Rot und Schwarz (französischer Originaltitel: Le Rouge et le Noir, Untertitel: Chronique du XIXe siècle, später: Chronique de 1830) ist ein Roman des französischen Schriftstellers Stendhal (Pseudonym von Marie-Henri Beyle). Held des Romans ist der ambitionierte und intelligente Julien Sorel, der als Sohn eines Sägemühlenbesitzers in der Zeit der französischen Restauration nach gesellschaftlichem Aufstieg strebt. Der Roman wurde 1830 in Paris beim Verleger Levasseur publiziert. Rot und Schwarz war nach Armance der zweite Roman Stendhals.
Inhalt
Erstes Buch
Die Handlung des Romans „Rot und Schwarz“ spielt in Frankreich zur Zeit der Restauration, vermutlich zwischen 1826 und 1830. Die Hauptfigur des Romans, Julien Sorel, ist der Sohn eines Sägemühlenbesitzers im fiktiven französischen Provinzort Verrières im Jura der Franche-Comté. Der im Gegensatz zu seinen Brüdern körperlich schwache, feingliedrige, intelligente und gut aussehende Julien interessiert sich wenig für die Arbeit im Betrieb seines Vaters, der ihn verachtet und schlägt. Er ist Anhänger des 1815 abgesetzten Napoléon Bonaparte. Er verbringt seine Zeit mit dem Lesen von Büchern und sehnt sich nach einer Offizierskarriere, die nicht-adeligen Schichten zur Zeit der post-napoleonischen Restauration allerdings verwehrt ist.
Im Alter von vierzehn Jahren fasst Julien den Entschluss, Priester zu werden, da es ihm als der unter den herrschenden Bedingungen günstigste Weg erscheint, „sein Glück zu machen“ und aus seinem provinziellen Leben zu entfliehen. Er wird vom lokalen Priester Chélan in Theologie unterrichtet und lernt die lateinische Bibel auswendig, ohne religiöse Gefühle zu entwickeln. Der Bürgermeister von Verrières, Monsieur de Rênal, wird auf seine Gelehrsamkeit aufmerksam und stellt ihn als Hauslehrer für seine beiden Kinder an. Julien nutzt das Konkurrenzverhältnis zwischen Monsieur de Rênal und dem Leiter des Bettlerasyls von Verrières, Monsieur Valenod, aus, um eine Erhöhung seines Gehalts auszuhandeln und seine Stellung zu festigen.
Julien verachtet als Anhänger Napoleons, den er im Haus der Rênals verleugnen muss, den königstreuen, mit allen Mitteln nach Reichtum und Status strebenden Monsieur Valenod. Er beginnt eine Affäre mit Madame de Rênal, die er mit Kalkül erobert, zunächst eher aus Eitelkeit denn aus Begehren. Als diese Affäre durch die Hausangestellte Elisa, die selbst Julien heiraten möchte, öffentlich gemacht wird, muss Julien Verrières verlassen. Durch Vermittlung des Priesters Chélan begibt er sich in das Priesterseminar der Stadt Besançon.
Dort erlebt er, dass viele Seminaristen bäuerlicher Herkunft vornehmlich am angenehmen Lebensstand des Priesters interessiert sind. Frömmigkeit wird oft nur gespielt und das von den anderen Seminaristen zumeist besser als von Julien. Er wird von seinen Mitseminaristen zunächst verachtet und empfindet das Seminar als abstoßenden Ort. Julien wird Protegé des Leiters des Priesterseminars, des Jansenisten Abbé Pirard. Als dieser aufgrund innerkirchlicher Machtkämpfe das Seminar verlassen muss, verschafft er Julien eine Stellung als Sekretär des aus dem Exil zurückgekehrten Diplomaten Marquis de la Mole in Paris.
Zweites Buch
Julien kann die ihm übertragenen Aufgaben mit Geschick erfüllen und gewinnt Vertrauen und Anerkennung seines Dienstherren. Die adelige Gesellschaft des Marquis de la Mole, Pair von Frankreich, verkehrt in den Salons von Paris, zu denen nun auch Julien Zugang hat. Mathilde, die junge Tochter des Marquis, wird dort von einigen jungen Adeligen umschwärmt. Mathilde jedoch ist von diesen Verehrern gelangweilt.
