Der Östliche Große Erg (Arabisch: العرق الشرقي الكبير, Französisch: Grand Erg oriental) ist ein Sandmeer mit einer Fläche von 185.000 km². Damit ist er etwa halb so groß wie Deutschland und eine jener fünf großen Sandwüsten der Sahara mit über 150'000 km² Fläche. Er befindet sich im nordöstlichen Teil der algerischen Sahara, ein kleinerer Teil (etwa 30.000 km²) im südwestlichen Tunesien. Der Erg nimmt eine riesige flache Mulde ein, die im Norden an den Sahara-Atlas und das Aurès-Gebirge sowie das Bergland des Djebel Dahar in Tunesien, und im Süden an die Hammada von Tinrhert und das Tademait-Plateau grenzt. Geschätzte Bevölkerungszahl: etwa 20.000 Bewohner.
| Östlicher Großer Erg العرق الشرقي الكبير | |
|---|---|
Lage des Östlichen Großen Ergs (Grand Erg Oriental) | |
Dünenlandschaft bei Douz, Tunesien | |
| Höchster Gipfel | unbenannt |
| Lage | Provinz Illizi, Provinz Ouargla, Provinz Touggourt, Provinz El Oued Algerien, Gouvernement Kebili, Gouvernement Tataouine Tunesien |
| Koordinaten | 31° N, 7° O |
| Gestein | Dünen, Reg (auch eingesandet) |
| Fläche | 185,000 km² |
Topografische Karte des Östlichen Großen Ergs | |
Entstehung und Entwicklung
Mit Bodenradar (ground-penetrating radar – GPR) ist es möglich, die innere Struktur großer Dünen zu erfassen, und mit C14-Datierung anhand organischen Materials oder mit Thermolumineszenzdatierung kann der Zeitrahmen bestimmt werden, innerhalb dessen die einzelnen Sandschichten einer Düne abgelagert wurden. Für den Großen Östlichen Erg liegen einige Messungen vor, die folgende mögliche Entwicklung aufzeigen:
Gegen Ende des Pliozäns, bis vor etwa 2,5 Mio. Jahren, herrschte in der Sahara ein feuchttropisches Klima. Während dieser Zeit schwemmten große Flusssysteme beträchtliche Sandmengen in die Becken der Sahara. Im Gebiet des Östlichen Großen Ergs war es von Süden her der Oued Igharghar, der im Ahaggar-Gebirge entspringt. Von Norden und Nordwesten her wurde der Sand durch verschiedene Flussläufe aus dem Atlas- und Aurès-Gebirge herangeführt. Im Pleistozän, vor etwa 1,6 Mio. Jahren, begann die Bildung der Sandmeere in der Sahara. Dies geschah während der verschiedenen Trockenperioden dieses Zeitalters bis vor 11.000 Jahren und im darauf folgenden Holozän vor 5000 bis 3000 Jahren. Während diesen ariden Epochen war der Sand nicht durch Pflanzenbewuchs stabilisiert, und die Windstärke und damit seine Mobilisierungskraft war in gewissen Zeiträumen beträchtlich höher als heute. Dadurch konnten viel mächtigere Dünen entstehen, als es bei den heutigen Windverhältnissen möglich ist. Durch den Nordostpassat wurde der Sand aus dem Gebiet des heutigen Schott Melghir und Schott el Dscherid mit ihren salzigen Lehmkrustenböden nach Südwesten getrieben, so dass dort heute keine Dünen vorkommen.
Topografie
Der Östliche Große Erg ist etwa zu 70 % mit Sand bedeckt. Eine Schätzung des Sandvolumens kommt auf etwa 3500 Kubikkilometer. Jährlich sollen durch Windtransport aus nördlicher Richtung etwa 6 Mio. Tonnen Sand dazu kommen. Es gibt aber auch einen gewissen Abfluss von Sand in Richtung Süden. Mit Ausnahme seines Südwestteils weist der Erg aber eine positive Sedimentbilanz auf, während die Erg der Zentralsahara Sand an die Erg am Südrand der Sahara verlieren. – Der Sand des Ergs besteht zum größten Teil aus Quarz, mit wenig Turmalin und Zirkon. In den nördlichen und nordöstlichen Rändern des Ergs sind die Körner im allgemeinen größer als weiter südlich.
Die Größe der Dünen nimmt von Norden nach Süden kontinuierlich zu. Im Nordwesten befinden sich vor allem Längsdünen, deren Kämme von Nordosten nach Südwesten verlaufen. Die Dünen im Osten, in Tunesien und im Bereich der algerischen Grenze, sind barchanoide und zusammenhängende barchanoide Kämme, die ein netzartiges Muster bilden. Der südliche Teil an der Grenze zu Tunesien und der Südzipfel von Tunesien sind von ungefähr 400 Kuppeldünen (Englisch: dome dunes) bedeckt, auf einer Fläche von etwa 2.600 km².
