Meister der Weisheit oder Meister bezeichnet in der Theosophie der Blavatsky-Tradition ein Kollektiv idealisierter und übernatürlich vollkommener Adepten, die als Quelle und Legitimation der theosophischen Lehren dargestellt werden. Das Konzept entstand im späten 19. Jahrhundert im Umfeld Helena Petrovna Blavatskys und wurde in den nachfolgenden okkulten Bewegungen weiter systematisiert.
In der Theosophischen Bewegung Blavatskys gelten die Meister als spirituell besonders hoch entwickelte Menschen, die in Shigatse im Himalaya wohnen sollen. In den Schriften erscheinen sie unter Bezeichnungen wie Ältere Brüder, Mahatmas oder Große Weiße Loge und werden gelegentlich mit der Bruderschaft von Shambhala verbunden, die im sagenhaften Königreich Shambhala leben und vom Herrn der Welt angeführt werden soll.
Rudolf Steiner übernahm den Begriff Meister in seiner frühen theosophischen Phase, deutete ihn jedoch zu einem philosophisch spirituellen Prinzip ohne physische Existenz oder direkte Autorität um. Mit der Entwicklung der Anthroposophie gab er den theosophischen Meisterbegriff vollständig auf.
Konzept, Funktion, Gebrauch und Entwicklung der Meister innerhalb der Theosophischen Gesellschaft
Entstehung des Konzepts (späte 1870er bis frühe 1880er Jahre)
Blavatsky verknüpfte ihre Lehren mit angeblich real existierenden, spirituell hochentwickelten Menschen, die überwiegend im Himalaya, insbesondere in Tibet, leben sollten. Die Meister wurden als Ergebnis einer spirituellen Evolution dargestellt, die parallel zur physischen verlaufe. Blavatsky bezeichnete sich selbst als Chela (Schülerin) dieser Wesen, insbesondere der Meister Morya und Koot Hoomi, denen sie ihre Initiation zuschrieb und unter deren Schutz die 1875 gegründete Theosophische Gesellschaft nach ihrer Darstellung stand.
Der Begriff „Meister der Weisheit“ ist im Westen dadurch bekannt geworden, dass prominente Theosophen wie Blavatsky, Sinnett, A. O. Hume, Leadbeater, Judge, Besant, Fortune, Bailey, Helena und Nicholas Roerich vorgaben, mit ihnen in Kontakt zu stehen, gar ihre Schüler zu sein und in ihrem Sinne in der Welt zu wirken.
Frühphase der Meisterkommunikation (ca. 1880er Jahre)
Die Meister fungierten als übernatürliche Autoritäten, die Blavatskys Wirken legitimieren sollten. Ihre Kommunikation erfolgte laut den theosophischen Darstellungen durch „Präzipitation“: Schriftstücke und Botschaften galten als auf übernatürliche Weise materialisiert. In dieser Form wurden sowohl Anweisungen an die Leitung der Theosophischen Gesellschaft als auch Darstellungen ihrer angeblichen Lebenswelt übermittelt, darunter Landschaftsbilder und Berichte über unterirdische Hallen und Bibliotheken, in denen, so die Behauptung, auch die Quelle von Blavatskys Geheimlehre, das „Buch des Dzyan“, aufbewahrt werde.
Einzelne Anhänger glaubten, die Meister körperlich aufsuchen zu können. Berichte über Reisen in den Himalaya, Begegnungen mit den Adepten und damit verbundene wundersame Erlebnisse zirkulierten im Umfeld der frühen Theosophischen Gesellschaft. Derartige Unternehmungen führten zu realen Gefährdungen, wie der Fall von Damodar K. Mavalankar zeigt, der bei einer solchen Suche ums Leben kam.
Ausweitung und Popularisierung (späte 1880er bis 1890er Jahre)
Die Idee persönlicher Erscheinungen der Meister wurde in Europa breit rezipiert. Theosophen wie Franz Hartmann publizierten Berichte über angebliche Manifestationen der Adepten in verschiedenen europäischen Kontexten. Die Meister wurden zu einem zentralen Bezugspunkt innerer Legitimation und zu einem Mittel der Selbstautorisation innerhalb der Bewegung.