Julien interessiert sich zunächst nicht für Mathilde. Er befürchtet, sein Stolz könnte von ihr verletzt werden und bleibt ihr fern. Sein Desinteresse fordert Mathildes Eitelkeit heraus. Sie stellt sich Julien als neuen Danton vor, ein revolutionäres Genie im Gegensatz zu den einförmigen und aus ihrer Sicht nicht mehr von dem Heldenmut ihrer Vorfahren beseelten adeligen Verehrern. Sie verliebt sich in ihn und schreibt ihm einen Liebesbrief. Julien bleibt misstrauisch und vermutet, die Adelige wollte ihn kompromittieren. Als er beginnt, Mathilde zu begehren, versucht er dies vor ihr zu maskieren. Denn er vermutet, dass er ihr dadurch weniger attraktiv erscheinen könnte.
Mathilde entwickelt eine leidenschaftliche Liebe zum mittellosen Julien, obwohl ihr dies aufgrund des Standesunterschieds widerstrebt. Als sie schwanger wird, entschließt sie sich, ihrem Vater die Beziehung zu gestehen. Dieser empfindet die Beziehung als Verrat des von ihm geschätzten Julien. Schließlich beschließt er, Julien Ländereien zu übereignen, ihm eine Identität als adeliger Offizier zu verschaffen und in die Hochzeit einzuwilligen, um den Ruf seines Hauses nicht zu gefährden.
Als der Marquis de la Mole Erkundigungen über Juliens Vorleben einholt, erhält er einen Brief von Madame de Rênal, in dem sie Julien als Herzensbrecher schildert, der es auf das Geld reicher Frauen abgesehen habe. Madame de Rênal hat nach ihrer Affaire mit Julien schwerwiegende Reuegefühle entwickelt. Der Brief wurde ihr von ihrem Beichtvater diktiert, einem Jesuiten, der dem Marquis de la Mole aus Karrieregründen gefällig sein möchte. Als Julien von diesem Brief erfährt, der seine Karriere als Offizier und seinen gesellschaftlichen Aufstieg zunichtemacht, reist er nach Verrières und verübt ein Attentat auf Madame de Rênal.
Madame de Rênal erholt sich von ihrer Verletzung und söhnt sich mit Julien im Gefängnis aus. Er erkennt, dass sie die Einzige ist, die wirkliche Liebe für ihn empfunden hat. Mathilde, die auf Madame de Rênal sehr eifersüchtig ist, wird nun von Julien verachtet. Beide Damen versuchen, Juliens Leben zu retten. Julien zieht einen ehrenhaften Tod einem Leben in Schande vor. Er brüskiert die Geschworenen im Gerichtsverfahrens durch seine unverblümte Rede und wird zum Tod verurteilt. Mathilde sorgt für die Bestattung des abgeschlagene Haupts ihres Geliebten in den Bergen von Verrières. Madame de Rênal hatte gelobt, sich um Juliens noch ungeborenes Kind zu kümmern. Doch sie stirbt drei Tage nach Julien in den Armen ihrer Kinder.
Hauptthemen des Romans
Grundfrage des Werks ist nach René Girard: „Warum sind die Menschen nicht glücklich in der modernen Welt?“ „Wir sind nicht glücklich, sagt Stendhal, weil wir eitel sind.“
Schilderung und Kritik der französischen Gesellschaft vor 1830
Stendhal schildert ohne romantische Gefühle für das Volk und mit einem gewissen aristokratischen Instinkt die gesellschaftlichen Gegensätze des Frankreich unmittelbar vor der Julirevolution von 1830, so z. B. die zwischen der Hauptstadt Paris und der Provinz, zwischen der Bourgeoisie und dem Adel, zwischen den Jansenisten und den Jesuiten. Über politische und religiöse Fragen darf bei Tisch und in den Salons nicht oder nur mit verlogenen Phrasen gesprochen werden. Die Langeweile bei Tisch ist keine gewöhnliche Langeweile, die durch die „Stumpfheit“ und das Spießertum der zusammentreffenden Personen bedingt wäre, sondern eine Form von Wirklichkeitsflucht, ein politisch-gesellschaftliches Problem der Restaurationsperiode nach 1815. Eine typische Haltung des Jansenismus, der durch den Abbé Pirard verkörpert wird, ist die kritiklose Unterwerfung unter das Böse der Welt im vollen Bewusstsein, dass es böse ist.