Die südliche Hälfte des Ergs wird von Sterndünen dominiert. Sie liegen innerhalb eines Areals von etwa 66.000 km². Es ist die größte Ansammlung von Sterndünen weltweit. Sterndünen entstehen unter komplexen Windverhältnissen, im Gegensatz zu Längsdünen, die bei zwei vorherrschenden Windrichtungen mit kleiner Winkelabweichung entstehen. Im südwestlichen Teil des Ergs, innerhalb eines Areals von etwa 27.000 km², sitzen diese Sterndünen auf Lineardünen. Solche Dünen werden auch Draa oder Megadünen genannt und unterlagen während ihrer Entstehung einem Wechsel des Windregims. Die größten Sterndünen des Ergs erreichen einen Durchmesser von 2,4 km und eine Höhe von 230 m. Sterndünen scheinen zu wandern.
Zwischen den Dünenketten liegen die Gassi, vom Wind leergefegte Deflationskorridore aus hartgepresstem Reg, wie der Gassi Touil, der dem alten Lauf des Oued Igharghar folgt, oder der Gassi El Mouilah, die beide bis über 20 km breit sind und zeigen, dass die Sedimentbilanz hier negativ ist.
Hydrologie
Es herrscht hyperarides Klima mit durchschnittlicher jährlicher Niederschlagsmenge von 60 mm im Norden des Ergs. Weiter südwärts sinkt sie und liegt am Südrand noch bei 25 mm. Doch in seinem Untergrund lagert viel Wasser: Der Aquifer Continental Intercalaire, einer der größten geschlossenen Grundwasserleiter der Welt, speichert etwa 60.000 Kubikkilometer Wasser und erstreckt sich über weite Gebiete der algerischen, tunesischen und libyschen Nordsahara. Der größte Teil dieses Wassers ist fossil, es drang während den Feuchtperioden im Pleistozän im Bereich des Sahara-Atlas', des M'zab-Rückens westlich von Touggourt und des Dahar-Berglandes in Südtunesien in den Boden.
In den letzten Jahrzehnten wurde dieses Wasser mit dem Bau von Tausenden von Brunnen in großem Stil genutzt, auch für landwirtschaftliche Produktionszentren im Großen Östlichen Erg: im nördlichen Teil des Gassi Touil, aber auch bei Hazoua und Matrouha in Tunesien, wo Dattelpalmen kultiviert werden. Doch damit entstanden Probleme, wie sinkender oder steigender Grundwasserspiegel und Verschlechterung der Qualität des Grundwassers.
Flora und Fauna
Häufig anzutreffen sind das Drinn-Gras (Stipagrostis pungens), eine gute Weide für Gazellen, aber auch für Kamele, und die Euphorbia guyonia, eine Wolfsmilchart, die in der traditionellen Medizin als Heilmittel gegen Warzen, Husten und Skorpionstiche verwendet wird. Bei den Sträuchern findet man einen Ginster (Retama raetam), einen Strandflieder (Limoniastrum guyonianum) und ein Fuchsschwanzgewächs (Hammada schmittiana), die an den Dünenhängen und in den Zwischenräumen gedeihen. Im Weiteren sind es vier Arten von Calligonums (Familie der Knöterichgewächse). Drei dieser Arten sind Sträucher von 1 bis 3 m Höhe. Die vierte Art, Calligonum arich, wächst nur auf den hohen Dünenkämmen und wird mit seinem baumartigen Wuchs bis zu 10 m hoch. Somit ist er einer der sehr seltenen endemischen Bäume der Sahara, die in diesem Erg vorkommen. Die Calligonums waren hier noch im letzten Jahrhundert sehr verbreitet, so dass sogar gewisse Örtlichkeiten nach ihnen benannt wurden. Doch ihr Bestand, vor allem jener des Arisch und des Azels, ist im tunesischen Teil des Ergs sehr gefährdet. Ihr Holz, meist in Form von Holzkohle, ist bei den Einheimischen sehr begehrt zum Backen von Fladenbrot und zur Teezubereitung. Mit Geländefahrzeugen werden immer abgelegenere Regionen der verschachtelten Dünen nach Feuerholz abgesucht, obwohl der Holzschlag schon vor einiger Zeit verboten wurde.
Die Dünengazelle (Gazella leptoceros loderi Thomas,1894) lebte früher in vielen Dünengebieten der westlichen und zentralen Sahara. Heute wird ihr Bestand von der IUCN als stark gefährdet eingestuft. Dabei scheint vor allem illegale Jagd als mögliche Ursache vorzuliegen. In den Jahren 2006 bis 2009 wurden auf der tunesischen Seite zwei und auf der algerischen Seite eine Inventarisierung in ausgewählten Sektoren des Ergs durchgeführt. Aus diesen Untersuchungen geht hervor:
- Die Dünengazelle ist noch präsent, doch selten, sie ist häufiger im zentralen Erg mit hohen Dünen anzutreffen.
