Die Geschichte der Bundeswehr umfasst die historischen Prozesse von Aufstellung, Rekrutierung, Ausbildung, Bewaffnung und Einsatz der Bundeswehr, die seit November 1955 die militärischen Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland darstellt.
Nachdem die deutsche Wehrmacht des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 besiegt und im Jahr 1946 formell von den Alliierten aufgelöst worden war, verfügte die im Jahr 1949 gegründete Bundesrepublik zunächst über keine Streitkräfte. Vor dem Hintergrund negativer Erfahrungen mit dem Militarismus in Deutschland und aufgrund der Hoffnung auf eine schnelle Wiedervereinigung mit der ebenfalls 1949 gegründeten DDR auf der Basis einer unbewaffneten Blockfreiheit stellten sich weite Teile der deutschen Öffentlichkeit und des Bundestags zunächst gegen eine Wiederbewaffnung. Die ab dem Jahr 1950 besonders vor dem Hintergrund des Koreakrieges zunehmende Bedrohungsempfindung in Westdeutschland und in der westlichen Welt durch die Sowjetunion ließ jedoch die Zustimmung für eine Neuaufstellung deutscher Streitkräfte wachsen. Der im Jahr 1949 zum ersten Bundeskanzler gewählte CDU-Politiker Konrad Adenauer verfolgte eine Westintegration, als Teil derer die Bundesrepublik in das westliche Militärbündnis NATO eintreten und eigene Truppenkontingente entweder im nationalen oder zumindest im Allianzrahmen aufstellen sollte, um das eigene Territorium vor dem Zugriff der Sowjetunion zu schützen, die mit großen Truppenaufgeboten in der DDR präsent war und in Ostdeutschland ab 1952 die Kasernierte Volkspolizei aufstellte, aus der später die Nationale Volksarmee der DDR werden würde. Nachdem Versuche, die Wiederbewaffnung im Rahmen einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) zu organisieren, im Jahr 1954 im französischen Parlament scheiterten, schwang die Bundesregierung endgültig auf eine Politik nationaler Streitkräfte um. Die ersten Soldaten der Bundeswehr wurden am 10. November 1955 vereidigt, nachdem die Bundesrepublik im gleichen Jahr der NATO beigetreten war.
Auf Basis der Wehrverfassung (März 1956) und des Wehrpflichtgesetzes (Juli 1956) galt in der Bundesrepublik die Wehrpflicht, die zwischen 1957 und 2011 einen Großteil des Truppenbedarfs der Bundeswehr deckte. Innerhalb der Bundeswehr wurde die als Führungskultur die Innere Führung etabliert, die ein demokratisches Selbstbild der neuen Streitkräfte garantieren sollte, die sich das Leitbild „Staatsbürger in Uniform“ zu eigen machten. Obwohl ab den 1960ern auch der Anteil ehemaliger Offiziere der Wehrmacht und Waffen-SS in der Bundeswehr kontinuierlich rückläufig war, kam es in den späten 1960ern und frühen 1970ern noch einmal, angestoßen durch die Schnez-Studie von 1969, zu einer schweren Debatte zwischen eher wehrmachtsorientierten Traditionalisten und reformistischen Verteidigern des Konzepts der Inneren Führung.
In den 1950er- und 1960er-Jahren erlebte die Bundeswehr einen massiven Personalaufwuchs und führte neue Waffensysteme wie den skandalbehafteten Kampfjet Lockheed F-104 „Starfighter“ oder den Kampfpanzer Leopard 1 ein. Wo die Bundeswehr 1956 noch wenige Tausend Soldaten umfasst hatte, standen im Jahr 1970 zwölf Heeresdivisionen, über 1000 Flugzeuge und über 150 Kriegsschiffe zur Verfügung. Die 1960er-Jahre brachten mit der Sturmflut 1962 auch den ersten großen Inlandseinsatz der Bundeswehr mit sich, die im gleichen Jahr durch die Teilnahme am Manöver Fallex 62 auch den Weg zur Spiegel-Affäre ebnete, welche letztlich zum Rücktritt des langjährigen Verteidigungsministers Franz Josef Strauß führte.
Die 1970er-Jahre brachten in Form der Bundeswehrhochschulen und der verteidigungspolitischen Weißbücher weitere Neuerungen mit sich. Kontroversen gab es in diesem Jahrzehnt neben dem im Jahr 1978 vom Bundesverfassungsgericht gekippten Wehrpflichtänderungsgesetz von 1977 auch mit dem NATO-Doppelbeschluss vom Dezember 1979, der die Aufstellung einer neuen Generation US-amerikanischer nuklearer Mittelstreckenraketen in Westeuropa ankündigte und der trotz massiver Proteste in weiten Teilen der Bevölkerungen westeuropäischer Staaten ab 1983 umgesetzt wurde.
Der Mauerfall (1989) und die deutsche Wiedervereinigung (1990) bedeuteten für die Bundeswehr einerseits die Frage nach der Integration von Personal und Material der sich in Auflösung befindlichen NVA und andererseits die beginnenden Jahre der Friedensdividende, da die Bundesregierung den Wehretat und damit verbundene Ausgaben für verschiedene Beschaffungsprojekte zunehmend kürzte. Eine für die 1990er-Jahre vor dem Hintergrund schwächelnder Geburtenjahrgänge geplante Verlängerung der Wehrpflicht wurde nicht umgesetzt und der Wehrdienst im Jahr 2011 schließlich ausgesetzt. Gleichzeitig veränderte sich der Fokus der Bundeswehr von der aufs eigene Territorium fixierten Landes- und Bündnisverteidigung weg und hin zum Auftrag des Internationalen Krisenmanagement, was in den 1990er-Jahren mit der gesellschaftspolitischen Out-of-area-Debatte verbunden war.
Die im Rahmen der Wiedervereinigungsjahre aufgestellte und kurzlebige Kohl-Doktrin, die deutsche Truppenpräsenz auf dem Gebiet ehemaliger Kriegsgegner verhindern wollte, überlebte nicht einmal die ab 1991 in Südosteuropa herrschenden Jugoslawienkriege. Auch die oppositionellen Sozialdemokraten vollzogen 1992 die Petersberger Wende und erklärten sich prinzipiell bereit, Auslandseinsätze der Bundeswehr in Betracht zu ziehen. Der Bosnienkrieg (1992–1995) und der Kosovokrieg (1998–1999) brachten für die Bundeswehr die Beteiligung an den Bosnieneinsätzen IFOR (1995–1996), SFOR (1996–2004) und Operation Althea (seit 2004) sowie im Kosovo an der KFOR (seit 1999) und an den NATO-Luftschlägen der Operation Allied Force (1999) mit sich.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und dem von den Vereinigten Staaten proklamierten Krieg gegen den Terror beteiligte sich die Bundeswehr auch im Rahmen der ISAF am Krieg in Afghanistan (2001–2021), obgleich sich die Bundesregierung der Beteiligung am US-amerikanischen Irakkrieg 2003 verweigerte. Trotzdem beteiligte sich die Bundeswehr im Irak an der Ausbildung kurdischer Peschmerga (2015–2018) und im syrischen Luftraum im Rahmen der Operation Counter Daesh (2015–2022) am Kampf gegen die in den 2010er-Jahren als große Bedrohung empfundenen Terrormiliz Islamischer Staat. In Westafrika war die Bundeswehr in internationalen Operationen wie MINUSMA (2013–2023) aktiv.
Nachdem die deutsch-russischen Beziehungen in den 1990er- und 2000er-Jahren eine nur geringe Rolle für die Bundeswehr gespielt hatten, brachten die Annexion der Krim 2014, der Krieg im Donbass 2014–2022 (zunächst hauptsächlich 2014/2015, danach bis 2022 Konflikt niedriger Intensität) und schließlich der volle russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ab Februar 2022 die Russische Föderation wieder in die Rolle des potenziellen Hauptgegners der Bundeswehr. Im Rahmen einer in der Zeitenwende-Rede von Olaf Scholz angekündigten Modernisierung der Bundeswehr wurden ab 2022 die Verteidigungsausgaben erhöht, ein Ende der Wehrpflichtaussetzung vereinbart, die Wiederaufstellung zwischenzeitlich stillgelegter Teile der Bundeswehr wie die Heeresflugabwehrtruppe beschlossen und in Form der Panzerbrigade 45 in Litauen erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg ein deutscher Großverband außerhalb der deutschen Grenzen aufgestellt.
Vorgeschichte bis 1955
Vorherige Streitkräfte
Nach der Niederlage der deutsch-kaiserlichen Streitkräfte im Ersten Weltkrieg (1914–1918) verfügte die demokratische Weimarer Republik über eine vom Versailler Vertrag stark beschränkte Armee, die Reichswehr. Diese wurde nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 zunächst geheim und dann offen zur Kriegsbereitschaft gerüstet und erhielt im Jahr 1935 die neue Bezeichnung „Wehrmacht“. Die Wehrmacht, die in drei Teilstreitkräfte (Heer, Kriegsmarine, Luftwaffe) unterteilt war, bildete gemeinsam mit der von ihr separaten Waffen-SS die deutschen Streitkräfte des Zweiten Weltkriegs (1939–1945), der in Europa schließlich mit der Gesamtkapitulation der Wehrmacht am 7. Mai 1945 in Reims beendet wurde.
Die Kriegsverbrechen und der Zivilisationsbruch, die von deutschen Streitkräften zwischen 1939 und 1945 begangen worden waren, gaben der Idee einer deutschen Wiederbewaffnung sowohl im Inland als auch im Ausland einen schweren Stand.
Diplomatie der Besatzungszeit, 1945–1949
Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) beschlossen die alliierten Besatzungsmächte USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion unter anderem im Potsdamer Abkommen die vollständige Entmilitarisierung des vormaligen Deutschen Reiches. Die Wehrmacht wurde von den Alliierten mit Kontrollratsgesetz Nr. 34 am 20. August 1946 offiziell aufgelöst. Bereits am 30. August 1945 hatte sich als gemeinsames Besatzungsorgan der vier Hauptsiegermächte der Alliierte Kontrollrat gebildet.
Im Jahr 1947 schlossen Frankreich und Großbritannien den Dünkirchener Vertrag, der primär gegen eine mögliche erneute deutsche Aggression gerichtet war. Dem folgte am 18. März 1948 unter Einbezug der Beneluxstaaten der Brüsseler Pakt, der sich immer noch primär gegen Deutschland, aber sekundär gegen jeden bewaffneten Angreifer auf einen der Mitgliedsstaaten richtete, womit vor dem Hintergrund des Kalten Krieges nur die Sowjetunion gemeint sein konnte. Am 11. Juni 1948 verabschiedeten die Vereinigten Staaten sich durch die Vandenberg-Resolution endgültig von der in der Zwischenkriegszeit gepflegten Politik der Blockfreiheit, wodurch der Weg frei wurde, unter Beteiligung und Führung der USA am 4. April 1949 das neue Verteidigungsbündnis NATO zu gründen.
Im Jahr 1948 verschärfte sich der Kalte Krieg. Neben dem bereits teilweise gegen die Sowjetunion gerichtete Brüsseler Pakt verfolgten die Westalliierten eine Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen, die den Austritt des sowjetischen Militärgouvernours aus dem Alliierten Kontrollrat am 20. März 1948 provozierte und die am 20. Juni selben Jahres in Kraft trat. Am 18. Juni 1948 begannen die Sowjets die Berlin-Blockade, welche die Westalliierten ab dem 26. Juni mit der Berliner Luftbrücke bekämpften, die bis zum Ende der Blockade am 12. Mai 1949 andauerte.
Da die Bundesrepublik Deutschland erst am 23. Mai 1949 überhaupt formell gegründet wurde, war sie kein Gründungsmitglied der NATO. Sie war zwar nicht Teil der Allianz, aber auch nicht mehr, wie noch im Dünkirchener Vertrag 1947, das erklärte Feindbild des Bündnissystems. Der spätere Bundeskanzler Adenauer sprach bereits im März 1949 vom Beitritt Deutschlands zur sich zu diesem Zeitpunkt formierenden NATO als einer vordringlichen Aufgabe einer deutschen Regierung.
Deutsche Kriegsveteranen im westalliierten Militärdienst
Schon vor 1949 übertraten die Alliierten ihr selbst auferlegtes Ziel, die deutsche Wehrmacht vollständig zu entwaffnen und zu demilitarisieren. Die alliierten Dienstgruppen entlasteten bereits ab 1945 die westalliierten Besatzungstruppen, indem sie Arbeits-, Versorgungs- und Wachaufgaben an kriegsgefangene deutsche Wehrmachtsveteranen übertrugen. Der britische Labour Service (LS) bestand im ersten Quartal 1946 aus 140.000 deutschen Kriegsgefangenen. Erst eine sowjetische Protestnote, dass die Weiterverwendung deutscher Kriegsgefangene für Militärdienste das Potsdamer Abkommen von 1945 bräche, brachte bis Mitte 1947 die Auflösung der Dienstgruppen. Stattdessen wurde die German Civil Labour Organisation (GLCO) ins Leben gerufen, die den deutschen Kriegsgefangenen die Weiterverwendung auf freiwilliger Basis anbot und die ab 1950 German Service Organisation (GSO) hieß. Die Gesamtstärke der GCLO und GSO bewegten sich zwischen 35.000 und 60.000 Mann. Die US-Amerikaner, die zum Zeitpunkt der deutschen Kapitulation bereits eine Dreiviertelmillion Kriegsgefangene für unbewaffnete militärische Aufträge einsetzten, unterhielten Mitte 1947 insgesamt 235 militärische Einheiten, die sich hauptsächlich aus deutschen Veteranen zusammensetzten. Die Industrial Police wurde der amerikanischen Militärpolizei unterstellt, während die Civilian Service Organization logistische Unterstützungsaufgaben für die US-Truppen durchführte. Ab Mitte 1950 begannen die Amerikaner, ehemalige deutsche Kriegsgefangene im Rahmen der Labor Service Division mit einer Stärke von 20.000–30.000 Mann mit Waffen auszustatten und für bewaffnete Gefechtsunterstützungsaufträge auszubilden. Den deutschen Hilfstruppen war für den Fall eines Krieges gegen die Sowjetunion die Aufgabe zugedacht, das Hinterland der amerikanischen Streitkräfte zu bewaffnen, zu sichern und dort kriegswichtige logistische Knotenpunkte zu betreiben. Im Jahr 1950 veranschlagten die USA den Aufwuchs des Labor Service auf 100.000 Mann für den Fall einer weiteren Verzögerung einer deutschen Wiederbewaffnung. In der französischen Besatzungszone war die deutsche Beteiligung geringer. Erst in den 1950er-Jahren begannen die Franzosen mit der Aufstellung von Dienstgruppen, für deren Führung sie Anfang 1951 Kurt Weckmann rekrutierten. Es entstanden Unterstützungseinheiten in Bataillonsstärke, die Formations Auxiliaires Main d'Oeuvre und Formations Auxiliares de Transport, die für Pionier-, Wach- und Nachschubdienste eingesetzt werden konnten. Dem 12. Pionierregiment der französischen Armee wurden zwei deutsche Pionierbataillone angegliedert. Ungewöhnlich hieran war, dass die Franzosen bereit waren, alle freiwilligen Wehrmachtsveteranen in ihrem alten Dienstgrad in den französischen Dienst zu übernehmen. Obwohl sich die deutschen Angehörigen der westalliierten Dienstgruppen in den frühen 1950ern mehrfach bei westdeutschen Führungsstellen kooperationsbereit meldeten, wiegelten die Bundesbehörden den Aufbau von Streitkräften auf der Basis der Dienstgruppen ab. Im Truppenvertrag vom Mai 1955 wurde festgelegt, dass die Dienstgruppen bis 1957 aufzulösen seien. Eine geschlossene Überführung von Dienstgruppenangehörigen in die spätere Bundeswehr wurde abgelehnt, auch wenn sie aufgrund ihrer Fremdsprachen- und Technikkenntnisse bei Übernahmeanträgen wohlwollend berücksichtigt wurden.
Neben den Dienstgruppen übernahmen die Westalliierten auch Fachwissensträger aus den Reihen der besiegten Wehrmacht. Die amerikanische Besatzungsmacht richtete eine Operational History (German) Section ein, um der amerikanischen Militärgeschichtsschreibung der Historical Division bei der Erfassung des Zweiten Weltkriegs zu helfen. Unter der Führung des Wehrmachtsgenerals Franz Halder erzeugten die Mitarbeiter der German Section ein gewaltiges Schriftgut über die Kampferfahrungen der Wehrmacht gegen die Rote Armee, die von US-Offizieren für die eigene Fortbildung genutzt werden konnten. Vereinzelt legten Autoren wie Bodo Zimmermann auch explizite Denkschriften über einen künftigen Krieg gegen die Sowjetunion vor.
Die Organisation Gehlen war eine der Antworten der Westalliierten auf nachrichtendienstliche Defizite in Mitteleuropa. Unter der Führung von Reinhard Gehlen, der in den Jahren 1942–1945 die Generalstabsabteilung Fremde Heere Ost geleitet hatte, rekrutierte ab 1946 in amerikanischem Auftrag eine Reihe von ehemaligen deutschen Nachrichtendienstlern und Geheimpolizisten für einen neuen Nachrichtendienst unter US-amerikanischer Schirmherrschaft. Nach einigen amerikanischen Vorbehalten erlaubte die Organisation Gehlen schließlich sogar die Aufnahme von ehemaligen Mitgliedern des Reichssicherheitshauptamts und des Sicherheitsdiensts des Reichsführers SS. Die Organisation Gehlen wurde Mitte 1949 in die Central Intelligence Agency integriert und nach einem Beschluss der westdeutschen Regierung vom Juli 1955 in deutsche Dienste rücküberstellt und zum Bundesnachrichtendienst umformiert.
Diplomatie nach Gründung der Bundesrepublik, 1949–1955
Am 16. März 1950 sprach sich der britische Oppositionsführer Winston Churchill für einen deutschen Verteidigungsbeitrag aus.
Der vom kommunistischen Nordkorea entfesselte Koreakrieg (25. Juni 1950 bis 27. Juli 1953) bewirkte ein massives Wiederaufrüstungsprogramm der westlichen Staaten; der Vergleich der Jahre 1950 und 1951 zeigt in den USA eine Vervierfachung der Militärausgaben, eine Verdreifachung der Truppenstärkung und ein annähernde Verdopplung der Großverbände von 10 auf 18 kampfbereite Divisionen. Für die US-Regierung bedeutete der massive Aufwuchs des eigenen Verteidigungshaushalts, dass eine größere Beteiligung der Verbündeten an der kollektiven Verteidigung wünschenswert war. Die westeuropäischen Demokratien setzten im Zeitraum 1949–1951 eine Verdopplung der eigenen Rüstungsausgaben durch. US-Außenminister Dean Acheson verlangte im Juli 1950 Auskunft über westeuropäische Bereitschaft zur Steigerung der nationalen Verteidigungsausgaben und stellte offen das US-amerikanische Ziel in den Raum, einen westdeutschen Verteidigungsbeitrag in die Allianzstrategie einzupflegen.
Am 11. August 1950 billigte die Beratende Versammlung des Europarates mit Mehrheit den Vorschlag des britischen Oppositionsführers, Winston Churchill, eine europäische Armee unter Einbeziehung deutscher Kontingente zu schaffen. Zu den Unterstützern Churchills gehörten Georges Bidault und Paul Reynaud aus Frankreich sowie der Deutsche Heinrich von Brentano. Im Namen der deutschen Sozialdemokraten sprach sich Carlo Schmid jedoch gegen eine europäische Militarisierung unter westdeutscher Beteiligung aus, da dies die europäischen Nachbarn verunsichern und die Sowjetunion provozieren könne.
Am 18. August 1950 forderte Bundeskanzler Adenauer in einem Interview mit der US-Zeitung New York Times eine Verstärkung der alliierten Streitkräfte in Europa und als Gegengewicht zur Kasernierten Volkspolizei in der Sowjetzone eigene Verteidigungstruppen in der Bundesrepublik.
