Lee Harvey Oswald

Lee Harvey Oswald (* 18. Oktober 1939 in New Orleans, Louisiana; † 24. November 1963 in Dallas, Texas) war der mutmaßliche Mörder des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. Zwei Tage nach dem Attentat wurde Oswald in Polizeigewahrsam vom Nachtclub-Besitzer Jack Ruby erschossen.

Leben

Jugend

Oswald wurde 1939 in New Orleans als zweiter Sohn von Robert Edward Lee Oswald und dessen Frau Marguerite Frances Claverie geboren. Sein Vater, ein Beitragskassierer und Prämieneinnehmer bei einer Versicherungsgesellschaft, war zwei Monate vor der Geburt Lees an einem Herzinfarkt gestorben. Oswald hatte den Halbbruder John Edward Pic aus der früheren Ehe seiner Mutter. Im Jahr 1942 brachte die Mutter wegen erheblicher finanzieller Schwierigkeiten die drei Jungen in einem Waisenhaus unter; Lee als letzten am 26. Dezember. Zuvor hatte sich Marguerites Schwester Lillian Murret häufig um Lee gekümmert, wenn seine Mutter auf Arbeit war. Lillian und ihr Gatte Charles „Dutz“ Murret blieben auch später wichtige Bezugspersonen in Oswalds Leben. Charles Murret war neben seiner Hauptbeschäftigung als Hafenarbeiter auch als Buchmacher tätig; seine Verbindung zum Marcello-Clan innerhalb der Cosa Nostra von New Orleans wurde in späteren Verschwörungstheorien rund um das Attentat auf John F. Kennedy oft aufgegriffen.

Im folgenden Jahr lernte Marguerite den Elektroingenieur Edwin Ekdahl kennen. Im Januar 1944 beschlossen sie zu heiraten, woraufhin Marguerite das Haus in New Orleans verkaufte, nach Dallas zog, wo Ekdahl beruflich tätig war, und ihre Söhne aus dem Waisenhaus wieder zu sich holte. Die 1945 geschlossene Ehe zerbrach schnell und bereits 1946 kehrte Marguerite mit ihren Söhnen nach Louisiana zurück und lebte in Covington. Nachdem seine erste Einschulung in Texas gescheitert war, besuchte Oswald hier die örtliche Elementary School. Nachdem sich Ekdahl und Marguerite wieder ausgesöhnnt hatten, zog Lee mit seiner Mutter 1947 nach Fort Worth. Nichtsdestoweniger kam es im folgenden Jahr zur Scheidung und Marguerite benutzte danach wieder den Familiennamen Oswald.

Danach blieb Oswald mit seiner Mutter in Texas, bis sie im August 1952 nach New York City umzogen, wo Lees Halbbruder lebte. Dort fiel Oswald an der Schule negativ durch Absentismus auf und geriet deswegen in rechtliche Schwierigkeiten. Durch ein Flugblatt über die bevorstehende Hinrichtung von Ethel und Julius Rosenberg wegen Spionage für die Sowjetunion entwickelte er ein Interesse am Kommunismus.

Insbesondere das Verhältnis zu seiner Mutter, einer sowohl dominierenden als auch emotional instabilen Frau, wird als problematisch beschrieben. Der Unterbringung in einer Einrichtung für emotional gestörte Jugendliche in New York entzog ihn die Mutter Anfang 1954 durch einen weiteren Umzug nach New Orleans. Um diese Zeit trat in einen regen Briefwechsel mit der Socialist Workers Party, wurde dort aber kein Mitglied.

In New Orleans besuchte er die achte und neunte Klasse der Junior High School und nahm an Veranstaltungen der Civil Air Patrol („Zivile Luftpatrouille“) teil, auf denen Nachwuchs für die United States Air Force gewonnen werden sollte. Hier traf Oswald vermutlich erstmals auf David Ferrie, der in den späteren Ermittlungen von Jim Garrison zum Attentat auf John F. Kennedy eine Schlüsselrolle spielte. Oswald besuchte 1955 die zehnte Klasse auf der Warren Easton High School für einen Monat, bevor er sie kurz vor seinem 16. Geburtstag verließ. In den folgenden zwölf Monaten arbeitete er als Fahrradkurier und führte Lagertätigkeiten aus, bis er alt genug war, um im United States Marine Corps dienen zu können.

