Der Begriff National Missile Defense (NMD), übersetzt „nationale Raketenabwehr“, bezeichnet eine Entwicklungsstufe des US-amerikanischen Raketenabwehrsystems und die damit verbundene Politik im Zeitraum von etwa 2000 bis 2010, also in der Regierungszeit von George W. Bush. NMD umfasst sowohl das technische Konzept als auch die damit verbundene sicherheitspolitische Raketenabwehr-Diplomatie.
Geschichte
Das NMD-Programm ist der Nachfolger der US-amerikanischen Raketenabwehrprogramme, welche in den 1960er Jahren begannen. Zunächst führte George H. W. Bush eine Variante des Strategic Defense Initiative (SDI) fort. Noch unter Präsident Bill Clinton wurde 1999 das „national missile defense“ Programm per National Missile Defense Act of 1999 formalisiert und von George W. Bush weitergeführt. In dem Gesetz steht:
„It is the policy of the United States to deploy as soon as is technologically possible an effective National Missile Defense system capable of defending the territory of the United States against limited ballistic missile attack (whether accidental, unauthorized, or deliberate) with funding subject to the annual authorization of appropriations and the annual appropriation of funds for Nationel Missile Defense.“
„Es ist die Politik der Vereinigten Staaten, so bald wie technologisch möglich ein effektives nationales Raketenabwehrsystem zu stationieren, das in der Lage ist, das Territorium der Vereinigten Staaten gegen begrenzte ballistische Raketenangriffe (ob versehentlich, unbefugt oder vorsätzlich) zu verteidigen. Die Finanzierung unterliegt der jährlichen Genehmigung der Haushaltsmittel und der jährlichen Bereitstellung von Mitteln für die nationale Raketenabwehr.“
Erst später wurde das NMD durch das Ballistic Missile Defense (BMD)-Programm und das heutige (Stand 2025) Netzwerk aus Abwehrsystemen abgelöst, das auch als Ballistic Missile Defense System (BMDS) bekannt ist. BMDS ist heute im Betrieb durch die Missile Defense Agency (MDA), einer konsolidierten Organisation des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums seit 2002.
Außerdem ging technisch aus dem NMD-Programm eine Weiterentwicklung des Aegis-Kampfsystems zur Raketenabwehr hervor, auch bekannt als Aegis Ballistic Missile Defense System oder Aegis BMD. Auf letzterem System basiert auch das Raketenabwehrsystem der NATO (und damit Europa), auch bekannt als Active Layered Theatre Ballistic Missile Defence (ALTBMD). Dabei spielen die stationären Aegis-Systeme, die auch als Aegis Ashore Ballistic Missile Defense System bekannt sind, also ein Abwehrsystem an Land statt auf See, eine wichtige Rolle im Abwehrschild.
Siehe auch die Übersicht zur Raketenabwehrpolitik und zu den dortigen kontemporären Entwicklungen – sowohl technisch als auch sicherheitspolitisch.
Aufgaben und Verfahren des NMD
Zunächst muss ein Raketenabwehrsystem anfliegende Raketen erkennen und unterscheiden können. Mittels Frühwarnradarstationen am Boden und mit Hilfe von Infrarotkameras in geostationären Satelliten erkennt das System – zumindest in der Theorie – automatisch startende Raketen an ihrer Antriebswärme (also dem Schweif bzw. Feuerstrahl). Die Infrarotkameras der Frühwarnsatelliten können die Raketen nach dem Durchqueren der unteren Atmosphärenschichten detektieren und anhand der Form und der Hitzeverteilung im Feuerstrahl den Raketentyp bestimmen – so jedenfalls die Vorstellung der Initiatoren der NMD.
Zu diesem Zeitpunkt (in der boost phase) ist bei Raketentypen, die sowohl für die Raumfahrt als auch als ICBMs verwendet werden, allerdings bislang keine Unterscheidung zwischen einem zivilen Raumfahrteinsatz oder einer militärischen Aggression möglich.
