Der Liber vitae meritorum (deutsch meist „Buch der Lebensverdienste“) ist die zweite Visionsschrift der Benediktinerin Hildegard von Bingen. Das Werk entstand zwischen etwa 1158 und 1163 im Kloster Rupertsberg und bildet zusammen mit Scivias und dem Liber divinorum operum die sogenannte Visionstrilogie Hildegards.
Entstehung und Einordnung
Hildegard datiert den Liber vitae meritorum in einer kurzen Vorrede in die Zeit, in der sie bereits als Äbtissin auf dem Rupertsberg wirkte; in der Forschung wird die Entstehung meist in die Jahre 1158 bis 1163 gelegt. In der Vorrede erwähnt Hildegard zugleich ein naturkundliches Werk (Liber subtilitatum), das in der Forschung mit den unter den Titeln Physica und Causae et curae überlieferten naturkundlich-medizinischen Schriften Hildegards in Zusammenhang gebracht wird.
Inhaltlich schließt das Werk an die heilsgeschichtliche Anlage des Scivias an und bereitet die kosmologische Perspektive des Liber divinorum operum vor, sodass es in der Forschung häufig als Bindeglied innerhalb der Visionstrilogie beschrieben wird.
Inhalt
Der Liber vitae meritorum entfaltet in einer Reihe von Visionen den Konflikt zwischen Tugenden und Lastern, Gut und Böse, und ruft den Menschen zur Rückbesinnung auf seine von der Schöpfung her gegebene Gottesebenbildlichkeit auf. Formal ist das Werk in mehrere Abschnitte gegliedert; ein großer Teil besteht aus dialogisch gestalteten Rededuellen, in denen personifizierte Laster ihre Position vortragen und von den Tugenden widerlegt werden.
Immer wieder werden Jenseitsszenen geschildert, in denen die Folgen sündigen Handelns und die Möglichkeit von Buße vorgeführt werden. In der Forschung wird die Schrift daher dem Bereich theologischer Ethik zugeordnet und gelegentlich als „visionäre Ethik“ Hildegards charakterisiert.
Handschriftliche Überlieferung
Der Liber vitae meritorum ist in fünf vollständigen Handschriften und zwei Teilfragmenten überliefert; zudem sind mehrere heute verschollene Textzeugen belegt. Autornah sind vor allem die im 12. Jahrhundert auf dem Rupertsberg entstandenen Codices, die zum Teil noch zu Lebzeiten Hildegards in andere Klöster gelangten.
Zu den wichtigsten Handschriften gehören:
- Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. theol. lat. fol. 727 (Rupertsberg, 12. Jahrhundert)
- Dendermonde, Sint-Pieters-&-Paulsabdij, Cod. 9 (Codex Villarensis; Rupertsberg, 12. Jahrhundert, von Hildegard an die Zisterzienserabtei Villers gesandt)
- Trier, Bistumsarchiv, Abt. 95 Nr. 68 (Rupertsberg, 12. Jahrhundert)
- Wiesbaden, Hochschul- und Landesbibliothek, Hs. 2 (Rupertsberger Riesenkodex, 12. Jahrhundert)
Weitere Textzeugen sind unter anderem eine Handschrift der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien (Cod. 1016) sowie ein Codex der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel (Cod. Guelf. 951 Helmst.), der den Text des Liber vitae meritorum auf der Grundlage des Berliner Codex 727 überliefert.
Ausgaben und Übersetzungen
Die erste gedruckte Edition des lateinischen Textes erschien 1882 in den Analecta sacra:
- Jean-Baptiste Pitra (Hg.): Analecta sacra Spicilegio Solesmensi parata, Bd. 8, Monte Cassino 1882, S. 1–244.
Die maßgebliche kritische Edition bietet die Ausgabe im Corpus Christianorum:
- Angela Carlevaris (Hg.): Hildegardis Bingensis: Liber vite meritorum (= Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis, 90). Brepols, Turnhout 1995.
Moderne Übersetzungen haben den Text in mehreren Sprachen zugänglich gemacht. Für den deutschsprachigen Raum sind insbesondere zu nennen:
- Heinrich Schipperges: Der Mensch in der Verantwortung. Das Buch der Lebensverdienste (Liber vitae meritorum). Otto Müller, Salzburg 1972.
- Maura Zátonyi (Übers.): Das Buch der Lebensverdienste. Liber vitae meritorum (= Hildegard von Bingen – Werke, 7). Beuroner Kunstverlag, Beuron 2014.
Literatur
- Michael Embach: Die Schriften Hildegards von Bingen. Studien zu ihrer Überlieferung und Rezeption im Mittelalter und in der frühen Neuzeit (= Erudiri sapientia, 4). Akademie Verlag, Berlin 2003.
- Michael Embach, Martina Wallner: Conspectus der Handschriften Hildegards von Bingen. Aschendorff, Münster 2013.
- Susanne Ruge: The Theology of Repentance: Observations on the Liber vite meritorum. In: Beverly Mayne Kienzle u. a. (Hg.): A Companion to Hildegard of Bingen (= Brill’s Companions to the Christian Tradition, 45). Brill, Leiden/Boston 2014, S. 221–248.
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