziel, bis 2035 klimaneutral zu sein. Außerdem soll die Kernkraft zur Produktion von Wasserstoff genutzt werden.

Stand Juli 2023 sollten sechs neue EPR2-Reaktoren an drei Standorten gebaut werden: Penly (geplante Inbetriebnahme im Idealfall 2035), Gravelines (2038) und Bugey (2042). Im März 2025 wurde die geplante erste Inbetriebnahme bereits um 3 Jahre, also auf 2038 nach hinten verschoben.
Anfang 2023 ging EDF von Kosten in Höhe von 51,7 Milliarden Euro für die 6 Reaktoren aus. Im März 2025 wurden die Kosten mit 67,4 Milliarden Euro angegeben, wobei zu diesem Zeitpunkt schon bekannt war, dass der Preis für einen in Frankreich gebauten Reaktor (Flamanville 3) auf 23,7 Milliarden Euro, seine Bauzeit auf 17 Jahre angewachsen war. Im Dezember 2025 erklärte EDF, dass die 6 geplanten Reaktoren 72,8 Milliarden Euro kosten würden. Sie wären damit um 40 Prozent teurer als ursprünglich vorgesehen.

Die Kostenschätzung für die zwei jenseits des Ärmelkanals durch EDF in Bau befindlichen EPR-Reaktoren Hinkley Point C lag im Februar 2024 bei rund 50 Mrd. Euro. Im Kernkraftwerk Olkiluoto ging 2023 ein EPR-Reaktor in Betrieb. Der Bau war 2005 begonnen worden und hätte eigentlich 2009 fertig sein sollen. Der reguläre Betrieb begann aber erst am 16. April 2023. Als Kaufpreis waren 3 Milliarden Euro vereinbart worden; 2022 wurden die tatsächlichen Kosten auf 11 Milliarden Euro geschätzt. Areva erlitt Milliarden-Verluste, wurde vom Staat Frankreich gerettet und im August 2017 per Squeeze-out von der Börse genommen.

Im Januar 2025 mahnte der französische Rechnungshof eine bessere Planung und bis dahin einen Aufschub der sechs neuen Reaktoren an. Der Rechnungshof beklagte auch, dass EDF sich bislang „absichtlich und beharrlich geweigert“ habe, detaillierte Zahlen zu Rentabilität und Produktionskosten vorzulegen.

Besonderheiten der Nuklearenergie in Frankreich

Kohlendioxid-Emissionen

Aufgrund des hohen Anteils an Kernenergie verfügt Frankreich über einen vergleichsweise CO2-armen Stromsektor. Während Länder wie das Vereinigte Königreich und Deutschland um die Jahrtausendwende spezifische Emissionen von teils deutlich über 500 Gramm CO2 pro Kilowattstunde (g CO2/kWh) aufwiesen, lagen sie in Frankreich bei rund 80 g CO2/kWh. Obwohl die Kernenergiekapazität im 21. Jahrhundert kaum erweitert wurde, gehört Frankreich weiterhin zu den Ländern mit der niedrigsten spezifischen CO2-Intensität der europäischen Stromerzeugung.

Verfügbarkeit

Die Verfügbarkeit der französischen Kernkraftwerke – also der Anteil der installierten Leistung, der tatsächlich zur Stromerzeugung eingesetzt werden kann – lag im internationalen Vergleich über längere Zeit unter den Spitzenwerten einiger anderer Kernenergiestaaten. Nach einem historischen Tief der nuklearen Stromproduktion im Jahr 2022 erholte sich die Erzeugung in den Folgejahren wieder. Die vergleichsweise moderate Verfügbarkeit ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Dazu zählen umfangreiche Wartungs- und Modernisierungsprogramme zur Laufzeitverlängerung der Anlagen sowie zusätzliche Sicherheitsanforderungen infolge der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Hinzu kamen pandemiebedingte Verzögerungen bei Instandhaltungsarbeiten und ab Ende 2021 festgestellte Spannungsrisskorrosionsprobleme, die zeitweise zahlreiche Reaktoren außer Betrieb setzten. In einzelnen Sommerperioden kann die Stromproduktion zudem aufgrund hoher Kühlwassertemperaturen und entsprechender umweltrechtlicher Auflagen begrenzt sein. Planmäßige Stillstände erfolgen je nach Brennelementzyklus alle 12 bis 18 Monate. Zusätzlich findet etwa alle zehn Jahre eine visite décennale statt, die rund fünf Monate dauert und einer deutschen Periodischen Sicherheitsüberprüfung (PSÜ) entspricht. Um die Stromversorgung im Winter sicherzustellen, werden die regelmäßigen Prüfungen überwiegend im Sommer durchgeführt.