Auf einer Außenministerkonferenz in New York im September 1950 gaben die drei westlichen Hauptsiegermächte eine Sicherheitsgarantie für die Bundesrepublik und für West-Berlin ab und besprachen erstmals in offiziellen Kanälen einen NATO-Beitritt der Bundesrepublik. Diese trilateralen Verhandlungen führten zu einer Auseinandersetzung zwischen der amerikanischen und der französischen Position; die französischen Verhandlungsführer zeigten sich schließlich in Angesicht des Drucks ihrer Verbündeten und der vertrackten Situation im Indochinakrieg (1946–1954) kompromissbereit.
Am 24. Oktober 1950 legte der französische Ministerpräsident René Pleven einen nach ihm benannten Pleven-Plan für eine europäische Armee als Voraussetzung für einen Beitrag Deutschlands zur Verteidigung Europas vor. Der Plan stellte einen französischen Versuch dar, die deutsche Wiederbewaffnung zu kontrollieren und einzuschränken; die deutschen Truppenverbände sollten keine Kriegsschiffe umfassen, zunächst keine Kampfflugzeuge beinhalten dürfen und eine NATO-Mitgliedschaft der Bundesrepublik wurde komplett ausgeschlossen.
Im Deutschen Bundestag stimmten am 8. November 1950 die Regierungsparteien CDU, CSU, FDP und DP gegen den Widerstand von SPD und Zentrumspartei dem deutschen Verteidigungsbeitrag auf der Basis des französischen Pleven-Plans zu. Aus den Reihen der SPD forderte Kurt Schumacher erfolglos, dass die Westalliierten den Deutschen vor einer Wiederbewaffnung weiter entgegenkommen müssten. Die Zustimmung zum Pleven-Plan, die Adenauer ob des großen Drucks der französischen Regierung abgegeben hatte, stieß bei den Regierungen Großbritanniens, Italiens und der Vereinigten Staaten aber auf Kritik, da die anderen westlichen Staaten die französische Lösung für militärisch ineffektiv hielten.
Die Verteidigungsminister der NATO billigten am 19. Dezember 1950 die Teilnahme deutscher Kontingente an einer „Europaarmee“ gemäß dem französischen Wunschmodell.
Im Jahr 1951 trat Westdeutschland dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) und der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) bei.
Am 15. Mai 1951 begannen Verhandlungen zwischen Frankreich, Westdeutschland, Italien, Belgien und Luxemburg über die Gründung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG).
Am 19. Juni 1951 unterzeichnete die Bundesrepublik das NATO-Truppenstatut, dem später am 3. August 1959 Zusatzvereinbarungen beigefügt wurden.
Am 11. Dezember 1951 trafen sich die Außenminister der sechs späteren EVG-Teilnahmestaaten, wobei Westdeutschland durch Konrad Adenauer, Theodor Blank und Walter Hallstein vertreten wurde. Zwischen dem 27. und 30. Dezember trafen sich die Teilnehmer erneut in Paris.
Am 10. März 1952 bot der Vorsitzende des Ministerrats der UdSSR, Josef Stalin, den Westmächten (Frankreich, Großbritannien, USA) in einer Note Verhandlungen über die Wiedervereinigung und Neutralisierung Deutschlands an. Diese Note und die Erwiderungen Stalins auf die Antworten der Westmächte werden als Stalin-Noten bezeichnet. Signifikante Teile der westdeutschen Bevölkerung sympathisierten mit dem Angebot, aber die Adenauer-Regierung verfolgte weiter eine Politik der Westbindung.
Am 26. Mai 1952 wurde der Deutschlandvertrag geschlossen, der jedoch erst im Mai 1955 in Kraft treten sollte. Der Vertrag regelte das Ende des Besatzungsstatuts in der Bundesrepublik Deutschland und gab dieser in diesem Zusammenhang die Rechte eines souveränen Staates.
Am 27. Mai 1952 wurde der (noch nicht parlamentarisch ratifizierte) Vertrag zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) unterzeichnet.
Am 10. September 1952 unterzeichnete die Bundesregierung das Luxemburger Abkommen, um gegenüber jüdischen Opfern des Nationalsozialismus einen Wiedergutmachungsprozess einzuleiten.
Die sowjetische Niederschlagung des ostdeutschen Volksaufstands am 17. Juni 1953 verstärkte das Misstrauen in Westdeutschland und der westlichen Welt gegenüber der Sowjetunion.
Am 26. Februar 1954 verabschiedete der Bundestag drei Verfassungsänderungen (‚erste Wehrergänzung‘ des Grundgesetzes), um den westdeutschen Beitritt zur EVG vorzubereiten.
Am 30. August 1954 vertagte die französische Nationalversammlung die Verabschiedung des EVG-Vertrages, womit das gesamte Projekt scheiterte. Mit der Nichtratifizierung der EVG scheiterte auch die Europäische Politische Gemeinschaft (EPG).
Zwischen dem 28. September und dem 3. Oktober 1954 hielten die sechs EVG-Staaten, Großbritannien, die USA und Kanada die Neunmächtekonferenz ab, um ihre Linie in der westeuropäischen Verteidigungspolitik abzustimmen. Die US-Vertreter drängten auf eine westdeutsche Armee, während insbesondere bei den Franzosen weiter Misstrauen gegenüber einer deutschen Wiederbewaffnung erkennbar war. Die Konferenz kam zum Ergebnis, dass die Bundesrepublik als souveräner Staat der NATO und dem Brüsseler Pakt beitreten solle. Im Gegenzug für die formelle Anerkennung einer militärischen Gleichberechtigung erklärte Adenauer am 1. Oktober, dass sein Land auf ABC-Waffen, Fernlenkgeschosse, übergroße Schlachtschiffe und strategische Langstreckenbomber verzichten würde. Die Schlussakte der Konferenz enthielt die Aufnahmebedingungen Deutschlands in den Brüsseler Pakt ebenso wie künftige Rüstungskontrollbefugnisse. Am 3. Oktober 1954 erklärten die drei westalliierten Hauptsiegermächte, dass die westdeutsche Bundesregierung die einzige deutsche Regierung sei, die „frei und rechtmäßig gebildet und daher berechtigt ist, für Deutschland als Vertreterin des deutschen Volkes in internationalen Angelegenheiten zu sprechen“.
Die Sowjetunion erklärte am 25. Januar 1955 mit dem einem Beschluss des Präsidiums des Obersten Sowjets den Kriegszustand mit Deutschland für beendet.
Nachdem der Bundestag am 27. Februar 1955 der Ratifizierung der Pariser Verträge zugestimmt hatte, wurde die Aufnahme der Bundesrepublik in die NATO am 9. Mai 1955 durchgeführt.
Mit dem Inkrafttreten des Deutschlandvertrages (Mai 1955) lösten die alliierten Hauptsiegermächte die Alliierte Hohe Kommission auf und übergaben die letzten Besatzungsaufgaben in Westdeutschland zurück in die Hände bundesrepublikanischer Behörden, womit die Souveränität der Bundesrepublik wiederhergestellt war. Lediglich in West-Berlin und auf dem Bereich der Frage einer deutschen Wiedervereinigung behielten sich die Hauptsiegermächte ihre Vorrechte.
Nach dem westdeutschen Beitritt zur WEU (7. Mai) und zur NATO (9. Mai) konstituierte sich als sowjetische Antwort am 14. Mai 1955 der Warschauer Pakt. Der »Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand« wurde von Albanien, Bulgarien, der DDR, Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei, der Sowjetunion und Ungarn unterzeichnet. Die offiziell immer noch entmilitarisierte DDR wurde zunächst als ‚politisches Mitglied‘ in den Pakt einbezogen, wertete aber schon zum Januar 1956 ihre bereits nach militärischen Gesichtspunkten gegliederte und ausgerüstete Kasernierte Volkspolizei (KVP) auch offiziell zu einer nationalen Streitmacht auf, indem sie die Nationale Volksarmee (NVA) gründete.
Am 30. Juni 1955 schlossen die Regierungen der Bundesrepublik Deutschlands und der Vereinigten Staaten ein Abkommen über gegenseitige Verteidigungshilfe, welches mit einem Gesetz vom 29. Dezember 1955 ratifiziert wurde.
Im September 1955 erkannte die Sowjetunion auch offiziell die Souveränität der im Oktober 1949 gegründeten DDR an. Die Bundesregierung beantwortete dies mit der Hallstein-Doktrin und kündigte an, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur DDR durch Drittstaaten fortan als feindlichen Akt zu betrachten. Der von der Bundesregierung eingebrachten und von den Westalliierten gestützten Gegenvorschlag von freien und geheimen Wahlen auf dem gesamten deutschen Gebiet zum Aufbau einer verfassungsgebenden Nationalversammlung wurde von der Sowjetregierung, die eine kommunistische Wahlniederlage befürchten musste, zurückgewiesen.
Innenpolitische Voraussetzungen der Bundeswehr
Als das Grundgesetz am 23. Mai 1949 in Kraft trat, gab es noch keine deutschen Streitkräfte. Dennoch enthielt das Grundgesetz schon zu dieser Zeit eine Reihe von Bestimmungen, die sich auf sie bezogen. Im Grundrechtsteil Art. 4, Abs. 3: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden“. Im Art. 24, Abs. 2 wird bestimmt, dass der Bund Hoheitsrechte auf zwischenstaatliche Einrichtungen „zur Wahrung des Friedens in einem Systems gegenseitiger kollektiver Sicherheit“ übertragen kann. Art. 26, Abs. 1 verbietet das Vorbereiten eines Angriffskrieges. Art. 26, Abs. 2 bestimmt, dass „zur Kriegführung bestimmte Waffen“ „nur mit Genehmigung der Bundesregierung hergestellt, befördert und in Verkehr gebracht werden“ dürfen.
Konrad Adenauer (CDU), der in den Jahren 1948/1949 als Präsident des Parlamentarischen Rates diente und der am 12. September 1949 als Ergebnis der Wahlen vom 14. August zum Bundeskanzler gewählt wurde, verfolgte als eines seiner politischen Ziele die Westintegration der Bundesrepublik in die westeuropäischen und atlantischen Sicherheitsstrukturen. Im Herbst 1949 erteilte Adenauer dem Wohnungsbauminister und ehemaligen Wehrmachtsoffizier Eberhard Wildermuth den Nebenauftrag, sich mit Fragen der Wiederbewaffnung zu befassen.
Der Deutsche Bundestag lehnte in seiner ersten außenpolitischen Debatte über das Petersberger Abkommen am 24./25. November 1949 eine nationale Wiederbewaffnung noch mehrheitlich ab; SPD-Chef Kurt Schumacher denunzierte Adenauer bei dieser Gelegenheit als den „Bundeskanzler der Alliierten“. Anfang der 1950er Jahre, besonders vor dem Hintergrund des Koreakrieges (1950–1953), rückte zunehmend der Kalte Krieg in den Fokus der bundesdeutschen Regierung. Die starke konventionelle Überlegenheit der sowjetischen Bodentruppen und der erste erfolgreiche sowjetische Atomwaffentest im August 1949 bereiteten den westeuropäischen Staatsmännern und Militärs große Sorgen, eine sowjetische Großoffensive stoppen zu können.
Für Adenauer spielte außerdem die Erlangung der weitgehenden Souveränität der Bundesrepublik Deutschland, die noch immer durch das Besatzungsstatut stark eingeschränkt war, eine wichtige Rolle. In den Verhandlungen mit den Alliierten galt für ihn der Grundsatz »Souveränität gegen Wehrbeitrag«.
Am 26. Juli 1950 bekundete der Deutsche Bundestag mehrheitlich und über die Gegenstimmen der KPD hinweg seine Bereitschaft zum Abschluss eines europäischen Bundespaktes und zur Schaffung einer übernationalen Bundesgewalt.
Wichtig für den Aufbau neuer Verteidigungskräfte, welche ab 16. März 1951 zunächst im paramilitärisch organisierten Bundesgrenzschutz (BGS; heute Bundespolizei) ausgebildet wurden, war die am 23. Januar 1951 erfolgte Ehrenerklärung für die Soldaten der Wehrmacht durch den damaligen Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte, Dwight D. Eisenhower gegenüber Adenauer. Dies machte die Wiedereingliederung ehemaliger Wehrmachtskader und Mannschaften erst möglich, da zu diesem Zeitpunkt nur wenige Nachkriegsjahrgänge und so gut wie keine Offiziere zur Verfügung gestanden hätten. Daher waren die ersten Soldaten der Bundeswehr auch Offiziere und Unteroffiziere, die in der Wehrmacht gedient hatten. Am 5. April 1951 folgte die Ehrenerklärung des Bundeskanzlers für die deutschen Soldaten vor dem Deutschen Bundestag, die er am 3. Dezember 1952 in einem anderen Kontext wiederholte. Bei diesen Ehrenerklärungen handelte es sich um den Versuch der US-amerikanischen und westdeutschen Regierungen, das ehemalige Offizierskorps der deutschen Streitkräfte des Zweiten Weltkriegs für zukünftige militärische Aufgaben zu motivieren und zu legitimieren.
Die innenpolitischen Widerstände gegen eine Wiederbewaffnung waren enorm. Vor allem die beiden großen Parteien SPD und CDU waren völlig gegensätzlicher Meinung über die Frage, ob es moralisch zu verantworten sei, dass die neue Bundesrepublik Deutschland nach der Hitler-Diktatur im vorangegangenen Deutschen Reich über eine Armee verfügen sollte. Schon die Debatte um die Bewaffnung führte zur Gründung von Friedensbewegungen wie zum Beispiel der Ohne mich-Bewegung, der Paulskirchenbewegung oder zum offenen Protesten prominenter Deutscher wie Gustav Heinemann, Helene Wessel und Martin Niemöller. Heinemann trat wegen der Wiederbewaffnungsfrage vom Amt des Innenministers zurück und verließ die CDU, um stattdessen die explizit neutralistische Gesamtdeutsche Partei zu gründen. Obwohl einflussreiche Einzelpersonen wie Schumacher, Heinemann und Niemöller gegen die Wiederbewaffnung opponierten und obwohl die sozialdemokratischen, kirchlichen und gewerkschaftlichen Gesellschaftsmilieus starke pazifistische Strömungen beinhalteten, stellten die Gegner der Wiederbewaffnung nach 1950 zu keinem Zeitpunkt die Bevölkerungsmehrheit. Die Bundestagswahlsiege der CDU/CSU im September 1953 und im September 1957 bescherten der Union deutliche parlamentarische Mehrheiten, welche den von Adenauer verfolgten Westbindungskurs fortsetzten.
Der Deutsche Bundestag stimmte gegen die Stimmen der SPD am 8. Februar 1952 einem deutschen Verteidigungsbeitrag grundsätzlich zu.
Am 26. Februar 1954 wurde im Deutschen Bundestag über einen „deutschen Wehrbeitrag“ debattiert. Das war nötig geworden, weil die auch von der Bundesrepublik angenommenen Verträge über die EVG die Schaffung einer gemeinsamen Armee in Westeuropa vorsahen. Schließlich wurde nach der dritten Lesung die 1. Wehrnovelle („Gesetz zur Ergänzung des Grundgesetzes“) mit 2/3-Mehrheit (vor allem durch Mitglieder der CDU/CSU-Fraktion) angenommen. Auch der Bundesrat stimmte zu, sodass das Gesetz mit der Unterzeichnung durch Bundespräsident Theodor Heuss am 26. März 1954 in Kraft treten konnte. Das Grundgesetz wurde in drei Punkten geändert: Artikel 73 gab dem Bund nunmehr auch über die „Verteidigung einschließlich der Wehrpflicht der Männer vom vollendeten 18. Lebensjahr an und des Schutzes der Zivilbevölkerung“, Artikel 79 erleichterte fortan Verfassungsänderungen für völkerrechtliche Verträge, die „eine Friedensregelung, […] zum Gegenstand haben oder der Verteidigung der Bundesrepublik zu dienen bestimmt“ waren, und Artikel 142a spezifizierte, dass die Bestimmungen des Grundgesetzes dem EVG-Vertrag nicht entgegen stünden. Sofort nach Inkrafttreten der Verfassungsänderung wurde mit der Rekrutierung Freiwilliger für die neue europäische Armee, die in den EVG-Verträgen vorgesehen war, begonnen.
Am 27. Februar 1955 stimmte der Bundestag mit großer Mehrheit für die Ratifizierung der Pariser Verträge und gab damit final einer westdeutschen NATO-Mitgliedschaft grünes Licht. Die Verträge traten zum 5. Mai 1955 in Kraft. Am 7. Mai wurde die Bundesrepublik in die WEU und am 9. Mai in die NATO aufgenommen.
Am 15. und 16. Juli 1955 verabschiedete der Deutsche Bundestag gegen die Stimmen der SPD das Freiwilligengesetz, das die Einstellung von 6.000 Freiwilligen in die Bundeswehr gestattete. Einstimmig billigte der Bundestag das Gesetz über den Personalgutachterausschuss, der über die Wiederverwendung von ehemaligen Offizieren der alten Wehrmacht vom Oberst aufwärts entscheiden sollte. Schon zehn Tage später wurden die ersten Offiziere der neuen Bundeswehr – vor ihrer offiziellen Ernennung – zum Obersten Hauptquartier der NATO (Supreme Headquarters Allied Powers Europe) entsandt, um sich dort einzuarbeiten. Gleichzeitig begann die Ausbildung von Strahlflugzeugführern in den USA und in Großbritannien. Bis zum 1. August 1955 meldeten sich 150.000 Bürger freiwillig zur Bundeswehr.
Am 10. Oktober 1955 ernannte Bundespräsident Theodor Heuss die ersten Soldaten der neuen deutschen Streitkräfte.
Am 12. November 1955 überreichte Theodor Blank in der Ermekeilkaserne in Bonn den ersten 101 freiwilligen Soldaten, zu denen auch die Generäle Heusinger und Speidel gehörten, ihre Ernennungsurkunden. Der 12. November wurde seitdem von der Bundeswehr als ihr Gründungstag betrachtet. Der 12. November 1955 war der 200. Geburtstag des preußischen Generals Gerhard von Scharnhorst, der sich um die preußische Heeresreform von 1807 bis 1813 verdient gemacht hatte. Mit dieser Wahl des Gründungstags der neuen bundesdeutschen Streitkräfte zeigte sich bereits, in welcher Tradition die Bundeswehr stehen sollte.
Militärische Planungen der Bundesrepublik vor 1955
Im Herbst 1949 beauftragte Adenauer seinen Minister für Wohnungsbau, Eberhard Wildermuth, sich auch mit den Fragen einer Wiederbewaffnung zu befassen. Der Kriegsveteran und Oberst a. D. der Wehrmacht Wildermuth war der einzige Bundesminister mit militärischer Führungserfahrung im Adenauer-Kabinett und nutzte seine Kontakte zu anderen Veteranen, um eine Expertengruppe ehemaliger Wehrmachtsgeneräle zusammenzustellen. Der Laupheimer Kreis ehemaliger Wehrmachtsoffiziere, der sich ab Mai 1948 auch mit sicherheitspolitischen Fragen befasst hatte und in welchem sich auch Wildermuth engagierte, bot Kontakt zu Wehrmachtsgeneral Hans Speidel, der bereits im Juni 1948 für die Landesregierung von Württemberg-Baden sicherheitspolitische Denkschriften verfasst und sich für einen westdeutschen Bündnisbeitrag im atlantischen Militärverbund starkgemacht hatte.
Adenauer ernannte am 24. Mai 1950 den ehemaligen Panzergeneral Gerhard Graf von Schwerin zu seinem Berater in Militär- und Sicherheitsfragen. Er sollte geheime Vorbereitungen zum Aufbau einer „Bundesgendarmerie“ als Gegengewicht zu den kasernierten Bereitschaften der DDR treffen. Besonders der am 25. Juni 1950 beginnende Koreakrieg verstärkte sowohl in der Bundesrepublik Deutschland wie auch im Westen Europas und in den USA Bestrebungen, bundesdeutsche Streitkräfte für die Abwehr einer Bedrohung aus dem Osten aufzustellen, damals als „westdeutscher Verteidigungsbeitrag“ bezeichnet.