Julien ist vom Ehrgeiz getrieben, gesellschaftlich aufzusteigen. Für Kleinbürger wie ihn ist ein sozialer Aufstieg nur durch die fast allmächtige Kirche möglich. Stendhal zeigt, dass Juliens Aufstieg in dieser Gesellschaft scheitern muss. Dies wird kontrastiert gegen die napoleonische Gesellschaft vor der Restaurationszeit, in der „jeder Soldat den Marschallstab im Tornister“ hatte (so ein Ausspruch Napoleons), d. h. die Aufstiegsmöglichkeiten vergleichsweise gut waren.
Stendhal beschreibt auch, dass die Restauration nicht einfach zu einer unveränderten Wiedereinsetzung der alten Gesellschaftsstrukturen vor der französischen Revolution geführt hat, sondern dass der Adel in ständiger Furcht vor einer neuen Revolution lebt, was unter anderem durch Mathildes Verehrung Juliens als „zweiter Danton“ versinnbildlicht wird.
Heuchelei (Hypocrisie)
In Rot und Schwarz wird kaum ehrlich kommuniziert. Es gibt – insbesondere bei der Hauptfigur Julien – stets Unterschiede zwischen dem, was gedacht, und dem, was anderen gegenüber geäußert wird. So ist Julien Verehrer Napoleons, verbirgt dies aber in der royalistisch ausgerichteten Gesellschaft der Restauration. Alle sozialen Beziehungen sind politisch, sogar die zwischen Vater und Sohn („als ob in der Provinz ein reicher Vater mit seinem Sohn, der nichts besitzt, je anders reden würde als zum Schein“). Das Hauptmotiv aller Handelnden sind Posten, Positionen, Geld, Macht oder Rang, und das Verhalten anderen gegenüber wird nach diesem Motiv ausgerichtet. So lernt Julien z. B. das Neue Testament der Bibel auswendig, auf Latein, ohne einen emotionalen Zugang zu seinem Inhalt zu haben, weil er eine Karriere im Klerus machen will. Im Priesterseminar wird von manchen Bauernsöhnen der Glaube nur gespielt, um in den Genuss besseren Essens zu kommen. Als Julien am Ende des Romans einmal ehrlich den Zustand der bürgerlichen Gesellschaft beschreibt, führt dies zur Empörung der Geschworenen und so zum Todesurteil. Stendhal kritisiert diese Heuchelei im Roman nicht eindeutig, im Gegenteil wird sie als notwendig dargestellt, um sein persönliches Glück zu finden.
Vorgeschichte
Stendhal verfasste den Roman nach dem Vorbild der „Affäre Berthet“. Der junge Antoine Berthet war zum Tode verurteilt worden, nachdem er seine erste Liebhaberin angeschossen hatte.
Schreibstil
Stendhal ist ein Vertreter eines sensualistischen Realismus. Er gibt dabei das Äußere nicht einfach naturalistisch wieder, sondern so, wie es seine Figuren mit ihrer jeweiligen psychischen Ausstattung wahrnehmen.
Rezeption
Das Desillusionierende, die Nüchternheit und Kälte der Schilderung seiner Figuren, das völlige Fehlen von Idealismus verstörten die zeitgenössischen Leser: „Stendhal gelingt es, das menschliche Herz zu verletzen“, schrieb Honoré de Balzac.
Bedeutung des Titels
Für den Grund für Stendhals Wahl von Rot und Schwarz als Titel des Romans gibt es keine eindeutigen Belege. Julien sucht zu Beginn des Romans nach Auswegen aus seiner Lage als ungeliebter Sohn eines Sägemühlenbesitzers in der Provinz. Die von ihm erträumte große Karriere im Militär, unter Napoleon noch möglich, ist nun Adeligen vorbehalten. Nur über den Klerus scheint ihm ein gesellschaftlicher Aufstieg möglich. Eine Interpretation des Titels ist daher, dass Rot die Farbe des Militärs sei, Schwarz die Farbe des Klerus. Eine andere Interpretation führt den Titel auf das damals beliebte Kartenspiel rouge et noir zurück. Für einen Roman, in dem der Zufall und das Glück das Schicksal der Hauptfigur bestimmen, wäre das Kartenspiel demnach das narratologische Leitmotiv.
Übersetzungen ins Deutsche
Das Werk wurde mehrfach ins Deutsche übertragen, unter anderem von Otto Flake, Rudolf Lewy, Hertha Lorenz (geb. 1916), Arthur Schurig und Walter Widmer. Die neueste Übersetzung erschien 2004 und stammt von Elisabeth Edl.