Kritiker argumentieren, dass Frankreich im Zuge seines umfangreichen Kernenergieprogramms Überkapazitäten aufgebaut habe, was zu Stromüberschüssen führte, die exportiert oder durch verstärkte Nutzung elektrischer Heizsysteme im Inland verbraucht werden müssen. Dies wird teilweise als wirtschaftlich ineffizient und ökologisch nachteilig bewertet, da Kernkraftwerke nur begrenzt für die Deckung von Spitzenlast geeignet sind. Gleichzeitig hat die Kernenergie zu vergleichsweise niedrigen Strompreisen beigetragen, was sowohl als wirtschaftlicher Vorteil für Verbraucher als auch als möglicher Anreiz für höheren Stromverbrauch gesehen wird. Der Pro-Kopf-Stromverbrauch in Frankreich liegt im internationalen Vergleich auf einem relativ hohen Niveau.

Durch die globale Erwärmung hat die Zahl, Intensität und Dauer der Hitze- und Trockenperioden zugenommen. Dies kann die Verfügbarkeit von Kühlwasser der Kernkraftwerke und damit deren Leistung negativ beeinflussen. Projektionen des IPCC deuten darauf hin, dass die Produktion von an Seen und Flüssen gelegenen Wärmekraftwerken in Zukunft besonders empfindlich auf die globale Erwärmung reagieren wird. Sie könnten häufiger Wasserbeschränkungen unterliegen, da die Temperatur der Wasserauslässe die behördlichen Grenzwerte zunehmend überschreitet. Europäische Anlagen, insbesondere in Südfrankreich, könnten dabei die höchsten prozentualen Zunahmen an aufeinanderfolgenden Trockentagen verzeichnen.

Lastfolgebetrieb

Französische Kernkraftwerke sind grundsätzlich in der Lage, im Lastfolgebetrieb gefahren zu werden. Aufgrund der großen Rolle der Kernenergie stellt der variable Betrieb von Kernkraftwerken zum Ausgleich täglicher Nachfrageschwankungen einen festen Bestandteil der französischen Stromversorgung dar. Der überwiegende Teil der installierten Leistung wird konstant im Grundlastbetrieb gefahren; ein Teil der Kern- und Wasserkraftwerke wird jedoch flexibel zur Anpassung an die Lastentwicklung eingesetzt. Die tägliche Variation der nuklearen Stromerzeugung durch den Lastfolgebetrieb beträgt typischerweise etwa 5–10 % der gesamten Kernenergieproduktion.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Lastfolgebetriebs zeigen sich vor allem in einer geringfügig niedrigeren Jahresauslastung der Anlagen. Da Brennstoffkosten bei Kernkraftwerken nur einen kleinen Anteil an den Gesamterzeugungskosten ausmachen, ist ein möglichst hoher Auslastungsgrad wirtschaftlich vorteilhaft. Für Frankreich wird der Einfluss des Lastfolgebetriebs auf den durchschnittlichen jährlichen Anlagenverfügbarkeitsfaktor auf rund 1,2 Prozentpunkte geschätzt.

Reaktortypen

Die ersten Generationen

Die ersten Reaktoren waren gasgekühlte und graphitmoderierte Reaktoren (UNGG-Reaktoren). Alle Reaktoren dieser Generation wurden inzwischen abgeschaltet. Ein erster Druckwasserreaktor der 300-MWe-Klasse wurde in Chooz auf Basis eines Westinghouse-Designs errichtet. Anhand der dort gewonnenen Erfahrungen wurden die standardisierten französischen Reaktortypen entwickelt.

900-MWe-Klasse (CP0, CP1 und CP2)

Alle Kraftwerken der CPx-Baureihe (CP steht für contrat-programme, wobei die nachfolgende Nummer die Nummer des Programmes benennt) sind ähnlich aufgebaut; die elektrische Nettoleistung beträgt um 900 MW unter Verwendung eines „3-loop“-Designs. Dabei wird die Wärme des Primärkreises über drei Dampferzeuger an den Sekundärkreis überführt, mit dem dort erzeugten Dampf wird die Turbine betrieben.