Am 24. April 2007 wurde das Near Field Infrared Experiment (NFIRE) mit einer Minotaur-1-Trägerrakete von der Wallops Flight Facility auf eine Umlaufbahn in 495 km Höhe gebracht. Der ursprünglich schon für 2005 geplante Start war zuvor zweimal verschoben worden. NFIRE soll die Detektion von Raketentypen bzw. ihres Einsatzzweckes nunmehr entscheidend verbessern. Raketen, die in friedlicher Absicht eingesetzt werden, sollen so schon in der Startphase aussortiert werden können.
Im nächsten Schritt wird die Bahn der Rakete beobachtet und vorausberechnet. In der Zusammenschau der – in einem äußerst kurzen Zeitfenster – gewonnenen Daten muss dann abgeschätzt werden, ob es sich beim jeweiligen Raketenstart um einen Angriff oder zum Beispiel nur um eine Trägerrakete für die Raumfahrt handelt.
Die Vorausberechnung der Flugbahn ist relativ einfach, solange es sich bei dem Geschoss um eines mit strikt ballistischer Flugbahn wie etwa bei den meisten Interkontinentalraketen (ICBMs) handelt. Diese Raketen steigen nach dem Brennschluss in einer rechnerisch nachvollziehbaren Bahn (mit gewissen Abweichungen, verursacht u. a. durch diverse atmosphärische Einflüsse) bis in den Weltraum hinauf, um dort einen oder mehrere Gefechtsköpfe freizusetzen. Üblicherweise werden bei Mehrfachwiedereintrittskörper (MIRV) auch noch Gefechtskopfattrappen freigesetzt, um Abwehrsysteme abzulenken und zu verwirren. Dies erschwert neben der verheerenden Wirkung der Kernwaffen die Abwehr eines Angriffs mit nuklearen Kampfmitteln. Eine Zweitschlagkapazität ist daher für die nukleare Abschreckung unerlässlich.
Allerdings hatte die Sowjetunion bereits in den 1960er-Jahren ein System, auch bekannt als Fractional Orbital Bombardment System (FOBS), und zur Einsatzreife entwickelt, das schon damals eine Vorausschau des mutmaßlichen Ziels bis kurz vor dem Einschlag unmöglich machte.
Zur Zerstörung der atomaren Gefechtsköpfe wird in ihrer Flugbahn ein vom Boden gestartetes oder auch von Satelliten freigesetztes Exoatmospheric Kill Vehicle (EKV) (wie bei NFIRE vorgesehen, das die Detektion von feindlichen Flugkörpern mit deren Abwehr in einem Satelliten verbinden soll) auf Kollisionskurs gebracht – in teilweise nahezu entgegengesetzter Flugrichtung. Es ist mit IR- und Bildsensoren ausgestattet, um die Gefechtsköpfe zu erkennen. Im Idealfall besitzt diese Vernichtungsvorrichtung eine gewisse Lenkfähigkeit. Geplant sind auch Killersatelliten, die zu selbstständigen Annäherungsoperationen fähig sind („Autonomous Proximity Operations“). Ein solches EKV soll dann einen Gefechtskopf bei seiner Bahn im All in der Regel durch bloße Kollision – also durch kinetische Energie – bei über 7 km pro Sekunde (also 25.200 km/h) zerstören.
Beschreibung des NMD
Die folgende Beschreibung gibt eine grobe Beschreibung für ein allgemeines und für das Abfangsystem National Missile Defense (NMD) ab 2010 wieder. Einige Teile davon sind allgemein gültig, andere NMD-spezifisch. Weitere technisch-funktionale Informationen sind unter Raketenabwehr zu finden.
Technische Grundlagen des NMB-Raketenabwehrsystems
Grundlage einer Raketenabwehr ist die schnelle Reaktion auf anfliegende Bedrohungen (Raketen) mit verschiedenen konventionellen oder (im Atomzeitalter) nuklearen Gefechtsköpfe. Innerhalb kürzester Zeit müssen startende Interkontinentalraketen (ICBM oder SLBM) erkannt und deren Flugbahnen bestimmt werden. Die Abwehr kann in drei möglichen Phasen des Angriffs stattfinden:
- Startphase (Boost),
- ballistischer, ggfs. suborbitaler Flug außerhalb der Atmosphäre,
- Wiedereintritt in die Atmosphäre/Zielanflug.
