Lagune von Venedig

Die Lagune von Venedig ist ein durch Landzungen und Inseln weitgehend abgetrenntes Haff im Norden der Adria. Sie entstand um 4000 v. Chr. durch Ablagerungen des Brenta und anderer Flüsse. In der Lagune liegt die Stadt Venedig.

Lage

Die Lagune reicht vom Fluss Sile im Norden zum Brenta im Süden und hat eine Fläche von ca. 550 km²; dabei erstreckt sie sich über eine Länge von 55 km und eine Breite von 13 km. Rund 8 % der Oberfläche bestehen aus Inseln (darunter das historische Zentrum von Venedig selbst (das eigentlich aus 127 Einzelinseln besteht) und mindestens 80 weitere Inseln). Nur 11 % der Fläche sind dauerhaft von Wasser bedeckt (inklusive der zahlreichen Kanäle). Der Rest besteht aus den Valli da pesca (Fischgründen), der weit überwiegende Teil aber aus Watt und Marschland. Die Lagune bildet das größte Feuchtgebiet mit Anschluss ans Mittelmeer.

Die Lagune hat drei Verbindungen zur Adria, durch die sich im Rahmen der Gezeiten Meer- und Süßwasser austauschen. Diese Durchlässe zwischen Meer und Lagune wurden nach den Städten Lido, Malamocco und Chioggia benannt.

Durch die Lage am nördlichen Ende des langen Meeresarms der Adria werden die von nördlichen und insbesondere die von südlichen Winden verursachten Wasserbewegungen verstärkt und führen zu Springtiden, die als Acqua alta bezeichnet werden und Venedig in unregelmäßigen Abständen unter Wasser setzen. Dies gilt insbesondere dann, wenn Regenfälle auf dem oberitalienischen Festland sowieso schon für einen erhöhten Wasserspiegel in der Lagune sorgen.

Geschichte

Vor sechstausend Jahren flutete der gegen Ende der letzten Eiszeit steigende Meeresspiegel die oberen adriatischen Küstenebenen, während die Ablagerung von Flüssen dem teilweise entgegenwirkte. Die große Sedimentfracht des Po wurde von Meeresströmungen an der Küste entlang getrieben und schloss Meeresbuchten durch vorgelagerte Sandbänke von der Adria ab.

Zur Zeit des Römischen Reichs erstreckte sich ein System von Ästuaren (Mündungslagunen) von Ravenna im Süden bis nach Triest im Osten. Im sechsten Jahrhundert suchte die romanisierte Bevölkerung auf den Inseln der Lagune Schutz vor den Invasionen der Hunnen und anderen östlichen Völkern. Doch erst nach dem Niedergang des weströmischen Reichs siedelten genügend Menschen aus dem Hinterland auf den Inseln, um Städte innerhalb der Lagune entstehen zu lassen. Neben Venedig selbst entstand Chioggia am südlichen Ende der Lagune, und die den Küstenstreifen bildenden langgezogenen Inseln Lido di Venezia, Pellestrina und Cavallino-Treporti wurden besiedelt, die früher nur aus Sandbänken und Dünen bestanden. Heute noch existieren der bedeutende Seehafen, die ehemaligen Werften des Arsenale und die Fischgründe der Lagune.

Seit dem Spätmittelalter wurden die in die Lagune mündenden Flüsse umgeleitet, um die Lagune von weiteren Ablagerungen freizuhalten, und die Entnahme von Grundwasser führte zu Absenkungen. Sumpfige Inseln wurden trockengelegt, um sie bewohnbar zu machen, und einige wurden gänzlich neu angelegt. Speziell der Hafen von Mestre wurde durch Landgewinnung vergrößert.

Das wirtschaftliche Zentrum mit Hafen und Flughafen befindet sich heute auf dem westlichen Festland, wo in den ehemals selbstständigen Städten Mestre und Marghera auch der Großteil der Bevölkerung lebt.

Laguna morta, laguna viva

Der nördliche Teil, etwa ab Torcello, enthält vorwiegend Süßwasser und wird vom Gezeitenwechsel kaum erreicht. Er heißt daher laguna morta (‚tote Lagune‘). Die Salzwasserlagune, deren Wasserstand mit Ebbe und Flut sinkt und steigt und die vom Meerwasser durchspült wird, heißt dagegen laguna viva (‚lebende Lagune‘). Auch unterscheidet man vier Abschnitte der Lagune von Norden nach Süden.