Nachdem Wildermuth Kontakte zu den ehemaligen Wehrmachtsgenerälen Hans Speidel und Adolf Heusinger hergestellt hatte, lag Adenauer am 7. August 1950 eine erste Denkschrift zu militärischen Fragen vor. Die Augustdenkschrift sah bereits eine feste Integration künftiger deutscher Streitkräfte in einen westlichen Bündnisverband vor und knüpfte die Aufstellung deutscher Streitkräfte explizit an das Ziel einer politischen Souveränität und Gleichberechtigung im Kreis der ehemaligen westlichen Kriegsgegner.
Vom 4. bis zum 9. Oktober 1950 tagte eine Kommission von 15 ehemaligen hohen Wehrmachtsangehöriger im Kloster Himmerod in der Eifel. Sie verfassten eine „Denkschrift über die Aufstellung eines deutschen Kontingents im Rahmen einer internationalen Streitmacht zur Verteidigung Westeuropas“, in der erstmals Strukturen und Umfänge neuer bundesdeutscher Streitkräfte beschrieben wurden, die so genannte Himmeroder Denkschrift. Sie enthielt auch erste Überlegungen zur inneren Ordnung der Bundeswehr, der später so genannten Inneren Führung. Aus Protest gegen die Wiederaufrüstungspolitik trat Bundesinnenminister Gustav Heinemann (CDU) am 9. Oktober 1950 zurück.
Am 26. Oktober 1950 berief Adenauer Theodor Blank zum „Bevollmächtigten des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“. Aus dem sogenannten Amt Blank entstand später das Bundesministerium der Verteidigung, welches in der Bonner Ermekeilkaserne untergebracht war. Die Arbeit des Amts Blank diente der Vorbereitung einer Wiederbewaffnung. Die Führungsrolle der geheimen Vorbereitungen der westdeutschen Wiederbewaffnung ging von Eberhard Wildermuth auf Theodor Blank über. Innerhalb des Amts existierten mehrere Teilbereiche; aus dem Referat für Zeitgeschichte und Wehrwissenschaft von Hans Meier-Welcker ging später das Militärgeschichtliche Forschungsamt hervor.
Der Begriff „Innere Führung“, der am 5. März 1953 offiziell für das „Innere Gefüge“ der Truppe zunächst durch die Dienststelle Blank übernommen wurde, beschreibt die komplexe Führungskonzeption der Bundeswehr. Die Innere Führung ist eng verbunden mit dem Leitbild des Konzepts „Staatsbürger in Uniform“, welches ursprünglich 1952 von Friedrich Beermann (SPD) geprägt und später von Wolf von Baudissin übernommen wurde.
Am 26. Februar 1954 wurde die erste Wehrergänzung des Grundgesetzes verabschiedet, um die Wehrhoheit des Bundes zu begründen und den Weg für nationale Streitkräfte zu ebnen.
Am 18. März 1954 veröffentlichte die Dienststelle Blank Pläne für einen deutschen Verteidigungsbeitrag. Danach waren sechs Infanteriedivisionen, vier Panzerdivisionen, zwei Panzergrenadierdivisionen, eine taktische Luftwaffe mit 1.400 Flugzeugen und Schiffe bis 1500 t zum Küstenschutz vorgesehen.
Am 23. Oktober 1954 gab Bundeskanzler Adenauer eine Erklärung zur Rüstungsbeschränkung ab. Darin verzichtet die Bundesrepublik auf die Herstellung von atomaren, chemischen und biologischen Waffen. Hinsichtlich des westdeutschen Verteidigungsbeitrages bestimmten die Pariser Verträge eine Aufstellung von zwölf Divisionen, dabei sollte eine maximale Stärke von etwa 500.000 Soldaten nicht überschritten werden. Die deutschen Soldaten sollten unter den Befehl der integrierten NATO-Stäbe unterstellt werden und die Integration in der Regel auf der Ebene der Heeresgruppen erfolgen.
Am 7. Juni 1955 wurde das vormalige „Amt Blank“ umbenannt. Mit Theodor Blank als erstem Verteidigungsminister hieß es nun „Bundesministerium für Verteidigung“.
Am 27. Juni 1955 legte Theodor Blank seine Regierungserklärung als Verteidigungsminister ab.
„Wir wollen Streitkräfte in der Demokratie, die sich dem Vorrang der Politik fügen. Sie sollen die Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit achten, die staatsbürgerlichen Grundrechte und Grundpflichten ernst nehmen und die Würde des Menschen anerkennen. [...] Die Armee darf kein Staat im Staate sein. Die zivile Leitung muss den Vorrang der Politik sichern. Die parlamentarische Kontrolle soll stärker durchgeführt werden, als das früher in Deutschland der Fall war.“
Am 15./16. Juli 1955 verabschiedete der Bundestag das Freiwilligengesetz.
Der am 21. September 1955 von der Bundesregierung bekanntgegebene Aufstellungsplan sah vor, dass bis zum Januar 1959 der Aufbau des Heeres mit zwölf Divisionen und bis Januar 1960 auch der Aufbau von Luftwaffe und Marine fertig gestellt sein sollte. Die voraussichtlichen Gesamtkosten dieses Planes wurden mit 51 Milliarden DM beziffert. Ein vom Parlament genehmigter Schiffbauplan sah zudem den Bau folgender Einheiten vor: zwölf Zerstörer, sechs Geleitboote, 40 Schnellboote, 24 Küstenminensuchboote, 30 Schnelle Minensuchboote, zwölf Uboote, 36 Landungsboote, zwei Minenschiffe, zehn Küstenwachboote, elf Tender für Kleinboote, ein Schulschiff, ein Segelschulschiff, 65 Flugzeuge, diverse Hilfs-, Versuchs- und Übungsfahrzeuge.
Militärische Funktionen des Bundesgrenzschutzes
Die von Gerhard Graf von Schwerin geleitete Zentrale für Heimatdienst schlug Mitte 1950 vor, eine Bundesgendarmerie als Zwischenschritt zwischen einer Polizeitruppe und einer Streitmacht aufzustellen. Im September 1950 lehnten die Westalliierten eine Bundespolizei aber ab und erlaubten der Bundesrepublik zunächst nur Landespolizeien. Daraufhin wandte sich die Adenauer-Regierung von einer ausschließlichen polizeifixierten Lösung der Streitkräftefrage ab.
Nachdem die Westmächte ihr Veto gegen eine Polizeitruppe auf Bundesebene zurückgezogen hatten, wurde ab 1951 der zunächst auf 10.000 Mann begrenzte Bundesgrenzschutz aufgestellt, der nach Juni 1953 auf 20.000 aufgestockt wurde. Die Hauptaufgabe des BGS war die Sicherung der Zonengrenze, wo er verbotene Grenzübertritte verhindern und Störungen der öffentlichen Ordnung in einem Grenzstreifen von 30 Kilometern verhindern sollte. Die überwältigende Mehrheit der ersten BGS-Offiziere hatten in der Wehrmacht gedient oder waren bereits vor 1945 Polizisten gewesen. Es gab heftige interne Debatten im BGS, in der Bundesregierung und unter den an der Aufstellung der Bundeswehr beteiligten Offizieren und Politikern, ob und zu welchem Anteil der BGS in die Bundeswehr überführt werden sollte.
Um einen beschleunigten Aufbau der Bundeswehr zu gewährleisten, trat am 30. Mai 1956 das 2. Gesetz über den Bundesgrenzschutz in Kraft. Mit diesem Gesetz wurde der Bundesminister für Verteidigung ermächtigt, aus Freiwilligenverbänden des BGS Verbände der Bundeswehr aufzustellen. BGS-Beamte hatten im Zeitraum vom 1. bis 30. Juni 1956 die Möglichkeit, eine Erklärung abzugeben, dass sie im BGS verbleiben wollten. Wer dies nicht tat, wurde zum 1. Juli 1956 in die Bundeswehr überführt. Die ehemaligen BGS-Beamten erhielten dabei den nächsthöheren Dienstgrad und Möglichkeiten einer schnelleren Beförderung. Mehr als die Hälfte des gesamten BGS-Personals wechselte zur Bundeswehr; 42 % votierten für einen Verbleib beim BGS.
Besonders ehemalige Wehrmachtsangehörige im BGS nutzten die Möglichkeit des Wechsels zur neuen Bundeswehr, da sie im Bundesgrenzschutz bisher oft um drei Dienstgrade niedriger Dienst taten als in der Wehrmacht, bei der Bundeswehr jedoch nach ihrem letzten Rang in der Wehrmacht beurteilt wurden. 9.572 BGS-Angehörige entschieden sich für den Wechsel. Der BGS bildete die Grundlage für drei Divisionen, drei Musikkorps und die Führungsebene des Panzeraufklärungsbataillons 5 sowie des Panzerfernmeldebataillons 3. Auch die Bundesmarine rekrutierte sich vornehmlich aus Angehörigen des Seegrenzschutzes und anderer unter alliierter Kontrolle stehender Seeverbände. Aus dem Grenzschutzkommando Mitte ging die 2. Grenadierdivision hervor, aus den Grenzschutzkommandos Nord und Küste die 1. Grenadierdivision und aus dem Grenzschutzkommando Süd die 4. Grenadierdivision.
Insgesamt stellte die Bundeswehr über 30 Bataillone aus BGS-Dienststellen auf. Den Endpunkt der Umgliederung bildete eine Überführungszeremonie unter dem Beisein der beiden zuständigen Minister Theodor Blank und Gerhard Schröder am 9. Juli 1956, an der sowohl Abordnungen der Bundeswehr als auch des ‚neuen‘ BGS teilnahmen. Bereits am 1. Juli hatte Innenminister Schröder einen Wiederauffüllungsbefehl ausgegeben; der BGS schaffte es bis 1962, seine Stärke von 1955 zu regenerieren.
Aus Mangel an Bundeswehruniformen und Unterkünften behielten die ehemaligen Bundesgrenzschutzleute anfangs ihre bisherige Ausrüstung und blieben in den BGS-Kasernen. Sie mussten lediglich das Abzeichen mit dem Bundesadler vom linken Oberärmel abtrennen. In den aus dem BGS aufgestellten Verbänden ergab sich damit in den ersten Dienstjahren ein Uniformgemisch, da neue Rekruten mit Bundeswehr- statt mit BGS-Uniformen ihren Dienst taten.
Gründungsjahre der Bundeswehr, 1955–1959
Außenpolitik der späten 1950er
Nachdem im Mai 1955 Deutschland der NATO beigetreten war, wurde der damalige Generalleutnant Hans Speidel 1957 Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte der NATO in Mitteleuropa. In dieser Eigenschaft war er maßgeblich an der Integration der deutschen Streitkräfte in die NATO beteiligt.
Die brutale sowjetische Intervention in Ungarn im Jahr 1956 stärkte den öffentlichen Zuspruch für eine Aufrüstungspolitik in der Bundesrepublik.
Im Jahr 1958 gewährte die US-Regierung ihrem westdeutschen Gegenstück einen Platz im Programm der Nuklearen Teilhabe an den seit 1952 auf bundesdeutschem Gebiet stationierten US-Atomwaffen. Am 27. Juli 1959 wurde mit den USA ein Abkommen über nukleare Zusammenarbeit unterzeichnet.
Am 27. November 1958 begann die Berlin-Krise.
Innenpolitik der späten 1950er
Am 22. Februar 1956 erhielten die Streitkräfte, bis zu diesem Zeitpunkt oft als „neue Wehrmacht“ bezeichnet, in einer Abstimmung des Verteidigungsausschusses den endgültigen Namen „Bundeswehr“.
Am 22. März 1956 trat die im Deutschen Bundestag mit großer Mehrheit beschlossene Wehrverfassung in Kraft. Durch die Ergänzung des Grundgesetzes mit dem Artikel 87a, wurde festgelegt, dass der Bund Streitkräfte zur Verteidigung aufstellt. Mit Art. 87b wurde eine eigenständige Wehrverwaltung eingerichtet. Sie dient den Aufgaben des Personalwesens und der unmittelbaren Deckung des Sachbedarfs der Streitkräfte.
Am 6. März 1956 wurde die zweite Wehrergänzung des Grundgesetzes verabschiedet. Die Befehls- und Kommandogewalt wurde in Friedenszeiten dem Bundesverteidigungsminister zugewiesen und lediglich für den Spannungs- oder Verteidigungsfall dem Bundeskanzler übertragen. Einen Eid der Soldaten auf den obersten Befehlshaber gab es nicht.
Am 1. April 1956 trat das «Gesetz über die Rechtsstellung der Soldaten» („Soldatengesetz“) in Kraft, welches das Freiwilligengesetz von 1955 ersetzte und fortan das Zentrum der gesamten bundesdeutschen Wehrgesetzgebung bildete. Das Soldatengesetz regelte erstmals in der deutschen Militärgeschichte den Normenkonflikt zwischen einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung und militärischen Befehlszwängen. Den Soldaten wurde das aktive und passive Wahlrecht gewährt, die politische Betätigung erlaubt und Anspruch auf politische Bildung im Dienstrahmen eingeräumt. Zu den im Soldatengesetz festgelegten militärischen Pflichten gehörten die Pflicht zur Nichtbefolgung unrechtmäßiger Befehle, die Pflicht zur Vereidigung auf die Bundesrepublik und die Aufrechterhaltung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes.
Im Juli 1956 folgte das Wehrpflichtgesetz. Trotz einer beachtlichen Kontroverse in der Öffentlichkeit und Widerständen in der SPD, die eine Berufsarmee bevorzugte, erhielt das Wehrpflichtgesetz letztlich eine sichere Mehrheit von 269:166 Stimmen bei 20 Enthaltungen. Die Länge der Wehrpflicht wurde zunächst auf zwölf Monate festgelegt, obwohl die NATO-Partner eigentlich eine längere Dienstzeit gefordert hatten.
Im Oktober 1956 befürworteten einer Allensbach-Umfrage zufolge 38 % der Bundesbürger die Bundeswehr. Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 stieg dieser Wert auf 60 %.
Im Oktober 1956 ersetzte Adenauer den ersten Bundesverteidigungsminister Theodor Blank durch seinen bisherigen Minister für Atomfragen, den CSU-Politiker Franz Josef Strauß.
Mit der Verabschiedung des Gesetzes über die Wehrbeschwerdeordnung (WBO) am 14. Dezember 1956 und des Gesetzes über den Wehrbeauftragten am 11. April 1957 wurde das Amt des Wehrbeauftragten des Bundestages geschaffen. Erst am 19. Februar 1959 wählte der Bundestag Helmuth von Grolman als ersten Amtsträger.
Am 1. Januar 1957 wurde das zuvor separierte Saarland in die Bundesrepublik eingegliedert (Saarvertrag vom 27. Oktober 1956).
Am 21. Februar 1957 wird das Gesetz über die Wehrdisziplinarordnung (WDO) und am 12. April das Soldatenversorgungsgesetz (SVG) vom Bundestag verabschiedet.
Im Mai 1957 diskutierte der Deutsche Bundestag die Frage der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr. Dagegen erhoben sich starke Proteste unter anderem linker politischer Kräfte, aus den Bruderschaften der Bekennenden Kirche (BK) sowie der „Göttinger Achtzehn“. Auf der 1. Tagung der internationalen Christlichen Friedenskonferenz (CFK) im Juni 1958 in Prag erklärte der Theologe Heinrich Vogel in seinem Referat: „Wenn ich die Landkarte aufschlage und den gesunden Menschenverstand zu Rate ziehe, so muß ich sagen, daß die atomare Aufrüstung einer deutschen Armee in meinem gespaltenen Vaterlande der helle Wahnsinn ist.“
Die SPD stellte den Wahlkampf zur Bundestagswahl 1957 unter das Vorzeichen der Atombewaffnung, die sie als der friedlichen Wiedervereinigung abträglich bezeichnete. Die CDU/CSU stellten der SPD die unter dem Slogan „Keine Experimente“ das Modell der Fortsetzung der Adenauer-Regierung entgegen und errangen damit mit 50,2 % die absolute Mehrheit der Stimmen.
Im Mai 1958 verabschiedete der Parteivorstand der SPD einen Entschließungsentwurf zur Wehrpolitik. Die Landesverteidigung wird darin bejaht, Wehrpflicht und Atombewaffnung der Bundeswehr werden abgelehnt. Die Unvereinbarkeit zwischen der Wiedervereinigung und der Zugehörigkeit zur NATO wird betont.
Namensdebatte
Während der Gründungszeit waren für die neue bundesdeutsche Armee vor allem die Bezeichnungen „Wehrmacht“ und „Bundeswehr“ im Gespräch. Bereits im Jahr 1954 hatte Theodor Blank der ausländischen Presse mitgeteilt, die Fortsetzung der Begriff Reichswehr oder Wehrmacht vermeiden zu wollen. Er blockierte auch CDU-Vorschläge, den neuen Divisionen der Bundeswehr Traditionsnamen von deutschen Städten in nach 1945 abgetrennten Ostgebieten zu geben. Als provisorischen Namen bis zur endgültigen Festlegung nutzte Blank den Begriff „Gesamtstreitkräfte der Bundesrepublik Deutschland“. Im öffentlichen Diskurs blieb die Bezeichnung „neue Wehrmacht“ trotzdem populär.
Wo sich Erich Mende (FDP) in den Namensdebatten ab Herbst 1955 für die erneute Nutzung des Begriffs „Wehrmacht“ einsetzte, war Richard Jaeger (CSU) ein Fürsprecher des Namensvorschlags „Bundeswehr“. Jaeger selbst nannte als eigentlichen Namensgeber den ehemaligen General und damaligen FDP-Abgeordneten Hasso von Manteuffel. Manteuffel selbst hätte nach eigener Aussage „Wehrmacht“ präferiert, empfand aber vor dem Hintergrund westalliierter Vorbehalte den Namen „Bundeswehr“ ein akzeptables Provisorium, um den Begriff „Wehrmacht“ für eine künftige Einheitsarmee nach einer möglichen Wiedervereinigung frei zu halten. Carlo Schmid (SPD) brachte als Gegenvorschlag zu „Bundeswehr“ den Begriff „Landwehr“ ins Gespräch, um das ‚preußische Milizideal von 1813‘ zu evozieren.
In einer Abstimmung am 22. Februar 1956 wurde der Jaeger-Vorschlag „Bundeswehr“ final angenommen, der im Soldatengesetz vom 1. April 1956 auch gesetzlich festgeschrieben wurde.
Der Begriff „Bundeswehr“ geht bereits auf den Vorschlag des Abgeordneten und Majors Daniel Friedrich Gottlob Teichert über ein Konzept zur Bildung einer Volkswehr durch Zusammenschluss von Bürgerwehren zurück, anlässlich einer Verhandlung der Frankfurter Nationalversammlung vom 5. März 1849.
Wehrpflicht und Kriegsdienstverweigerung
Schon vor der Gründung der Bundeswehr wurde in der Himmeroder Denkschrift ein Wehrpflichtsystem vorgeschlagen, da nur so eine angemessene Truppenstärke erreicht werden könne. Außerdem sollte die Wehrpflicht ein enges Bindeglied zwischen Staat bzw. Staatsbürgern und Armee sein. So sollte die Bildung eines „Staats im Staat“, wie er sich mit der Reichswehr in der Weimarer Republik nach dem Versailler Vertrag herausbildete, vermieden werden. Die Wehrpflicht ist fester Bestandteil der Idee des „Staatsbürgers in Uniform“.