Startphase
In der Startphase bietet eine aufsteigende ICBM im Prinzip ein relativ großes, sich auf einer vorausberechenbaren Bahn bewegendes Ziel, welches theoretisch einfach erfasst und bekämpft werden könnte. Ebenso könnten (im Prinzip) auf diese Weise mehrere Sprengköpfe (vgl. MIRV-Technologie) gleichzeitig durch die Zerstörung einer Rakete ausgeschaltet werden.
Die aktive Aufstiegsphase dauert ca. fünf bis zehn Minuten; bei moderneren Langstreckenraketen ist sie noch erheblich kürzer. In dieser Zeit müssen die Starts entdeckt und bewertet werden. Es muss entschieden werden, ob ein Angriff vorliegt und welche Ziele voraussichtlich angegriffen werden. Außerdem müssten in dieser kurzen Zeit die politischen und militärischen Entscheidungen zur Reaktion auf einen möglichen Angriff getroffen werden, was die Gefahr von Fehlschlüssen erheblich erhöht.
Durch das NMD-Konzept ist eine Bekämpfung in dieser Phase bislang nicht möglich, wenngleich auch hierzu intensiv geforscht wird. In Zukunft sollen für Abfangmanöver in der Startphase vornehmlich luftgestützte Laser Airborne Laser (ABL) eingesetzt werden, da hier für den Einsatz jedweder materieller Geschosse die Zeit in aller Regel einfach zu knapp wäre (es sei denn, die Abwehrwaffe befände sich in unmittelbarer Nähe der startenden Rakete). Vom ABL erhofft man sich, Raketen in der Startphase innerhalb von Sekunden vernichten zu können.
Ende September 2006 wurde angekündigt, dass 2007 eine Boeing-747, genannt Big Crow (deutsch: Große Krähe), mit einem Lasersystem zur Raketenabwehr ausgestattet werden soll; Meldungen zufolge sind die ersten Tests des Lasersystems unter Luftkampfbedingungen für 2009 geplant.
Für Kritiker sind Laserwaffen (siehe auch Tactical High Energy Laser (THEL)) dieser Art allerdings nicht nur zu teuer, sondern oberdrein auch überflüssig, da sie mit geringem Aufwand wirkungslos gemacht werden könnten: Man müsse die Raketen dazu einfach nur mit einer verspiegelten Ummantelung versehen, die einen Großteil der gerichteten Energie ablenke. Bisher sollen die USA für das Lasersystem zur Raketenabwehr bereits 3,5 Milliarden US-Dollar aufgewendet haben.
Ballistischer suborbitaler Freiflug außerhalb der Atmosphäre
Während des ballistischen Flugs werden die Sprengköpfe ausgesetzt. Diese steuern daraufhin auf ihre Ziele zu. Sollten MIRVs und Täuschkörper eingesetzt werden, vervielfachen sich dabei die zu bekämpfenden Objekte. Die Sprengköpfe stellen kleine, sich rasch und unabhängig bewegende Ziele dar. Jeder Sprengkopf müsste einzeln erfasst, verfolgt und bekämpft werden, was eine äußerst umfangreiche Dislozierung von Abwehrmitteln erforderte.
Der Vorteil einer Bekämpfung in dieser Phase wäre die verlängerte Reaktionszeit, um den Angriff zu bewerten und Prioritäten für die Verteidigung festzulegen. Beim NMD-Programm soll diese Phase vorrangig zur Bekämpfung anfliegender Gefechtsköpfe genutzt werden.