Militärische Laufbahn

Am 24. Oktober 1956 trat Oswald den Marines bei. Dort erwies er sich im Vergleich zu anderen Marines als leicht unterdurchschnittlicher Schütze: Bei einer Überprüfung mit dem Gewehr M1 erreichte er im dreistufigen amerikanischen System für qualifizierte Schützen knapp die erforderliche Schießleistung, die einer mittleren Einstufung (Sharpshooter) entsprach.

Im August 1957 wurde er nach Abschluss seiner Ausbildung auf dem geheimen Luftwaffenstützpunkt Atsugi in Japan als Radar-Operator stationiert, von wo aus die Lockheed U-2 – damals eines der geheimsten Projekte der United States Air Force – zu Spionageflügen in Richtung Sowjetunion und Volksrepublik China startete. Dort kam Oswald das erste Mal mit streng geheimen Informationen in Berührung.

Um einer Versetzung auf die Philippinen zu entgehen, wo er seine Ausbildung fortsetzen sollte, schoss sich Oswald im Oktober 1957 absichtlich mit seiner Pistole in den Arm. Ein Militärgericht verurteilte ihn wegen illegalen Waffenbesitzes zu zwanzig Tagen harter Arbeit, anschließend wurde er versetzt. Eine zweite Militärstrafe von 28 Tagen Strafarrest folgte im Juni 1958, nachdem er einem Sergeant ein Getränk über den Kopf gegossen hatte. Danach zeigte sich Oswald verbittert und bekannte sich offen zum Marxismus. Er lernte Russisch und schmiedete im Geheimen Pläne, sich in die Sowjetunion abzusetzen. Im August 1959 bat er um Entlassung aus dem Militärdienst und gab als Begründung den schlechten Gesundheitszustandes seiner Mutter an. Seinem Antrag wurde stattgegeben und Oswald am 11. September 1959 aus dem Dienst entlassen.

In der Sowjetunion

Ursprünglich hatte Oswald vorgehabt, sich nach Kuba abzusetzen, wo Fidel Castros Bewegung des 26. Juli gerade die Macht übernommen hatte. Stattdessen schiffte er sich am 20. September 1959 in New Orleans auf dem Frachter Marion Lykes Richtung Frankreich ein; von Frankreich aus reiste er über Helsinki in die Sowjetunion ein. Am 16. Oktober 1959 erreichte er Moskau.

Am nächsten Tag teilte er dem zuständigen Mitarbeiter bei der staatlichen Reiseagentur Intourist mit, dass er aus den Vereinigten Staaten in die Sowjetunion migrieren wolle, weil er den American Way of Life ablehne. Der KGB zeigte sich von Oswalds Angaben wenig beeindruckt und sorgte dafür, dass sein Ersuchen abgelehnt wurde. Nach einem gescheiterten Suizid wurde Oswald bei der Botschaft der Vereinigten Staaten in Moskau vorstellig, wo er seine Absicht erklärte, seine amerikanische Staatsbürgerschaft aufzugeben und mit den Sowjets alle Kenntnisse zu teilen, die er als Radar-Operator bei den Marines erworben hatte. Das Pentagon wurde über das Gespräch informiert und sorgte dafür, dass die Radar-Codes der United State Marines geändert wurden. Außerdem setzte das United States Marine Corps ein Verfahren auf unehrenhafte Entlassung gegen Oswald in Gang.

Schließlich erhielt Oswald die Aufenthaltsgenehmigung und wurde nach Minsk geschickt, wo er eine Wohnung und Arbeitsstelle zugeteilt bekam und unter ständiger Überwachung des KGB stand. Am 8. Januar 1960 traf Oswald in Minsk ein. Am 13. Januar trat er dort in einer Fabrik, die unter anderem Radio- und Fernsehgeräte herstellte, die ihm von den sowjetischen Behörden zugeteilte Stelle als Metallarbeiter an. In Minsk lernte er die Pharmakologiestudentin Marina Nikolajewna Prussakowa kennen, die Nichte eines Obersten des sowjetischen Geheimdienstes, die ihn auf Grund seines Akzents zunächst für einen Balten hielt. Sie heirateten am 30. April 1961. Ihr erstes Kind, June Lee Oswald, wurde im Februar 1962 geboren.

