Österreichische Gesellschaft für Literatur

Die Österreichische Gesellschaft für Literatur (ÖGfL) ist ein 1961 gegründeter Verein zur Durchführung literarischer Veranstaltungen und zur Förderung von österreichischer Literatur im In- und Ausland mit Sitz im Wiener Palais Wilczek (Herrengasse 5). Die Institution vergibt darüber hinaus Stipendien und betreut die Österreich-Bibliotheken im Ausland.

Geschichte

Die 1961 ins Leben gerufene Österreichische Gesellschaft für Literatur ist die älteste Literaturveranstaltungs- und -vermittlungsinstitution Österreichs. Die Konzeption der ÖGfL stammte nicht allein von ihrem Gründer und langjährigen Leiter (1961 bis 1994), dem Journalisten, Lektor und Essayisten Wolfgang Kraus, sondern entsprach in vielerlei Hinsicht auch den Vorstellungen der offiziellen österreichischen Kulturpolitik unter Bundesminister Heinrich Drimmel und Sektionschef Alfred Weikert.

In der Gründungsrede am 18. Dezember 1961 in den neu adaptierten Räumen der Österreichischen Gesellschaft für Literatur im 2. Stock im Palais Wilczek in der Herrengasse 5 informierte ÖGfL-Präsident Wolfgang Kraus über die Ziele der neuartigen Institution, insbesondere waren drei Aspekte relevant:

  1. Die Präsentation von Neuerscheinungen der zeitgenössischen österreichischen Literatur.
  2. Einladung von ins Exil vertriebenen Autoren und Literaturwissenschaftlern;
  3. Kontaktaufnahme zu Autoren, Übersetzern sowie zu Literaturwissenschaftlern jenseits des Eisernen Vorhanges.

Die Veranstaltungstätigkeit begann 1962. Zu den ersten Gästen zählten während des NS-Regimes vertriebene Autoren wie Erich Fried, Manès Sperber und Elias Canetti. Nach Wien wurden zudem auch Autoren, Übersetzer und Wissenschaftler aus den kommunistisch regierten Staaten eingeladen, insbesondere aus jenen Staaten, die einst Teil der Donaumonarchie waren. Zu nennen sind hier u. a. Tibor Déry (Ungarn), Blaga Dimitrova (BG), Eduard Goldstücker (ČSSR), Václav Havel (ČSSR), Julius Hay(Ungarn), Oskar Pastior (Rumänien), Stanisław Lem (Polen) und viele andere.

Am wichtigsten war die neu gegründete Einrichtung jedoch für österreichische Autorinnen und Autoren. So wurden in den 60er und 70er Jahren etwa Ilse Aichinger, Gerhard Amanshauser, Hans Carl Artmann, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Heimito von Doderer, Barbara Frischmuth, Gerhard Fritsch, Elfriede Gerstl, Peter Handke, Marlen Haushofer, Ernst Jandl, Elfriede Jelinek, Gert F. Jonke, Alfred Kollertisch, Friederike Mayröcker, Peter Turrini, Ilse Tielsch, Hans Weigel u. v. a. oft mehrfach zu Lesungen eingeladen. Neben Literaturkritikern waren auch Germanisten regelmäßig auf der Bühne vertreten, wie etwa Walter Weiss oder Werner Welzig.

Die ÖGfL versuchte Wien als internationale Literaturstadt zu etablieren, die Voraussetzungen waren gut: „Indem die Stadt außenpolitisch als eine Art neutrale Zone zwischen den beiden durch den Eisernen Vorhang getrennten Machtblöcken funktionalisiert wurde, war es möglich, Autoren, Germanisten und Intellektuelle aus ‚Ost‘ und ‚West‘ zu Lesungen und Stipendienaufenthalten einzuladen.“ 1973 beschrieb der Literaturkritiker und Gründer der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, Viktor Suchy, die zu diesem Zeitpunkt seit mehr als 10 Jahren existierende Österreichische Gesellschaft für Literatur als „ein ‚österreichisches Wunder‘ in der provinziellen Enge und geistigen Versteppung der zweiten Republik“ und als „fulminant gelebte[n] ‚Widerspruch‘ zu allem, was man so gerne unterschwellig mit dem Beiwort ‚österreichisch‘ [verbinde].“

