Marcus Verrius Flaccus (* um 60 v. Chr. in Praeneste) war ein römischer Grammatiker, Philologe und Altertumsforscher, der zur Zeit der Kaiser Augustus und Tiberius als Lehrer wirkte.
Verrius war ein Freigelassener. Der Name seines Manumissor ist nicht sicher überliefert. In der Forschung wurde häufig ein Verrius Flaccus, eine Autorität auf dem Gebiet des priesterlichen Rechts, angenommen, doch sprechen chronologische Gründe eher für einen Veranius Flaccus, der als Verfasser von Weissagungen bekannt war. Sicher ist jedoch, dass Verrius selbst im priesterlichen Rechts als äußerst kundig galt.
Nach Sueton erlangte Verrius besondere Berühmtheit durch seine Art des Unterrichtens, da er seine Schüler regelmäßig in Wettbewerbe antreten ließ. Aufgrund seines hervorragenden Rufes wurde er mit anderen angesehenen Lehrern seiner Zeit, etwa Lucius Crassicius, verglichen.
Sein Ansehen als Lehrer war so groß, dass Kaiser Augustus ihn zum Erzieher seiner Enkel Gaius Caesar und Lucius Caesar bestimmte. Etwa im Jahr 10 v. Chr. zog Verrius Flaccus mit seiner gesamten Schule auf den Palatin, wo er im Atrium des Hauses einer Catulina, das damals bereits Teil des kaiserlichen Palastes war, unterrichtete. Er erhielt ein jährliches Gehalt von 100.000 Sesterzen und wurde zugleich davon entbunden, künftig weitere Schüler aufzunehmen. Verrius starb in hohem Alter unter Kaiser Tiberius. Zu seinen Ehren wurde in seiner Heimatstadt Praeneste im oberen Teil des Forums eine Statue errichtet. An derselben Stelle ließ man auch seine berühmten Fasti Praenestini veröffentlichen: einen von ihm geordneten Kalender religiöser und öffentlicher Tage, der in eine marmorne Wand eingemeißelt war. Dieses Werk stellt eines der wichtigsten Zeugnisse römischer Religions- und Zeitrechnung dar. Von diesem römischen Festkalender (Fasti Praenestini) wurden im Jahr 1771 einige Fragmente außerhalb der Stadt Rom an einem christlichen Gebäude aus späterer Zeit wiederentdeckt, 1778 noch weitere an ihrem ursprünglichen Ort. Die Sammlung konnte später um noch zwei Fragmente erweitert werden.
Sein wichtigstes Werk ist das erste lateinische Wörterbuch De verborum significatu. Das Werk bietet zu alphabetisch angeordneten Wörtern Erklärungen der Bedeutung und grammatikalisch-historische Erläuterungen. Es ist damit ein Vorläufer des Lexikons bzw. der alphabetischen Enzyklopädie. Es wurde in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts von Sextus Pompeius Festus bearbeitet. Während vom Werk des Verrius Flaccus nur wenige Fragmente erhalten sind, existiert eine einzige – allerdings stark beschädigte – Handschrift vom Werk des Festus, der aus dem 11. Jahrhundert stammende Codex Farnesianus in Neapel (Biblioteca Nazionale IV.A.3). Von dieser während der frühen Renaissance wiederentdeckten, teilweise verbrannten Handschrift sind nur die Buchstaben M–V (Band 12–20) erhalten. Außerdem gibt es einen vollständigen, von Paulus Diaconus Ende des 8. Jahrhunderts angefertigten Auszug aus dem Werk des Festus sowie mittelalterliche Glossare, die auf Festus zurückgehen.
Andere verlorene Werke Flaccus’ sind:
- De Orthographia: De Obscuris Catonis, eine Erläuterung von Unklarheiten in den Schriften Catos des Älteren
- Saturnus, zu Fragen der römischen Kulte
- Rerum memoria dignarum libri, ein enzyklopädisches Werk, das von Plinius dem Älteren viel benutzt wurde
- Res Etruscae, vermutlich über Weissagungen.
Textausgaben
- Karl Otfried Müller: Sexti Pompei Festi de verborum significatione quae supersunt cum Pauli epitome emendata et annotata. Leipzig 1839
Literatur
- Michael von Albrecht: Geschichte der römischen Literatur von Andronicus bis Boethius und ihr Fortwirken. Band 1. 3., verbesserte und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-026525-5, S. 738 f.
- Peter Lebrecht Schmidt: Verrius [I] M. V. Flaccus. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 12/2, Metzler, Stuttgart 2002, ISBN 3-476-01487-8, Sp. 81–82.
- Prosopographia Imperii Romani (PIR) ² (2015) V 422.
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