Rückkehr in die Vereinigten Staaten

Schon bald war Oswald in der Sowjetunion unzufrieden: Die Sowjets hätten die Lehre von Karl Marx „pervertiert“, so sein Eindruck. Am 13. Februar 1961 bat er die amerikanische Botschaft um Hilfe bei der Rückkehr, seine Frau beantragte ein Visum für die Vereinigten Staaten. Über ein Jahr später, am 10. Mai 1962, teilte man ihm mit, dass seine Rückreise in die Vereinigten Staaten arrangiert sei. Auch die sowjetischen Behörden legten ihnen keine Steine in den Weg. Am 13. Juni 1962 kehrte Oswald mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten zurück. Das Außenministerium schoss ihm die Reisekosten vor und stellte ihm einen Pass aus.

Unmittelbar nach der Ankunft der Oswalds in New York City zog die Familie nach Fort Worth in Texas. Dort suchte Oswald Kontakte zu Exilrussen, denn seine Frau konnte kein Englisch und litt unter Heimweh. Auf diesem Weg lernte er George de Mohrenschildt kennen, einen wohlhabenden russischen Adligen mit Geheimdienstkontakten. Mohrenschildt stellte ihm auch Michael und Ruth Paine vor, die in Irving (Texas) lebten, einem Vorort von Dallas. Das getrennt lebende Ehepaar war politisch links orientiert und wollte Russisch lernen. Insbesondere Ruth Paine begann, sich um die Oswalds zu kümmern, deren Ehe kriselte. Im Oktober 1962 zogen die Oswalds nach Dallas und er bekam eine Arbeitsstelle in einem Fotolabor.

Zu dieser Zeit erwachte wieder Oswalds Interesse am Marxismus. Insbesondere sympathisierte er mit dem Regime Fidel Castros auf Kuba und war ein ausgesprochener Gegner der von John F. Kennedy genehmigten Invasion in der Schweinebucht. Im Februar 1963 kaufte er unter einem falschen Namen zwei Feuerwaffen und zwar eine Pistole sowie das Carcanogewehr, das beim später beim Attentat auf Kennedy verwendet wurde. Am 31. März 1963 ließ sich Oswald im Hinterhof seines Hauses in Dallas fotografieren. Auf den Bildern posierte er mit einem Gewehr, einer Pistole sowie den kommunistischen Zeitungen The Militant und The Worker. Um seine revolutionäre Gesinnung zu beweisen, schickte er sie an The Militant, wo man sich über die Naivität des Absenders wunderte, der ein trotzkistisches und ein stalinistisches Blatt gleichzeitig präsentierte.

Marina Oswald sagte später wiederholt aus, sie habe die Bilder aufgenommen; die Warren-Kommission akzeptierte sie als Beweisstücke. Auch das House Select Committee on Assassinations kam 1979 zum Schluss, dass sie authentisch seien. Oswald hatte die Fotos nach seiner Verhaftung als Fälschung bezeichnet. Der Bezirksstaatsanwalt von New Orleans, Jim Garrison, hielt das Bild für eine Fotomontage, weil der Schatten von Oswalds Körper in eine andere Richtung weise als der seiner Nase. Dieser Argumentation folgten verschiedene Theorien, die die Alleintäterschaftstheorie bezweifeln. Nach Untersuchungen von Hany Farid, einem Professor für Informatik am Dartmouth College in New Hampshire, ist der Schattenfall aber natürlich und die Bilder nicht manipuliert.

Am 10. April 1963 versuchte Oswald, den außer Dienst stehenden Major General Edwin A. Walker zu erschießen. Dieser war im April 1961 in die Schlagzeilen geraten, weil ihm vorgeworfen worden war, seine Untergebenen mit Literatur der John Birch Society zu indoktrinieren. Einer von Verteidigungsminister Robert McNamara angeordneten Untersuchung der Affäre, war Walker mit einem Rücktritt zuvorgekommen.

Walker saß im Esszimmer seines Hauses und arbeitete an seiner Steuererklärung, als aus etwa dreißig Meter Entfernung auf ihn geschossen wurde. Die Kugel wurde durch den hölzernen Fensterrahmen abgelenkt und verletzte den Ex-General nur am Unterarm. Die Polizei in Dallas hatte Oswald nach dem gescheiterten Mordanschlag nicht in Verdacht. Erst nach dem Attentat auf den Präsidenten wurden eine diesbezügliche Notiz Oswalds an seine Frau und die Fotos von Walkers Haus in seiner Wohnung gefunden. Daraufhin gab auch seine Witwe an, dass Oswald vorgehabt habe, den General zu erschießen, er habe ihr aber erst nach dem Anschlag davon erzählt.