Gefährdung

Ohne weitere menschliche Eingriffe würden sich die zentralen Teile der Lagune um Venedig herum in ein tieferes Wasserbecken verwandeln und einige Sandbänke und Salzmarschen (Barene) darin verschwinden lassen. Denn einige kleinere Flüsse, die ursprünglich in die Lagune mündeten, wurden von der Republik Venedig direkt in die Adria umgeleitet, um eine Verlandung zu verhindern. Damit erhielt sich die Stadt ihren Schutz durch das sie umgebende Wasser. Doch es wurde nur noch wenig Sand, Schlick und Geröll herantransportiert, Material, das durch die Auslässe zur Adria langsam entwich. Diese Entwicklung wurde im 19. und 20. Jahrhundert dadurch verschärft, dass die Ausgänge für die erheblich angewachsenen Schiffe, vor allem der Industrieregion um Mestre und Marghera, stark verbreitert und vertieft wurden. Fehlender Nachschub und verstärkte Erosion veränderten die Lagune stetig. So verliert die Lagune jedes Jahr rund 500.000 m³ Land.

Ökologische Folgen

Durch das Verschwinden der vielfältigen Abfolge von Salzmarschen, Sandbänken und Untiefen ist die Artenvielfalt bedroht. Dabei verlandet der nördliche Teil, die laguna morta, während das Wasserbecken im Süden, die laguna viva, immer tiefer und lebensfeindlicher wird. Während im Norden die Marschen wachsen, verschärft das regelmäßige Ausbaggern der Zufahrten nach Mestre und Marghera die Situation im Süden. Dazu kommt, dass Grundwasser abgepumpt wird, was den Lagunenboden weiter absenkt.

1983 wurde von Züchtern die Philippinische Venusmuschel (Tapes philippinarum) angesiedelt, welche seither einheimische Muscheln weitgehend verdrängt hat. Sie gedeiht besonders in den von Industrieabwässern verschmutzten und erwärmten Gewässern von Chioggia. Die sogenannten Caparozzolante graben mit ihren Fangkörben den Lagunenboden auf und verschärfen damit den Materialverlust in der Lagune.

Dabei ist der Schutz durch Pflanzenbewuchs von großer Bedeutung. In Salzmarschen und auf Sandbänken brechen Pflanzen die Kraft der Wellen und ihre Wurzeln halten den Boden. Algen- und Bakterienmatten verlangsamen den Verlust von Sand und Schlick.

Hochwasserschutz-Bauwerk MO.S.E

Durch Fluttore zum Schutz vor massiven Überschwemmungen wird das winterliche Hochwasser in der Stadt (it. Acqua Alta) in der Lagune kontrolliert. Das MO.S.E-Projekt (kurz für MOdulo Sperimentale Elettromeccanico) ist ein dreiteiliges Wasserstauwerk an den Ausfahrten der Lagune und wurde – nach mehreren Verzögerungen – im Juni 2020 fertiggestellt und nach abschließenden Tests Ende 2021 zuerst aufgestellt.

Inseln

Die größten Inseln

  • Venedig (110 Einzelinseln) 5.165.348 m²
  • Sant’Erasmo 3.257.361 m²
  • Borgo San Giovanni 2.361.770 m²
  • Murano (sieben Einzelinseln) 1.171.625 m²
  • Chioggia 665.341 m²
  • Giudecca (neun Einzelinseln) 589.056 m²
  • Mazzorbo 517.945 m²
  • Torcello 441.699 m²
  • Sant’Elena 335.275 m²
  • La Certosa 241.994 m²
  • Burano (fünf Einzelinseln) 210.766 m²
  • Sacca Fisola 188.688 m²
  • Tronchetto 184.281 m²
  • San Michele 159.519 m²
  • Sacca Sessola 156.374 m²
  • Santa Cristina 136.229 m²

Andere Inseln und Landzungen

  • Aleghero 27.006 m²
  • Cason Millecampi 4.135 m²
  • Cason Montiron 1.881 m²
  • Cason Prime Poste
  • Casone Barenon
  • Casone del Cornio Vecchio
  • Isola dei Laghi
  • Littorale del Cavallino
  • Lazzaretto Nuovo
  • Lazzaretto Vecchio
  • Lido di Venezia
  • Motta del Cornio Nuovo
  • Pellestrina
  • Poveglia
  • San Clemente
  • San Francesco del Deserto
  • San Giorgio in Alga
  • San Giorgio Maggiore
  • San Lazzaro degli Armeni
  • Santa Maria della Grazia
  • San Pietro di Castello 62.612 m²
  • San Servolo
  • Sant’Angelo della Polvere
  • Santo Spirito
  • Sant’Ariano
  • Sottomarina
  • Vignole