Die Österreichische Gesellschaft für Literatur arbeitete in den kommenden Jahrzehnten weiterhin mit dem für Kunstagenden zuständigen Bundesministerium zusammen, konnte sich jedoch inhaltlich emanzipieren. Aktuell wird die Institution überwiegend vom Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport (BMWKMS) subventioniert.

Mitarbeiter und Leiter

Zu den Mitarbeitern von Wolfgang Kraus zählten der Kulturpublizist und Herausgeber Otto Breicha, die Übersetzerin Hella Bronold, der Theaterwissenschaftler und Literaturvermittler Reinhard Urbach, der spätere Journalist Hans Haider, der Schriftsteller und Herausgeber Kurt Klinger, der Schriftsteller Herbert Zand sowie der Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber Helmuth A. Niederle. Mit dem Schriftsteller Gerhard Fritsch, Redakteur bei Wort in der Zeit, stand die Österreichische Gesellschaft für Literatur in enger Verbindung, da diese Zeitschrift in den 1960er Jahren in den ÖGfL-Räumlichkeiten untergebracht war.

Wolfgang Kraus leitete die ÖGfL von 1961 bis 1994, seinen Einfluss auf die österreichische Literatur schätzt der Germanist Stefan Maurer hoch ein: Kraus sei es möglich gewesen, „die österreichische Literatur nicht nur zu propagieren, sondern bedingt durch seine mannigfaltigen Positionen, gleichermaßen mit zu formieren und zu lenken.“

Kraus‘ Nachfolgerin war die Schriftstellerin Marianne Gruber, die sich in ihrer 20-jährigen Amtszeit (1994–2014) insbesondere für die internationalen Kontakte zu Universitäten und Bibliotheken (vor allem zu den Österreich-Bibliotheken im Ausland) und für eine gute Vernetzung und Zusammenarbeit mit österreichischen literarischen Institutionen einsetzte.

Seit 2014 liegt die Leitung in den Händen des Germanisten Manfred Müller, er sieht Einrichtungen wie die ÖGfL auch als ein wichtiges Regulativ: „Wir versuchen, den Markt auszugleichen. Auch denen eine Stimme zu geben, die am Markt aus welchem Grund auch immer nicht reüssieren, nicht nur die Bücher zu präsentieren, die von vornherein einen großen Verkaufserfolg garantieren, nicht nur die Autoren zu präsentieren, die aufgrund ihrer medialen Präsenz ohnehin bekannt sind.“ Zudem intensiviert er die Zusammenarbeit mit der Österreichischen Franz Kafka-Gesellschaft, die in enger Verbindung zur ÖGfL steht.

Aufgaben und Zielsetzungen

In enger Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Unterricht setzten Wolfgang Kraus und sein Team zahlreiche Maßnahmen, um die österreichische Literatur im In- und Ausland zu fördern. Zu weiten Teilen bestehen diese Aufgaben weiterhin.

In erster Linie wurden literarische Veranstaltungen durchgeführt. Dabei entwickelte die Institution eine Vielzahl von Veranstaltungsformaten: Neben Lesungen, Buchpräsentationen und Diskussionen fanden z. B. mehrtätige Round Table-Gespräche zwischen ‚Ost‘ und ‚West‘ statt: Theater der Gegenwart – Gegenwart des Theaters(22. bis 24. März 1965), Unser Jahrhundert und sein Roman (25. bis 27. Oktober 1965) und Literatur als Tradition und Revolution (24. bis 26. April 1967). Renommierte Gäste waren u. a. W. H. Auden (GB), Elias Canetti (GB), Mary McCarthy (USA), Martin Esslin (GB), Zbigniew Herbert (PL), Alain Robbe-Grillet (F) und Claude Simon (F). Die Kosten für die Großveranstaltungen wurden zum Teil vom Congress for Cultural Freedom (CCF) in Paris getragen. Zudem gab es bis 1982 mit dem Forum der Jugend auch eine eigene Jugendschiene im Veranstaltungsprogramm.