Am 25. April 1963 kehrte Oswald nach New Orleans, wo er zunächst bei seiner Tante Lillian und Charles Murret wohnte. Diese reagierten schockiert, als sie von seiner Rückkehr aus der Sowjetunion und der Heirat mit einer Russin erfuhren. Zwar boten sie ihm eine Unterkunft an, bis er einen Job gefunden hatte, aber teilten ihm mit, dass für seine Frau und ihre gemeinsame Tochter kein Platz im Haus vorhanden sei. Charles Murret lieh ihm Geld, bis Oswald eine Anstellung bei der Reily Coffee Company fand. Nachdem er ein eigenes Appartement gefunden hatte, siedelte am 11. Mai 1963 auch seine Familie nach New Orleans um.

Die Monate vor dem Attentat

Am 19. Juli 1963 wurde Oswald bei der Reily Coffee Company wegen mangelnder Arbeitsqualität gekündigt. Danach war er tagelang damit beschäftigt, Anträge auf Arbeitslosengeld auszufüllen und verbrachte die Zeit bei der Familie. Marina erwartete ihr zweites Kind und er spielte mit dem Gedanken einer Rückkehr in die Sowjetunion oder einer Auswanderung nach Kuba. Um diese Zeit bemühte er sich um den Aufbau eines lokalen Zweigs des prokommunistischen Fair Play for Cuba Committee („Komitee für einen fairen Umgang mit Kuba“) in New Orleans. Dazu veranlasste er den Druck von 1000 Flugblättern für dieses Komitee. Parallel nahm er Fühlung mit Castro-Gegnern unter den Kubanoamerikanern der Stadt auf und gab an, er wolle ihrem bewaffneten Kampf gegen Casto beitreten.

Wie Oswald den Druck des Flugblatts finanziert hatte, ist unbekannt. Sein Anwalt Dean Andrews berichtete später der Warren-Kommission, Oswald sei für das Verteilen bezahlt worden; es gibt auch eine Zeugenaussage, wonach ihm ein entsprechender Umschlag übergeben worden sein soll. Als er am 9. August Exemplare dieses Flugblattes in der Canal Street verteilte, stellten ihn Carlos José Bringuier und zwei andere Exilkubaner zur Rede und verprügelten ihn. Die Polizei nahm alle vier fest. Sein Onkel Murret kontaktierte den Mafioso Emile Bruneau, der Oswald durch Hinterlegung einer Kaution auslöste. Oswald wurde wegen Störung der öffentlichen Ordnung von einem Gericht zwei Tage später mit einem Bußgeld über 10 US-Dollar belegt.

Diese Vorgänge erregten die Aufmerksamkeit des Lokalreporters William Stuckey, der in seiner Radiosendung Latin Listening Post beim Sender WDSU darüber berichtete. Der Radiosender räumte Oswald im August zwei Termine zur Darlegung seiner Position ein, die er wahrnahm und in denen er sich als Anhänger Fidel Castros und als Marxist-Leninist ausgab. Beim ersten Termin am 17. August interviewte ihn Stuckey mehr als eine halbe Stunde lang; in der Sendung Latin Listening Post wurde später ein Zusammenschnitt von viereinhalb Minuten gesendet. Vier Tage später arrangierte Buckley eine Live-Debatte im Rahmen des Sendeformats Conversation Carte Blanche, in der Oswald auf Bringuier und Ed Butler, den Vorsitzenden der antikommunistischen Propagandaorganisation Information Council of the Americas, traf.

Über Aufenthalt und Tätigkeiten von Oswald in den nächsten fünf Wochen ist nichts Gesichertes bekannt. Der 1976 eingerichtete Sonderausschuss des 95. Kongresses der Vereinigten Staaten zur Untersuchung der Ermordung von Martin Luther King und John F. Kennedy (United States House Select Committee on Assassinations) bilanzierte in seinem Abschlussbericht 1979, dass Oswald sich vermutlich eine Zeit lang in Clinton, dem Verwaltungssitz des East Feliciana Parish, aufhielt, um sich dort für eine Anstellung in der Psychiatrie Louisianas in Jackson zu bewerben. Am 17. September erwarb er im Konsulat Mexikos in New Orleans ein Touristenvisum.