Siehe auch

Literatur

Geologie, Ökologie

  • Lorenzo Fabian, Ludovico Centis: The lake of Venice. A scenario for Venice and its lagoon, Anteferma Edizioni, 2022.
  • Dario Camuffo, Emanuela Pagan, Giovanni Sturaro: The extraction of Venetian sea-level change from paintings by Canaletto and Bellotto, in: Caroline A. Fletcher, Tom Spencer (Hrsg.): Flooding and Environmental Challenges for Venice and Its Lagoon. State of Knowledge, Cambridge University Press, 2005, S. 129–140.
  • Mauro Bon, Emanuele Stival: Uccelli di laguna e di città. L'atlante ornitologico nel comune di Venezia 2006-2011, Marsilio, 2013.
  • Cecilia Soldatini, Yuri Vladimir Albores-Barajas, Danilo Mainardi, Patrizia Torricelli: A widespread gull population in a complex wetland: habitat specific methods to census breeding pairs, in: Avocetta 33 (2009) 205–210 (zu Mittelmeermöwen).
  • Luigi D’Alpaos: L’evoluzione morfologica della Laguna di Venezia attraverso la lettura di alcune mappe storiche e delle sue carte idrografiche, L’stituzione centro previsioni e segnalazioni maree, Venedig 2010. (online, PDF)
  • Gianni Raffone: Catalogo dei ditteri della Laguna di Venezia. V. Fam. Scathophagidae, Anthomyiidae, Muscidae. (Insecta: Diptera Brachycera), in: Bollettino deo Museo civico di Storia naturale di Venezia, 59 (2008) 61–68. (online, PDF)
  • Pietro Daniel Omodeo, Sebastiano Trevisani: The Critical Environment of the Venice Lagoon. A Fuzzy Anthropocene Boundary, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, 2025. (online)

Archäologie

  • Ernesto Canal: Le Venezie sommerse: quarant' anni di archeologia lagunare, in: La laguna di Venezia, Venedig 1995, S. 193–226.
  • Luigi Fozzati, Claudio Pizzinato: Studi di archeologia lagunare e navale, Marsilio, 2008.
  • Monica Centanni: Venezia/Venusia nata dalle acque, in: Maddalena Bassani, Marco Molin (Hrsg.): VENETIA / VENEZIA. Quaderni adriatici di storia e archeologia lagunare, Lezioni Marciane 2013–2014. Venezia prima di Venezia. Archeologia e mito alle origini di un’identità, «L’ERMA» di BRETSCHNEIDER, Rom 2015, S. 77–110. (academia.edu)

Geschichte

  • Christian Mathieu: Inselstadt Venedig. Umweltgeschichte eines Mythos in der Frühen Neuzeit, Böhlau, 2007.
  • Dario Camuffo, Chiara Bertolin, Alberto Craievich, Rossella Granziero, Silvia Enzi: When the Lagoon was frozen over in Venice from A.D. 604 to 2012: evidence from written documentary sources, visual arts and instrumental readings / Englacement de la lagune de Venise entre 604 et 2012 : sources historiques, artistiques et instrumentales, in: Méditerranée 2017. (online)
  • Jean-Claude Hocquet: Expansion, crises et déclin des salines dans la Lagune de Venise au Moyen Age, in: Catalogo della Mostra storica della laguna Veneta, Venedig 1970, Teil 1, S. 87–99, Teil 2 40–43 (Ikonographie).
  • Giorgio Crovato, Maurizio Crovato: Isole abbandonate della Laguna. Com'erano e come sono, Liviana, 1978 (engl.: The abandoned Islands of the Venetian Lagoon, San Marco Press, 2008 (zweisprachig)).
  • Fabrizio Fabbri: Porto Marghera e la laguna di Venezia. Vita, morte, miracoli, Mailand 2003.
  • Nicolò Spada: Contributi allo studio del bacino lagunare di Malamocco (Laguna di Venezia). Notizie storiche, sec. X-XIV, in: Memorie di Biogeografica 8 (1969/70) 107–151.
  • Maurizia Vecchi: Chiese e monasteri medioevali scomparsi della laguna superiore di Venezía. Ricerche storico-archeologiche, Rom 1983.
  • Silvia Carraro: Tra sacro e quotidiano. Il monachesimo femminile nella laguna di Venezia in epoca medievale (secoli IX à XIV), Mailand 2012.
  • Hannelore Zug-Tucci: Pesca e caccia in laguna, in: Alberto Tenenti, Ugo Tucci (Hrsg.): Storia di Venezia, 12 Bde., Bd. 1, Rom 1992, S. 491–514.
  • Alice Michielan: La Laguna Veneta nelle guide turistiche, tesi, Universität Padua 2021/2022. (online)
  • Richard J. Goy: Chioggia and the Villages of the Venetian Lagoon. Studies in Urban History, Cambridge University Press, 1985.
  • Mauro Marzo (Hrsg.): Fortified Places in the Venetian Lagoon, 2012, Appendix. (online, PDF)

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