Zur Förderung von Autorinnen und Autoren wurden Literaturpreise (u. a. der Österreichische Staatspreis für europäische Literatur, Anton-Wildgans-Preis) und literarische Vereinigungen initiiert. Zudem sollte Literatur auch im öffentlichen Leben präsenter sein, Wolfgang Kraus setzte sich für Gedenktafeln für österreichische Autoren und Künstler, z. B. für Fritz Lang, Ingeborg Bachmann, Robert Musil oder Herbert Zand ein. Des Weiteren richtete die Österreichische Gesellschaft für Literatur Gästewohnungen in Wien ein, versandte Bücherpakte im großen Stil in Staaten jenseits des Eisernen Vorhangs und lud Autoren, Lektoren und Übersetzer aus dem Ausland zu Aufenthalten nach Wien ein.

Vor allem in den 1960er Jahren war die ÖGfL eine im österreichischen Literaturbetrieb konkurrenzlose, international einflussreiche und bestens vernetzte literatur- und kulturpolitische Einrichtung. 1975 wurde in Wien das Literarische Quartier – Alte Schmiede von Reinhard Urbach gegründet, ab diesem Zeitpunkt war die ÖGfL eine von mehreren Literaturveranstalterinnen in Wien.

Nach der Wende 1989/90 ergaben sich neue kulturpolitische Möglichkeiten. Im Zuge dessen war die ÖGfL maßgeblich an der Gründung der Österreich-Bibliotheken beteiligt, Wolfgang Kraus leitete in enger Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Außenministerium die Gründung in die Wege und war an zahlreichen Eröffnungen beteiligt, mittlerweile gibt es 65 Einrichtungen in über 25 Staaten.

Die Mannigfaltigkeit an Aufgaben, Positionen und Funktionen (Kraus moderierte mit dem ›Jour fixe‹ etwa auch eine eigene Sendung im ORF), sorgten auch für erhebliche Kritik im Literaturbetrieb. So kritisierte etwa Thomas Rotschild, dass Kraus „eine einmalige literaturpolitische Machtfülle“ in einer Person darstellte.

Aktuelle Aktivitäten

Weiterhin sind sowohl die Kooperationen mit internationalen Institutionen als auch mit österreichischen Einrichtungen und Vereinen für die Aktivitäten maßgeblich notwendig. Zudem steht die Förderung von Autoren im Zentrum der Tätigkeiten. Die ÖGfL unterstützt und vergibt Residency-Programme, lädt im Rahmen eines eigenen Programms Übersetze österreichischer Literatur nach Wien ein und beteiligt sich regelmäßig an Projekten der Initiative „mitSprache“, dem Zusammenschluss österreichischer Häuser der Literatur.

Veranstaltungen bilden ein Kernstück der Aktivitäten, 80–90 Veranstaltungen finden jährlich bei freiem Eintritt in den Räumlichkeiten der Österreichischen Gesellschaft für Literatur (oder in Häusern von Kooperationspartnern) statt.

Die Österreichische Gesellschaft für Literatur führte mit Stand 2025 bislang mehr als 3000 Abendveranstaltungen, Matineen und ganztägige Symposien mit weit über 4000 Gästen auf der Bühne durch. Audioaufnahmen zahlreicher Veranstaltungen wurden angefertigt und im Archiv der Österreichischen Mediathek archiviert.

Die Österreichische Gesellschaft für Literatur führte bisher an die 3000 Abendveranstaltungen, Matineen und Symposien durch, mit über 4000 Gästen.

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