Am 24. September 1963 verließ Oswald New Orleans. Seine Frau war bereits am 23. September mit Tochter June von Ruth Paine mit dem Auto nach Dallas geholt worden. Oswald selbst reiste per Bus nach Mexiko-Stadt, wo er vergebens versuchte, ein Visum für Kuba zu erhalten. Am 4. Oktober 1963 traf er wieder in New Orleans ein. Neun Tage später bekam er durch Vermittlung von Ruth Paine eine Anstellung im Schulbuchlager des Staates Texas, dem Texas School Book Depository.

Am 20. Oktober kam seine zweite Tochter Audrey Marina Rachel Oswald zur Welt. Das Paar lebte zu der Zeit bereits getrennt: Marina lebte mit den Kindern in Irving, ihr Mann unter falschem Namen in Dallas. Ein Grund für den insgesamt unglücklichen Verlauf der Ehe waren Oswalds fortgesetzte Gewalttätigkeiten gegen seine Frau.

Das Attentat auf John F. Kennedy

Am Morgen des 22. November 1963 nahm Lee Harvey Oswald seine Arbeit um 8:00 Uhr im Texas School Book Depository auf. Von dort aus soll er gegen 12:30 Uhr die tödlichen Schüsse auf den US-Präsidenten John F. Kennedy abgegeben haben. Anschließend soll Oswald seine Arbeit verlassen haben und zu seinem unter dem Namen O. H. Lee gemieteten Zimmer gegangen sein.

Etwa 45 Minuten nach dem Attentat auf Kennedy erschoss Oswald den Polizisten J. D. Tippit, der sich auf Streife im Wohngebiet Oak Cliff befand. Der Tatort befand sich eine knappe Meile entfernt von Oswalds Wohnung, in der er laut Aussage seiner Vermieterin gegen 13 Uhr eingetroffen war, um sie wenige Minuten später wieder zu verlassen. Es wird vermutet, dass Tippit aufgrund der inzwischen verbreiteten Beschreibung des Tatverdächtigen im Kennedy-Mord Oswald anhielt, worauf dieser die Nerven verlor, den Polizisten niederschoss und zu Fuß flüchtete. Als Oswald gegen 13:50 Uhr im nahegelegenen Texas Theatre von rund 15 Polizeibeamten verhaftet wurde, trug er einen Revolver, der anhand der sichergestellten Kugeln in Tippits Leiche und der Patronenhülsen am Tatort als Tatwaffe in Frage kam.

Das Verhör nach Oswalds Verhaftung dauerte zwölf Stunden. Aufgezeichnet wurden seine Aussagen nicht, da dies im damaligen Standardverfahren der Polizei von Dallas bei einer Vernehmung nicht vorgesehen war. Von seinen Händen und seiner Wange nahm man Paraffinabgüsse, um sie chemisch auf Nitratspuren zu untersuchen. Das sollte Aufschluss darüber geben, ob er in den letzten Stunden Schusswaffen abgefeuert hatte.

Die Testergebnisse an seinen Händen waren positiv, der an seiner Wange negativ, was Vincent Bugliosi auf Unterschiede in der Bauweise beider Waffenarten zurückführt: Während es in einem Revolver zwischen Patronenlager und Lauf eine Lücke gebe, aus der Pulverdampf entweichen könne, so sei dies bei einem Gewehr nicht der Fall.

Oswald bestritt die Ermordung des Polizisten. Auf die Frage, ob er Präsident Kennedy erschossen habe, antwortete er: „Ich habe niemanden erschossen!“ und „Man hat mich verhaftet, weil ich in der Sowjetunion gelebt habe!“ Als Oswald am folgenden Tag bei der ersten öffentlichen Vorstellung erfuhr, dass er des Mordes an Kennedy angeklagt werden sollte, rief er: „Ich bin nur ein Sündenbock!“ (I’m just a patsy!).