Als erste Reaktoren der CP0-Baulinie wurden 1977 die beiden Blöcke des Kernkraftwerks Fessenheim in Betrieb genommen, die vier weiteren CP0-Reaktoren befinden sich in Bugey. Bei Kraftwerken der Linien CP0 und CP1 teilen sich noch zwei Reaktorblöcke ein Maschinenhaus und eine Steuerzentrale.

Die Reaktoren der CP1- und CP2-Baureihe verfügen über einen zusätzlichen Kühlkreislauf, zusätzliche Notfallsysteme, eine flexiblere Steuertechnologie für den Lastfolgebetrieb und sind in ihrer Konstruktion sehr ähnlich. Beide werden öfters auch unter der Bezeichnung 'CPY' zusammengefasst.

Die vier Reaktoren der CP0-Baureihe in Bugey sowie alle 28 Reaktoren der CPY-Baureihe in Frankreich mit einer Gesamtleistung von 3,7 GW bzw. 26 GW sind nach wie vor in Betrieb. CPY-Reaktoren wurden auch in anderen Ländern errichtet, u. a. das Kernkraftwerk Koeberg in Südafrika sowie die benachbarten Kernkraftwerke Daya Wan und Ling’ao in China (dort als M310 bezeichnet).

1300-MWe-Klasse (P4 und P'4)

Der P4 (P4 steht für Paluel 4-loop) ist eine Weiterentwicklung des CP2 s – die elektrische Nettoleistung wurde unter Verwendung eines „4-loop“-Designs auf 1300 MWe gesteigert. Weiterhin wurde die Reaktorsteuerung zum Lastfolgebetrieb verbessert. Vom P4 wurden 20 Reaktoren mit einer Gesamtnettoleistung von 26 GW errichtet. Der konstruktive Unterschied zwischen den P4 und P'4 besteht in der Baugröße der Reaktorgebäude und der Maschinenhallen, die bei dem P'4 kleiner ausgelegt wurden, um die Baukosten zu verringern.

1450-MWe-Klasse (N4)

Der N4-Reaktortyp weist neben einer gesteigerten Leistung insbesondere Verbesserungen bei der Lastfolgefähigkeit auf. Ein N4-Reaktor kann seine Leistung unter vermindertem Einsatz von Borsäure anpassen und ist unter den bisher errichteten großen Druckwasserreaktoren der am flexibelsten regelbare.

Vom N4 wurden nur vier Reaktoren errichtet, zwei im Kernkraftwerk Civaux und zwei im Kernkraftwerk Chooz. Der Bau begann jeweils zwischen 1984 und 1991, die kommerzielle Inbetriebnahme erfolgte – wegen thermischer Materialermüdungsprobleme am Restwärme-Abfuhr-System sowie Turbinen-Problemen – erst zwischen 2000 und 2002. Die vier errichteten Reaktoren haben eine elektrische Gesamtnettoleistung von 6000 MW.

1750-MWe-Klasse (EPR)

Die nächste französische Reaktorgeneration ist der EPR. Er wurde von Areva und Siemens aus N4 und Konvoi entwickelt.

Mit dem Bau des ersten EPR wurde in Finnland im Kernkraftwerk Olkiluoto im Jahr 2007 begonnen. Die Baukosten des Reaktors Olkiluoto 3 sind massiv überschritten, der Block wurde am 21. Dezember 2021 mit 13 Jahren Verspätung das erste Mal kritisch. Die Baukosten und die Verzögerungen waren Gegenstand von Gerichtsprozessen zwischen Areva und dem Betreiber TVO.

Ein zweiter EPR wurde in Flamanville (Frankreich) Ende 2007 begonnen; ursprünglich war 2012 als Inbetriebnahmejahr vorgesehen. Die Investitionsausgaben dieses Reaktors erhöhten sich während der Bauzeit stark. Wurden vor Baubeginn im Jahr 2005 Kosten von 3,3 Mrd. Euro veranschlagt, stiegen diese bis 2018 auf 10,5 Mrd. Euro an, bei Inbetriebnahme waren sie auf voraussichtlich 13,2 Milliarden gestiegen. Der Käufer EDF hatte einen Festpreis vereinbart; Areva bzw. Areva NP machten beim Bau Milliardenverluste.