Mit dem Erlass des Wehrpflichtgesetzes vom 7. Juli 1956 wurde der Vorschlag der Himmeroder Denkschrift dann umgesetzt und für Männer ein zunächst 12-monatiger Grundwehrdienst eingeführt. 1956 erhielten die ersten Zeitsoldaten ihre Ernennungsurkunden. Am 1. April 1957 traten dann die ersten 10.000 Wehrpflichtigen ihren Dienst an. Am 16. Januar 1958 rückten 7.600 Wehrpflichtige erstmals auch bei Luftwaffe und Marine ein. Bis 1960 dienten in der Bundeswehr neben den Zeit- und Berufssoldaten bereits 268.629 Grundwehrdienstleistende. Darüber hinaus war es auch möglich, seinen Wehrdienst beim Bundesgrenzschutz abzuleisten. Bis 2010 leisteten über acht Millionen junge Männer in Deutschland ihren Wehrdienst. Die gesetzliche Dauer des Grundwehrdienstes änderte sich mehrfach. Sie betrug sukzessive 12 Monate (1. Januar 1957 bis 31. März 1962), 15 Monate (1. April 1962 bis 30. Juni 1962), 18 Monate (1. Juli 1962 bis 31. Dezember 1972), 15 Monate (1. Januar 1973 bis 30. September 1990), 12 Monate (1. Oktober 1990 bis 31. Dezember 1995), 10 Monate (1. Januar 1996 bis 31. Dezember 2001), 9 Monate (1. Januar 2002 bis 30. Juni 2010) und 6 Monate (1. Dezember 2010 bis 28. Februar 2011), bevor sie ab März 2011 ausgesetzt wurde.
Die rechtliche Grundlage der Wehrpflicht war schon 1956 Artikel 12a des Grundgesetzes, in dem es in Absatz 1 heißt: „Männer können vom vollendeten achtzehnten Lebensjahr an zum Dienst in den Streitkräften […] verpflichtet werden“. Allerdings, so regelt Artikel 4 Absatz 3: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden“.
Schon in der Anfangszeit der Wehrpflicht beriefen sich Wehrpflichtige auf diesen Passus des Grundgesetzes. In den ersten zehn Jahren blieb die Anzahl der Kriegsdienstverweigerer jedoch gering. Mit dem Schlagwort „Ohnemichel“ bezeichnete man Kriegsdienstverweigerer abfällig. Erst ab 1967 stieg deren Zahl infolge der damals aufkeimenden Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg deutlich an, so dass man von einem gesellschaftlichen Phänomen sprechen konnte. Bis 1983 war zur Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer eine mündliche „Anhörung“ üblich, in denen der Verweigerer detailliert Rechenschaft ablegen musste, aus welchen Gewissensgründen er den Dienst ablehnte. Aufgrund verschiedener Gründe, darunter auch des gesunkenen Bedarfs an Wehrdienstleistenden, wird diese Prüfung mittlerweile nicht mehr durchgeführt. Anerkannte Kriegsdienstverweigerer werden nach § 1 des Kriegsdienstverweigerungsgesetzes nicht zum Wehrdienst, sondern zu einem Zivildienst außerhalb der Bundeswehr herangezogen.
Personal und Verbände der späten 1950er
Anfang 1956 wurden die ersten drei Standorte in Betrieb genommen und insgesamt 1.000 Soldaten dort stationiert: Andernach (Heer), Nörvenich (Luftwaffe), Wilhelmshaven (Marine).
Die Stärke der Bundeswehr betrug im August 1956 rund 47.000 Soldaten.
Am 1. Januar 1957 wird die Führungsakademie der Bundeswehr in Bad Ems eingerichtet und am 1. April beginnt der erste Lehrgang. Die offizielle Einweihung erfolgte am 15. Mai 1957.
Erster Generalinspekteur der Bundeswehr wurde am 1. Juni 1957 General Adolf Heusinger.
Ab dem 1. April 1957 kamen die ersten Wehrpflichtigen des Geburtenjahrgangs 1937 zur Bundeswehr.
Bereits im Dezember 1957 betrug die Stärke der Bundeswehr etwa 118.000 Soldaten.
Heeresverbände der späten 1950er
Am 20. Januar 1956 besuchte Adenauer die neuen Heeressoldaten in Andernach, wo er die erste offizielle Truppenparade in der Geschichte der Bundeswehr abnahm.
Zum 1. April 1956 begann der Aufbau von zwölf Truppenschulen des Heeres mit Lehreinheiten.
Am 21. August 1956 werden die Stäbe der im Aufbau befindlichen 3. und 5. Panzerdivision und der 1., 2. und 4. Panzergrenadierdivision sowie je eine Luftlande- und Gebirgsjägerbrigade aufgestellt.
Marineverbände der späten 1950er
Im Dezember 1956 verfügte die Bundesmarine über 65 Einheiten und 7657 Soldaten.
Am 1. April 1957 wurde das 1. Minensuchgeschwader als erster Verband der Bundesmarine der NATO unterstellt.
Am 1. August 1958 nahmen zwei Marinefliegerstaffeln mit Flugzeugen vom Typ Fairey Gannet und Hawker Sea Hawk auf dem Fliegerhorst Schleswig bei Jagel den Flugbetrieb auf.
Luftwaffenverbände der späten 1950er
Zum Zeitpunkt des westdeutschen NATO-Beitritts am 9. Mai 1955 waren für die Luftwaffe 20 Geschwader veranschlagt (vier Jagdgeschwader, acht Jagdbombergeschwader, drei Aufklärungsgeschwader, drei Allwetterjagdgeschwader und zwei Lufttransportgeschwader).
Im Verlauf des Jahres 1956 wurden die Luftwaffenlehrkompanie Nörvenich, die Dienststelle für zentrale Luftwaffenangelegenheiten, die Stammdienststelle der Luftwaffe, die Offizierschule der Luftwaffe, die Flugzeugführerschulen „A“, „B“ und „S“, das Waffenschule der Luftwaffe 30, die Flugabwehrschule, die Technischen Schulen L und K, die Technischen Schulen der Luftwaffen 1, 2 und 3, die Luftwaffengruppe Nord, die Luftwaffengruppe Süd, das Materialamt der Luftwaffe, das Flugabwehrversorgungsregiment, das Luftwaffenversorgungsregiment 1 und die Luftwaffenausbildungsregimenter 1, 2 und 4 aufgestellt.
Am 1. Oktober 1956 nahm das Luftwaffenversorgungsregiment 1 als erster logistischer Luftwaffenverband seinen Dienst auf.
Am 24. August 1957 wurde das Lufttransportgeschwader 61 als erster fliegender Verband der Luftwaffe in Erding aufgestellt.
Ausrüstung der späten 1950er
Heeresrüstung der späten 1950er
Für den Aufbau der Bundeswehr wurde dem BMVg von den USA im Rahmen der sogenannten „Nash-Liste“ Wehrmaterial im Wert von rund 3,8 Mrd. DM kostenfrei zur Verfügung gestellt (beispielsweise die Kampfpanzer M41 und M47). Vor Ort unterstützte eine Organisation des US-Militärs, die Military Assistance Advisory Group (MAAG), Einführung und Ausbildung an der zulaufenden Erstausstattung. Darüber hinaus wurden insbesondere zum Ausgleich des Handelsbilanzüberschusses von den neuen Verbündeten Rüstungsgüter erworben (zum Beispiel Schützenpanzer aus der Schweiz und Frankreich (HS 30 und Schützenpanzer kurz), Schiffe und Flugzeuge aus Großbritannien, Handfeuerwaffen aus Belgien, Mörser aus Israel und Munition aus der Türkei). Von bundesdeutschen Unternehmen wurden nur einzelne Waffensysteme in Lizenz nachgebaut und die Infrastruktur für die junge Bundeswehr aufgebaut. In diesen Jahren des Wirtschaftswunders war die bundesdeutsche Industrie zu sehr mit dem Auf- und Ausbau der zivilen Produktion beschäftigt, als dass sie ein großes Interesse an der Produktion von finanziell weniger lukrativen Rüstungsgütern gehabt hätte. Dies änderte sich mit dem Ende des Booms zu Beginn der 1960er Jahre. Die Bundeswehrführung plante bereits Ende der 1950er Jahre Aufträge zur Entwicklung neuer Waffensysteme an bundesdeutsche Unternehmen zu vergeben.
Ab dem 3. März 1956 kamen Kampfpanzer des Typs M 47 Patton in Andernach an. Ab 1956 erfolgte zudem der Einsatz des Flak-Panzers M42 Duster.
Im Frühjahr 1958 wurden 1800 von geplanten 10.680 Schützenpanzer vom Typ HS 30 werden in Auftrag gegeben. Im Zuge der Beschaffung dieses Waffensystems entbrannte der HS-30-Skandal: Beim Kauf von knapp 4500 Schützenpanzern des Typs HS 30 sollen 1957 mehrere Millionen D-Mark als Bestechung gezahlt worden sein. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestags konnte diese Vorwürfe weder bestätigen noch widerlegen.
Marinerüstung der späten 1950er
Zwischen dem 29. Mai 1956 bis 1. Juli 1956 erfolgte die Indienststellung von fünf Torpedoschnellbooten der Silbermöwe-Klasse in Kiel.
Am 5. Juni 1956 erfolgte die Indienststellung von vier ehemaligen Räumbooten der Kriegsmarine nach der Übernahme durch die US Navy.
Am 21. Januar 1957 wurde des Flottendienstboot Oste übernommen.
Am 16. November 1957 lief das Schnellboot Jaguar als erster deutscher Schiffsneubau vom Stapel.
Am 17. Januar 1958 wurde der erste von den USA geliehene Zerstörer Anthony wird von der Bundesmarine als Zerstörer 1 übernommen.
Am 17. Dezember 1958 erfolgte die Indienststellung des Segelschulschiffs Gorch Fock.
Luftwaffenrüstung der späten 1950er
Im Mai 1955 wurden am Luftwaffenstützpunkt Nörvenich sieben Leichtflugzeugmuster (Piaggio P.149 D, Saab 91 Safir, Beech T34 Mentor, Temco-Plebe, De Havilland Chipmunk, Fokker S-11, Morane-Saulnier) auf ihre Eignung als Trainingsflugzeuge für die Anfängerschulung getestet. Letztlich wird die Piaggio P.149 D ausgewählt.
Ab dem 11. Juni 1956 standen im Rahmen US-amerikanischer Rüstungshilfe die ersten 49 Flugzeuge der Typen Piper L 18 Cup und North American CCF Harvard Mk.4 zur fliegerischen Grundausbildung auf dem Fliegerhorst Erding bereit.
Am 13. November 1956 wurden der Luftwaffe die ersten Jagdbomber vom Typ Republic F-84 F Thunderstreak übergeben.
Am 6. November 1958 wurde ein umfangreiches Flugzeugbeschaffungsprogramm bewilligt. Dieses sah die Beschaffung von 300 Maschinen des Typs Lockheed F-104 „Starfighter“, 200 Jagdbombern Fiat G.91 und 60 Hubschraubern des Typs „Alouette II“ vor.
Operationen und Manöver der späten 1950er
Im Juli 1956 fand das erste NATO-Manöver mit deutscher Beteiligung durch Einheiten der 2. Grenadierdivision aus Kassel im Raum Göttingen statt.
Führungskultur und Ausbildung der späten 1950er
Am 24. September 1956 bestimmte Bundespräsident Theodor Heuss ein schwarzes Kreuz (Eisernes Kreuz) mit weißer Umrandung als Erkennungszeichen für die Luft- und Kampffahrzeuge der Bundeswehr.
Innere Führung
Am 28. Oktober 1956 wurde die Schule der Bundeswehr für Innere Führung in Köln gegründet und zum 1. Februar 1957 nach Koblenz verlegt. Die Innere Führung als Führungskonzept hatte zum Ziel, die Legitimation des Militärs, die Integration der Armee in die Gesamtgesellschaft und die Identität der Truppe innerhalb der demokratischen Gesellschaft zu umfassen. Der Einsatz von Streitkräften war nur noch zu rechtfertigen als Ultima Ratio, zur Verteidigung und Krisenbewältigung. Menschenrechte und Völkerrecht waren in jedem Falle bindend. Die Aufgabe der Soldaten musste es sein, den Frieden zu sichern und zu gestalten. Wie Gustav Heinemann später sagte, war der Frieden der Ernstfall. Die Streitkräfte mussten in die demokratischen Strukturen der Gesellschaft integriert werden und parlamentarischer Kontrolle unterliegen. Der Soldat ist Staatsbürger mit den gleichen, nur im militärisch begründeten Ausnahmefall eingeschränkten Rechten. Die innere Ordnung und die Rolle der Streitkräfte im Staatswesen müssen demokratieverträglich sein. Das führt zum Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“. Daraus leitet sich das Selbstverständnis der Soldaten, ihre Identität, ab. Soldaten sind Staatsbürger, die dem Staat in ihrem Beruf dienen. Sie nehmen an der gesellschaftlichen und politischen Diskussion des Landes teil. Das bedeutet nicht nur, dass sie – anders als die Soldaten der Reichswehr in der Weimarer Republik – das aktive und das passive Wahlrecht besitzen. Sie können und sollen sich auch als Fachleute an der Diskussion zu militärischen und sicherheitspolitischen Themen äußern. Diese Rechte finden ihre Grenzen in der Loyalitätspflicht, der Pflicht zur Zurückhaltung und zur Verschwiegenheit in vertraulichen Angelegenheiten. Der Soldat ist als Staatsbürger politisch Handelnder, der das immer bestehende Spannungsfeld zwischen den Rollen Staatsdiener und Staatsbürger ertragen muss.
NS-Kontinuitäten der höheren Dienstgrade
Besonders problematisch in den Anfangsjahren der Bundeswehr war die Einstellung neuer Offiziere höherer Dienstgrade. Eine Besetzung dieser Posten mit unbelasteten Persönlichkeiten war kaum möglich, da nahezu alle militärisch vorgebildeten Bürger eine belastete Vergangenheit während der nationalsozialistischen Diktatur hatten, solche Personen aber zur Schaffung einer Führungsstruktur unbedingt notwendig waren. Um das Risiko zu minimieren, übermäßig vorbelastete Soldaten einzustellen, wurden alle Offiziere vom Oberst aufwärts durch den Personalgutachterausschuss überprüft, ein Gremium aus 38 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die vom Bundespräsidenten auf Vorschlag der Bundesregierung und nach Bestätigung durch den Bundestag ernannt worden waren. Von 600 Bewerbern empfahl der Ausschuss 486 zur Übernahme, sprach 14 Einschränkungen aus, erteilte 53 Ablehnungen, während 47 Anträge von den Bewerbern selbst zurückgezogen wurden.
Zum Zeitpunkt der Gründung der Bundeswehr stammten deren Offiziere und Unteroffiziere fast ausnahmslos aus der Wehrmacht – teilweise auch aus der Waffen-SS. Im Jahre 1959 waren von 14.900 Bundeswehroffizieren 12.360 bereits in der Reichswehr oder Wehrmacht zu Offizieren ernannt worden. 300 Offiziere entstammten der Waffen-SS. Die kriegsgedienten Führungskader der Bundeswehr waren zumindest weniger stark in führenden Rollen in die Verbrechen des NS involviert gewesen, als dies beim Bundesnachrichtendienst, Landwirtschaftsministerium oder Justizministerium der Fall war. Unter den in die Bundeswehr übernommenen kriegsgedienten Generälen ist der Geschichtswissenschaft bisher kein Beispiel eines herausstechenden Kriegsverbrechers bekannt.
Ausbildungspraxis der späten 1950er-Jahre
Der neue Selbstanspruch des Konzepts der Inneren Führung einer demokratischen Staatsbürgerarmee bot vor dem Hintergrund der Weiterbeschäftigung vieler Wehrmachtsveteranen das Konfliktpotenzial, dass die Ausbilder und Befehlshaber der Bundeswehr die Führungspraktiken des Zweiten Weltkriegs einfach in die Bundeswehr übernehmen konnten.
Am 3. Juni 1957 ertranken im Iller-Unglück während einer Übung 15 Wehrpflichtige, als der 24-jährige Stabsunteroffizier Dieter Julitz als stellvertretender Zugführer innerhalb der 2. Kompanie des Luftlandejägerbataillons 19 seinen Untergebenen befahl, ungesichert den Fluss Iller zu durchqueren. Diese Aktion war zwar im Vorfeld vom kriegsgedienten Bataillonskommandeur Alfred Genz ausdrücklich verboten worden, wurde aber aufgrund der Nichtweitergabe dieses Verbots an Julitz trotzdem durchgeführt.
Die Bundeswehr der 1960er-Jahre
Außenpolitik der 1960er
Am 1. Oktober 1960 tritt die Bundesrepublik dem italienisch-kanadischen Abkommen über die Nutzung des Luftwaffenstützpunktes Decimomannu auf Sardinien bei.
Am 25. Oktober 1960 wird ein deutsch-französischer Vertrag über die Errichtung deutscher Depots in Frankreich und die Nutzung französischer Truppenübungsplätze (unter anderem in Mourmelon-le-Grand) durch die Bundeswehr vereinbart.
General Adolf Heusinger wurde 1961 zum Vorsitzenden des Militärausschusses der NATO in Washington berufen.
Am 25. Mai 1961 wird ein deutsch-britisches Abkommen über die Nutzung des Truppenübungsplatzes Castlemartin in der Grafschaft Pembrokeshire durch die Bundeswehr unterzeichnet.
US-Präsident John F. Kennedy erklärte am 25. Juli 1961, vor dem Hintergrund der seit 1958 schwelenden Berlin-Krise, die Three Essentials der Berlin-Frage.
Die Kubakrise im Oktober 1962 markierte einen Höhepunkt der Spannungen der Frühphase des Kalten Krieges.
Am 22. Juni 1963 erfolgte die Stationierung eines Luftwaffenausbildungsregimentes in Budel in den Niederlanden.
Ab 15. Oktober 1963 stellte Portugal der Bundeswehr Truppenübungsplätze, Nachschubeinrichtungen und den Luftwaffenstützpunkt in Beja zur Verfügung.
1966 erfolgte die Verlegung der Raketenschule der Luftwaffe (RakSLw) von Aachen nach El Paso, USA und trägt heute die Bezeichnung Taktisches Aus- und Weiterbildungszentrum Flugabwehrraketen USA.
Im Jahr 1966 trat Frankreich aus der militärischen Organisation der NATO aus, um seine militärische Eigenständigkeit gegenüber den USA zu demonstrieren und zu wahren. Die Konstante der französischen Fixiertheit von militärischer Selbstständigkeit sollte sich fortan immer wieder in Rüstungskooperationen und -projekten mit der Bundeswehr zeigen. Der Austritt Frankreichs aus den NATO-Strukturen bedeutete zudem einen starken Unsicherheitsfaktor in den Verteidigungsplanungen der NATO für den süddeutschen Raum, wo die im Saarland und Baden-Württemberg stationierten französischen Streitkräfte als kritischer Faktor angedacht waren.
Auf Anregung des damaligen belgischen Außenministers Pierre Harmel einigten sich im Dezember 1966 die Regierungen der NATO-Mitgliedsstaaten auf die „Durchführung einer umfassenden Analyse der internationalen Entwicklung seit der Unterzeichnung des Nordatlantikvertrages im Jahre 1949“. Am 13./14. Dezember 1967 verabschiedete der NATO-Rat dann den „Bericht des Rats über die künftigen Aufgaben der Allianz“. Im als „Harmel-Bericht“ bekannt gewordenen Papier hieß es: „Militärische Sicherheit und eine Politik der Entspannung stellen keinen Widerspruch, sondern eine gegenseitige Ergänzung dar.“ Die NATO sollte also nicht nur als militärisches Bündnis ihre Aufgabe der Verteidigung – insbesondere durch Abschreckung – wahrnehmen, sondern auch als politisches Bündnis auf eine Entspannung der Situation hinwirken.
Im Dezember 1966 wurde die Bundesrepublik in die Nukleare Planungsgruppe der NATO aufgenommen, wodurch sie erstmals ein Mitspracherecht bei der operativen Planung von NATO-Atomwaffeneinsätzen hatte.
Im Jahr 1967 wechselte die NATO ihren strategischen Ansatz zur Verteidigung Mitteleuropas offiziell von der Massiven Vergeltung hin zur Flexible Response.