Instrumentalisierung in Organisationskonflikten (1890er Jahre)
Nach Blavatskys Tod (1891) wurden die Meister in zunehmendem Maße zu Instanzen, deren angebliche Nominierungen, Befehle oder Botschaften von konkurrierenden Funktionären zur Rechtfertigung eigener Führungsansprüche herangezogen wurden. Der Konflikt zwischen Annie Besant und William Quan Judge um das Amt des Generalsekretärs der Gesellschaft illustriert diese Entwicklung: Beide beriefen sich auf Briefe der Meister, die jeweils die eigene Position unterstützen sollten. Die Authentizität dieser Schreiben wurde parteiisch bestritten, was zu Spaltungen führte, darunter zum Austritt vieler amerikanischer Logen im Jahr 1895.
Reinterpretation durch Besant, Leadbeater und La Due (1890er bis 1910er Jahre)
Unter Annie Besant und Charles W. Leadbeater wurde das Meisterkonzept systematisch ausgeweitet und funktionalisiert. Die Meister galten nun als Instanzen, die spirituelle Fortschritte der Mitglieder überwachen und Schüler durch Einweihungsstufen führen würden. Da diese Einweihungen im Schlaf und auf astraler Ebene stattfinden sollten, konnten nur angeblich hellsichtige Funktionäre wie Leadbeater den angeblichen Fortschritt der Schüler beurteilen. Damit verschob sich die Autorität zunehmend von den fiktiven Meistern auf die Führungsfiguren selbst. Parallel entwickelte sich innerhalb der Bewegung eine Praxis der heroischen Verehrung der lebenden Führer, die den Meisterglauben ergänzte und teilweise ersetzte.
Francia La Due (1849–1922) war gemeinsam mit William H. Dower Mitbegründerin der religiös-utopischen Gemeinschaft Temple of the People, die 1898 in Syracuse (New York) entstand und 1903 nach Halcyon (Kalifornien) verlegt wurde. La Due veröffentlichte in der Organisationsliteratur eine Sammlung von Lektionen und „Tempellehren“, die sie und ihre Mitstreiter als Übermittlungen von sogenannten „Meistern“ oder „Meistern der Weisheit“ darstellten und die später in Sammelausgaben publiziert wurden.
Transformation im Kontext millenaristischer Erwartungen (ab ca. 1910)
Die Meister der Weisheit wurden in die Erwartung eines neuen Weltlehrers eingebettet. Leadbeater erklärte den jungen Jiddu Krishnamurti zum künftigen „Vehikel“ des Meisters Maitreya, der in der theosophischen Darstellung als Weltenlehrer eines neuen Zeitalters erscheinen sollte. Die Meister fungierten nun weniger als eigenständige Autoritäten denn als spirituelle Hintergrundfiguren im Rahmen eines umfassenderen theosophischen Messianismus. Dadurch verschob sich die Bedeutung des Meisterkonzepts von einem Legitimationsinstrument Blavatskys zu einer theologischen Stütze der neuen Heilslehre Besants und Leadbeaters.
Verlust der Funktion und spätere Bedeutung (1930er Jahre)
Mit Krishnamurtis Loslösung von der Theosophie im Jahr 1929 und dem anschließenden Niedergang der Messiasbewegung verlor das Meisterkonzept seine zentrale Stellung. Nach Besants Tod (1933) trat es weitgehend in den Hintergrund. Es blieb jedoch ein prägendes Element des ursprünglichen theosophischen Systems Blavatskys und wurde später in verschiedenen Abspaltungen und esoterischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts weitergeführt.