Zum Jahreswechsel 2017/18 übernahm EDF 75,5 % des bisherigen Reaktorgeschäfts von Areva, um deren Konkurs abzuwenden, lediglich die Projekte Olkiluoto und Flamanville verblieben bei Areva, deren Rest mittlerweile in Orano umbenannt wurde.

Im Januar 2009 verkündete der damalige Präsident Sarkozy Pläne für einen dritten EPR im Kernkraftwerk Penly. Diese wurden später zunächst aufgegeben. Stand Februar 2022 sollten zwei EPR2-Reaktoren am Standort Penly gebaut werden und zwischen 2035 und 2037 in Betrieb gehen.

Stand Juli 2022 waren zwei EPR am Kernkraftwerk Taishan in China in Betrieb (erster Block 2018 und zweiter Block 2019).
Flamanville 3 wurde am 3. September 2024 erstmals kritisch.

Brutreaktoren

In Frankreich wurden in der Vergangenheit auch zwei Schnelle Brüter betrieben, die Meiler Phénix und Superphénix. Beide wurden aus wirtschaftlichen Gründen vorzeitig stillgelegt.

Fusionsreaktoren

Der Demonstrationsreaktor ITER wird seit 2009 im französischen Cadarache gebaut und soll die Machbarkeit der Stromerzeugung aus der Fusion von Deuterium und Tritium zeigen. Die Inbetriebnahme ist (Stand Juli 2024) für 2034 vorgesehen.

Sicherheit

Europäischer Stresstest für Kernkraftwerke

Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima wurde auf EU-Ebene ein Stresstest aller bestehenden Kernkraftwerke durchgeführt. Bei diesem Stresstest fielen neben nordeuropäischen Kernkraftwerken v. a. französische Anlagen besonders negativ auf. Bei allen 54 Kernkraftwerken wurden größere Mängel nachgewiesen, selbst das beste französische Kernkraftwerk lag mit fünf Rügen unter dem EU-Schnitt. Andere Kernkraftwerke lagen mit bis zu sieben Rügen am Ende der Tabelle. Bei allen Kraftwerken besteht erheblicher Nachrüstbedarf, europaweit wird pro Reaktorblock je nach Schwere der Mängel mit ca. 30 bis 200 Millionen Euro kalkuliert.

Umweltverbände kritisierten den Stresstest scharf und forderten die Abschaltung der beanstandeten Kraftwerke. So habe der Stresstest größtenteils auf dem Papier stattgefunden, während nur wenige Kraftwerke tatsächlich untersucht worden seien. Ursprünglich waren auf Druck u. a. von Frankreich in der gesamten EU nur 38 der 134 Kernkraftwerke inspiziert worden, wobei in besonders umstrittenen Anlagen wie im Kernkraftwerk Fessenheim und im tschechischen Kernkraftwerk Temelín keine Untersuchungen stattfanden. Daraufhin wurden nach heftiger Kritik an dem Verfahren acht weitere Kraftwerke inspiziert, worauf sich die französische Atom-Sicherheitsbehörde ASN über die Methodik des Stresstestes beschwerte. Zudem seien laut Umweltschützern bestimmte Risiken wie die Gefahr von Terroranschlägen oder Flugzeugabstürze völlig unberücksichtigt geblieben, während hingegen nur die Widerstandsfähigkeit gegen extreme Naturereignisse sowie die Beherrschung von daraus entstandenen Unfällen untersucht worden sei. Zuvor waren auf Initiative Frankreichs und Großbritanniens terroristische Anschläge und Cyberangriffe aus dem Prüfkatalog genommen worden.