Die sowjetische Militärintervention gegen den Prager Frühling in der Tschechoslowakei 1968 verärgerte die Westmächte und verzögerte Entspannungs- und Abrüstungsgespräche.
Innenpolitik der 1960er
Im Dezember 1961 wurde von der Bundesregierung eine Verlängerung der Wehrpflicht von zwölf auf achtzehn Monate beschlossen.
Am 10. Oktober 1962 veröffentlichte Der Spiegel einen Artikel, den Conrad Ahlers mit der danach zum geflügelten Wort gewordenen Phrase «Bedingt abwehrbereit» übertitelte. Dass der Artikel mit präzisen Informationen Verteidigungsschwächen entlang der innerdeutschen Grenze aufzählte, die konventionelle Unterlegenheit der NATO-Bodentruppen gegenüber dem Warschauer Pakt aufzeigte und auf genaue Truppen- und Materialzahlen der Bundeswehr gestützt zu sein schien, erregte im Bundesverteidigungsministerium Argwohn, dass Ahlers seine Information durch Landesverrat bekommen haben könnte. Zwei Wochen später wurden die Redaktionsräume des Spiegels durchsucht und der Herausgeber Rudolf Augstein sowie mehrere Redakteure verhaftet.
Im Sommer 1964 beklagte der Wehrbeauftragte der Bundeswehr Helmut Heye öffentlich im Magazin Quick, dass die internen Reformen der Bundeswehr nicht vorankämen, dass Schikane und Missbrauch zunähmen und dass er einen ‚Staat im Staate‘ befürchte. Heye stieß aber insbesondere mit seinen heftigen Angriffen auf den Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel auf weitreichendes Unverständnis.
Am 30. Mai 1968 wurde mit dem «17. Gesetz zur Ergänzung des Grundgesetzes» durch die Zweidrittelmehrheit der Großen Koalition (1966–1969) die Notstandsverfassung verabschiedet, die neue Aufgaben für die Bundeswehr für den Verteidigungsfall, innere Unruhen oder Naturkatastrophen festlegte. Der Bundesregierung wurden weitreichende Rechte zur Beschränkung der bürgerlichen Grundrechte gewährt. Als Schwelle für einen Einsatz der Streitkräfte im Landesinneren wurde festgelegt, dass sich Landespolizei und Bundesgrenzschutz zur Aufrechterhaltung der grundgesetzlichen Ordnung in der ganzen oder in Teilen der Bundesrepublik als nicht ausreichend erweisen müssten.
Die größeren gesamtgesellschaftlichen Phänomene der späten 1960er-Jahre und insbesondere der 68er-Bewegung drangen über den Wehrdienst auch in die Bundeswehr ein, wo es zu Disziplinproblemen kam. Die Kampfmoral der Wehrpflichtigen war gering und die Zahl der Wehrdienstverweigerer stiegen an, woraufhin insbesondere die Heeresverbände negative Berichte an die politische Führung adressierten. Daraufhin gab Verteidigungsminister Gerhard Schröder (CDU) eine Analyse der inneren Lage der Landstreitkräfte in Auftrag, die unter der Führung von Heeresinspekteur Albert Schnez ausgearbeitet wurde und als Schnez-Studie bekannt wurde.
Im Jahr 1969 ging die CDU/CSU erstmals seit 1949 in die politische Opposition, da mit der Bildung der sozialliberalen Koalition unter der Führung von Bundeskanzler Willy Brandt erstmals ein Sozialdemokrat im Bundeskanzleramt einzog. Dass Brandt auch außenpolitisch eine Neuausrichtung der deutschen Politik („Neue Ostpolitik“) verfolgte, hatte große Auswirkungen für die Bundeswehr.
Personal und Verbände der 1960er
Ab 8. Januar 1961 stellt die Bundeswehr ein Fallschirmjägerbataillon zur mobilen NATO-Eingreiftruppe Allied Command Europe Mobile Forces ab.
Im Dezember 1962 bestand das Heer aus zwei Panzerdivisionen, sieben Panzergrenadierdivisionen, einer Gebirgsjägerdivision und einer Luftlandedivision, die Marine aus zwei Zerstörergeschwadern, vier Schnellbootgeschwadern, sechs Minensuchgeschwadern, einem Landungsgeschwader sowie einem Marinefliegergeschwader und die Luftwaffe aus fünf Jagdbombergeschwadern, drei Jagdgeschwadern, einem Aufklärungsgeschwader, einem Lufttransportgeschwader sowie zwei Flugabwehr-Raketenbataillonen.
Im Jahr 1965 wurde die 12. Panzerdivision als letzter planmäßiger Großverband des seit Gründung der Bundeswehr verfolgten Ziels eines Zwölf-Divisionen-Heeres dem Oberbefehl der NATO unterstellt. Damit hatte die Bundesregierung ihre politischen Versprechen der Jahre 1954/1955 endlich erfüllt.
Im Jahr 1965 umfasste die Bundeswehr ~440.000 Soldaten und konnte langsam dazu übergehen, die eigene Größe zu erhalten statt sie auszubauen. Trotzdem war der Aufwuchs noch nicht ganz abgeschlossen; bei der Luftwaffe würde es bis 1975 dauern, alle geplanten Geschwader aufzustellen und einsatzbereit zu machen. Das Heer klagte über einen Mangel an Offizieren und Unteroffizieren, zumal die verminderten Geburtenjahrgänge nach 1937 und die erhöhten Zahlen der Wehrdienstverweigerung im Kontext der 68er-Revolution die Rekrutierung neuer Soldaten zusätzlich erschwerten. Die Zahl der Anträge auf Wehrdienstverweigerung stieg merklich von 4431 (1966) auf 14.420 (1969). Zu diesem Zeitpunkt dienten jährlich ~230.000 Wehrpflichtige in der Bundeswehr. Die in den späten 1960er-Jahren recht niedrige allgemeine Kampfmoral der Wehrpflichtigen beeinflusste besonders das Heer, wo sie 63 % des Personals ausmachten, während die nur zu 25,6 % aus Wehrpflichtigen bestehende Marine weniger betroffen war.
Neben den Verbänden der Bundeswehr waren im Juni 1966 noch 409.200 Soldaten der NATO-Streitkräfte in der Bundesrepublik stationiert, darunter 221.000 Angehörige der US-Streitkräfte.
1969 berichtete das Verteidigungsministerium, dass der Bundeswehr 32.000 Unteroffiziere fehlten.
Ausrüstung der 1960er
Heeresrüstung der 1960er
Am 25. Juli 1963 wurden die ersten 1500 Kampfpanzer vom Typ „Leopard“ sowie 700 Kanonenjagdpanzer in Auftrag gegeben.
Im Jahr 1969 verfügte das Heer über ~3700 Kampfpanzer, ~1100 Jagdpanzer, ~4550 Schützenpanzer und ~1000 Artilleriegeschütze. Der Fokus der Heeresrüstung lag darauf, einen Bewegungskrieg gegen die quantitativ überlegenen Kräfte des Warschauer Pakts führen zu können.
Marinerüstung der 1960er
Am 21. Oktober 1961 lief das erste nach Ende des Zweiten Weltkrieges wieder selbst hergestellte deutsche U-Boot U 1 vom Stapel. Die Indienststellung erfolgte am 20. März 1962.
Von März 1964 bis Oktober 1968 werden vier Zerstörer der Hamburg-Klasse von der Bundesmarine indienstgestellt.
Am 22. März 1969 erfolgte die Indienststellung des Zerstörers Lütjens, dem ersten Schiff der Lütjens-Klasse.
Luftwaffenrüstung der 1960er
Am 23. Oktober 1963 stimmte der Verteidigungsausschuss des Bundestages der Ausrüstung mit dem von Frankreich und Deutschland entwickelten Transportflugzeug Transall C-160 zu.
Im Jahr 1966 gab der Inspekteur der Luftwaffe Werner Panitzki sein Amt auf, weil er die Anschaffung des Starfighters für einen Fehler hielt.
Die Transall blieb zwischen 1968 und 2021 im Dienst der Bundeswehr.
Ab dem 15. Februar 1968 erfolgte die Ausrüstung der Luftwaffe mit Hubschraubern vom Typ Bell UH-1 „Huey“, deren Beschaffung der Bundestag bereits im März 1965 zugestimmt hatte.
Manöver und Einsätze der 1960er
Der erste Auslandseinsatz der Bundeswehr war ein humanitärer Hilfseinsatz. Nachdem am 29. Februar 1960 die Stadt Agadir in Marokko von einem Erdbeben erschüttert wurde, bei dem weit über 10.000 Menschen ums Leben kamen, leistete die Bundeswehr ab dem 2. März 1960 Katastrophenhilfe. Beteiligt waren vor allem Angehörige des Sanitätsdienstes, der ABC-Abwehrtruppe und der Luftwaffe (Transport).
Mit dem NATO-Manöver „Hold Fast“, das in Deutschland stattfand, wurde die feste Verbindung der deutschen Streitkräfte mit der NATO deutlich. Im Herbst 1960 stellte die Bundeswehr mit der 6. Panzergrenadierdivision, die zusammen mit britischen, kanadischen und dänischen Soldaten übten, den Großteil der Teilnehmer.
In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 kam es in Norddeutschland zu einer Sturmflut, die besonders in Hamburg katastrophale Auswirkungen hatte. In den späten Abendstunden des 16. Februar 1962 forderte der Kommandeur der Schutzpolizei in Hamburg, der ranghöchste Polizeibeamte der Stadt, Otto Grot, Hilfe der Bundeswehr an. Der damalige Innensenator und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt befand sich zu dieser Zeit auf der Rückfahrt von (West-)Berlin durch die DDR nach Hamburg. Im Laufe des 17. Februar 1962 nutzte er Kontakte zum Militär, die er in seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter geknüpft hatte, und forderte sowohl NATO-Verbände und weitere Einheiten der Bundeswehr zur Unterstützung der Rettungsaktionen an. Dies tat er unter Missachtung der geltenden Gesetze: Das Grundgesetz legte fest, die Bundeswehr dürfe keinesfalls innerhalb der Bundesrepublik tätig werden. Erst 1968 wurde – auch die Möglichkeit ähnlicher Katastrophen im Hinterkopf – mit den Notstandsgesetzen die Möglichkeit geschaffen, die Bundeswehr im Innern einzusetzen. Der Einsatz der insgesamt 40.000 Soldaten, von denen neun während des Einsatzes ums Leben kamen, rettete 1.117 Menschen das Leben. Außerdem bedeutete er einen enormen Prestigegewinn für die noch junge Armee, deren Existenzgrundlage bis dahin von vielen Bürgern sehr kritisch beurteilt wurde. Nach den erfolgreichen Rettungsaktionen sprach man nun stolz von „unserer Bundeswehr“, die eingesetzten Helikopter wurden als „fliegende Engel“ bekannt.
Mit dem militärischen NATO-Planspiel Fallex 62 (fall exercise ’62, „Herbstmanöver 1962“) im Jahr 1962, an dem auch die Bundeswehr teilnahm, sollte ein atomarer Erstschlag und eine anschließende sowjetische Großoffensive auf Westeuropa simuliert werden. Aus der Veröffentlichung von Informationen zum Militärmanöver entwickelte sich die so genannte Spiegel-Affäre.
Der erste große Bundeswehr-Hilfseinsatz im Ausland fand im Januar 1965 statt, als es in Algerien zu einem Erdbeben kam. Die Bundeswehr beteiligte sich an der internationalen Hilfsaktion mit insgesamt zwölf Maschinen des Typs Nord Noratlas der Lufttransportgeschwader 62 und 63, die Hilfsgüter in die Katastrophenregion flogen.
Im Januar 1967 nehmen rund 60.000 Bundeswehrsoldaten des III. Korps an dem NATO-Großmanöver „Panthersprung“ in Hessen (unter anderem im Odenwald) teil.
Ab 1969 wurden Großmanöver zur Verteidigungsbereitschaft in Westdeutschland abgehalten. Die REFORGER-Übungen (Return of Forces to Germany, zu deutsch: Rückkehr der Streitkräfte nach Deutschland) hatten die Überprüfung und Verbesserung der geplanten Abläufe, die Ausbildung der beteiligten Truppen und die Machtdemonstration gegenüber dem potentiellen Gegner Warschauer Pakt zum Ziel. Da weder die USA noch die Bundesrepublik Deutschland die für einen konventionellen Krieg in Europa erforderlichen US-Streitkräfte ständig in Deutschland stationieren wollten, ergab sich die Notwendigkeit dieser Übungen. Das Material (Kampf- und Transportfahrzeuge, Waffen, Versorgungsgüter usw.) mehrerer US-amerikanischer Großverbände war in Deutschland eingelagert. Durch schnelles Heranführen des Personals aus Übersee, das dann lediglich das Material übernehmen und aktivieren musste, sollte eine rasche Verstärkung der konventionellen Streitkräfte in Europa möglichst kostengünstig ermöglicht werden. Die Übungen gehörten zum Rapid Reinforcement Concept (RRC) der NATO. Neben den herangeholten US-amerikanischen Truppen übten vor allem die deutschen WHNS-Dienststellen (WHNS = Wartime Host Nation Support = Unterstützung durch die gastgebende Nation in Kriegszeiten). Darüber hinaus waren gewöhnlich in großem Umfang die US Army, die Bundeswehr, die British Army, die französischen Streitkräfte sowie die kanadischen Streitkräfte an der Übung beteiligt, die sich dem eigentlichen REFORGER-Teil als freilaufende Übung anschloss.
Führungskultur und Ausbildung der 1960er
Nagold-Affäre 1963
Im Juli 1963 brach auf einem Gepäckmarsch der Fallschirmjäger-Ausbildungskompanie 6/9 aus Nagold der 19-jährige Rekrut Gerd Trimborn wegen der Hitze zusammen und starb wenig später. Die gerichtsmedizinische Untersuchung ergab zwar ein zuvor unerkanntes Leber- und Nierenleiden als Todesursache, doch die weiteren Untersuchung brachten zutage, dass der 27-jährige Kompaniechef Jürgen Schallwig es geduldet hatte, dass seine Hilfsausbilder die Rekruten nach eigenem Ermessen willkürlich schikanierten und sie mit Beschimpfungen, körperlicher Gewalt, entwürdigenden Übungen oder Kollektivbestrafungen quälten. Schallwig und elf Ausbilder wurden zu Arrest oder Gefängnis von bis zu neun Monaten verurteilt und die Kompanie wurde auf Befehl von Generalleutnant Leo Hepp vollständig aufgelöst.
Traditionserlass 1965
Da die junge Armee noch auf keine eigene Tradition zurückblicken konnte, und eine Anknüpfung an die Tradition der Wehrmacht nicht in Frage kommen konnte, war es notwendig zu erarbeiten, welches Traditionsverständnis die Bundeswehr haben sollte. Am 1. Juli 1965 trat der Erlass „Bundeswehr und Tradition“ in Kraft, in dem festgelegt wurde, welche historischen Bezüge zur offiziellen Tradition der Bundeswehr gehören. Wie bereits mit der Wahl des 12. November als Gründungstag der Bundeswehr gezeigt werden sollte, stellten die preußischen Reformen einen Baustein im Traditionsverständnis der neu gegründeten Bundeswehr dar. Hinzu kommen das Andenken an den Militärischen Widerstand im Dritten Reich, insbesondere an die Männer des 20. Juli 1944, und die eigene Tradition der Bundeswehr der Nachkriegszeit. Diese Regelung war bis zu ihrer Ablösung durch einen Nachfolgererlass am 20. September 1982 gültig.
Einführung der Truppenfahnen 1965
Am 7. Januar 1965 übergab Bundespräsident Lübke dem Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung die erste Truppenfahne.
Bei der Gründung der Bundeswehr hatte man zunächst auf die Einführung von Truppenfahnen verzichtet. Das erwies sich aber bald als unhaltbare Situation, da alle anderen NATO-Staaten Truppenfahnen mit sich führten und die Bundeswehr auf Probleme im internationalen militärischen Zeremoniell stieß (ersatzweise verwendeten Einheiten alte Fahnen aus der Zeit vor 1918 oder führten einfache schwarz-rot-goldene Fahnen bei offiziellen Anlässen mit sich).
Bundespräsident Heinrich Lübke stiftete allen „Bataillonen und entsprechenden Verbänden“ der Bundeswehr die Truppenfahnen als „äußeres Zeichen gemeinsamer Pflichterfüllung für Volk und Staat“. Erst viel später wurden auch Verbände oberhalb der Bataillonsebene mit Truppenfahnen ausgestattet.
Debatten um die Innere Führung in den 1960ern
Das Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“ und die Innere Führung standen immer in Konflikt mit der Befehlshierarchie als grundlegendem Bestandteil jeder Armee und der von teilweise antidemokratischen Vorbildern geprägten Tradition des deutschen Militärs. Mehrere Ereignisse in der Geschichte der Bundeswehr verdeutlichen diesen Konflikt, darunter verschiedene Vorfälle um die menschenunwürdige Behandlung von Soldaten sowie politische Auseinandersetzungen. Nach der Gründungsphase der Bundeswehr drückte sich dieser Konflikt unter anderem im „Gewerkschaftserlass“ (Erlass über das Koalitionsrecht der Soldaten und der gewerkschaftliche Betätigung in den Kasernen) von 1. August 1966 aus. Darin wurde Soldaten ausdrücklich gestattet, Gewerkschaften beizutreten. Damit konnte der bereits 1956 gegründete Deutsche Bundeswehrverband (DBwV) im vollen Umfang als Gewerkschaft aktiv werden, und auch die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr begann Soldaten aufzunehmen, ohne jedoch die Bedeutung des DBwV zu erreichen. Als Reaktion aus den Gewerkschaftserlass traten Generalinspekteur Heinz Trettner und Günther Pape, der Kommandeur des Wehrbereichs III, zurück.
In den 1960er Jahren entwickelte sich in der Generalität eine starke Strömung gegen die „Innere Führung“. So veröffentlichte Heeresinspekteur General Albert Schnez Ende 1969 seine Gedanken zur Verbesserung der inneren Ordnung des Heeres, die den „fehlenden Verteidigungswillen im Volk“ bemängelte und eine striktere militärische Disziplin, eine „Reform an Haupt und Gliedern“, forderte. Bereits im Juni 1969 hatte das Zeitungsmagazin Der Spiegel eine Analyse der kulturkritischen „Ausbildungsbemerkungen“ des Generals für Erziehung und Bildung im Heer, Brigadegeneral Heinz Karst, publizierte. Seine Ausführungen veranlassten acht Leutnante an der Heeresoffizierschule II in Hamburg, ebenfalls Thesen zu einem zeitgemäßen Bild des Offiziers zu verfassen. In der Denkschrift namens Der Leutnant 1970 wurde der Willen zur politischen Mitbestimmung und die Abkehr von einem traditionalistischen Berufsverständnis des Soldaten betont. Zu einem Höhepunkt kam es in der Presse als etwa 30 Hauptleute der 7. Division aus Unna einen Mängelkatalog zu Problemen in Erziehung und Ausbildung zusammenstellten. Zugleich nahm die Anzahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung erheblich zu.
Eine Studie des Bundespresseamts, das dieses vergeblich unter Verschluss zu halten versuchte, enthüllte zudem, dass in der Bundeswehr eine überdurchschnittlich hohe Wahlbevorzugung der rechtsextremen NPD vorherrschte. Allerdings begann sich die nationalistisch-konservative Einstellung zum Ende der 1960er Jahre abzuschwächen, da der Anteil von ehemaligen Wehrmachtssoldaten zurückging. 1960 hatten 45,8 % der Unteroffiziere bereits in Reichswehr oder Wehrmacht gedient, 1970 waren es nur noch 9,6 %.
Die Bundeswehr der 1970er-Jahre
Außenpolitik der 1970er
Im Jahr 1970 unterzeichnete die neue sozialliberale Koalition von Willy Brandt gegen den Widerstand der Christdemokraten den Moskauer Vertrag sowie den Warschauer Vertrag, wodurch die diplomatischen Beziehungen zur Volksrepublik Polen normalisiert und die Oder-Neiße-Grenze als polnische Westgrenze anerkannt wurden. Brandts außenpolitische Wende brachte ihm den Friedensnobelpreis des Jahres 1971 ein.