Darstellungen der Fähigkeiten und Herkunft der von Blavatsky beschriebenen Meister
Blavatsky schrieb den Meistern übernatürliche Fähigkeiten wie Gedankenlesen, Fernwirkung und das Erscheinenlassen von Objekten zu. Zeitgenössische theosophische Darstellungen lokalisierten sie zunächst im tibetischen Xigazê; nachdem Expeditionen dorthin keine Spuren gefunden hatten, wurden die Meister als körperlose, nur hellsichtig wahrnehmbare Wesen beschrieben. Blavatsky behauptete, ihrem Meister Morya während einer Tibetreise begegnet zu sein, nachdem sie ihn zuvor in Visionen gesehen habe. Morya und Koot Hoomi wurden als Angehörige einer „Großen Weißen Bruderschaft“ dargestellt, die als Adepten geheimer Lehren im mythischen Shambhala in der Wüste Gobi lebten und von einem „Herrn der Welt“ angeführt würden, der vom Planeten Venus mit einigen Gehilfen nach Shambhala eingereist sei. Diese Gestalten wurden in theosophischen Schriften mit Figuren wie Buddha, „Mahachohan“, „Manu“ und „Maitreya“ verbunden.
Meister-Briefe
Die sogenannten Meister-Briefe (oder Mahatma-Briefe) wurden im Umfeld Blavatskys als auf okkultem Wege übermittelte Schreiben der „Meister“ ausgegeben und richten sich an prominente Mitglieder der frühen Theosophischen Gesellschaft. Ein Großteil der Originale liegt heute in der Manuskriptabteilung des British Museum. Die Zuschreibung der Briefe ist umstritten: Ein Untersuchungsbericht der Society for Psychical Research (1885) erklärte sie zunächst für Fälschungen, wovon sich die SPR 1986 nach erneuter Begutachtung wieder distanzierte. Die Briefe, ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt, enthalten persönliche Mitteilungen sowie Darstellungen theosophischer Lehrinhalte; ihr Empfang galt in theosophischen Kreisen als Zeichen besonderer Nähe zu den vermeintlichen Absendern.
Die „Meister der Weisheit“ bei Rudolf Steiner
Rudolf Steiner übernahm bei seinem Eintritt in die Theosophische Gesellschaft 1902 zunächst deren Begriff der „Meister der Weisheit“, distanzierte sich jedoch früh von Blavatskys Vorstellung real existierender Adepten. Zwischen 1903 und 1907 deutete er das Konzept zu rein geistigen oder historisch bedeutsamen Individualitäten um. Ab 1907 lehnte er das theosophische Meistermodell, insbesondere die Lehren Besants und Leadbeaters sowie die „Weltlehrer“-Erwartung, ausdrücklich ab. Mit der Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft 1912 bis 1913 verschwand der Meisterbegriff vollständig aus seinem Werk und wurde durch ein eigenständiges anthroposophisches Verständnis geistiger Hierarchien und individueller Schulung ersetzt.
Agni Yoga
Helena Roerich gibt an, die 14 Bücher des Agni Yoga von den Meistern der Weisheit übermittelt erhalten zu haben.
Literatur
- K. Paul Johnson: The Masters Revealed: Madame Blavatsky and the Myth of the Great White Lodge. State University of New York Press, Albany 1994.
- K. Paul Johnson: In Search of the Masters – Behind the Occult Myth. 1990, ISBN 0-9631334-0-3.
- Franz Hartmann: Die Meister der Weisheit. Die indischen und tibetanischen Adepten oder Mahatmas. Schatzkammer, Calw 1969, ISBN 3-924411-61-1.
- C. Jinarajadasa: Letters from the Masters of the Wisdom. The Theosophical Press, Adyar 1919 (1. Band), Adyar 1925 (2. Band)
- Jiddu Krishnamurti, Sri Ram: Zu Füßen des Meisters. Aquamarin Verlag, Grafing 2004, ISBN 3-89427-258-9.
- Norbert Lauppert (Hrsg.): Die Mahatma-Briefe an A.P. Sinnett und A.O. Hume. Adyar Verlag, Graz 1977–1982, ISBN 3-85005-058-0 (1. Band), ISBN 3-927837-27-X (2. Band), ISBN 3-927837-28-8 (3. Band)
- Charles W. Leadbeater: Die Meister und der Pfad. Aquamarin-Verlag, Grafing 2003, ISBN 3-89427-249-X.
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