Finanzielle Folgen eines schweren Reaktorunfalls

Im Februar 2013 wurde eine Studie des französischen Instituts für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit IRSN veröffentlicht, in der die ökonomischen Folgen eines Reaktorunfalls analog der Katastrophe von Fukushima in einem französischen Kernkraftwerk untersucht wurden. Insgesamt gehen die Forscher von einem Gesamtschaden von ca. 430 Mrd. Euro aus, was etwa doppelt so viel sei wie die Folgekosten in Fukushima. Grund hierfür sei u. a., dass in Japan durch das Wetter während der Katastrophe, v. a. durch den Wind, der den Fallout größtenteils aufs Meer hinauswehte, mögliche schlimmere Auswirkungen verhindert wurden. In Frankreich sei dies nicht zu erwarten. Es sei mit etwa 100.000 Flüchtlingen zu rechnen, neben mehreren Departements seien bei grenznahen Standorten wie z. B. Cattenom oder Fessenheim auch Nachbarländer wie Deutschland betroffen. Etwa 110 Mrd. Euro müssten für direkte Umweltkosten wie die Entseuchung radioaktiv kontaminierter Regionen aufgewandt werden, zudem fielen starke wirtschaftliche Folgekosten an. Neben einem starken Rückgang des Tourismus sei auch ein Einbruch im Verkauf von Agrarprodukten, speziell französischen Weins zu erwarten, was zusammen 160 Mrd. Euro Folgekosten nach sich ziehen könnte. Angesichts dieser hohen finanziellen Auswirkungen plädierte ISRN-Generaldirektor Jacques Repussard dafür, französische Kernkraftwerke aus Sicherheitsgründen nachzurüsten. Die Studie zeige klar, dass „die zehn Milliarden Euro, die EDF seit Fukushima investieren soll, um seine Atomkraftwerke sicherer zu machen, nicht besonders hoch gegriffen“ seien.

Materialmängel

Bei mehreren Kraftwerken, unter anderem beim Neubau Flamanville 3, wurden Mängel an den genutzten Stahllegierungen festgestellt, in Flamanville war der Reaktordruckbehälter betroffen. Ähnliche Mängel könnten laut der Atomaufsichtsbehörde ASN in 18 weiteren Reaktoren aufgetreten sein, daher wurde eine Überprüfung angeordnet. Im Oktober 2016 ordnete die Aufsichtsbehörde ASN zudem die Abschaltung von fünf Kernreaktoren (Fessenheim 1, Civeaux 1, Gravelines 4 sowie Tricastin 2 und 4) an wegen des Verdachts auf fehlerhafte Stahllegierungen in den Dampferzeugern. Die Reaktoren sollten laut Betreiber EDF im November oder Dezember 2016 für jeweils 3–4 Wochen abgeschaltet werden. Später teilte ASN mit, insgesamt müssten zwölf Reaktoren geprüft werden.

Unter anderem wegen dieser Abschaltungen musste Frankreich im Winter 2016/17 große Mengen Strom aus den umliegenden Staaten importieren, insbesondere aus Deutschland, Belgien, Großbritannien und Spanien. Mitte Januar 2017 richtete die damalige Energieministerin Ségolène Royal einen Krisenstab ein, der zum Ziel hatte, die Versorgungssicherheit Frankreichs auch während einer erwarteten Kältewelle zu sichern, wenn in Frankreich der Stromverbrauch durch Elektroheizungen sehr hoch ist. Gestaffelte Notmaßnahmen sahen unter anderem vor, bestimmte Haushaltsgeräte nur zu unkritischen Zeiten zu betreiben, verbrauchsstarke Industrieunternehmen nicht mit Strom zu versorgen, vorübergehend vom Netz zu nehmen und ggf. einzelne Regionen stundenweise ganz vom Netz zu nehmen. In Deutschland erhöhten Netzbetreiber kurzfristig die Übertragungskapazität von Stromtrassen nach Frankreich; zudem wurden geplante Wartungsarbeiten an Stromleitungen außerplanmäßig verschoben, um möglichst viel Strom nach Frankreich exportieren zu können. Auch wurden in Deutschland Kraftwerke aus der Kaltreserve hochgefahren und Redispatch-Maßnahmen durchgeführt, um die Versorgungssicherheit in Frankreich zu erhöhen.

