Klasse der Genossenschaftsbauern

Die Klasse der Genossenschaftsbauern galt neben der Arbeiterklasse als zweite Grundklasse der sozialistischen Gesellschaft, namentlich in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Sie umfasste dort vor allem die Mitglieder der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG). Diese Genossenschaften waren Zusammenschlüsse, die im Zuge der Kollektivierung der Landwirtschaft seit Anfang der 1950er Jahre entstanden waren.

Definition

Die Klasse der Genossenschaftsbauern wurde auf eine andere Art definiert als die früheren Klassen der marxistischen Lehre. Diese wurden durch die Stellung zu den Produktionsmitteln und die Teilung in eine ausbeutende und ausgebeutete Klasse unterschieden. Die Klasse der Genossenschaftsbauern war hingegen eine sozialpolitisch und rechtlich konstruierte Gruppe, die erst im Prozess der Kollektivierung im Staatssozialismus entstand. Da dessen Staatsführungen für sich die innere Aufhebung der postulierten Klassengegensätze in Anspruch nahmen, wurde das ursprüngliche Deutungs- und Definitionsmuster des historischen Materialismus erweitert. Nach Auffassung der sozialistischen Staatsführungen war diese Klasse zwar von der Arbeiterklasse verschieden, aber ihr enger Bündnispartner. Als Erklärung für den Fortbestand der beiden Klassen im Sozialismus diente der Unterschied zwischen dem Volkseigentum der meisten Arbeiter und dem genossenschaftlichen Eigentum der meisten Bauern. Diese Klassenbeziehung sei im Gegensatz zu solchen im Kapitalismus nicht durch Antagonismus gekennzeichnet. Beide Klassen sollten sich durch die Vergesellschaftung, Planung und Industrialisierung der Landwirtschaft immer ähnlicher werden. Dem Bündnis wurde als Grundlage der sozialistischen Gesellschaft hohe Bedeutung beigemessen.

Historische Entwicklung in der DDR

Die Entstehung der Klasse der Genossenschaftsbauern begann mit der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone nach 1945. Aus unterschiedlichen bäuerlichen Gesellschaftsgruppen formierten sich im Zuge der Kollektivierung die Genossenschaftsbauern: ehemalige Klein- und Mittelbauern, Landarbeiter und Dorfbewohner, die als Mitglieder der LPG nun größtenteils gemeinsam produzierten. Ihr wurde als Produzentin von Rohstoffen für die Industrie und Nahrungsmittel für die Bevölkerung eine hohe Verantwortung zugesprochen, galt allerdings nicht als Teil der herrschenden Klasse, sondern lediglich als ihr „sozialer Hauptverbündeter“. Der Ausbau der landwirtschaftlichen Großbetriebe führte zu einer Umgestaltung der ländlichen Sozialstruktur und zur Technisierung der Agrarwirtschaft. Der Anteil der Arbeiter und Angestellten an der Landbevölkerung wuchs, während der Anteil der Genossenschaftsbauern an der berufstätigen Bevölkerung der DDR sank (1960: 12 Prozent, 1972: 7,9 Prozent, 1978: 6,6 Prozent). Innerhalb der LPG wurden Arbeiter, Angestellte und Genossenschaftsmitglieder in den 1970er Jahren faktisch gleichgestellt. Langfristig war eine Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land, also letztlich eine Verstädterung bezweckt. Dieser Angleichung der Lebensweisen entsprach die von der SED proklamierte Annäherung der Klasse der Arbeiter mit jener der Genossenschaftsbauern. Nach der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 lösten sich die LPG auf oder wurden in bundesdeutsche Rechtsformen überführt, womit auch die Klasse der Genossenschaftsbauern als sozialpolitisches Konstrukt verschwand.

Auszeichnung

An ausgezeichnete Angehörige der Klasse wurde von 1977 bis 1990 der Titel Verdienter Genossenschaftsbauer der Deutschen Demokratischen Republik verliehen.

Literatur

  • Waltraud Böhme, Marlene Dehlsen, Andrée Fischer, Herbert Jansen, Gerhard König, Margot Lange, Renate Polit, Gertrud Schütz (Herausgabe und Redaktion): Kleines politisches Wörterbuch. 2. Auflage, Dietz Verlag, Berlin (Ost) 1973, S. 404 ff.
  • Willi Ehlert, Heinz Joswig, Willi Luchterhand, Karl-Heinz Stiemerling (Hrsg.): Wörterbuch der Ökonomie – Sozialismus. 3. Auflage, Dietz Verlag, Berlin (Ost) 1973, S. 467.
  • Kurt Krambach: Die Klasse der Genossenschaftsbauern im Prozeß der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Jahrgang 22, Nr. 2, 1974, S. 179–189. (online).

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