- Die Dorkasgazelle (Gazella dorcas) wurde nicht gesichtet. Gemäß einheimischem Führer soll sie noch nördlich von El Oued in Steppengebieten vorkommen.
- Der Kaphase (Lepus capensis) wurde nicht gesichtet, doch wurden Spuren von ihm in der Hälfte der untersuchten Sektoren im algerischen Teil gefunden.
- Der Fennek (Vulpes zerda) wurde zweimal gesichtet, und sieben Spuren wurden gefunden.
- Der Rüppelfuchs (Vulpes rueppelii), eine Art der Echten Hunde, wurde anhand von zwei Spuren identifiziert.
Der Jebil-Nationalpark im tunesischen Teil des Ergs, 70 km südlich der Stadt Douz gelegen und mit einer Fläche von 1.500 km², dient zum Schutz von Flora und Fauna dieser Region. Innerhalb dieses Parks lebt eine Gruppe von Mendesantilopen (Addax nasomaculatus) in einem Gehege von 77 km². Ziel ist deren Vermehrung und Auswilderung.
Bodenschätze
Schon um 1960, noch unter französischer Kolonialverwaltung, wurde in der Region um Hassi Messaoud Erdöl gefördert. 1961 erfolgte der Start zur Erdgasgewinnung im Gassi Touil. Inzwischen hat sich die Erdölförderung südostwärts verschoben, mit vielen kleinern Ölfeldern und einem Schwerpunkt um El Borma, wo auf algerischer und tunesischer Seite gefördert wird. Der Schwerpunkt der Erdgasförderung ist immer noch der Gassi Touil. Auf tunesischer Seite wurden südöstlich von El Borma Konzessionen für die Förderung von Erdöl und weiter südlich davon für Erdgas erteilt.
Siedlungen
Direkt am Rande des Großen Östlichen Ergs befinden sich mehrere Städte, die allerdings nicht mehr zum seinem Gebiet gezählt werden: El Oued, Touggourt und Hassi Messaoud im Westen, Nefta, Tozeur und Douz im Osten. Innerhalb des Ergs, an der Grenze zu Tunesien liegen Taleb Larbi (2020: 4500 Einwohner), Emih Echikh (2020: 640 Einwohner), Douar El Ma (2020: 3700 Einwohner) und El Borma (2020: 3700 Einwohner).Hazoua (2024: 6186 Einwohner) und Matrouha (2020: 970 Einwohner) liegen in Tunesien, an der Grenze zu Algerien.
Verkehrswege
Schon die alten Karawanenrouten durch die Sahara umgingen nach Möglichkeit Dünengebiete. Auch heute noch bereitet der instabile Sandboden und vor allem der Flugsand auf den Straßen Probleme. Trotzdem gibt es mehrere asphaltierte Bundesstraßen, die den Großen Östlichen Erg durchqueren. Die RN 3 von Hassi Messaoud nach Hassi Bel Gebbour im Süden (und weiter nach Illizi) führt hindernisfrei durch den Gassi Touil, den schon die Karawanen während Jahrhunderten benützten. Die RN 53A von Hassi Messaoud ostwärts nach El Borma und die RN 53 als Abzweigung davon nach Südosten in Richtung Ghadames durchqueren schwierigeres, auch kurvenreiches Dünengebiet.
Um solche Verkehrswege vor Sandverwehungen zu schützen, wird heute vor allem die Methode der kleinen Aufschüttungen eingesetzt. Diese bestehen aus schwererem, meist natürlichem Material mit Korngröße über 2 mm, das nicht verweht wird. Diese kleinen Hügel mit unterschiedlichen Formen und Größen werden entlang der Straßen, entsprechend der vorherrschenden Windrichtung und der Windstärke, in bestimmten Formationen errichtet oder auf den Kamm von (mobilen) Barchandünen gesetzt. Damit werden Zonen mit niedriger, aber auch mit höherer Windgeschwindigkeit erzeugt, was man entsprechend ausnützt. Das Ziel ist, dass der Sand wohl über die Straße weht, aber dort nicht liegen bleibt und dass Wanderdünen sich auflösen. Diese Methode ist billiger als Windschutz-Palisaden, da das Material dazu oft in der Nähe gefunden wird.
Siehe auch
- Westlicher Großer Erg
- Erg Issaouane
- Jebil-Nationalpark
Anmerkungen
- In einer neueren Untersuchung von 2022 wurden im tunesischen Teil neun Gazellen sowie Spuren der Tiere gesichtet. [1]
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