Spannungsrisskorrosion an sicherheitsrelevanten Rohrleitungen

Im Rahmen der turnusmäßigen Zehnjahresüberprüfung des Druckwasserreaktors Civaux-1 wurden im Jahr 2021 mittels Ultraschallprüfungen Risse an Rohrleitungen des Sicherheits-Einspeisesystems festgestellt. Weitere Untersuchungen bestätigten vergleichbare Befunde in mehreren Reaktorblöcken. Später wurden entsprechende Prüfungen auch auf Leitungen des Nachkühlsystems ausgeweitet. Bei den Schäden handelt es sich um interkristalline Spannungsrisskorrosion. Die Risse verlaufen Quer in Leitungsrichtung der Rohre und befinden sich im Grundmaterial in der Nähe von Schweißnähten. Teilweise mussten betroffene Rohrleitungsabschnitte herausgetrennt und im Labor untersucht werden, da eine eindeutige Bewertung in einzelnen Fällen nur durch zerstörende Prüfungen möglich war.

Das Sicherheits-Einspeisesystem dient dazu, bei einem Kühlmittelverluststörfall Wasser in den Primärkreislauf einzuspeisen und so die Kühlung des Reaktorkerns sicherzustellen. Im Falle eines Bruchs einer betroffenen Leitung könnte es zu einem Kühlmittelverlust kommen; die Auslegung der Anlagen berücksichtigt jedoch auch solche Szenarien. Aufgrund einer möglichen Bruchgefahr stufte die Aufsicht Penly-1 als INES-2-Ereignis ein. Die Risse in den anderen Reaktoren wurden nur als INES-1 kategorisiert.

Die erforderlichen Prüf- und Reparaturmaßnahmen führten 2022 zu umfangreichen, teils länger andauernden Abschaltungen mehrerer Reaktorblöcke. Zeitweise stand nur etwa die Hälfte der installierten nuklearen Erzeugungskapazität zur Verfügung, was erhebliche Auswirkungen auf die Stromproduktion hatte (siehe Abschnitt Ausfälle 2021/2022).

Brennstoffkreislauf

Uranabbau

Der Uranbergbau in Frankreich erstreckte sich von 1948 bis 2001 und umfasste sowohl Tagebau- als auch Untertagebetriebe. In diesem Zeitraum wurden insgesamt rund 76.000 Tonnen Natururan gefördert. Exploration, Abbau und Aufbereitung verteilten sich auf etwa 250 Standorte unterschiedlicher Größe in 27 Départements. Die Erzaufbereitung erfolgte überwiegend in acht zentralen Aufbereitungsanlagen.

Seit Beginn des Jahrtausends wird Uran in Frankreich ausschließlich importiert. Bedeutende Lieferländer waren und sind unter anderem Niger, Kasachstan, Usbekistan, Kanada und Australien. Seit den 2000er Jahren verfolgt die staatliche Elektrizitätsgesellschaft EDF eine Strategie der Diversifizierung der Bezugsquellen, um wirtschaftliche und geopolitische Risiken zu begrenzen. Die französischen Kernkraftwerke benötigen stand 2024 jährlich rund 8.000 Tonnen Natururan.

Die genaue Herkunft des in französischen Kernkraftwerken eingesetzten Brennstoffs ist nur eingeschränkt nachvollziehbar. Das importierte Natururan wird nach dem Abbau chemisch zu Uranhexafluorid konvertiert und anschließend angereichert; diese Verarbeitungsschritte können sowohl in Frankreich als auch im Ausland erfolgen. Da Zwischenprodukte international gehandelt und teilweise erneut exportiert werden, erscheinen in den Außenhandelsstatistiken häufig die Länder der Konversion oder Anreicherung und nicht zwingend das ursprüngliche Förderland.

Die Umweltorganisation Greenpeace kritisierte, dass Frankreich auch nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 nukleare Dienstleistungen und Materialien aus Russland beziehe. Nach Angaben von Greenpeace importiere Frankreich unter anderem angereichertes und wiederangereichertes Uran aus russischen Anlagen, darunter aus Sewersk in Sibirien. Insbesondere bei wiederangereichertem Uran bestehe eine vollständige Abhängigkeit von russischen Anbietern. Zudem verwies die Organisation auf Uranimporte aus Kasachstan und Usbekistan, die größtenteils unter Beteiligung des russischen Staatskonzerns Rosatom über russisches Staatsgebiet transportiert würden.