Wiedereintritt in die Atmosphäre/Zielanflug
Der Wiedereintritt in die Atmosphäre bietet die längste Reaktionszeit: je nach Flugbahn bis zu 45 Minuten nach dem Start der zu bekämpfenden Rakete. Es ist am ehesten möglich, betroffene Ziele und Flugbahnen zu bestimmen, um den Abfangvorgang zu koordinieren – jedenfalls bei ballistischen Raketen. Ebenso können Attrappen besser ausgeschlossen werden, falls diese beim Eintritt in die Atmosphäre verglühen sollten. Beim Wiedereintritt sind allerdings aktive Ausweichmanöver der Gefechtsköpfe möglich, so z. B. ein Manövrieren im hohen Überschallbereich in der oberen Atmosphäre, was durch die MARV-Technologie realisiert wurde.
Technische Herausforderungen
- Das NMD-Programm deckt nur einen Teil aller drei Angriffsphasen ab. Es stellt praktisch einen Kompromiss zwischen maximaler Reaktionszeit und möglichst einfacher Bekämpfung dar. Am problematischsten ist dabei, Verfahren und Techniken für eine schnelle Evaluierung und Entscheidung zu entwickeln, da bei einem Angriff 20 bis maximal 35 Minuten zwischen Start und Einschlag zur Verfügung stehen.
- Die Verteidigung gegen eine ganze „Flotte“ angreifender Raketen (vgl. Erstschlag) – und somit der vielbeschworene „Schutzschild“ – gilt prinzipiell als technische Herausforderung bis Unmöglichkeit. Demnach können höchstens 20 Kernsprengköpfe bzw. Wiedereintrittsgeräte auf einmal abgewehrt werden, was zwei bis drei angreifenden Raketen mit sieben bis acht MIRVs entspräche. Also Gegenmaßnahme soll das Multiple Kill Vehicle (MKV) oder das Exoatmospheric Kill Vehicle (EKV)-System dieses Bedrohung in Zukunft neutralisieren.
- Gegen terroristische Angriffe ist der Schutz nach Einschätzung von Kritikern des NMD-Konzepts ebenfalls unvollkommen: Eine terroristische Organisation, wenn sie denn in den Besitz einer Kernwaffe gelangte, würde diese eher auf einem anderen Weg gegen die Vereinigten Staaten anwenden, etwa ins Land geschmuggelt (z. B. als „Kofferbombe“), in einem LKW o. ä. untergebracht und/oder per Schiff in den Hafen einer großen Stadt transportiert.
Testbilanz des NMD bis Dezember 2008
Nach einer Mitteilung der Missile Defense Agency (MDA) hat eine bodengestützte, von der Vandenberg Air Force Base (AFB) in Kalifornien gestartete Rakete Ende September 2007 erfolgreich ein Zielprojektil über dem Pazifik abgefangen, das vom Kodiak Launch Complex in Alaska abgefeuert worden war. Einem Sprecher der MDA zufolge erfasste das kurz zuvor aufgerüstete Frühwarnradar der Beale Air Force Base in Kalifornien das „angreifende“ Geschoss unmittelbar nach dem Start.
Die Demonstration dieser Fähigkeit war dem MDA zufolge das Anliegen des Tests, der der zwölfte dieser Art seit 1999 war. Vier davon waren Fehlschläge; ein Test im Mai 2007, als eine Abfangrakete nicht abhob, wurde zum „Nicht-Test“ erklärt. Jeder dieser Versuche kostet rund 100 Millionen Dollar. Am 5. Dezember 2008 gab es einen weiteren Test, welcher das Abfangen eines auf Kodiak Island (Alaska) gestarteten Zieles durch einen Ground-Based Interceptor (GBI) der Vandenberg AFB beinhaltete. Laut der U.S. Air Force (USAF) wurden alle gesteckten Ziele des Tests erfolgreich absolviert.
Stationierungsorte
Ground Based Interceptors (GBIs) sind seit 2004 als initiale Verteidigungskapazität in Alaska und Kalifornien stationiert. In Fort Greely (Alaska) stehen derzeit 20 GBIs im Dienst, auf der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) vier weitere.