Die Jahre 1972–1975 markierten den Höhepunkt der Entspannungspolitik des Kalten Krieges; die SALT I-Gespräche, der ABM-Vertrag, das Viermächteabkommen über Berlin, die Ostverträge und Neue Ostpolitik der ab 1969 in Westdeutschland regierenden sozialdemokratischen Regierung von Willy Brandt und der UNO-Beitritt der beiden deutschen Staaten im Jahr 1973 stellten eine deutliche Deeskalation der diplomatischen Beziehungen beider Machtblöcke dar. Am 21. Juni 1973 wurde der Grundlagenvertrag abgeschlossen, der die Aufnahme geregelter Beziehungen der beiden deutschen Staaten beinhaltete.
Nachdem die Guillaume-Affäre 1974 den Rücktritt Willy Brandts und den Amtsantritt von Helmut Schmidt mit sich gebracht hatte, folgte eine schärfere außenpolitische Linie gegenüber den Ostblockstaaten.
Am 28. Oktober 1977 hielt Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Rede in London, in der er weitere NATO-Marschflugkörper sowie Raketen vom Typ Pershing 2 für Mitteleuropa forderte, falls die Sowjetunion sich weigern sollte, ihre neuen Mittelstreckenraketen vom Typ RSD-10 (NATO-Bezeichnung „SS-20“) aus ihren westlichen Grenzgebieten nach Osten abzuziehen.
Der NATO-Doppelbeschluss des Jahres 1979, zu dessen wesentlichen Initiatoren Helmut Schmidt gehörte, löste wegen des Entschlusses zur Stationierung neuer US-amerikanischer nuklearer Mittelstreckenraketen in Westeuropa heftige gesellschaftspolitische Kontroversen in verschiedenen europäischen Ländern inklusive der Bundesrepublik aus.
Innenpolitik der 1970er
Auch in der Regierungszeit von Willy Brandt (1969–1974) blieben trotz der außenpolitischen Entspannungssignale an den Ostblock die Verteidigungsausgaben hoch; die Bundesregierung gab etwa ein Fünftel des Bundeshaushalts und ~3,2–3,6 % des Bruttoinlandsprodukts im Verteidigungsbereich aus.
Mit dem ersten Weißbuch stieß die sozialliberale Regierung unter Willy Brandt 1970 eine grundlegende Reform der Bundeswehr an.
Im Jahr 1970 wurde das Verteidigungsministerium umgegliedert und mit dem „Anrede-Erlass“ vorgeschrieben, dass auch vorgesetzte Soldaten ihre Untergebenen mit „Herr“ und dem Dienstgrad anzusprechen hatten.
Zum 3. Februar 1971 sank die Dauer des Grundwehrdienstes auf 15 Monate.
Als weitere, vorübergehende, Liberalisierung folgte Anfang 1971 der Haarnetz-Erlass.
Die Offiziersausbildung wurde stärker wissenschaftlich aufgebaut, wozu am 1. September 1973 die beiden Hochschulen der Bundeswehr in Hamburg und München ihre Arbeit aufnahmen.
Am 9. Juli 1972 verabschiedete der Bundestag eine Reservistenkonzeption und der 1960 gegründete Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr (VdRBw) erhielt den Auftrag, die allgemeine Reservistenarbeit der Bundeswehr durchzuführen.
Die Guillaume-Affäre des Jahres 1974, in der Bundeskanzleramtsreferent Günter Guillaume als DDR-Spion enttarnt wurde, brachte schließlich die Brandt-Regierung zu Fall, da der Kanzler als Reaktion auf die Affäre seinen Rücktritt erklärte. Sein Nachfolger wurde der Sozialdemokrat und vormalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt.
Am 24. Januar 1975 beschloss die Bundesregierung (Kabinett Schmidt I) eine Verfügungsbereitschaft im Anschluss an den Grundwehrdienst eines Soldaten bzw. nach Beendigung eines Dienstverhältnisses als Soldat auf Zeit (SaZ).
1977 hob ein Wehrpflichtänderungsgesetz der sozialliberalen Koalition (Kabinett Schmidt II) die Überprüfung von KDV-Anträgen generell auf und machte deren Anerkennung nur noch vom Zustandekommen eines Zivildienstvertrages abhängig. Nach einem abstrakten Normenkontrollantrag der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und dreier CDU-geführter Landesregierungen erklärte das Bundesverfassungsgericht diese „Postkartennovelle“ am 13. April 1978 für verfassungswidrig.
Nach mehreren kleineren Affären (darunter Rudel-Affäre und Abhör-Affäre mit Rücktritt Lebers am 1. Februar 1978) rückten die Militärpolitik und die Bundeswehr Ende der 1970er Jahre wieder in das öffentliche Interesse, als es breite Proteste gegen die nukleare Aufrüstung im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses gab.
Personal und Verbände der 1970er
1970 verweigerten 19.363 junge Männer (davon etwa die Hälfte Abiturienten) den Wehrdienst, 34 % mehr als 1969. 1971 verstärkte sich dieser Trend. Das Weißbuch 1970 beklagte, dass 26.000 Unteroffizier-Posten unbesetzt seien.
Im Jahr 1971 erreichten die zwölf Heeresdivisionen der drei Korps in der Allianzbewertung allesamt die NATO-Wertstufe II, womit ihnen ein hoher Einsatzwert bei geringen Mängeln attestiert wurde. Lediglich das außerhalb der NATO-Strukturen geführte Territorialheer war aus Sicht der Bündnispartner wegen seiner veralteten Ausrüstung, Zusammensetzung aus Reservistenverbänden und langsamen Reaktionszeit wesentlich kampfschwächer.
Am 29. Juni 1972 stimmte das Bundeskabinett der Einrichtung von Hochschulen der Bundeswehr zu. Am 16. Oktober 1972 und am 2. Januar 1973 erfolgten die Erlasse der Gründungsausschüsse für die Hochschulen der Bundeswehr Hamburg und München. Am 14. Februar und am 4. April 1973 stimmte der Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages der Errichtung von zwei Hochschulen zu. Am 1. Oktober 1973 begann dort der Lehr- und Forschungsbetrieb.
Zum 1. Oktober 1973 verfügte die Bundeswehr über insgesamt 486.000 Soldaten. Zum Heer gehörten 340.000 Mann, die hauptsächlich auf die 12 Heeresdivisionen (4 Panzerdivisionen, 4 Panzergrenadierdivisionen, 2 Jägerdivisionen, eine Gebirgsdivision, eine Luftlandedivision) verteilt waren. Die Marine verfügte über 38.000 Mann, 176 Schiffe (darunter 11 Zerstörer, 6 Fregatten, 8 U-Boote, 37 Schnellboote, 55 Minensucher) und 196 Flugzeuge der Marinefliegertruppe. Die Luftwaffe umfasste 108.000 Soldaten und war mit 465 Jagdbombern und leichten Jagdbombern, 90 Jägern, 80 Aufklärern, 90 Transportern und 733 weiteren Flugzeugen zuzüglich zahlreicher Flugabwehrkörper und Flugabwehrraketen ausgerüstet.
Am 7. November 1978 wurde die neue Heeresstruktur IV vorgestellt, nach welcher bis 1984 die Zahl der Brigaden von 33 auf 36 erhöht werden sollte.
Am 25. Juni 1979 berichtete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel über Berichte von Bundeswehrmedizinern, die pro Jahr rund 700 Trunksüchtige und 1000 Suizidversuche unter Alkoholeinfluss registrierten.
Am 12. Juli 1979 wurde die Internationale Fernspähschule in Neuhausen ob Eck zur Ausbildung der Fernspäher eröffnet.
Ausrüstung der 1970er
Unter Georg Leber, ab 1972 Verteidigungsminister, erlebte die Bundeswehr ein umfassendes technisches Modernisierungsprogramm und wurde mit moderneren Waffen ausgestattet.
Heeresrüstung der 1970er
Am 7. Mai 1971 begann die Auslieferung des Schützenpanzers Marder an das Heer.
Am 26. August 1975 erhielt das Heer die ersten Achtrad-Spähpanzer Luchs.
Ab 19. Oktober 1977 wurden die neuen Panzerabwehrlenkraketensysteme HOT und MILAN beim Heer eingeführt.
Am 13. Oktober 1978 erhielt das Heer die erste multinational entwickelte Feldhaubitze FH155-1. Die Einführung dieser Waffe in Deutschland, Großbritannien und Italien war ein bedeutender Schritt zur Standardisierung innerhalb der NATO.
Am 24. Oktober 1979 wurde der erste von 1.800 Kampfpanzern vom Typ Leopard 2 übergeben; er kam zur Panzerlehrbrigade 9 in der Panzertruppenschule in Munster.
Marinerüstung der 1970er
Der Zustandsbericht der Marine von 1970 traf ein negatives Urteil über den Kampfwert der Flotte: „Der Einsatzwert der Flotte kann […] nicht befriedigen. Der von ihr geforderte Beitrag zu einer glaubhaften Abschreckung wird qualitativ nur von den Marinefliegern und den [drei] Zerstörern der ‹Lütjens-Klasse› zufriedenstellend erreicht.“
Von Oktober 1972 bis August 1975 wurden 20 Flugkörper-Schnellboote der Tiger-Klasse (Klasse 148) indienstgestellt.
Von November 1976 bis Juli 1977 wurden zehn Flugkörper-Schnellboote der Albatros-Klasse (Klasse 143) indienstgestellt.
Luftwaffenrüstung der 1970er
Ab 1971 wurden die ersten Maschinen einer Bestellung von insgesamt 88 amerikanischen Aufklärungsflugzeuge vom Typ RF-4E Phantom an die zwei Aufklärungsgeschwader der Luftwaffe ausgeliefert. Dazu kamen darüber hinaus 175 Maschinen der Kampfversion F-4F Phantom. Diese insgesamt 263 Phantoms beschaffte die Bundesregierung auch aus dem Grund, dass die europäische Luftrüstungsindustrie zu Beginn der 1970er nicht in der Lage war, ein konkurrenzfähiges Produkt zu entwickeln und zu produzieren. Diese Beschaffung wurde explizit als ‚Lückenfüller‘ (englisch gap filler) bezeichnet.
Im Jahr 1976 meldete die Bundeswehr den Bedarf an einem reinen Kampfhubschrauber an. Nachdem sich die Bundesregierung aus politischen Gründen gegen die Beschaffung des verfügbaren US-amerikanischen Modells Boeing AH-64 „Apache“ entschieden hatte, begann eine deutsch-französische Entwicklungskooperation für ein neues Modell. Die Entwicklung des Eurocopter Tiger war von Unstimmigkeiten, Verzögerungen und Kostensteigerungen geplagt, sodass der Tiger erst 1991 seinen Erstflug und erst 2013 den ersten Kampfeinsatz fliegen konnte. Die Entstehungsgeschichte des Modells Tiger gilt als prominentes Beispiel für verfehlte Rüstungsbeschaffungsprojekte der Bundeswehr; aufgrund hoher Nutzungskosten ist für die 2030er-Jahre bereits die Außerdienststellung angedacht.
Das Bundeskabinett stimmte am 31. Oktober 1978 der Anschaffung des Flugzeug-gestützten Radarsystems AWACS zu. Die Bundesrepublik beteiligte sich mit 1,16 von insgesamt 3,9 Milliarden DM an den Beschaffungskosten.
Im Jahr 1979 begann die Produktion des deutsch-britisch-italienische Gemeinschaftsprojekts Panavia Tornado, wodurch im Kalten Krieg erstmals ein konkurrenzfähiges europäisches Kampfflugzeug zur Verfügung stand.
Manöver und Einsätze der 1970er
Nach dem Orkan Quimburga am 13. November 1972 halfen rund 4800 Soldaten mit 600 Fahrzeugen, Sturmschäden in Norddeutschland zu beseitigen.
Am 12. August 1975 wurden 8000 Soldaten bei der Bekämpfung des Waldbrandes in der Lüneburger Heide eingesetzt.
Im August 1976 leistete die Bundeswehr Katastrophenhilfe im Erdbebengebiet von Friaul in Norditalien. Der Einsatz, an dem 800 Soldaten mit 223 Kraftfahrzeugen, 30 Pioniermaschinen und vier Hubschraubern eingesetzt wurden, dauerte bis zum 31. Januar 1981.
Am 18. September 1978 beginnen in Norddeutschland, Hessen und Nordbayern fast zeitgleich vier größere NATO-Herbstmanöver („Blaue Donau“, „Certain Shield“, „Saxon Drive“, „Bold Guard“) mit insgesamt rund 200.000 NATO-Soldaten. Es waren die umfangreichsten Militärmanöver in Deutschland seit Kriegsende 1945.
Am 3. Dezember 1978 flog ein Transportflugzeug der Bundeswehr 163 vietnamesische Flüchtlinge nach Hannover. Bis zum 9. Dezember 1978 wurden bis zu 1.000 Vietnamesen des Frachtschiffs Hai Hong nach Niedersachsen gebracht. Bereits am 25. November 1978 konnten die ersten der rund 2.500 an Bord befindlichen Flüchtlinge das Schiff verlassen und wurden nach Kanada ausgeflogen. Die Hai Hong hatte Vietnam am 25. Oktober 1978 verlassen und befand sich für mehrere Wochen ohne Ankererlaubnis vor der Küste Malaysias.
Führungskultur und Ausbildung der 1970er
Im März 1971 solidarisierten sich über 800 Hauptleute mit einem offenen Brief, in dem die Hauptleute von Unna der Bundesregierung (Kabinett Brandt I, Verteidigungsminister war Helmut Schmidt) und der Generalität (Generalinspekteur war Ulrich de Maizière) Vorwürfe gemacht hatten.
Am 29. Juni 1972 stimmte das Bundeskabinett der Einrichtung von Hochschulen der Bundeswehr zu, die künftig fester Bestandteil der Offiziersausbildung der Bundeswehr werden sollten.
Am 19. Februar 1975 stimmte das Bundeskabinett der Regierung Helmut Schmidt dem Vorschlag des damaligen Verteidigungsministers Georg Leber zu, approbierte Ärztinnen, Zahnärztinnen, Tierärztinnen und Apothekerinnen als Sanitätsoffiziere in der Bundeswehr einzustellen. Nach Änderung des Soldatengesetzes und der Wehrdisziplinarordnung traten am 1. Oktober 1975 die ersten fünf weiblichen Sanitätsoffiziere ihren Dienst an.
Die Bundeswehr der 1980er-Jahre
Außenpolitik der 1980er
Der Amtsantritt des in der Präsidentschaftswahl 1980 gegen den abrüstungsgewillten Amtsinhaber Jimmy Carter siegreichen erklärten Antikommunisten Ronald Reagan signalisierte eine Verschärfung des Kalten Krieges aus der Richtung der USA.
Das Kriegsrecht in Polen 1981–1983 erschwerte die Beziehungen zwischen West- und Ostblock.
Im Jahr 1982 zerbrach die von Helmut Schmidt geführte sozialliberale Koalition, wonach eine christliberale Koalition unter Helmut Kohl (CDU) die Macht übernahm. Kohl bekundete seinen Willen, die Deutschlandpolitik seiner sozialdemokratischen Amtsvorgänger fortzusetzen und den Dialog mit der DDR fortzuführen.
Im Jahr 1983 erreichte der Rüstungswettlauf der frühen 1980er-Jahre einen Höhepunkt, als US-Präsident Reagan die Umsetzung der Strategic Defense Initiative (SDI) ankündigte, die es den USA ermöglichen sollte, gegnerische Nuklearwaffen aus dem Weltraum heraus abzuschießen. Die SDI wurde nie verwirklicht, provozierte aber in der Sowjetunion heftige Reaktionen.
Durch den Wandel der sowjetischen Außenpolitik unter KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow und den eingeleiteten Reformen (Glasnost und Perestroika) gab es kontroverse Diskussionen innerhalb der NATO-Staaten, wie auf diese Politik reagiert werden sollte.
Im März 1987 nahmen erstmals zwei Bundeswehroffiziere als Beobachter an einem Manöver des Warschauer Paktes in der DDR teil.
Im Jahr 1987 stellte die US-Regierung vor dem Hintergrund der Komplikationen des Ersten Golfkriegs (1980–1988) die NATO-Partner inklusive der Bundesrepublik um die Entsendung von Kriegsschiffen in den Persischen Golf, um dort Geleitschutz- und Minenräumaufgaben der US-Marine zu unterstützen. Die Bundesregierung entzog sich dieser Forderung mit einem Hinweis auf vermeintliche verfassungsrechtliche Schranken, erklärte sich aber nach einer chaotischen innenpolitischen Debatte bereit, stattdessen Einheiten der Bundesmarine ins Mittelmeer zu verlegen, um dort Kräfte der US-Flotte für den Persischen Golf freizumachen.
Am 2. Februar 1989 wurden die MBFR-Verhandlungen nach fast 16 Jahren erfolglos abgebrochen und durch die am 9. März 1989 begonnenen Verhandlungen zu einem Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) ersetzt. Im Mai 1989 wurde ein NATO-Kommunique zur Modernisierung der nuklearen Kurzstreckenraketen (SRBM) von der weiteren Entwicklung innerhalb des Warschauer Paktes abhängig gemacht.
Am 9. November 1989 öffnet die Deutsche Demokratische Republik die Grenzübergänge zur Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin.
Ab dem 21. Dezember 1989 konnten Soldaten und zivile Mitarbeiter der Bundeswehr ohne förmliches Genehmigungsverfahren in den Ländern des Warschauer Paktes reisen.
Innenpolitik der 1980er
Im Mai 1980 veranstaltete die Bundeswehr anlässlich des 25. Jahrestags des NATO-Beitritts ein öffentliches Gelöbnis von 1200 Rekruten im Weserstadion in Bremen, woraufhin heftige Proteste und Straßenschlachten die Stadt erschütterten. Daraufhin verzichtete die Bundeswehr weitgehend auf öffentliche Gelöbnisse.
Der auf Verteidigungsminister Hans Apel ab 4. Oktober 1982 folgende Manfred Wörner wurde bereits 1984 durch die Kießling-Affäre schwer geschädigt und konnte sich nur mit Mühe im Amt halten. Nach seinem Rücktritt trat Wörner am 1. Juli 1988 das Amt des NATO-Generalsekretärs an.
Am 22. November 1983 beschloss der Bundestag auf Antrag der Kohl-Regierung und trotz heftiger Proteste der Bevölkerung, dem NATO-Doppelbeschluss von 1979 entsprechend die Aufstellung neuer Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II zu erlauben.
Ab 1. Juni 1989 war, nachdem nun die geburtenschwächeren Jahrgänge ab Ende der 1960er Jahre zum Grundwehrdienst anstanden, eine erneute Verlängerung der Dienstdauer auf 18 Monate vorgesehen. Im April 1989 beschloss die Bundesregierung zunächst eine Verschiebung bis zum Sommer 1992. Aufgrund des ab dem Zerfall des Ostblocks einsetzenden Zustroms junger Aussiedler und der Auswertung der Volkszählung konnte die erforderlich gehaltene Personalstärke (495.000 Soldaten Friedensstärke, 1.340.000 Soldaten Verteidigungsstärke) aufrechterhalten werden. Durch das Ende des Kalten Krieges, der am 21. November 1990 formell beigelegt wurde, folgte auch ein Verzicht auf eine Verlängerung des Grundwehrdienstes auf 18 Monate.
Personal und Verbände der 1980er
1981 meldete das Verteidigungsministerium, der Bundeswehr fehlten 19.000 Unteroffiziere.
Am 30. Juni 1981 wurde das 3. Zerstörergeschwader in Kiel aufgelöst.
Der Umfang der Bundeswehr umfasste 1985 rund 495.000 Soldaten inklusive 230.000 Wehrpflichtiger. Auf das Heer entfielen dabei 335.500, auf die Luftwaffe 105.900 und auf die Marine 36.400 Soldaten. Darüber hinaus beschäftigte die Bundeswehr 180.000 zivile Mitarbeiter. Die Mobilisierungsstärke der Bundeswehr lag bei 1.300.000 Mann.