Ausgaben
- Le Rouge et le Noir. Levavasseur, Paris 1830 (auf dem Titel ist das Jahr 1831 angegeben).
Es gibt im deutschsprachigen Raum zahlreiche Ausgaben des Romans, darunter:
- Rot und Schwarz. Übersetzt von Otto Flake mit einem Nachwort von Manfred Naumann. Paul List, Leipzig 1965.
- Rot und Schwarz – Chronik aus dem Jahr 1830. Vollständige Ausgabe, aus dem Französischen übersetzt von Walter Widmer. Mit einem Nachwort von Uwe Japp. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1968 (Insel-Bibliothek).
- Rot und Schwarz. Band 1,2, aus dem Französischen übersetzt von Rudolf Levy und bearbeitet von Elisabeth Schneider. Mit einem Nachwort von Manfred Naumann. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1978.
- Rot und Schwarz. Chronik aus dem 19. Jahrhundert. Übersetzt von Elisabeth Edl. Hanser, München 2004, ISBN 3-446-20485-7.
- Ungekürzte Lesung von Heikko Deutschmann, Hörbuch Hamburg 2005.
Theater-Bearbeitungen
- Julien – Rot und Schwarz von Lukas Bärfuss nach Stendhal, UA: Theater Basel 16. Januar 2020, Regie: Nora Schlocker, Bühne: Jessica Rockstroh, Musik: Simon James Phillips, Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause.
Verfilmungen
- 1928: Der geheime Kurier
- 1947: Il corriere del re
- 1954: Rot und Schwarz (Le Rouge et le noir) – Regie: Claude Autant-Lara
- 1961: Le Rouge et le Noir (TV)
- 1997: Le Rouge et le Noir (TV) – Regie: Jean-Daniel Verhaeghe
Hörspiel
2004 – Deutschlandradio Kultur und ORF: Rot und schwarz. 195 Min. Autor: Helmut Peschina, Regie: Marguerite Gateau
Literatur
- Jacques Dubois: Stendhal. Une sociologie romanesque. Paris 2007, ISBN 978-2-7071-5089-9.
- Helmut C. Jacobs: Stendhal 1783–1842. In: Jan-Pieter Barbian (Red.): Vive la littérature! Französische Literatur in deutscher Übersetzung. Hrsg. und Verlag Stadtbibliothek Duisburg, 2009, ISBN 978-3-89279-656-5, S. 38.
Fußnoten
- Elisabeth Edl: Rot und Schwarz. dtv, München 2008, ISBN 978-3-423-13525-2, S. 684.
- In der Franche-Comté gibt es zwei Orte mit dem Namen Verrières, doch keiner stimmt von seinem Aussehen mit dem im Roman beschriebenen Städtchen überein. Als Vorbild dürfte das sehr malerisch über dem Doubs gelegenen Dole gedient haben, das Beyle auf mehreren Reisen (1811, 1819 und 1823) besuchte. Elisabeth Edl, Anmerkungen zu: Rot und Schwarz. dtv, München 2008, S. 765.
- Chélan wird im Original le curé Chélan bezeichnet.
- Elisabeth Edl: Rot und Schwarz. dtv, München 2008, S. 681.
- René Girard: Deceit, Desire and the Novel. The Johns Hopkins Press, 1965, S. 116. („We are not happy, says Stendhal, because we are vaniteux.“)
- Erich Auerbach: Mimesis. (1946) 10. Auflage, Tübingen, Basel 2001, S. 423 ff.
- Elisabeth Edl: Rot und Schwarz. München 2008, S. 683.
- Elisabeth Edl: Rot und Schwarz. dtv, München 2008, S. 679.
- Naomi Lubrich: «Wie kleidet sich ein Künstler?», in: KulturPoetik 14:2, 2014, 182–204; Naomi Lubrich, Die Feder des Schriftstellers. Mode im Roman des französischen Realismus. Aisthesis, Bielefeld 2015, S. 200.
- Mirja Gabathuler: Durch und durch Schauspieler, Rezension auf nachtkritik.de vom 16. Januar 2020, abgerufen am 19. Januar 2020
- Christian Gampert: Stendhal in Basel: Bärfuss überschreibt erstmals Klassiker, Rezension auf deutschlandfunk.de vom 18. Januar 2020, abgerufen am 19. Januar 2020
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