NMD Sensoren und Abfangsysteme
Die folgenden Systeme und Plattformen sind für den Zeitraum ab etwa 2010 relevant. Für die Architektur und Infrastruktur des aktuellen Ballistic Missile Defense System (BMDS) siehe dort.
| Bezeichnung | Stationierung | Ortungstechnik | Anmerkungen |
|---|---|---|---|
| Defense Support Program | Weltraum (GEO) | Infrarot | Endgültig letzter Start im November 2007 |
| STSS | Weltraum (LEO) | Infrarot | Gestartet am 25. September 2009 |
| SBIRS-GEO | Weltraum (GEO) | Infrarot | Gestartet am 7. Mai 2011 |
| SBIRS-HEO | Weltraum (HEO) | Infrarot | Gestartet am 28. Juni 2006 |
| AN/FPS-108 Cobra Dane | Boden, fest | Radar | 1 Station aktiv |
| PAVE PAWS | Boden, fest | Radar | 3 Stationen aktiv |
| BMEWS | Boden, fest | Radar | 3 Stationen aktiv |
| AN/TPY-2 | Boden, mobil | Radar | Meist Teil von THAAD |
| AN/TPS-59 | Boden, mobil | Radar | |
| Sea-Based X-Band Radar | See | Radar | |
| AN/SPY-1 | See, Boden (fest) | Radar | auf mehr als 100 Schiffen installiert, davon mind. 26 BMD |
| Bezeichnung | Stationierung | Einsatz gegen | Lenkung | Anmerkungen |
|---|---|---|---|---|
| Ground-Based Interceptor (GBI) | Boden, fest | IRBM bis ICBM | Infrarot | |
| Terminal High Altitude Area Defense (THAAD) | Boden, mobil | SRBM | Radar + Infrarot | |
| MIM-104 Patriot | Boden, mobil | SRBM bis MRBM | Radar | Gefechtserprobt |
| Kinetic Energy Interceptor | Boden, mobil | SRBM bis ICBM | Radar | |
| Arrow | Boden, mobil | SRBM bis MRBM | Radar | Einsatz nur durch Israel und Partnerländer, angebunden an NMD-Sensoren |
| SM-3 als Teil von Aegis | See | SRBM bis IRBM | Radar + Infrarot | |
| SM-2 NT-SBT | See | SRBM | Radar | |
| Boeing YAL-1 | Luft | SRBM bis TBM | Infrarot | Eingemottet 2012 (Kostengründe) |
| AIM-120 NCADE | Luft | SRBM | Infrarot |
Überarbeitung der NMD-Strategie durch Obama ab 2009 und Rezeption
Im September 2009 wurde bekannt, dass der US-Präsident Barack Obama eine Revision der US-Nukleardoktrin in Angriff nehmen möchte. Ebenfalls sollte das Abwehrprogramm, auch für Europa, eingeschränkt werden.
Nachdem die US-Regierung unter Obama laut eigenem Bekunden zu einer geänderten Einschätzung der iranischen Langstreckenkapazitäten und -fähigkeiten gelangt war, sollen künftig vornehmlich erprobte Abfangraketen und nur noch in Nordamerika (modernisierte) Langstreckenraketen eingesetzt werden, der neue Plan soll bis zum Jahr 2020 umgesetzt werden.
Dem damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew zufolge sollte der Raketenschutzschild einen weltumspannenden Charakter haben statt von einzelnen Staaten isoliert aufgebaut zu werden. „Es handelt sich um globale Fragen“, erklärte Medwedew in einem CNN-Interview und verwies u. a. auf die Probleme im Nahen Osten sowie auf der Korea-Halbinsel. „Deshalb muss das Schutzsystem von globaler Dimension sein statt aus einer geringen Anzahl von Raketen zu bestehen, die nur unser Territorium erreichen können, ohne andere Gebiete abzudecken. Ich hoffe, dass unsere amerikanischen Partner dies erhört haben.“ Medwedew gab sich optimistisch, dass Moskau und Washington noch bis zum Jahreswechsel 2009/2010 einen neuen Vertrag über den Abbau der strategischen Nuklearwaffen (START) vereinbaren können.