Konversion und Anreicherung

Nach der Aufbereitung des Uranerzes wird das enthaltene Uran chemisch in Uranhexafluorid (UF6) überführt. Diese als Konversion bezeichnete Prozessstufe ist erforderlich, da Uran nur in gasförmiger Form angereichert werden kann. Die Umwandlung erfolgt in Frankreich in zwei Schritten: Im Urankonversionswerk Malvési der Orano-Gruppe wird das Yellowcake zunächst zu Uran­tetrafluorid (UF4) verarbeitet; anschließend wird dieses im Werk Tricastin in Uranhexafluorid umgewandelt.

In der folgenden Anreicherung wird der Anteil des spaltbaren Isotops Uran-235, der im Natururan rund 0,7 % beträgt, auf etwa 3 bis 5 % erhöht, wie er für die meisten Druckwasserreaktoren erforderlich ist. Seit 2011 erfolgt dies im Werk Georges Besse II am Standort Tricastin mittels Gaszentrifugen. Neben angereichertem Uran fällt dabei auch abgereichertes Uran an. Die Anlagen zur Konversion und Anreicherung erzeugen schwach kontaminierte Betriebsabfälle, die in den speziellen Entsorgungsanlagen Centre de stockage de l'Aube (CSA) und Centre Industriel de Regroupement, d'Entreposage et de Stockage (Cires) gelagert werden.

Brennelementfertigung

Für die Stromerzeugung werden in Frankreich im Wesentlichen zwei Brennstofftypen hergestellt: Brennelemente aus angereichertem Natururan (ENU) sowie Mischoxid-Brennstoffe (MOX). Bei der ENU-Fertigung wird das angereicherte Uranhexafluorid in Uranoxid umgewandelt, zu Pellets gepresst und in Metallhüllrohre eingebracht; die fertigen Brennstäbe werden zu Brennelementen zusammengefügt. Diese Schritte erfolgen im Werk von Framatome (über seine Tochtergesellschaft FBFC) in Romans-sur-Isère. MOX-Brennstoff wird im Orano-Werk Melox in der Nuklearanlage Marcoule produziert. Hierbei wird Uranoxid mit Plutoniumoxid gemischt, das aus der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente in La Hague stammt. Auch abgereichertes Uran aus der Anreicherung kann als Ausgangsstoff dienen. Neben ENU und MOX ist die erneute Nutzung von wiederangereichertem Uran (ERU) vorgesehen, nachdem deren Einsatz zeitweise ausgesetzt war.

Wiederaufarbeitung

Frankreich ist eines der wenigen Länder, die über einen geschlossenen Brennstoffkreislauf verfügen. Dabei werden abgebrannte Brennelemente wiederaufgearbeitet, um Uran und Plutonium zurückzugewinnen und erneut als Kernbrennstoff zu nutzen. Zentrale Einrichtung ist die seit 1966 betriebene Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in der Normandie, die mehrfach erweitert wurde und als weltweit größte Anlage ihrer Art gilt. Betreiber ist die mehrheitlich staatliche Orano-Gruppe. Das bei der Wiederaufarbeitung zurückgewonnene Plutonium wird mit abgereichertem Uran zu MOX-Brennelementen verarbeitet und erneut in dafür geeigneten Reaktoren eingesetzt.

Frankreich bekräftigte, die Wiederaufarbeitung langfristig fortzuführen. EDF plant seit 2020 den Bau eines zusätzlichen Abklingbeckens am Standort, da die Lagerkapazitäten für abgebrannte Brennelemente nahezu ausgeschöpft sind; die Fertigstellung wird bis 2034 angestrebt. Zudem sollen eine neue Wiederaufarbeitungsanlage sowie eine weitere MOX-Brennelementfabrik errichtet werden. Die Inbetriebnahme der Wiederaufarbeitungsanlage wird zwischen 2045 und 2050 erwartet. Die Investitionskosten wurden auf 20 bis 30 Milliarden Euro für die Wiederaufarbeitung und 5 bis 7 Milliarden Euro für die MOX-Fertigung geschätzt. MOX-Brennelemente kommen derzeit in 22 französischen Reaktoren zum Einsatz und decken rund zehn Prozent des Brennstoffbedarfs; ihr Einsatz ist auch für die geplanten EPR2-Reaktoren vorgesehen.