Ausrüstung der 1980er
Heeresrüstung der 1980er
Am 4. Dezember 1980 wurde in Celle der erste Panzerabwehrhubschrauber PAH 1 an das Heer übergeben.
Am 15. Juni 1981 erfolgte die Übergabe des ersten Flugabwehrraketenpanzer Roland. Bis Ende 1983 war die Beschaffung von 140 Panzern vorgesehen.
Ab Ende 1983 erhielt das Heer den Jagdpanzer Jaguar 2.
Am 3. Juni 1986 wurde das erste Minenwurfsystem Skorpion an die Pioniertruppe übergeben. Bis Ende 1988 war die Beschaffung von 300 Stück geplant.
Ab 1. Juni 1987 übernahm das Heer die ersten Raketenwerfer des Mittleren Artillerieraketensystems (MARS).
Am 18. Februar 1988 wurde der erste von 140 für das Heer vorgesehenen Spürpanzern vom Typ Fuchs dem ABC-Abwehrbataillon 210 in Sonthofen übergeben.
Marinerüstung der 1980er
Ab dem 28. August 1980 erfolgte bei der Marine und Luftwaffe die Einführung des Panavia Tornado.
Von Mai 1982 bis März 1990 wurden acht Fregatten der Bremen-Klasse (F122) indienstgestellt.
Luftwaffenrüstung der 1980er
Ab dem 28. August 1980 wurden die Luftwaffe und Marine mit dem Mehrzweckkampfflugzeug Tornado ausgerüstet. Geplant waren zunächst 322 Flugzeuge für sechs Geschwader.
Am 30. Juni 1982 wurde das NATO-Frühwarnsystem AWACS in Geilenkirchen-Tevern stationiert.
Am 23. Oktober 1987 wurde das Jagdbombergeschwader 34 als letzter Verband von dem Jagdbomber F-104G Starfighter auf das Mehrzweckkampfflugzeug Tornado umgerüstet.
Ab Dezember 1986 wurden die ersten aus den USA gelieferten bodengestützten Mittelstrecken-Flugabwehrraketensysteme MIM-104 Patriot von der Luftwaffe übernommen.
Manöver und Einsätze der 1980er
Im November 1983 wurde mit Able Archer 83 ein europaweites zehntägiges NATO-Manöver abgehalten, das einen Atomkrieg simulierte.
Am 15. Juni 1987 wird der Tender Neckar in internationalen Gewässern vor der Oblast Kaliningrad in der Ostsee von einer polnischen Korvette beschossen. Die Neckar, die ein Übungsschießen von Marinen der Warschauer-Pakt-Staaten beobachtet hatte, wurde von acht Schiffsartilleriegeschossen getroffen, als ein polnisches Schiff auf eine aus Richtung der Neckar fliegende Zieldrohne das Feuer eröffnete. Die Neckar befand sich dabei in der Schusslinie der 1983 in Dienst gestellten polnischen Flugkörperkorvetten ORP Górnik (434) und ORP Hutnik (435) der Tarantul-Klasse. Drei Soldaten wurden durch Splitter verletzt; es entstand Sachschaden in Höhe von 560.000 DM. Die deutsche Bundesregierung protestierte am 16. Juni 1987 gegen dieses Verhalten.
Vom 12. bis 16. Oktober 1989 besuchte ein Flottenverband der Bundesmarine mit dem Zerstörer Rommel, der Fregatte Niedersachsen und dem Versorgungsschiff Coburg den sowjetischen Flottenstützpunkt in Leningrad.
Führungskultur und Ausbildung der 1980er
Nach den Unruhen anlässlich des öffentlichen Gelöbnisses im Weserstadion im Mai 1980 verzichtete die Bundeswehr zum Ärger vieler ihrer Soldaten weitgehend auf öffentliche Gelöbnisse.
Am 15. März 1982 stärkte der Bundestag das Amt des Wehrbeauftragten, der fortan vom Verteidigungsminister und allen diesem unterstellten Dienststellen und Personen Auskunft und Akteneinsicht verlangen und jederzeit Einrichtungen der Bundeswehr ohne Voranmeldung besuchen kann.
Verteidigungsminister Hans Apel betonte mit dem zweiten Traditionserlass vom 20. September 1982 die Distanzierung der Bundeswehr von der Wehrmacht. Der Traditionserlass „Bundeswehr und Tradition“ vom Juli 1965 wurde damit gleichzeitig aufgehoben.
Am 1. Juni 1989 traten mit den einberufenen Rekruten erstmals 50 weibliche Sanitätsoffizier-Anwärterinnen ihren Dienst bei den Streitkräften an.
Die Bundeswehr der Wiedervereinigung, 1990–2001
Außenpolitik der 1990er
Am 27. April 1990 einigen sich der Verteidigungsminister der Bundesrepublik Gerhard Stoltenberg und der Abrüstungs- und Verteidigungsminister der DDR Rainer Eppelmann in Köln auf die Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands in der NATO.
Am 15. und 16. Juli 1990 werden die Modalitäten der Wiedervereinigung Deutschlands durch den Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow und Bundeskanzler Helmut Kohl beraten. Im Zwei-plus-Vier-Vertrag wird schließlich die Reduzierung der Bundeswehr auf eine Stärke von maximal 370.000 Soldaten bis Ende 1994 vereinbart.
Am 3. Oktober erfolgte die Deutsche Wiedervereinigung. Die Auflösung der DDR brachte auch die Auflösung der NVA mit sich, deren Bestände von der Bundeswehr übernommen und anschließend in großen Mengen verschrottet, abgewrackt oder verkauft werden mussten.
Seit dem Ende des Kalten Krieges veränderte sich das Aufgabenspektrum der Bundeswehr. Im Mittelpunkt stand nun nicht mehr die klassische Landesverteidigung, sondern Krisenbewältigung und Konfliktverhütung. Das stellte andere Anforderungen an die Soldaten und ihr Material.
Am 22. Mai 1992 beschlossen Deutschland und Frankreich die Aufstellung eines europäischen Armeekorps. Weitere Staaten der WEU sind zur Teilnahme eingeladen. Das Eurokorps sollte dabei der Kern einer europäischen Verteidigungsidentität werden.
Am 15. Oktober 1996 beendete die Bundeswehr die Nutzung des walisischen Truppenübungsplatzes Castlemartin in der Grafschaft Pembrokeshire. Seit Mai 1961 übten dort Panzer- und Panzeraufklärungsverbände des Heeres mit ihren Kampfpanzern den scharfen Schuss. Insgesamt nahmen an dem Gefechtsschießen 336 Einheiten mit über 95.000 Soldaten teil.
Innenpolitik der 1990er
Der Verteidigungsetat 1999 betrug 47,52 Milliarden DM, wovon 74,22 Prozent bzw. 35,27 Milliarden DM (18,03 Milliarden Euro) auf die Betriebskosten und 25,78 Prozent bzw. 12,25 Milliarden DM auf verteidigungsinvestive Ausgaben (Entwicklung und Beschaffung neuer Ausrüstung) entfielen.
Personal und Verbände der 1990er
Im April 1990 werden in Münster, Lahnstein und Weiden Unteroffiziersschulen des Heeres eröffnet.
Am 30. August 1990 wurde Generalleutnant Jörg Schönbohm Befehlshaber des neuen Bundeswehrkommandos Ost mit Hauptquartier in Strausberg. Das Kommando diente als Zentrale Führungseinrichtung aller Truppenteile, Stäbe und Einrichtungen auf dem Gebiet der neuen Bundesländer für eine Übergangszeit von mindestens sechs Monaten und leitete die Auflösung der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR ein.
Am 3. Oktober 1990 wurde die Nationale Volksarmee (NVA) der Deutschen Demokratischen Republik aufgelöst und die Standorte, Einrichtungen und Ausrüstung an die Bundeswehr übergeben. Die Befehls- und Kommandogewalt der gesamtdeutschen Streitkräfte übernahm der Bundesminister der Verteidigung Gerhard Stoltenberg (CDU). Ein großer Teil des Unteroffizierskorps sowie nahezu das gesamte Offizierskorps wurden entlassen, nur 3.200 dieser zuletzt noch 36.000 Personen zählenden Kader wurden eingestellt. Die ehemaligen NVA-Angehörigen wurden dabei häufig mit einem oder auch zwei Dienstgraden niedriger in die Bundeswehr übernommen, da die Beförderungen in der NVA früher erfolgten als in der Bundeswehr und daher der Übernahmedienstgrad so berechnet wurde, als wenn der ehemalige NVA-Angehörige von Anfang an in der Bundeswehr gedient hätte.
Am 17. Oktober 1990 wurde nach zwei Aufbaujahren die Deutsch-Französische Brigade in Dienst gestellt.
Ende 1997 betrug die Sollstärke der Bundeswehr rund 338.000 Soldaten.
Ausrüstung der 1990er
Die meisten der vorhandenen Militärstandorte in der DDR wurden geschlossen und die umfangreiche Ausrüstung entweder durch die Bundeswehr zunächst weitergenutzt oder im Rahmen der Vereinbarungen des KSE-Vertrages verschrottet, zu geringen Teilen auch an andere Staaten verkauft oder verschenkt, so etwa Schützenpanzerwagen an die Türkei, Pionierfahrzeuge an Schweden, Luftabwehrsysteme an Griechenland oder Schiffe an Indonesien. Eine Auswahl von allen Waffensystemen wurde in die USA zum Test und als interne Manövergegner überführt.
Insgesamt gingen aus den Beständen der NVA 767 Luftfahrzeuge (Hubschrauber, Flugzeuge), 208 Schiffe und Boote, 2.761 Kampfpanzer, 9.467 gepanzerte (Kampf-)Fahrzeuge, 133.900 Radfahrzeuge (PKW, LKW, Anhänger, Kräder etc.), 2.199 Artilleriewaffen, 1.376.650 Handfeuerwaffen, 303.690 Tonnen Munition und 62.535 Tonnen flüssige kritische Stoffe (Raketentreibstoffe, Reinigungsmittel, Gefahrstoffe) in den Besitz der Bundeswehr über.
Die Bundeswehr übernahm große Mengen von Ausrüstung, Ersatzteilen, Verbrauchsmaterial der aktiven und nichtaktiven Verbände der NVA. Eine Materialübergabe mit entsprechender Dokumentation gemäß Bundeshaushaltsordnung und militärischer Vorschriften wurde nicht durchgeführt, es erfolgte vielmehr eine Übernahme vor Ort wie vorgefunden. So wurde das Kampfflugzeug MiG-29, der Hubschrauber Mi-8 übernommen.
Heeresrüstung der 1990er
Am 2. August 1990 erhielt die Luftlandetruppe die ersten gepanzerten Waffenträger Wiesel.
Von 1989 bis 2003 wurden beim Heer die Panzerhaubitzen M109 durch die Panzerhaubitze 2000 ersetzt.
Zwischen 1989 bis 1998 wurden insgesamt 2097 Schützenpanzer Marder auf die Version A3 mit besserem Schutz gebracht.
Von 1996 bis 1998 erhielten die Panzerpionierkompanien 24 Minenräumpanzer Keiler. Ab 1996 begann die Auslieferung des Amphibischen Brücken- und Übersetzfahrzeugs M3 für die Pioniertruppe sowie die ersten Auslieferungen des geschützten Radfahrzeugs ATF Dingo für die Einsätze im Kosovo (KFOR) und Mazedonien.
Marinerüstung der 1990er
Die Marine stellte von 1992 bis 1995 die vier Fregatten der Brandenburg-Klasse (Brandenburg, Schleswig-Holstein, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern) in Dienst.
Zwischen 1993 bis 1994 stellte die Marine sechs Versorgungsschiffe des Typs Klasse 404 in Dienst.
Manöver und Einsätze der 1990er
Das Ende des Kalten Krieges bedeutete für die Bundeswehr eine Neuorientierung in Richtung internationaler Einsätze. Dies war zunächst in der Bevölkerung nicht sehr beliebt; das Institut für Demoskopie Allensbach stellte im Oktober 1990 nur bei 24 % der Westdeutschen und bei 19 % der Ostdeutschen Zustimmung dafür fest, dass die Voraussetzungen für deutsche Militäreinsätze im Rahmen der UNO geschaffen werden sollten. Die Ablehnung lag dagegen bei 55 % bzw. 53 %. Anfang der 1990er-Jahre stieg aber die Bereitschaft der Bevölkerung, militärische Einsätze mitzutragen; die Zustimmung stieg bis März 1992 auf 45 % bzw. 26 % und bis 1996 auf 56 % bzw. 42 % in West und Ost.
Zwischen 1990 und 1991 beteiligte sich die Bundeswehr an der Operation Südflanke im Mittelmeer und im Persischen Golf.
Während des Zweiten Golfkrieges wurden ab 5. Januar 1991 zunächst 212 Soldaten des Jagdbombergeschwaders 43 aus Oldenburg mit 18 Kampfflugzeugen vom Typ Alpha Jet im Rahmen der NATO Allied Command Europe Mobile Forces nach Erhac in die Türkei verlegt. Deutschland kam damit symbolisch seiner Verpflichtung nach, im Rahmen der NATO-Doktrin einen möglichen Angriff auf die Türkei als einen Angriff auf alle NATO-Staaten zu betrachten und dementsprechend zu reagieren. Die türkische Regierung zeigte sich enttäuscht, dass nicht die kampfstarken Tornado-Verbände zur Verfügung gestellt wurden und betrachtete die Alpha Jets als nicht ausreichenden Schutz.
Am 6. März 1991 wurde auf Ersuchen der USA auch ein deutscher Minenabwehrverband im Rahmen der Operation Südflanke in den Persischen Golf verlegt. Vor der Küste Kuwaits werden Seeminen durch das Minenabwehrsystem Troika (Minenabwehrdrohnen) geräumt.
Von August 1991 bis zum 30. September 1996 beteiligten sich deutsche Soldaten an der United Nations Special Commission im Irak.
Ab 1992 begannen im Zuge der seit 1991 in Südosteuropa wütenden Jugoslawienkriege für die Bundeswehr zahlreiche kleinere und größere Missionen in Südosteuropa, zu denen Operation Sky Monitor (1992), Operation Maritime Monitor (1992), Operation Maritime Guard (1992–1993), Operation Deny Flight (1993–1995), Operation Sharp Guard (1993–1996), die United Nations Protection Force (1995), die Operation Deliberate Force (1995), die Implementation Force in Bosnien-Herzegowina (1995–1996), SFOR (1996–2004), KFOR (seit 1999), Operation Allied Harvest (1999), Operation Allied Force (1999) und Operation Althea (seit 2004) gehörten.
Zwischen 1992 und 1993 unterstützte die Bundeswehr die UNTAC-Mission in Kambodscha.
Im Zeitraum 1993–1994 beteiligte sich der Deutsche Unterstützungsverband Somalia im Rahmen der Mission UNOSOM II an Stabilisierungsaufträgen in Somalia. Vom 27. Januar bis zum 15. April 1994 führten deutsche Verbände die Operation Southern Cross durch, um den Unterstützungsverband nach Deutschland zurückzubringen.
1994 war die Bundeswehr in Ruanda an der Mission UNAMIR beteiligt.
Am 14. Juli 1994, dem französischen Nationalfeiertag, paradierten deutsche Panzergrenadiere des Panzergrenadierbataillons 294 mit Schützenpanzer Marder zusammen mit belgischen, spanischen und französischen Einheiten des Eurokorps auf der Avenue des Champs Élysées in Paris.
Vom 8. bis 13. September 1996 fand zum ersten Mal in Deutschland auf dem Truppenübungsplatz Munster mit der „Cooperative Lantern 96“ eine Stabsrahmenübung des NATO-Programms Partnerschaft für den Frieden mit multinationaler Beteiligung aus 18 Staaten statt.
Im Jahr 1997 intervenierte die Bundeswehr vor dem Hintergrund des Lotterieaufstands in Albanien mit der Operation Libelle.
Führungskultur und Ausbildung der 1990er
Im November 1995 stellte Bundesverteidigungsminister Volker Rühe fest: „Die Wehrmacht war als Organisation des Dritten Reiches, in ihrer Spitze, mit Truppenteilen und mit Soldaten in Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt. Als Institution kann sie deshalb keine Tradition begründen.“
Die Bundeswehr und der Krieg gegen den Terror, 2001–2010
Innenpolitik der 2000er-Jahre
Infolge des Luftangriffs bei Kundus in Afghanistan am 4. September 2009 trat der Bundesarbeitsminister und vorherige Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung am 30. November 2009 zurück. Die Bundeswehr hatte die ISAF-Operationsführung im Raum Kundus (2009–2014).
Die intensiven Debatten, die dem Luftangriff bei Kundus folgten, veränderten das Bild der Bundeswehr in der deutschen Zivilgesellschaft. Nachdem sowohl die Politik als auch die Streitkräfte selbst lange Zeit das ein vages Bild bewaffneter humanitärer Hilfeleister gezeichnet hatten, die im Mittleren Osten hauptsächlich mit Entwicklungsleistungen und Brunnenbau beschäftigt waren, zeigten die Luftschläge des 4. September mit seinen über 100 Todesopfern, dass der deutsche Afghanistaneinsatz ein genuiner Kriegseinsatz war.
Personal und Verbände der 2000er-Jahre
Zum 1. Oktober 2000 nahmen zwei neue zentrale ‚Organisationsbereiche‘, der Zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr (ZSanDstBw) und die Streitkräftebasis (SKB), ihren Betrieb auf.
Ausrüstung der 2000er-Jahre
Heeresrüstung der 2000er-Jahre
Von 2003 bis 2009 erfolgt die Auslieferung und Umrüstung des Heeres vom Spähpanzer Luchs zum Spähwagen Fennek und ab Oktober 2010 folgt die Auslieferung der ersten Transporthubschrauber vom Typ NH90 an die Bundeswehr.
Von 2005 bis 2011 wurden über 400 luftverlade- und luftverlastbare Mehrzweckfahrzeuge vom Typ ESK Mungo für die Division Spezielle Operationen (DSO) beschafft. Für das Kommando Spezialkräfte (KSK) erfolgte die Beschaffung von 21 luftverlastbare Mehrzweckfahrzeuge vom Typ Serval
Von 2009 an beginnt die Auslieferung des gepanzerten Radfahrzeugs Eagle IV unter anderem für den Militäreinsatz in Afghanistan.
Marinerüstung der 2000er-Jahre
Die Fregatten Sachsen, Hamburg und Hessen der Sachsen-Klasse werden von 2004 bis 2006 in Dienst gestellt. Die Korvetten der Braunschweig-Klasse, die Braunschweig und die Magdeburg werden 2008 in Dienst gestellt.
Das 1. Ubootgeschwader stellte von 2005 bis 2007 die vier konventionellen Jagd-U-Boote U 31, U 32, U 33, U 34 der Klasse 212 A in Dienst. Das Trossgeschwader stellte 2001 und 2002 die beiden Einsatzgruppenversorger Berlin und Frankfurt am Main in Dienst.
Luftwaffenrüstung der 2000er-Jahre
Anfang 2003 erhält die Luftwaffe das Mehrzweckkampfflugzeug Eurofighter Typhoon. Der Zulauf der 33 bestellten Eurofighter der 1. Tranche erfolgte bis Mitte 2008, der Zulauf der Tranche 2 über 79 Flugzeuge begann im Dezember 2008 und wurde 2015 abgeschlossen.
Manöver und Einsätze der 2000er-Jahre
Ab Oktober 2001 wurde unter deutscher Beteiligung die Operation Active Endeavour (2001–2016) durchgeführt.
Die Bundeswehr beteiligte sich im Rahmen der Operation Enduring Freedom auch an der International Security Assistance Force (2001–2014; „ISAF“) in Afghanistan.