Irans Oberster Rechtsgelehrter Ali Chamenei verurteilte am 20. September 2009 die Absichten der Regierung Obama, die westlichen Besorgnisse mit Blick auf das Nuklearprogramm des Iran seien „bloß ein Lügenmärchen der Vereinigten Staaten“. Demgegenüber kündigte wenig später der Vizekommandeur der Islamischen Revolutionsgarde Hussein Salami an, die Reichweite der Raketen seines Landes verlängern zu wollen, um Europa angreifen zu können.
In den USA sprachen sich zwei Senatoren (ein Republikaner und ein Demokrat) und ein ehemaliger General der U.S. Air Force (USAF) erneut nachdrücklich für eine harte Haltung gegenüber Teheran aus, die letztendlich auch eine militärische Option umfassen müsse.
Rezeption des NMD und verwandter Entwicklungen
Das National Missile Defense (NMD)-Programm könnte zu einer erneuten Aufrüstung der Atommächte führen. So kündigte das russische Militär bereits neue Langstreckenraketen an, die über drei in der freien Flugphase lenkbare Sprengköpfe sowie über zusätzliche Attrappen verfügen sollen, womit sie die bisherigen Konzepte der NMD, wie oben erwähnt, weitestgehend nutzlos machen würden. Dabei ist allerdings zu beachten, dass Russland seit längerem plant, seine SS-18- und SS-19-Interkontinentalraketen (ICBMs) zu ersetzen. Die Tatsache, dass dessen ungeachtet gleichwohl eine geringe Anzahl anfliegender Raketen bzw. Sprengköpfe abgewehrt werden können, würde das Wettrüsten voraussichtlich zusätzlich beschleunigen.
Um eine glaubwürdige strategische Abschreckung aufrechtzuerhalten, wäre zum Beispiel China gezwungen, sein Atomwaffenarsenal aufzustocken sowie eine verlässliche Zweitschlagfähigkeit seiner U-Bootflotte zu erreichen. Davon könnten sich wiederum Pakistan und Indien gefährdet fühlen und ihrerseits ihre Arsenale vergrößern und modernisieren. „Chinas bescheidener Ausbau seiner nuklearen Raketenstreitkräfte wird dazu betrieben, um es in die Lage zu versetzen, gegenwärtige und künftige Raketenverteidigungssysteme der USA überwinden zu können. Eine dieser Technologien wären Mehrfach-Gefechtsköpfe (MIRV), um die Raketenabwehr zu überfordern“, hielt der US-Militärexperte Rick Fisher dazu 2005 fest. Bereits ab 1995 wurden Details eines Spionagefalls im Zusammenhang mit Chinas Modernisierung der Kernwaffen bekannt.
Mit dem Active Layered Theatre Ballistic Missile Defence (ALTBMD) unterhält die NATO ein technisch ähnliches Raketenabwehrsystem zu NMD in Europa, das aus Sicht der USA zum Schutz der eigenen Soldaten vor Angriffen aus Iran und möglicherweise Russland dient. Bei diesen beiden Ländern steht es deshalb in steter Kritik. Im Jahr 2009 äußerte sich die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton vor der United Nations General Assembly zu dem Abwehrsystem für Europa:
„We are not, quote, “shelving” missile defense. We are deploying missile defense sooner than the Bush Administration planned to do so. And we are deploying a more comprehensive system. It does what missile defense is actually supposed to do. It defends America and our allies.“
„Wir stellen die Raketenabwehr nicht etwa „auf Eis“. Wir führen sie sogar früher ein als von der Bush-Regierung geplant. Und wir setzen ein umfassenderes System ein. Es erfüllt seine eigentliche Funktion: Es schützt Amerika und unsere Verbündeten.“
Der Verzicht der Obama-Regierung auf die Stationierung von Raketenabwehrsystemen bei Stolp in Hinterpommern und in Tschechien, die sich nach dem Empfinden der russischen Regierung in erster Linie gegen Russland richtete, hat wesentlich mit dazu beigetragen, dass Obama am 9. Oktober 2009 der Friedensnobelpreis „für seine außerordentlichen Bemühungen um die Stärkung der internationalen Diplomatie und der Zusammenarbeit zwischen den Völkern“ verliehen wurde.