Bis zu einem Drittel aller Ohrenzeugen des Kennedy-Mords gaben an, die Schüsse seien nicht aus dem Schulbuchlager gekommen, sondern von einem Grashügel am Dealey Plaza. Knapp neun Prozent hatten vier oder mehr Schüsse gehört. In der akademischen historischen Forschung zum Leben und zur Politik Kennedys herrscht die Ansicht vor, dass Oswald als Einzeltäter den Präsidenten erschossen hat.

Oswalds Ermordung

Am 24. November 1963, zwei Tage nach seiner Verhaftung, wurde Oswald um 11:21 Uhr von dem Nachtclub-Besitzer Jack Ruby bei der Überführung in das Staatsgefängnis von Dallas in den Bauch geschossen. Er starb um 13:07 Uhr im Parkland Hospital der Stadt. Er wurde 24 Jahre alt.

Ruby hatte das Polizeigebäude ungehindert betreten können, der Mord ereignete sich vor laufenden Kameras. Die Tatsache, dass die Warren-Kommission im Ermittlungsverfahren Beweise unterschlagen und wichtige Zeugen nicht zugelassen hatte, trug ebenso wie die Rolle des Opfers – einer Symbolfigur für ein sich erneuerndes Amerika – erheblich zu den bis heute andauernden Kontroversen und Verschwörungstheorien im Mordfall bei. Lee Harvey Oswald wurde auf dem Shannon Rose Hill Memorial Park in Fort Worth, Texas beigesetzt.

1981 wurde Oswalds Leiche exhumiert, um den im Zuge dieser Theorien entstandenen Verdacht zu überprüfen, ein anderer sei an seiner Stelle beerdigt worden und Oswalds sterbliche Überreste befänden sich an einem geheimen Ort. Der Verdacht bestätigte sich nicht.

Rezeption in der Belletristik

Die amerikanischen Schriftsteller Don DeLillo und Norman Mailer verarbeiteten die Lebensgeschichte Oswalds in ihren Büchern Sieben Sekunden (1988) bzw. Oswald’s Tale: An American Mystery (1995).

Das Werk Der Anschlag von Stephen King ist ein umfassend recherchierter Zeitreise-Roman über die Ereignisse des Kennedy-Attentats.

Film und Fernsehen

  • Ruby and Oswald – Der Fernsehfilm (1978) von Mel Stuart hält sich vor allem an die Ergebnisse der Warren-Kommission.
  • In dem Spielfilm JFK – Tatort Dallas (1991) von Oliver Stone wird Oswald von Gary Oldman gespielt.
  • Im Dokumentarfilm Rendezvous mit dem Tod: Warum John F. Kennedy sterben musste aus dem Jahr 2006 vertritt Wilfried Huismann die These, Lee Harvey Oswald habe im Auftrag des kubanischen Geheimdienstes gehandelt.
  • Parkland – Spielfilm (2013) von Peter Landesman, in dem offenbleibt, ob Oswald Kennedys Mörder ist.
  • 11.22.63 – Der Anschlag (2016), eine Fernsehserie, die auf dem gleichnamigen Roman von Stephen King basiert. Darin will ein Zeitreisender das Attentat auf Kennedy verhindern. Oswald wird von Daniel Webber gespielt.

Popkultur

Im Lied I’m Just a Patsy (‚Ich bin nur ein Sündenbock‘) der Manic Street Preachers wird Oswald namentlich erwähnt. Ein Sample des „Patsy“-Ausspruches wird ebenfalls verwendet.

Literatur

  • Larry Joe Hancock, David Boylan: Oswald Puzzle: Reconsidering Lee Harvey Oswald. Skyhorse, New York 2025, ISBN 978-1-5107-8340-9.
  • Scott P. Johnson: The Faces of Lee Harvey Oswald: The Evolution of an Alleged Assassin. Lexington Books, Lanham 2013, ISBN 978-0-7391-8682-4.
  • Peter Savodnik: The Interloper: Lee Harvey Oswald Inside the Soviet Union. Basic, New York 2013, ISBN 978-0-465-02181-9.
  • Dorian Hayes: Oswald, Lee Harvey. In: Peter Knight (Hrsg.): Conspiracy Theories in American History. An Encyclopedia. Bd. 2, ABC Clio, Santa Barbara/Denver/London 2003, S. 564–569.
  • Gerald Posner: Case Closed: Lee Harvey Oswald and the Assassination of JFK. Random House, New York 1993, ISBN 978-0-679-41825-2.

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