Ein Marinekontingent überwacht seit Anfang 2002 von einem Stützpunkt in Dschibuti aus das Seegebiet am Horn von Afrika als Teil der internationalen Operation Enduring Freedom. In der Anfangsphase waren daran drei Fregatten, fünf Schnellboote, mehrere Hilfsschiffe, Seefernaufklärer und Hubschrauber mit etwa 1500 Soldaten beteiligt. Das war der bisher größte Einsatz der Marine seit 1990. Inzwischen ist der Umfang erheblich reduziert worden. Das Marinekontingent besteht aus einer Fregatte, zeitweilig einem Versorgungsschiff und einer kleinen Basis in Dschibuti.
Im Sommer 2004 nahm die Luftwaffe von Alaska aus mit Tornado-Kampfflugzeugen an Cooperative Cope Thunder teil, einer 15-tägigen großen multinationalen Übung im Pazifikraum.
Im Jahr 2006 war die Bundeswehr an der EU-Mission EUFOR RD Congo in der Demokratischen Republik Kongo beteiligt.
Im Juni und Juli 2006 beteiligte sich die Bundeswehr an der Übung Steadfast Jaguar auf den Kapverden, dem ersten NATO-Manöver auf afrikanischem Boden. Die Übung mit 6.500 NATO-Soldaten diente dem Nachweis der Einsatzbereitschaft der NATO Response Force (NRF). Die deutsche Beteiligung bestand aus der Deutsch-Französischen Brigade und Marineeinheiten.
Ab September 2006 nahm der „Deutsche Einsatzverband Marine“ zur Befriedung des Libanonkriegs von 2006 an der UN-Mission UNIFIL teil.
Die Bundeswehr beteiligt sich im Rahmen der „EU NAVFOR Somalia“ an der Operation Atalanta (seit 2008) vor der Küste Somalias.
Nach dem kontroversen Luftangriff bei Kundus (4. September 2009) sah sich der ehemalige Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung am 30. November 2009 zum Rücktritt genötigt.
Führungskultur der 2000er-Jahre
Die 10. Panzerdivision erhielt am 29. Juli 2009 als erste Division eine eigene Truppenfahne.
Die Bundeswehr in den Jahren 2010–2022
Außenpolitik der 2010er-Jahre
Die Annexion der Krim 2014 sorgte für eine Verschärfung der sicherheitspolitischen Lage in Mittelosteuropa und erhöhte nach zwei Jahrzehnten der generellen Entspannung den Antagonismus zwischen der NATO einerseits und der Russischen Föderation andererseits.
Innenpolitik der 2010er-Jahre
Im Jahr 2010 wurde plakativ die „Neuausrichtung der Bundeswehr“ befohlen. Der Streitkräfteumfang sollte auf 185.000 Soldaten reduziert, das Bundesministerium der Verteidigung mit Fokus auf den Berliner Dienstsitz vergrößert, eine Grobstruktur der drei Teilstreitkräfte und zwei Organisationsbereiche zum 20. September 2011 befohlen, die Bundeswehrverwaltung tiefgreifend reformiert, laufende Rüstungsprojekte geprüft, die Dienstvorschriften der Bundeswehr reformiert, das Reservistenwesen neu gefasst und der Generalinspekteur der Bundeswehr institutionell gestärkt werden.
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kündigte im August 2010 die Aussetzung der Wehrpflicht und die Einführung eines freiwilligen Wehrdienstes an, der zwölf bis 23 Monate dauern soll. Gleichzeitig kündigte er auch eine Verkleinerung der Bundeswehr auf 163.500 Soldaten in Deutschland an. Zwischenzeitlich wurde jedoch von einem Umfang der Streitkräfte von bis zu 185.000 Soldaten ausgegangen. Am 15. Dezember 2010 wurde durch das Bundeskabinett eine Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 beschlossen. Zum 1. Januar 2011 wurden zum letzten Mal Wehrpflichtigen einberufen, seit dem 1. März 2011 wurden Wehrpflichtige nicht mehr zum Dienst verpflichtet. Es besteht seitdem die Möglichkeit einen Freiwilligen Wehrdienst als Wehrdienstart für Mannschaften mit einer Dauer von 6 bis 23 Monaten nach Abschnitt 7 des Wehrpflichtgesetzes zu leisten. Zum 1. Juli 2011 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt.
Am 26. Oktober 2011 wurde das Stationierungskonzept 2011 verkündet.
Im Jahr 2011 wurden auch die Verteidigungspolitischen Richtlinien 2011 vorgestellt.
Personal und Verbände der 2010er-Jahre
Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), stellte am 29. Januar 2019 den 60. Jahresbericht vor. Darin schrieb er, das System der Mangelbewirtschaftung bestehe in allen Bereichen der Bundeswehr fort. Als Haupthindernis für notwendige Verbesserungen erlebten viele Soldaten die Überorganisation von allem und jedem. Sie sagen: „Wir verwalten uns zu Tode“ und sprechen vom „Bürokratiemonster Bundeswehr“, so Bartels. Im Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan (Resolute Support) mussten rund 80 Prozent der militärischen Transporte mit zivilen Hubschraubern absolviert werden. In allen Bereichen mangele es an Material. Kaum einsatzbereite Kampfpanzer Leopard 2, teure Nachrüstungsprogramme für den neuen Schützenpanzer Puma, keine Tanker bei der Marine im zweiten Halbjahr 2018, ein großer Teil der U-Boote defekt, weniger als die Hälfte der Mehrzweckkampfflugzeuge Eurofighter und Tornado waren flugfähig. Auf ein Minimum reduzierte Munitionsbestände wirkten sich auf Einsatz und einsatzgleiche Verpflichtungen aus; außerdem litten Ausbildung und Übung. Im Jahr 2018 traten nur 20.000 Soldaten neu in die Bundeswehr ein – die niedrigste Zahl in der Geschichte der Bundeswehr.
Ausrüstung der 2010er-Jahre
Heeresrüstung der 2010er-Jahre
Im Dezember 2010 begann die Auslieferung von 154 bestellten gepanzerter LKW Multi 2.
Am 6. Dezember 2010 begann die Auslieferung der ersten Schützenpanzer vom Typ Puma; die Auslieferung der Serienmodelle an die Truppe begann am 17. April 2015.
Ab 2011 wurde der Radpanzer GTK Boxer an die Bundeswehr ausgeliefert.
Bis Februar 2013 wurden 27 Kampfhubschrauber Tiger (KHT) ausgeliefert und bis Juli 2018 insgesamt 68 Stück.
Die Bundeswehr beschaffte ab 2012 110 geschützte Transportfahrzeuge (GTF) vom Typ Mercedes-Benz Zetros (ZLK) und bis Juni 2013 1000 gepanzerte Radfahrzeuge vom Typ ATF Dingo (Dingo 1 und Dingo 2).
Marinerüstung der 2010er-Jahre
Im Jahr 2013 wurden die Korvetten der Klasse K130, die Erfurt, die Oldenburg und die Ludwigshafen am Rhein in Dienst gestellt.
Luftwaffenrüstung der 2010er-Jahre
Im Mai 2013 nahm die Luftwaffe zwei Flugabwehrsysteme MANTIS in Betrieb.
Von Dezember 2014 bis 2018 wurden 21 Transportflugzeuge vom Typ Airbus A400M ausgeliefert.
Bis 2017 wurden 15 Mehrzweckhubschrauber H145M für die Spezialkräfte der Luftwaffe geliefert.
Die Indienststellung der ersten Fregatte Baden-Württemberg der gleichnamigen Klasse und die Übergabe an das 4. Fregattengeschwader war für 2017 geplant. Im Dezember 2017 wurde bekannt, dass die Fregatte zur Mängelbeseitigung mit einer längeren Werftliegezeit ab 19. Januar 2018 an den Hersteller zurückgegeben wird.
Manöver und Einsätze der 2010er-Jahre
Im Jahr 2013 begann für die Bundeswehr ein intensives Engagement im westafrikanischen Mali, wo sich die deutschen Streitkräfte an der UN-Mission MINUSMA (2013–2023) und der EU-Mission EUTM Mali (2013–2024) beteiligten.
Nach dem formellen Ende der ISAF-Mission in Afghanistan am 31. Dezember 2014 wechselte der Fokus der Bundeswehr ab 2015 auf die NATO-Mission Resolute Support (RS).
Die Bundeswehr beteiligt sich seit 2014 an der Operation Atlantic Resolve, eine von den Vereinigten Staaten durchgeführte Operation zur Unterstützung und Bestärkung der NATO-Alliierten in Europa im Rahmen der European Reassurance Initiative (ERI). Mit ihr soll auf den Russisch-Ukrainischen Krieg und die Annexion der Krim durch Russland reagiert werden.
Ab 2015 nahmen Bundeswehrkräfte im Rahmen der „Operation Sophia“ an der European Union Naval Force Mediterranean (EUNAVFOR MED) teil.
Zwischen 2015 und 2022 kam es vor dem Hintergrund des Syrischen Bürgerkriegs zum Bundeswehreinsatz in Syrien („Operation Counter Daesh“) gegen die islamistische Terrormiliz Islamischer Staat.
Seit 2016 ist die Bundeswehr im Rahmen der NATO Enhanced Forward Presence zur Sicherung der Ostflanke der verbündeten Staaten und der Abschreckung gegenüber Russland vertreten. Dabei führt Deutschland in Litauen den multinationalen Kampfverband NATO Multinational Battlegroup Lithuania mit rotierenden Truppenteilen aus den NATO-Mitgliedsstaaten.
Vom 23. Oktober bis 23. November 2018 beteiligte sich die Bundeswehr am NATO-Manöver Trident Juncture 2018 in Norwegen mit rund 10.000 Soldaten und mit der Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) unter deutscher Führung unter Brigadegeneral Ullrich Spannuth.
Führungskultur und Ausbildung der 2010er-Jahre
Seit 2001 sind alle Laufbahnen der Bundeswehr uneingeschränkt für Frauen geöffnet.
„Zeitenwende“: Die Bundeswehr ab 2022
Außenpolitik der 2020er-Jahre
Am 24. Februar 2022 entfesselte die Russische Föderation mit einer völkerrechtswidrigen Großoffensive eine neue Phase des seit der Krim-Annexion 2014 und dem Krieg im Donbass 2014–2022 laufenden Russisch-Ukrainischen Krieges. Im Zuge der Zeitenwende-Rede vom 27. Februar versprach Bundeskanzler Olaf Scholz umfangreiche Sanktionen gegen Russland und Hilfspakete für die Ukraine. Auf der diplomatischen Ebene rief die Scholz-Regierung die European Sky Shield Initiative ins Leben, um der Bedrohung russischer ballistischer Raketen entgegenzutreten. Auf dem Feld der Ukrainehilfen sah sich der Bundeskanzler aber verschiedenen Widerständen aus der Bevölkerung und auch aus dem linken Parteiflügel der SPD ausgesetzt, sodass die Bundesregierung zunächst eine zaghafte Linie in der Frage von Waffenlieferungen für die Ukraine vertrat. Der Kanzler begründete in einem Spiegel-Interview vom 22. April 2022 die Weigerung der Lieferung von Marder-Schützenpanzern damit, einen Atomkrieg vermeiden zu wollen, nur um einer Lieferung von Mardern acht Monate später doch zuzustimmen. Ähnlich verlief es auch bei der Lieferung von Kampfpanzern vom Typ Leopard 2, die letztlich ebenfalls an die Ukraine ausgeliefert wurden. Trotzdem wandelte sich die Bundesrepublik von einem Land, welches vor dem russischen Angriff nur 5000 Schutzhelme liefern wollte, zum zweitgrößten Waffenhilfelieferanten der Ukraine nach den Vereinigten Staaten von Amerika.
Innenpolitik der 2020er-Jahre
Der Heeresinspekteur der Bundeswehr, Alfons Mais, erregte noch am Morgen des russischen Angriffskriegs vom 24. Februar 2022 Aufmerksamkeit durch einen Post auf der Onlineplattform LinkedIn, in welchem er feststellte, das deutsche Heer stünde „mehr oder weniger blank“ da.
„Ich hätte in meinem 41. Dienstjahr im Frieden nicht geglaubt, noch einen Krieg erleben zu müssen. Und die Bundeswehr, das Heer, das ich führen darf, steht mehr oder weniger blank da. Die Optionen, die wir der Politik zur Unterstützung des Bündnisses anbieten können, sind extrem limitiert. Wir haben es alle kommen sehen und waren nicht in der Lage, mit unseren Argumenten durchzudringen, die Folgerungen aus der Krim-Annexion zu ziehen und umzusetzen.“
Das Statement von Mais löste eine Kontroverse über die öffentliche Meinungsäußerung hoher Militärs aus; nach der Schätzung des Militärhistorikers Sönke Neitzel entging Mais einer sofortigen Entlassung von seinem Dienstposten nur deshalb, weil nur wenige Wochen zuvor der Marineinspekteur Kay-Achim Schönbach wegen eigener kontroverser Aussagen zum Russland-Ukraine-Konflikt in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden war. Nicht zuletzt unter dem Druck der weit publik gemachten Äußerungen von Mais hielt Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar eine Fernsehansprache, nach welcher der in ihr verwendete Begriff „Zeitenwende“ zum zentralen Fixpunkt deutscher Sicherheitspolitik wurde. Scholz versprach deutsche Unterstützung für die Ukraine, weitere Sanktionen gegen Russland, die Verteidigung des gesamten NATO-Territoriums im Szenario des Bündnisfalls und ein Sondervermögen Bundeswehr, welches den Wehretat sofort um 100 Milliarden Euro aufstocken sollte, sowie eine rasche deutsche Erfüllung des Zwei-Prozent-Ziels der NATO.
Eine markante Personaländerung in der deutschen Sicherheitspolitik ergab sich, als Anfang 2023 die bisherige Verteidigungsministerin Christine Lambrecht durch den vormaligen niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius abgelöst wurde. Pistorius machte dadurch auf sich aufmerksam, dass er wesentlich schärfere Rhetorik verwendete als seine Vorgänger; in der ZDF-Sendung Berlin direkt erregte er mit dem Begriff der „Kriegstüchtigkeit“, welche die Bundesrepublik erreichen müsste, Aufsehen. Damit schloss sich Pistorius der Wortwahl an, die der Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer in den Jahren 2022/2023 verfolgt hatte. Pistorius’ Linie verschaffte ihm insbesondere in der Bundeswehr selbst einige Beliebtheit.
Seit dem Jahr 2024 ist mit dem Operationsplan Deutschland (OPLAN) der Schutz verteidigungswichtiger kritischer Infrastruktur im Verteidigungsfall geregelt.
Personal und Verbände der 2020er-Jahre
Die Personalsorgen der Bundeswehr wurden nach der Zeitenwende jedoch nicht geringer; statt der angestrebten 203.000 Soldaten verblieben die Streitkräfte bei etwa 180.000 Männern und Frauen. Die von der Task Force Personal im Dezember 2023 vorgestellte Regionalisierung der Personalrekrutierung konnte ebenfalls keinen signifikanten Anstieg der Kontingentstärken erzielen. Stattdessen wurde aus Militärkreisen seit 2022 die Wiedereinführung der im Jahr 2011 ausgesetzten Wehrpflicht gefordert, die sich nach der Vorstellung von Verteidigungsminister Pistorius zunächst am schwedischen Vorbild orientieren und durch verpflichtende Anschreiben an die Achtzehnjährigen jedes Jahrgangs die geplanten Neuaufstellungen von Heimatschutzregimentern ermöglichen sollte. Die von Pistorius in den Jahren 2023/2024 geführten Vorstöße einer Wiedereinführung der Wehrpflicht wurde im Sommer 2024 von Bundeskanzler Scholz abgeblockt.
Ausrüstung der 2020er-Jahre
Die Zeitenwende bewirkte Änderungen im Ausrüstungsgrad der Bundeswehr. Nachdem die Sozialdemokraten vor 2022 auch als Juniorpartner der CDU/CSU lange Zeit die Beschaffung neuer Drohnen- und Nuklearbombersysteme verzögert hatten, kündigte die Regierung Scholz jetzt die Beschaffung von Kampfdrohnen des Typs IAI Heron TP sowie von nuklearwaffenfähigen US-amerikanischen Kampfflugzeugen vom Typ Lockheed Martin F-35 an.
Im Jahr 2022 wurde im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine publik, dass die Bundeswehr teilweise nur über für zwei Kriegstage ausreichende Munitionsbestände verfügt. Im Jahr 2022 offenbarte sich außerdem die mangelhafte Qualität bei dem Schützenpanzer Puma.
Manöver der 2020er-Jahre
Air Defender 23 im Jahr 2023 war „größte Verlegeübung von Luftstreitkräften seit Bestehen der NATO“. Die Übung war von der Bundeswehr initiiert worden.
Steadfast Defender 2024 im Jahr 2024 war die größte Übung der NATO seit dem Ende des Kalten Krieges.
Literatur
- Autorenkollektiv u.d.L. v. Tibor Dobias: Militärgeschichte der BRD. Abriss 1949 bis zur Gegenwart. Militärverlag der DDR, Berlin (Ost) 1989, ISBN 3-327-00493-5
- Detlef Bald: Die Bundeswehr. Eine kritische Geschichte 1955–2005 (= Beck’sche Reihe. Nr. 1622). Beck, München 2005, ISBN 3-406-52792-2.
- Klaus-Jürgen Bremm, Hans-Hubertus Mack, Martin Rink (Hrsg.): Entschieden für Frieden. 50 Jahre Bundeswehr. 1955 bis 2005. Im Auftrag des MGFA, Rombach, Freiburg im Breisgau 2005, ISBN 3-7930-9438-3.
- Rolf Clement, Paul Elmar Jöris: 50 Jahre Bundeswehr. Mittler, Hamburg u. a. 2005, ISBN 3-8132-0839-7.
- Gerhard Hubatschek (Hrsg.): Bundeswehr. 50 Jahre Einsatz für den Frieden. Report Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2005, ISBN 3-932385-19-5.
- Lars Kohler: Soldatenspielerei – Die Aufstellung des Bundesgrenzschutzes im Spannungsfeld zwischen Bundespolizei und Ersatzarmee. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2022. ISBN 978-3-339-12992-5
- Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): 30 Jahre Bundeswehr, 1955–1985. Friedenssicherung im Bündnis. Im Auftrag des Bundesministeriums der Verteidigung zur Wanderausstellung, v. Hase u. Koehler, Mainz 1985, ISBN 3-7758-1109-5.
- Frank Nägler (Hrsg.): Die Bundeswehr 1955 bis 2005. Rückblenden, Einsichten, Perspektiven (= Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland. Band 7). Im Auftrag des MGFA, R. Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-57958-1.
- Sönke Neitzel: Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte, Berlin (Propyläen, 2020), Kapitel IV.: Friedensarmee im Kalten Krieg. Die Bundeswehr der Bonner Republik (1955–1989), S. 249–408, Kapitel VI.: Zwischen „Friedensdividende“ und Auslandseinsatz. Die Bundeswehr der Berliner Republik (1990 bis heute), S. 441–582. ISBN 978-3-549-07647-7
- Karl-Volker Neugebauer (Hrsg.): Grundkurs deutsche Militärgeschichte. Band 3: Die Zeit nach 1945. Armeen im Wandel. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2007, ISBN 978-3-486-58100-3.
- Martin Rink: Die Bundeswehr 1950/55–1989 (= Militärgeschichte kompakt. 6). De Gruyter Oldenbourg, München 2015, ISBN 978-3-11-044096-6.
- Rudolf J. Schlaffer, Marina Sandig: Die Bundeswehr 1955–2015. Sicherheitspolitik und Streitkräfte in der Demokratie. Analysen, Bilder und Übersichten. Rombach, Freiburg im Breisgau 2015, ISBN 978-3-7930-9836-2.
- André Uzulis: Die Bundeswehr. Eine politische Geschichte von 1955 bis heute. Mittler, Hamburg u. a. 2005, ISBN 3-8132-0847-8.
Siehe auch
- Geschichte des Heeres der Bundeswehr
- Geschichte der Luftwaffe der Bundeswehr
- Geschichte der Marine der Bundeswehr
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