Im Dezember 2012 stellte die russische Regierung sich auf den Standpunkt, wegen der „Umzingelung“ Russlands (siehe auch NATO-Erweiterung) mit vorgeblichen Abwehrwaffen werde das russische Atomwaffenpotential auf Null reduziert. Damit werde das seit Jahrzehnten funktionierende strategische Gleichgewicht zwischen den zwei großen Atommächten Russland und USA zerstört. Dies könne und werde man nicht hinnehmen, so Präsident Wladimir Putin auf einer Pressekonferenz am 20. Dezember 2012 in Moskau.
Des Weiteren arbeite Russland an neuen Raketensystemen, die die NATO-Schutzschirme weltweit sofort zerstören könnten. Russland sei nicht an Eskalation, sondern an Verhandlungen interessiert und an bindenden Verträgen für alle Parteien, werde aber unter keinen Umständen dulden, strategisch hinsichtlich Atomwaffen ausgeschaltet zu werden. Für diesen Fall hat sich der russische Generalstab 2011 einen Präventivkrieg gegen die beteiligten Staaten vorbehalten.
Von russischer Seite wurde unter anderem beschlossen, das 600 km von Berlin entfernte Kaliningrad mit Staffeln von konventionellen taktischen ballistischen Boden-Boden-Kurzstreckenraketen Iskander (NATO-Code SS-26 Stone) zu bestücken.
Da das Abwehrsystem durch einen massiven Erstschlag übersättigt wäre, während es eine Vergeltung durch die üblicherweise geringere Zweitschlagkapazität möglicherweise abwehren kann, wird als möglicherweise destabilisierend angesehen. Auf Abschreckung beruhende Nuklearstrategien erscheinen somit gegenüber einem Erstschlag geschwächt.
Siehe auch
- Defense Support Program (DSP) und der Nachfolger Space-Based Infrared System (SBIRS)
- Golden Dome
- Weltraumvertrag (Outer Space Treaty)
- Weltraumwaffen
Literatur
Artikel, Berichte, Analysen u. a.
- Diskussionspapier: Raketenabwehr in Europa – die Diskussion in den USA, Tschechien, Polen und Russland (Konrad-Adenauer-Stiftung, August 2007 – PDF, 25 S.; 140 kB)
- Gerhard Mangott, Martin Senn: Rückkehr zum Kalten Krieg? Das russländisch-amerikanische Zerwürfnis über die Raketenabwehr in Osteuropa („Internationale Politik und Gesellschaft“, Friedrich-Ebert-Stiftung, 3/2007 – PDF, 12 S.; 79 kB)
- Heiko Steffen Dorsch, Der Versuch der USA, ein strategisches Raketenabwehrsystem zu errichten (1995-2002) (Peace Research Institute Frankfurt, MA-Arbeit – PDF, 142 S., 790 kB)
- Sascha Lange/Oliver Thränert, Raketenabwehr in und für Europa? (SWP-Aktuell 2007/A 20, März 2007, 4 Seiten – PDF-Download möglich)
- Analysen und Kommentare: Gegen Topol-M gibt es keine Raketenabwehr (RIA Nowosti, 16. Februar 2006)
Fachbücher
- Fachartikel des APS-Symposiums Ballistic Missile Defense, Space, and the Danger of Nuclear War aus dem Jahr 2001, siehe dort.
- Craig R. Eisendrath, Melvin Allan Goodman, Gerald E. Marsh: The Phantom Defense: America’s Pursuit of the Star Wars Illusion. Praeger, Westport, CT 2001, ISBN 978-0-275-97183-0 (englisch, archive.org).
- Richard Butler: Fatal Choice: Nuclear Weapons and the Illusion of Missile Defense. Westview Press, Boulder, CO 2001, ISBN 978-0-8133-3980-1 (englisch, archive.org).
- James M. Lindsay, Michael E. O’Hanlon: Defending America: The Case for Limited National Missile Defense. Brookings Institution Press, Washington, D.C. 2002, ISBN 978-0-8157-0633-5 (englisch, archive.org).
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