Endlagerung

Für die Endlagerung schwachradioaktiver Abfälle wurde zwischen 1969 und 1994 das Endlager Centre de la Manche in Nordfrankreich genutzt. Dort wurden kurzlebige Abfälle oberflächennah gelagert, um ein gefahrloses Abklingen der Radioaktivität über die nächsten 300 Jahre zu gewährleisten. Als Nachfolge wurde 1992 das Centre de l’Aube in Betrieb genommen.

Für die Entsorgung hochradioaktiver Abfälle setzt Frankreich auf ein tiefengeologisches Endlager in einer Tongesteinsformation nahe der Gemeinde Bure im Département Meuse/Haute-Marne. Das Projekt trägt den Namen Cigéo und wird von der staatlichen Entsorgungsorganisation Agence nationale pour la gestion des déchets radioactifs (ANDRA) entwickelt. In Bure besteht bereits ein unterirdisches Forschungslabor, das als Grundlage für die spätere Anlage dient. Vorgesehen ist die Einlagerung von 10.000 Kubikmetern hochradioaktiven sowie 73.000 Kubikmetern mittelradioaktiven Abfällen aus dem Betrieb der Kernkraftwerke und aus der Wiederaufarbeitung. Die Abfälle sollen in etwa 500 Metern Tiefe in getrennten Bereichen untergebracht werden. Der Einlagerungsbetrieb ist auf einen Zeitraum von über hundert Jahren ausgelegt; danach soll das Endlager dauerhaft verschlossen werden. Der Antrag auf Baugenehmigung wurde 2023 eingereicht und wird derzeit von der ASN geprüft. Ein Beginn der Einlagerung ist ab 2030 vorgesehen.

Kosten

Laut einem Bericht des Obersten Rechnungshofes in Frankreich (Januar 2012) kosteten die Erforschung, Entwicklung sowie der Bau der französischen Kernkraftwerke insgesamt 188 Mrd. Euro. Diese Kosten konnten bisher durch den Verkauf der Elektrizität zu etwa 75 % amortisiert werden. Da die Kraftwerke noch im Betrieb sind, werden diese Kosten aber vermutlich gedeckt werden können. Für Folgekosten gibt es bisher kaum Rückstellungen. Zudem geht der Rechnungshof davon aus, dass für die Demontage der Anlagen die vorgesehenen 18,4 Mrd. Euro nicht genügen werden, sondern mindestens die doppelte Summe anzusetzen sei. Zudem müssten noch langfristige Kosten für die Entsorgung oder die Endlagerung des Atommülls berücksichtigt werden; diese sind laut Bericht nur schwer zu beziffern.

In seiner deutschen Übersetzung der Zusammenfassung schreibt der Rechnungshof u. a. (Seite 8): (Anmerkung: „€2010“ meint „Euro mit der Kaufkraft von 2010“)

„Die Bau- und Planungskosten (79.751 Mio. €2010), heruntergerechnet auf die Reaktorleistung, stiegen mit der Zeit von 1,07 Mio. €2010/MW im Jahr 1978 (Fessenheim) auf 2,06 Mio. €2010 im Jahr 2000 (Chooz 1 und 2) bzw. auf 1,37 Mio. €2010 im Jahr 2002 (Civaux) bei einem Durchschnitt von 1,25 Mio. €2010/MW für die 58 Reaktoren. Diese Erhöhung steht vor allem mit den immer höheren Sicherheitsanforderungen im Zusammenhang. Auch wenn ein genauer Vergleich nicht möglich ist, da die abschließenden Gesamtkosten eines EPR unbekannt sind, konnte der Cour des Comptes feststellen, dass die Baukosten im Verhältnis zur Leistung in MW mit dieser neuen Generation, die von Anfang an umfangreiche Sicherheitsauflagen erfüllen musste, weiter gestiegen sind. Bei geschätzten Baukosten von 6 Mrd. € für den EPR Flamanville (erster Reaktor der Baureihe) und einer Leistung von 1.630 MW betragen die Kosten pro MW 3,7 Mio. €; wobei bei Kosten der Baureihe von schätzungsweise 5 Mrd. € und ihre Kosten pro MW 3,1 Mio. € betragen.“

Siehe auch

wikipedia, wiki, enzyklopädie, buch, bibliothek, artikel, lesen, kostenlos herunterladen, Informationen über Kernenergie in Frankreich, Was ist Kernenergie in Frankreich? Was bedeutet Kernenergie in Frankreich?